Lisbeths Rosenbad

 

Fasziniert starrt Lisbeth auf den Flecken im neuen Teppich, nicht groß, aber mit einer Schmierspur wie ein Komet. Daneben noch kleinere Tropfenspuren. In ihrem Schoß ist eine Wärme, die sich im ganzen Körper ausbreitet, Besitz von ihr ergreift. Ihre Schamlippen pulsieren, und es ist als fühle sie ihn noch in sich. Alle Gedanken wirbeln konfus durcheinander, umso konfuser, je wärmer es wird. Er hat mich… wir haben uns… ich habe ihn… gevögelt, gebumst, ge…! Schön… herrlich… geradezu himmlisch. Ihr neuer Sessel wird auch nass, und es regt sie überhaupt nicht auf. Sie hört ihn im Bad, und die Gedanken fliegen zurück...

 

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Am Montagvormittag hatte Lisbeth das Exposé für die Studiowohnung über der Garage im Werk vorbei gebracht, bei Gabi, der Personalchefin, die sie darum gebeten hatte. Sie hat auch selber schon vier Monate darin gewohnt - als sie nach hier versetzt wurde. Und sie hatte eine Empfehlung für sie.

 

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…sie hat sich vorhin im Spiegelbild der Terrassentür gesehen, beobachtet, wie sie auf ihm saß, wie sie ihn ritt, er sie aufbockte. Sie bockten wie zwei Rodeopferde. Sie hatte ihre Brüste gesehen, wie sie wogten und er sie festhielt. Sie hatte sich ihre Haare gerauft vor Wollust und sich auf ihn geworfen. Das letzte Bild in ihrem Kopf war, wie er sich aufbäumte und herumriss, um sie unter sich zu begraben. Er schaffte es, als sie zum ersten Mal abhob, sie wegschwimmen - entschweben zu lassen. Danach erinnert sie sich nur noch an sein Gesicht: Diese Augen, die ihren Körper fixieren - der scharfe Nasenrücken, die zusammengepressten Lippen. Und dann ein breites entspanntes Lächeln… ein Lausbubenlächeln, als ob er einen Streich plane… beim nächsten Augenaufschlag.

 

Mit den folgenden tiefen Atemzügen wurde sein Gesicht weich - empfindsam, so, als lausche er einer inneren Stimme. Sie fühlt, wie sein Körper sich an sie presst - sein Gewicht. Dann hebt sich sein Körper von ihrem. Sie sind nur noch an einer Stelle tief vereint. Sie spürt sein Glied, fühlt, wie er sich entlädt. Er drückt seinen Kopf auf ihre Brust und sie sieht seinen runden Rücken - fühlt mit ihren Händen die gespannte Muskulatur. Als er seine Beine an ihre Schenkel drückt, entschwebt sie erneut.

 

Kai steht im Gäste-Bad und tupft die letzten Tropfen von seinem besten Stück! „Kerl, was hast du gemacht?“, faucht er. "Ich der sonst Beherrschte, der nie die Contenance verliert… Ich, der neue Werksdirektor, Herr über viele Leute… Ich habe diese Frau gevögelt… Ich - sie? Sie - mich? Eher wir uns!" Er muss grinsen - über sich und Lisbeth. Eben steckten 124 Jahre fest ineinander - haben aufs Heftigste kopuliert. Sein Schwanz fühlt sich jetzt noch klebrig feucht an, weich und geschwollen. Die Wollust ist noch immer nicht ganz weg. Mit leichten Streichelbewegungen hält er ihn auf Temperatur. "Was mache ich nun, wenn ich hier raus gehe - ins Wohnzimmer zurück - zurück zu Lisbeth?"

 

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Heute Abend, eben vor eineinhalb Stunden, stand er dann vor ihrer Tür. Gabi, die Personalchefin, hatte ihm diesen Zettel in die Hand gedrückt: „Du wirst dich wohl fühlen. Ich habe auch dort gewohnt.“ Lisbeth arbeitete noch im Garten, als sie die Klingel hörte. Sie kam seitlich am Haus vorbei – erhitzt, verschwitzt - in ihrer etwas zu eng gewordenen Gartenshorts und einem Männerhemd. "Die sind so schön bequem weit bei der Arbeit." Da stand er, den Kopf leicht geneigt, das Ohr horchend zur Tür gerichtet und wartete - im Halbprofil.

