Sperrmüll*

*Als Sperrmüll bezeichnet man belastende Restwerte außerhalb einer Norm, deren Endsorgung und Behandlung besondere Maßnahmen erfordern. Er ist unerheblich ob die Entsorgungsgüter, gegenständlicher, imaginärer, spiritueller oder seelischer Herkunft sind.

 

Thomas schließt die Werkzeugkiste und hievt sie in den Transporter. Feierabend für heute. Seine Gesellen und Lehrlinge fahren in die Werkstatt zurück. Er muss noch nach der Kundschaft… Aufträge „reinholen“ damit der Laden brummt. In das Dichterviertel, Lessingstraße 15. Bei Professors wird ab Morgen die neue Küche eingebaut, im Gegenwert von drei neuen Transportern.

 

Thomas ist mit Leidenschaft Schreiner- und Tischlermeister, ein Holzwurm. Hat zehn Leute auf der Lohnliste - sieben Gesellen, drei Lehrlinge und seit zwei Jahren auch Mädels. Er hat die Werkstatt von seinem Großvater mütterlicherseits geerbt. Sein Bruder ist 5 Jahre, seine ältere Schwestern 3 Jahre älter und die jüngere 3 Jahre jünger. Der Bruder bei der Bank, Oberstudienrätin seine ältere Schwester und seit ein paar Monaten auch Stadträtin - die jüngere Justiziarin bei einer Krankenkasse und auch so eine Parteimieze.

 

Seine Werkstatt hat einen guten Namen und als Restaurator alter Möbel und Altäre ist er in Fachkreisen geschätzt. Küchen einbauen… dafür haben sich drei Gesellen spezialisiert. Grundauslastung für seinen Laden.

 

Thomas hat noch eine Leidenschaft – Sperrmüll sammeln! Nicht Schrott! Er ist wählerisch. Alte Möbel, seltene Hölzer, schöne Furniere, edle Teile, klassisches Design. Er hat ein Auge dafür, und wenn er die Teile in die Finger nimmt, werden es Schmuckstücke… Solitäre. Morgen ist erster Dienstag im Monat - morgen ist Sperrmülltag und im noblen Dichterviertel ist ab sofort Beute zu erwarten.

 

Kantstraße, Ecke Uhlandweg stehen gediegene Häuser mit Eigentumswohnungen. Ein Berg von Möbeln – praktisch eine komplette Wohnungseinrichtung - Rolf Benz Ledergarnitur, Schrankwand von Interlübke, Tisch und Stühle, Küchenregale, alles auf einen Haufen geworfen… alles  mit einem Hammer zerschlagen, mit einer Säge unbrauchbar gemacht. Die Matratzen aufgeschlitzt. Die Bettwäsche zerrissen, wie die Kleider und die Teppiche, einfach alles zerfetzt.

 

Konsterniert steht Thomas vor so viel Zerstörung. Ungläubig starrt er auf die schön gemaserte Kirsch-Vollholz-Tischplatte, zerfurcht von einem Dutzend Kreuz- und Querschnitten. Ihm kommen beinahe die Tränen, er greift sich in die Haare. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie ein aufgemöbeltes, angemaltes, frauähnliches Gebilde auf klappernden Stöckelstiefeletten energischen Schrittes auf den Haufen zusteuert und einen mehrfach verklebten und verschnürten Umzugskarton dazu stellt. Er mustert ihr Ankommen, sieht ihr ins Gesicht und weiß, hier hat einiges mehr als nur der Frust zugeschlagen. Auch sein Gesicht muss einiges an Signalen vermittelt haben, denn sie bückt sich, nimmt erneut den Karton und stellt ihn vor seine Füße. „Ihr Männer steht ja auf so was, vergnüg dich damit.“ Stöckelt ein paar Schritte und steigt in einen Sportflitzer.

