Eins

(mit zwei Sternchen)


 

Meine Kollegin Gisela mal wieder. Sie schafft es mich in unmögliche Dinge zu verwickeln, diese scheinheilige ... „Könnten Sie bitte für die nächsten zwei Wochen meinen Kunstunterricht übernehmen? Die Aufgabenstellung ist klar, Sie brauchen lediglich anwesend zu sein. Vielleicht hier und da ein paar Tipps geben. Aber keine Sorge – die Klasse, hat ein unglaublich künstlerisches Potential.“, säuselte sie in süßen Tönen.

 

Klar kann ich und dann? Nicht nur, dass ich der einzige Kunstlehrer hier am Mädcheninternat bin, nein, es muss auch noch ein Akt sein. Hätte meine Kollegin sich nicht denken können in was für eine Bredouille sie mich schickt? Tut sie so was mit Absicht?

 

Ich weiß es nicht so genau. Was ich aber genau weiß ist, dass ich nun nervös in dieser Klasse herumlaufe, unruhig wie ein Tiger in seinem Käfig - auf und ab, auf und ab. An der Tafel hängt „Der Rückenakt von Picasso“. Die Schülerinnen haben den Auftrag ihn zu zeichnen – allerdings von vorn! Himmel! Bitte was genau hatte sich meine Kollegin dabei gedacht? Bin ich in ihren Augen kein Mann? Oder schlimmer – will sie mich damit provozieren? Hätte sie mich nicht wenigstens VORWARNEN können?

 

Jeder Versuch meinerseits dieses „heikle“ Thema in andere Bahnen zu lenken ist gescheitert. „Frau Mertens hat aber gesagt, dass wir die Frau von vorne zeichnen sollen!“ - „Sie trauen uns so ein Thema wohl nicht zu?“, wurde ich von den Schülerinnen gefragt. Emotionen brodelten, schaukelten sich hoch. Die augenblickliche Ruhe habe ich nur durch einen ungewohnt barschen Ton erlangt. Das ist gar nicht meine Art.

 

Aber - sollen sie doch endlich zeichnen ... so ein Thema ... wie konnte Gisela nur? Da muss ich jetzt wohl durch. Hoffentlich übernimmt sie dafür morgen meine Stunde. Dann ist mir alles Recht. Wieso steht da plötzlich eine Schülerin mitten in der Klasse? - „Da setz dich hin! Und fang endlich an!“ verweise ich sie in ungewohnt barschen Ton auf einen freien Platz.

 

Allerdings bleibt sie völlig ungerührt stehen. „Ich soll ...“ Himmel, für Aufstand habe ich heute wirklich keinen Sinn. „…den Mund halten und arbeiten!“ Ich drücke den Stift in ihre Hand „Mach!“ sage ich energisch, meine Stimme ist ungewohnt laut.

 

Zum Glück fügt sie sich nun. Was für zierliche Hände sie hat. Gepflegt und geschmeidig. Wie hart ich doch war. Sie hingegen nimmt sanft den Stift entgegen, fast liebevoll umschließen ihre Finger ihn. Als ob, als ob ... warum wird mir in ihrer Nähe mit einem Mal so flau? Ihre Augen, wie sie mich in diesen Moment ansieht. Und wie geschickt sie zeichnet. Sie hat Talent, wirklich! Ihre Finger fliegen völlig unverkrampft übers Papier, die Kreide fest im Griff. Mein ganzer Körper prickelt – als wäre ich Papier, das Blatt auf dem sie zeichnet. Schon jetzt ist sie weiter als all ihre Mitschülerinnen. Das Bild ist wirklich hervorragend.

 

„Donnerwetter“ entfährt es mir. - Sie weiß sie hat Talent und lässt es geradewegs heraushängen. Aber will sie mich eigentlich verarschen? Nachdem mir alle Schülerinnen vorhin lang  und breit und überdeutlich zu verstehen gegeben haben, dass sie die Aufgabenstellung von Frau Mertens nur zu gut kennen und keineswegs davon abweichen wollen, malt sie den Akt - von hinten?

 

„Wir hatten gesagt, wir drehen den Akt um! Von vorn! Von vorn!“

Wütend zerreiße ich ihr Bild. Ihren Blick dabei werde ich niemals vergessen. Als hätte ich ihr Herz zerrissen - und meins merkwürdiger Weise gleich mit. Ich hätte es nicht zerreißen dürfen – auf gar keinen Fall! Das verzeiht sie mir nicht.

 

Ungerührt beginnt sie von vorn. Tut als ob nichts gewesen wäre. Ich verzeihe es mir trotzdem nicht - das Bild war zu gut. Mein Handeln war respektlos. Ich haste von Schülerin zu Schülerin, suche Ablenkung, ihre Bilder dabei nicht wirklich betrachtend. Meine Gedanken sind bei IHR – ihrem fantastischen Bild und ich habe es zunichte gemacht! So etwas Tolles wird es nie wieder geben. Unsicher schaue ich auf ihren Block. Was sehe ich da?