 

„Ja, bitte?“ Dieser erste Eindruck… war, als habe ihr jemand in den Bauch geboxt: Wie er sich ihr zuwandte, dastand - kerzengerade, die Hände links und rechts an die Hosennaht gelegt. „Wie mein Mann selig. Wie meine Buben… meine großen Pfadfinder!“, zuckte es ihr durch den Kopf. Er stand einfach da und bewegte sich nicht, dann zog er ein Papier aus der Hemdtasche. „Ich komme wegen der Wohnung.“ Sie komplimentierte ihn in den Garten, holte den Schlüssel und ging vor. Sie erklärte ihm, dass hier sein Stellplatz fürs Auto sei. Sie gingen den Weg an der Garage vorbei zur Haustür. Sie öffnete ihm die Wohnung, die Badezimmertür, die Tür zur Abstellkammer, die Tür zum Studio und schob die mobile Wandtrennung zum Schlafbereich zur Seite. „Voilà! Ihr Reich, bis Sie was Besseres haben!“ Dann schob sie die Balkontür auf… „Eine Mitbenutzung davon gehört auch noch dazu.“, und weist auf ein Blockhaus hinten im Garten. „Dort ist eine Sauna mit Whirlpool!“

 

Lisbeth redete ohne Punkt und Komma. Sie wollte ihn nur nicht ansehen müssen, nicht zu Wort kommen lassen. Solange sie redete, war sie gefeit vor ihren Empfindungen - den Wallungen, die dieser Mann in ihr auslöste. Er rührte etwas in ihr an, etwas, das sie sich selber nicht erklären konnte. Sie hatten sich nicht einmal vorgestellt, und doch war da etwas, das ihn ihr nicht fremd erscheinen ließ.

 

Kai trottete hinter Lisbeth her - nur bedingt aufnahmefähig. Das einzige, was sich in seinem Kopf festsetzte… „O Gott, wenn sie nur nicht aufhört zu quasseln! Nur nicht unterbrechen, sonst muss ich reden!“ Er wusste sofort, wer vor ihm stand - wer da vor ihm herging. Immer wenn er sich besonders einsam und verlassen vorkam, dann schlich sich Werners Frau in seine Gedanken. Die, die er vor Jahren nur einmal zwei Tage lang gesehen hatte. Genau die ging jetzt vor ihm die Treppe hoch – und sie erkannte ihn nicht.

 

Ihre Brüste schaukelten frei im Hemd, und die Reibung am Stoff brachten ihre Nippel zum Glühen, das wusste sie genau. Und ihre Stimme piepste in immer höheren Tonlagen, wenn eine „Wallung“ sie überlief. Wenn sie sich streckte, spannte die Shorts im Schritt und presste die Naht so unanständig und doch so lustvoll in ihr Fleisch. Im Spiegel neben dem Schrank bemerkte sie ihre schmutzigen, erdigen Knie, den leicht blutverkrusteten Kratzer am Oberschenkel und auch die Röllchen an der Innenseite der Schenkel, die sich aus dem Stoff zwängten.

 

Kai hörte nur diese Stimme kratzig fiepend sagen: „Sie können die Wohnung sofort haben!“ Ihm war, als hätte sie gesagt: „Sie können mich sofort haben!“ - Lisbeth sah ihn hinter sich stehen, Schweißringe unter den Armen, das Hemd an seiner Brust klebend. Es zeichnete die kräftige Brustmuskulatur nach, selbst die niedlichen, sexy Warzen drückten sich durch. Sie sah seinen Blick im Spiegel, diesen Mund, der versuchte Worte zu formen, seine Hände, die sich hilflos hoben. Er stammelte. „Ich nehme die Wohnung.“ Lisbeth war, als würde er sagen: „Ich nehme dich!“

 

Er ging vor ihr die Treppe zum Garten hinunter, beide Hände auf dem Handlauf – nach vorne gebeugt. Fiel mehr die Treppe hinab, als er ging. Genau wie ihr Mann es immer getan hatte - wie es Werksleute oft tun. Seine breiten Schultern beeindruckten sie, die Muskeln  an den Oberarmen, und plötzlich sehnte sie sich nach starken Armen, nach Armen, die sie drücken würden – knuddeln.