 

Thomas hebt den Karton in den Transporter. Das Erlebte haut ihm auf den Magen. Er fährt in die Werkstatt zurück. Von Sperrmüll hat er heute genug. Die Mannschaft ist schon weg. Hinten stellt er den Karton auf seine Hobelbank. Neugierig ist er schon. War eigentlich ein ganz passabler Feger, abgesehen vom sexistischen Outfit und dem verbiesterten, verkniffenen, grauselig guckenden Gesicht. Zwei – drei Schnitte und der Karton ist offen… und sein Mund mit! Seine Augen groß wie Wagenräder. Blut schießt ihm ins Gesicht. Die Prostata weiß nicht, soll sie ihn zum Pinkeln schicken, oder den Schwanz ansteifen.

 

Obenauf liegt eine Penispumpe… so was hat er mal in Internet gesehen, als seine Ex ihn mit seinem angeblich Kleinen „neckte“. Ein Monstrum. Die Fotzenpumpe liegt gleich daneben. Er hält beides in den Händen. „Folterwerkzeuge!“, ist sein erster Gedanke. Kunstschwänze… Latex, Silikon, Stein, Keramik. Harte, weiche, hart innen mit weichem Überzug. Geriffelt, genoppt, geädert. Mit und ohne Vibration. Vibratoren, einarmige… zwei- und dreiarmige. Mit einem MP3-Player koppelbar - hängt noch dran. Ihm wird es fast übel. Zwischen dreißig und vierzig hat er aufgehört zu zählen. Er sieht den Feger von heute Abend vor sich, mit all diesen Monsterdingen, wie sie sich die „reinschiebt“ oder „rein geschoben“ bekommt. Ihr Gesicht, die zerstörte Einrichtung… und in Thomas beginnen sich Zusammenhänge zu bilden. Ein Widerwille überkommt ihn, diese Sachen anzufassen. Es schüttelt ihn förmlich. Diese Menge an Abartigkeit! Ein ganzes Arsenal.

 

Seine Ex hatte auch einen Vibrator - einen! Und einen Dildo! Sein Schwanz - als Nachbildung. Ganz am Anfang ihrer Ehe hatten sie beide von ihm und von ihr eine Negativform abgenommen und sich die Teile aus Silikon gegossen und später aus Acryl.

 

Scheinwerferlicht durchleuchtet die Werkstatt. Erschrocken hört er zwei Autos auf den Hof fahren. Scheiße! Panikartig fegt er den ganzen Sexkram mit zwei Armbewegungen in die Spänekiste neben der Hobelbank. Den Karton schiebt er unter die Hobelbank, als auch schon die Stimme seiner ältern Schwester - der Stadträtin, ertönte: „Hallo Bruderherz, ich bringe dir Kundschaft, Kerstin! Sie ist eine alte Freundin aus meiner Studienzeit.“

 

Die beiden Frauen kommen aus der Dämmerung der Werkstatt in den Lichtkreis seiner Hobelbank.  „Sie orientiert sich gerade um und braucht eine neue Küche und noch so Hilfe mit Möbeln. Da sind wir bei dir ja richtig!“ Kerstin steht einen Schritt hinter seiner Schwester schaut ihm unverwandt ins Gesicht, erkennt ihn und presst für einen Augenblick ihre Lippen zusammen, gibt sich weiter emotionslos.

 

Thomas erwidert das Lippenpressen. Zum Glück hört sich die Stadträtin gerne reden und schwadroniert. Erzählt wie Kerstin als schüchternes Kücken in ihre WG kam, und sie aus ihr einen Schwan formte. Kerstin  dreht sich zu einem an der Wand stehenden Brett, riecht am Holz streichelt mit der ganzen Hand über das Brett, fachmännisch guckt sie sich in der Werkstatt um, schaut ihn erneut an.

 

So, sie habe jetzt den ersten Kontakt hergestellt, leider müsse sie zu einer Ratssitzung. „Sei nett zu ihr und erschrick sie nicht mit deinem Gepolter!“, und stöckelt Richtung Ausgang.

Zwischen Thomas und Kerstin ist bis jetzt kein Wort gefallen. Warum auch? Sie kennen sich schon. Kerstin ist der Feger von vor anderthalb Stunden, mit dem Sexistischen Outfit und der „Wundertüte“… deren Inhalt jetzt teilweise in der Spänekiste liegt. „Danke!“ ist das erste Word was Kerstin sagt.