 

„Donnerwetter!“, meine Stimme versagt. Das aktuelle Bild ist um Längen besser. Sie hat mehr als nur Talent – das ist Vollendung! Ständen wir uns nicht gerade in einer Abiturklasse gegenüber, würde ich meinen, sie wäre eine erfahrene Künstlerin und das schon seit Jahren. Merkwürdig! Obwohl ich schon häufiger in dieser Klasse Vertretung geleistet habe, ist sie mir noch nie aufgefallen.

 

„Ich habe sie hier noch nie gesehen!“ Sie lächelt und mit einem kleinen Schwung ihrer Hand verhilft sie ihrer gezeichneten Schönheit - als ob es nur Nebensache wäre - zu wundervollen Brüsten. Einer Göttin gleich. Aber halt, dieser Busen gleicht dem ihren von der Größe und Form. Überhaupt erscheint mir das Bild nun wie ein Selbstportrait. Lediglich die Haare sind verändert. Vielleicht hat sie nur Übung? Ich will es wissen, sie testen. Was kann sie wirklich? Mit dem Stift aus ihrer Hand vergrößere ich geschwind den Busen ihrer Zeichnung. „Ich stehe auf ein bisschen mehr!“ Mit diesem beiläufigen Kommentar versuche ich sie zu provozieren. Wie wird sie nun handeln? Kann sie sich meiner vorgegebenen Variation zeichnerisch anpassen?

 

Mit ihrem selbstkritischen Blick auf ihren eigenen Busen zeigt sie – ich hatte Recht mit meiner Vermutung. Ein Selbstportrait! Gleichzeitig wird mir meine beiläufige Aussage bewusst. So ein Quatsch – ich stehe gar nicht auf mehr – wie stehe ich nun da? Provokation ist ein zweischneidiges Schwert.

 

Bevor ich reagiere, hat sie erneut den Kohlestift ergriffen. Was sie da malt, lässt meine Gedanken kreisen. Nicht nur, dass sie perfekt ergänzt - sie malt realistisch. Ich kann es fühlen, das Bild – SIE.

 

Die gezeichnete Busenvergrößerung von mir war überzogen. So unpassend wie das Zerreißen zuvor. Schnell entziehe ich ihr den Stift. Schadensbegrenzung ist angesagt. Schließlich entsteht hier ein Meisterwerk. Ihr Meisterwerk! Mit ein paar kleinen Strichen versuche ich meine Fehler zu revidieren – der Busen wirkt fast wie vorher. Fast – ein paar Striche lassen sich nur durch kleine Kreise ... ich muss behutsam umgehen mit ihr – ihrem Werk. Fertig – erleichtert lege ich den Stift nieder.

 

Mit großen Augen schaut sie mich an. Augen, die einem Mann - mir - die Sprache verschlagen. Sie nimmt den Stift auf. Schraffiert den Bauch gibt der Taille leichte Rundungen - wie gerne würde ich diese Taille jetzt umarmen. Sie weiß genau was sie tut. Jeder Kohlestrich sitzt. Sanft aber bestimmt streicht sie über das Papier – wie über mich. Noch nie sah ich einen erotischeren Nabel vor meinen Augen entstehen. Stück für Stück gibt sie mehr von sich frei. Ihr Zeichnen kommt einem zaghaften Ausziehen gleich.

 

„Sie sind gut!“, flüstere ich. Angeregt übernehme ich ihren Stift, ziehe die Linien weiter. Ich will mehr sehen von ihr - ihrem Bild. Ihr Becken entsteht. Mein Herz schlägt schneller. Sie ist wirklich bezaubernd schön.

 

Aber auf dem Bild stören noch immer ein paar meiner Striche. Mein Finger huscht über das Papier um sie vorsichtig wegzuwischen. Durch sanftes Reiben und Tupfen versuche ich lediglich meine Linien zu entfernen. Busenvergrößerung – Schwachsinn! Vorsichtig bearbeite ich nun die Höfe der Brustwarzen auf dem Papier. Blase behutsam winzige Kohlepartikel beiseite. Aus dem Augenwinkel bemerke ich die Reaktion meiner Schülerin. Ihre Brustwarzen stellen sich auf. Wie muss mein Handeln für sie wirken? Was soll ich nun machen? Abbrechen? Noch immer sind da ein paar Striche ... die weg müssen.

 

Also reibe ich weiter, sie reagiert - schließt ihre Augen. Ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen. Was sie wohl denkt? Mädchen was mache ich in deiner Vorstellung mit dir? Es gäbe vieles was ich gerne machen würde. In diesem Augenblick. Mist! – Ich glaub ich habe mich gerade in eine Schülerin verliebt.