 

Kai stand am Treppenabsatz und schaute ihr zu, wie sie Stufe um Stufe herab stieg, sah ihre sonnenbraunen Beine, auch die kleinen Röllchen an den Oberschenkeln, die wie ein Schutzwall ihre Fraulichkeit beschirmten. Die Naht, die sich in ihr Geschlecht drückte, erregte ihn. „Kamelzeh“ zuckte es durch seinen Kopf. Ihr Bäuchlein signalisierte Sinnesfreude. Wie anmutig sie ihre Hände über die Handläufe gleiten ließ. Ihre braunen Arme, die im Hemd schwingenden Brüste und ihr Gesicht – einfach hinreißend. Ihre roten Backen, das langsam sich auflösende Haar, der breit lächelnde Mund! Tausend Lachfältchen um die Augen, um den Mund und ihre wissenden Augen, diese Blicke, als wolle sie ihn auffressen.

   

Lisbeth blieb auf der vorletzten Stufe stehen, sah sein Gesicht - seine Augen. Hungrige Augen und ein breites Grinsen - ein Lausbubengrinsen - ein Streich-planendes-Grinsen. Kai griff ebenfalls nach den Handläufen. „Ich kenne Sie. Sie sind die Frau von Werner, dem ehemaligen Werkschef. Sie sind Lisbeth. Sie haben vor 15 Jahren, zur Verabschiedung ihres Mannes, hier im Werk ein Managementtreffen organisiert - mit Damen. Sie sind die Frau, die so fantastisch linksrum Walzer tanzt!“ Lisbeth hatte es schon die ganze Zeit gewusst, dass dieser Mann in ihr schon einmal „Klänge“ erzeugt hatte. „Und beim Tango hast du mich ganz schön ins Schwitzen gebracht - Kai Weber! ...auch innerlich!“ Plötzlich wusste sie wieder, wer er war, konnte ihn zuordnen. Sie sah sich in seinen Armen…damals… Ja, damals fühlte sie sich so aufgehoben, so wohl, so behütet, dass sie genauso aus sich heraus gehen konnte, wie bei ihrem Mann.

 

Gekühlter Rooibostee ist genau das Richtige! Lisbeth holte die Getränke aus der Küche, während Kai sich im Wohnzimmer umsah. „Zweite Reihe, zweites Fach!“ Lisbeth lotste Kai durch die CDs. „Die dritte, vierte oder fünfte!“ Eine tiefe Unruhe machte sich in Kai breit. - Wiener Walzer! „Leg sie auf, Kai.“

 

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Lisbeth hört die Spülung im Bad. Gleich wird er in der Tür stehen. Lisbeth kennt „ihre Männer“. Da steht er, leicht verlegen - zweifelnd, wie es weiter gehen soll. Er überlässt ihr die Initiative. Diese großen Pfadfinder! Männer wie Werner - und jetzt Kai. Die, die Macht über viele Menschen haben und die Fähigkeit, ihre Macht nicht zu missbrauchen. Oh, wie liebt sie diese Situation, „ihrem“ Mann zu zeigen, wie es um sie steht. Besonders nach einem so schönen Akt - ihm zu zeigen, wie sehr sie es genossen hat… immer noch genießt. Jetzt wird sie mit Kai den heutigen Tag bis zu Ende genießen. Ein - sein - verspätetes Geburtstagsgeschenk! Das schönste Geschenk, dass sie seit langem bekommen hatte… es wird würdig angenommen, aufgenommen.  

 

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Vorgestern hatten die Kinder ihr den Teppich zum 63. Geburtstag geschenkt und den Sessel dazu. Und nun war er geweiht worden… eingeweiht… eigentlich nur der Teppich! Etwas, das Werner mit ihr immer zelebriert hatte. Etwas, das sie früher belächelt hatte und ab heute - als liebenswerten Tick - ritualhaft wieder fortsetzen kann. Neue Möbelstücke, renovierte Räume, ein neues Auto, frisch gesäter Rasen, eine „neue Liebe“ eine „Versöhnung“ müssen - wie in den alten Mythen - mit Samen, mit dem „Akt der Zeugung“ geweiht und besiegelt werden.