 

Manchmal handelt man im richtigen Moment - richtig. Thomas zieht die Spänekiste zum Ofen - bedeutet Kerstin mitzukommen. Er öffnet die Ofentür und reicht Kerstin einfach den ersten Phallus, deutet mit dem Kopf in Richtung der Flammen. „Mach du das!“ Abrupt dreht sie sich mit den Rücken zum Ofen, lehnt mit dem Kopf am Brett. Thomas wirft die ersten Teile in den Ofen.  

 

Als sie in Flammen aufgehen und der Widerschein die Umgebung erhellt, sieht Thomas wie es Kerstin schüttelt. Thomas sortiert die gläsernen, keramischen und metallenen Teile heraus.  Irgendwann siegt Kerstins Neugier doch und sie schaut zu, bei einem Dreiarmmonster mit Noppen entfährt Kerstin ein Schrei. In wilder Hast durchwühlt sie die Kiste, wirft zwei, drei Gummischwänze auf einmal ins Feuer. Ihr Gesicht ist verzerrt, die Bewegungen abrupt, mechanisch eckig, marionettenhaft. Sie sucht etwas. Thomas holt den immer noch nicht leeren Karton.

 

„Wo ist sie? Wo? - …die Fotzenpumpe, wo ist sie?“ Ihre Stimme ertönt wie aus einer Röhre, wie aus einem tiefen Loch. Thomas zieht sie aus dem Karton. „Schlag sie kaputt! - Bitte.“ Ein Flüstern, ein Flehen. Ein gezielter Schlag mit dem großen Hammer. Kerstin kniet auf dem Boden und zerrt die Penispumpe aus dem Karton. Unter Schimpfen und richtiggehenden Fluchen zertrümmert Kerstin mit wilden Hammerschlägen die Pumpe. Thomas hat das Gefühl, als zertrümmere sie mental etwas anderes.

 

Die ständig auflodernden Flammen erhellen ein gespanntes, trauriges Gesicht. „Ich will nichts von ihm behalten.“ Es ist der erste zusammenhängende Satz. Sie sitzt am Boden in sich zusammen gesunken. „Thomas, hilf mir diese Dinge zu zerstören. Sie haben mich beinahe zerstört!“ Sie steht wackelig vor ihm. Bedächtig zieht sie ihre Stiefelletten aus und wirft sie in den Ofen. „Du hast gesehen, was ich mit den Möbeln gemacht habe. Das hier ist viel schlimmer.“ Sie schlüpft aus der Jacke. „Er war nicht mehr fähig, mit mir normal zu schlafen!“ Wirft sie ins Feuer. „Jeden Tag, wenn er zuhause war, hat er mich damit gequält!“ schlüpft aus dem Rock, streift die Strümpfe von den Beinen und wirft alles in den Ofen.

 

Thomas sieht den schönen Frauenkörper im Widerschein der Flammen vor sich, wie sie den Body zwischen den Beinen öffnet ihn hochschiebt, um ihn über den Kopf auszuziehen. „Hilf mir, ich hänge fest!“ Er fasst zu und zieht ihn behutsam über ihre Brüste, ihren Kopf, fühlt dabei für einen Wimpernschlag ihre beiden Brüste an seiner Brust… ihren Bauch gegen seinen stupsen.

 

Sie reißt ihm den Body fast aus der Hand, und er fliegt den anderen Sachen hinterher. „ Er ist jetzt für zehn Tage zu einer Vertragsverhandlung nach Amerika geflogen.“ Nur ein Läppchen als Tanga, nicht größer als eine Slipeinlage bedeckt ihre Vulva. „ Er hat mir nahe gelegt, eigentlich befohlen in dieser Zeit einen seiner Kunden zu verführen, ihn gefügig zu machen!“ Mit einem Finger zerreißt sie die dünnen Bändchen. „Das  war zuviel!“

 