 

Das darf nicht sein. Also konzentriere ich mich lieber auf das Bild. Da liegt sie – nackt. Nein, ihre Zeichnung. Meine Hand berührt zärtlich ihre Taille, streicht ihre Hüfte entlang. Was noch fehlt ist - ihr Schoß.

 

Ihr leises Aufstöhnen ruft mich in die Wirklichkeit zurück. Sie wirkt mit einem Mal verunsichert. Sofort drücke ich den Stift in ihre Hand. „Weiter!“, fordere ich sie auf. Mädchen, ich möchte einfach mehr von dir sehen! Bitte zeichne weiter!

 

Erst beginnt sie mit vorsichtigen Strichen. Wohl wissend das er kommt: Der alles entscheidende Augenblick, der ein Kunstwerk vollendet oder zunichte macht. Doch sie versucht es. Zwischen provozierend gespreizten Schenkeln entsteht sie, die Andeutung einer Vulva. Plötzlich löst sich ihre Spannung. Sie versucht sich in der Wischtechnik, die sie bei mir gesehen hat. Bravo, weiter so!

 

Meine Hand liegt beruhigend auf ihrer Schulter. Mädchen ich bin bei dir! Es wird alles gut! Ich lasse dich nicht im Stich. Mein Körper schirmt sie ab, vor den anderen - nimmt sie in Schutz.

 

Meine „Verbesserungen“ sind lediglich Aufforderungen mehr Mut zu zeigen. Zumindest meldet dieses mein Verstand. Mein Herz aber weiß es besser. Beim genauen Betrachten wird es klar. Es sind wohl eher meine Wünsche. Ja – im Augenblick vertraue ich ihr meine tiefsten Wünsche, versteckt in ihrer Zeichnung an. Sie, vor mir liegend. Mit sinnlichen Lippen, weich und leicht geöffnet.

 

Zu gerne würde ich sie spüren. Als ich meinen Finger von „ihrer“ Vulva zurückziehe, klemmt sie meinen Arm kurzzeitig ein. Ich spüre ihren weichen Busen, der sich an meinen Arm schmiegt, steile Brustwarzen, die sich in mein Fleisch drücken. Eine flüchtige Berührung nur. Und doch kommt es einem Festhalten gleich. Sie hält meinen Arm fest. Mir ist, als hielte sie mich fest. Gefangen an dieser überaus erotischen Stelle ihrer Zeichnung! Oder ist gar nicht die Zeichnung?

 

 

Dann steht sie plötzlich auf. Sie ist mir so nah, als wolle sie mich küssen. Ihre Lippen kommen näher - näher. Bevor sie meine berühren dreht sie sich weg.

 

Mit Schwung malt sie ihre letzten Striche. Himmel! Ist es ihr Ernst? Mein Atem stockt. Was ich da sehe ist eine Aufforderung. Ein männliches Geschlecht, das, von weichen Schamlippen liebevoll empfangen, tief in sie eindringt. „Mädchen, ich darf nicht! Du bist meine Schülerin!“, wirbelt es in meinen Gedanken. Vernunft und Sehnsucht vermischen sich.

 

„Ach ja! Ich soll Ihnen ausrichten, dass Frau Mertens morgen ihre Stunden übernimmt. - Wie gewünscht! Aber jetzt muss ich wieder zurück - ins Sekretariat! Und danke für Ihre „Nachhilfe“!“

 

Was hat sie gesagt? Sekretariat? Und schon ist sie fast zur Türe hinaus. Bevor es andere sehen, rolle ich schnell ihre Zeichnung zusammen.

 

Ist sie etwa keine Schülerin? Oh verdammt habe ich mich blamiert! Nein! Sie hat mir geradewegs einen Ball zugespielt. Es ist eine Chance und sie ist keine Schülerin! – Wunderbar! Am besten gehe ich gleich in der Pause zu ihr. Aber was soll ich sagen? Wie soll ich...?

 

Ich hab’s! Ich bringe ihr ihre Zeichnung zurück. Immerhin hat sie für ihre Meisterleistung hier eine Note verdient.

 

Sie bekommt selbstverständlich eine eins mit zwei Sternchen 1(*)(*), natürlich in Klammern, da ich nur äußerst selten Sternchen vergebe. Aber sie hat sich wirklich gleich zwei verdient.

 

Vielleicht sollte ich die 1 lieber zwischen den Sternchen stellen (*)1(*). Wenn ich an den Zustand meines Schwanzes denke, wäre es durchaus angebracht. Mit dem zusätzlichen Vermerk: “Diese ungewöhnliche Notendarstellung ist lediglich Ausdruck künstlerischer Freiheit.“

 

© Azraela

 

 




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