 

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Lisbeth fühlt im ganzen Körper erneut das Kribbeln. Das lauter werdende Summen kristallisiert sich in ihrem Kopf: „Drei Teile! Lisbeth, noch zwei Mal musst du ihn verführen! Verführen… braucht sie nicht mehr - nur ermutigen, ihm sagen, dass sie ihn behalten möchte! Sie hört die Tür, steht auf und geht ihm entgegen. Sie sieht sein geschwollenes Glied, das verlegene Lächeln, die nach vorn gedrehten Handteller und seine strahlenden Augen. In diesem Moment weiß sie es: Diesen Mann gibt sie freiwillig nicht wieder her!

 

Sie nimmt ihn an die Hand, führt ihn durch das Wohnzimmer hinaus in den Garten. Zusammen gehen sie - nackt wie Gott sie erschuf - zum Gartenhäuschen. „Ich habe heute Mittag den Whirlpool eingeschaltet, um mich nach der Gartenarbeit zu entspannen. Er dürfte jetzt die richtige Temperatur haben.“ Vor der Tür bleibt Lisbeth stehen. „Ich habe mir auch einen Prosecco kalt gestellt!“ Lisbeth drängt sich an Kai, und ihn durchläuft ein Schauer. „Lisbeth, haben wir uns gefunden?“ - „Ja, Kai. - Champagner? - Ich habe heute Mittag auch eine Flasche Champagner kaltgestellt.“ Lisbeth wird ganz rot - verlegen. „Nichts ist von ungefähr!“ Ihre Stimme wirkt belegt, kratzig. „Je nach Stimmung wollte ich an Stelle von Prosecco Champagner trinken!“ Lisbeth holt tief Luft, als wollte sie Anlauf nehmen für einen Sprung. Dann erklärt sie. „Heute vor 30 Jahren habe ich Werner kennengelernt…“

 

Kai weiß nicht, wie er sich jetzt verhalten soll. Er ist ratlos. Einerseits ist er geschockt über diese Aussage… anderseits geschmeichelt von dem Vertrauen, das sie ihm entgegenbringt. Ohne es zu wissen, schickte ihn seine Personalchefin zu seinem Schwarm, der latenten Sehnsucht so vieler Jahre. Und sie beide nehmen sich gegenseitig und genießen sich mit einer Hingabe, Heftigkeit - und unfassbarer Selbstverständlichkeit. Und jetzt erzählt sie ihm, dass heute der 30. Jahrestag ist, der ihre und der ihres Mannes, dass sie vor 30 Jahren... 

 

Lisbeth hält ihn mit ihren Armen umschlungen. Ihr Kopf liegt an seiner Brust. Sie kichert, kiekst richtig. „…und bin mit ihm ins Bett geschlüpft!“ Sie stößt sich von Kai ab, hält ihn nur noch an den Händen fest. „Mit Werner habe ich wenigstens noch das Bett erreicht!“ Ihre Augen, ihr Geschichtsausdruck sind voller Schalk. „Mit dir nur noch den Teppich!“ Sie zieht ihn an den Händen näher, streckt sich, bietet ihm ihr Gesicht - ein spitzer Mund -  zum Kuss an. Kai findet seinen Humor wieder und grummelt: „Tja, wir haben uns anscheinend auf das Wesentliche konzentriert!“

 

„Komm Kai, komm!“ Sie flitzt schnell in die Hütte, packt ein Handtuch und zieht ihn hinter die Hütte zu einer Wildrosenhecke: „Komm! Hilf mit, das gönnen wir uns!“ Und sie beginnt die zartroten Rosenblätter zu pflücken. Ja, Kai hat seinen jugendlichen Schalk behalten!, schwirrt es Lisbeth durch den Kopf, als er beginnt, die Rosenblätter mit Spucke zu befeuchten, um damit ihren Körper zu tapezieren. „Auf den „Whirl“ sollten wir verzichten.“, wispert Lisbeth Kai ins Ohr, als beide in den Pool steigen, um bis zum Hals im Blütenteppich zu versinken.

 

 

 

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