Fast befehlend: „Mach auch dieses Zeug weg.“ Greift an ihre Brüste und hebt sie ihm entgegen. Goldglänzend sieht er zwei Rosetten die Höfe bedeckend, im Zentrum sind die beiden Warzen durch ein Loch gezogen. Die Warzen sind durchstochen und mit einem kleinen Schäkel versehen, die die Rosetten fixieren Beide Brüste sind mit einer Kette verbunden. Im Bauchnabel ebenfalls ein aufwändiges Rosetten-Piercing mit einer dünnen Kette um die Taille. „Aus Gold – alles aus Gold.“ Keucht sie. „Mach es weg… ganz schnell!“ Sie zuckt resignierend mit der Schulter. Thomas schwitzt, einmal durch die Ofenwärme, zum anderen die Erregung, die sich in ihm aufbaut, parallel zu der Angst, ihr weh zu tun, ihre Notlage auszunützen.

 

„Er hat sie mit einer Zange fest gedreht.“ Nur ein Wispern, als Thomas versucht, die Schäkel an ihrem Nippel zu lösen. In Thomas dreht sich fast alles. In der einen Hand liegt eine schöne feste  Frauenbrust und mit Zeigefinger und Daumen hält er den Schäkel mit dem durchstochenen Nippel fest. Mit der anderen Hand versucht er mit der kleinen Kombizange den Dorn herauszudrehen. Kerstin hat den einen Arm hinter ihren Kopf gelegt um ihm besseren Zugang zu ihrer Brust zu geben, die andere liegt auf seiner Schulter, um sich fest zu halten. Sie schaut ihm direkt und unentwegt ins Gesicht, saugt seine Regungen auf. Als er den Dorn herauszieht zuckt sie zusammen – stößt hörbar den Atem aus.

 

Zärtlich löst der die Rosette, zieht sie sanft über den Nippel durch das zu kleine Loch. Thomas kann die Brust nicht los lassen. Jetzt ohne Schlosserei – natürlich und frei, fasziniert sie noch mehr. Sie entzieht ihm die Brust, streckt ihm die andere entgegen. Erst als beide Rosetten in seiner Hand liegen, sieht er die kleinen auf der Rückseite eingearbeiteten Diamantsplitter. Sie macht Anstalten, den „Schmuck“ ins Feuer zu werfen. „Nein!“ Thomas hält ihre Hand fest. „Das geben wir Elke mit, meinem Lehrling. Ihre Mutter ist die Leiterin vom Frauenhaus… bei dem Goldpreis… eine schöne Spende!“ Zum ersten Mal sieht er bei Kerstin ein kleines Anzeichen von einem Lächeln.

 

„Mach weiter!“, wie ein Befehl. Das Piercing am Nabel ist im Nu weg, als Kerstin sich auf die Hobelbank setzt und seinen Kopf an sich heran zieht. „Jetzt musst du stark sein!“  Langsam in Zeitlupe spreizt sie ihre Beine und setzt die Fersen auf die Hobelbank. Thomas hat in den letzten drei Jahren, seit der Trennung von seiner Exfrau, einige Erfahrungen mit willigen Frauen gemacht, mit Frauen die sich „ausleben“, die alles tun, damit ein Mann in ihrem Bett landet. Hat eine Menge an Piercings und anderen „Hilfsmitteln“ gesehen. Das, was er hier sieht, ist mehr als heftig. „Das habe ich nicht freiwillig machen lassen!“ Ihre Stimme ist wieder weit weg. Jedes Wort drückt so unendlich viel Widerwillen, Wut, Traurigkeit aus. „Er hat mich unter Alkohol und Medikamente gesetzt. Man muss die Schäkel aufschneiden. Er hat einen kleinen Imbusschlüssel!“

 

Thomas merkt, wie er ruhig wird, wie alle Erregtheit, Lustgefühle, Geilheit von ihm abgleiten. Wie der Anblick dieser Vulva mit den mehrfach durchstochenen Schamlippen und der Kettenverschnürung ihn abstößt. „Sieht aus wie eine gefüllte Ente, bevor man sie in den Ofen schiebt!“ Dieser Gedanke schießt ihm durch den Kopf und entschlüpft gleichzeitig seinem Mund. Ihre Hände krallen sich um seinen Kopf und wie ein Befreiungsschrei: „Ja! mach sie auf!“  

 

Für Thomas ist es immer ein besonderer Moment, wenn er eine Frau an ihrer intimsten Stelle berührt, wenn er bei dieser Stelle ankommt. Bei Kerstin hat er das Gefühl „Erste Hilfe“ zu leisten, als würde er ihr einen Holzsplitter aus den Fingern ziehen. Bei jedem Herausziehen des aufgeschnittenen Schäkel zuckt sie leicht zusammen. Der letzte Schäkel ist noch nicht ganz heraus, als sie ihr rechtes Bein streckt. „Das ist das letzte Teil!“ Einmal mehr mit dem Seitenschneider und auch dieses Kettchen liegt auf dem Haufen.

 

Mit dem letzten Knack des Seitenschneiders ist auch die aufgestaute Spannung abgefallen, als würde ein berauschender Nebel verfliegen. Mit hängenden Schultern, nicht wissend, wie es weiter geht, steht Thomas vor der nackten, auf der Hobelbank sitzenden Kerstin. Sie schaut ihm ins Gesicht - unentwegt, emotionslos.

 

„Ich habe nichts mehr zum Anziehen!“, ernüchtert wie aus einem Traum erwachend. „Dem kann ich abhelfen. Die Elke hat 40… müsste dir passen!“ Er holt aus dem Nebenraum eine neue Latzhose, ein T-shirt  und ein Arbeitshemd, kramt in einem Schrank nach Arbeitsschuhen: „39 oder 40?“ - „Im neuen Outfit gefällst du mir besser! Unterzeug habe ich drüben in der Wohnung.“, als er ihr die Trägerlänge einstellt.

 

„Bevor du jetzt anfängst, dich zu rechtfertigen, mir was vorzuheulen von wegen „verrücktes Huhn“ und „reif für die Klapse“… als ich meine Ex mit zwei Stechern in unserem Ehebett erwischte… das ich für uns gebaut habe, konnten alle drei ihre Kleider im Hof einsammeln und das Bett flog hinterher. Am gleichen Abend verbrannte ich es in diesem Ofen.“ Wuschelt ihr durchs Haar. „Du siehst… bist nicht allein!“

 

„Übrigens: Es gibt ‚Schieff in de Panne’, Salat und eine Bratwurst. Ich habe nicht mit Besuch gerechnet, so gibt es nur eine halbe Wurst für jeden, dafür eine Kartoffel mehr. Wenn du das magst?“ Thomas und Kerstin sammeln die restlichen „Spielzeugteile“ zusammen und räumen die Werkstatt auf. „Ja, ich mag!“ Mit einem Stapel Küchenkataloge gehen sie ins Wohnhaus und setzen sich in die Küche. „Hast du einen Slip für mich?“ Leise und schüchtern kam die Frage.

 

Gemeinsam brutzeln sie sich ihr Abendessen. Kartoffeln und Zwiebeln schälen – schnibbeln, Salat putzen, Vinaigrette anrühren, Bratpfanne schwenken, Tisch decken. „Weiß- oder Rotwein? Oder Bier?“ Wie aus einem Traum erwachend, schaut Kerstin vom Salat rühren hoch. „Bier! Ich habe Durst!“ Leise klirren die Gläser: „Auf die neue Küche!“ Kerstin umklammert ihr Glas, schaut an ihm vorbei ins Leere und nippt nur. Thomas merkt es, als er es ausgesprochen hat. Ein Griff in den Schrank, ein kurzes Klirren der Stamperl. „Prost! Auf eine neue Kerstin!“ murmelt er entschuldigend. Mit undefinierbarem Blick schaut sie Thomas an, und der doppelte Doppelkorn ist weg.

 

Thomas begreift langsam, dass hier Kräfte wirken, die er nur bedingt beherrschen kann. Fast wortlos verschwindet das frugale Essen. Um keine Unsicherheiten und tief wirkende Momente aufkommen zu lassen, beginnt Thomas, die Vorzüge seiner Küchen und das Warum und Wieso etc. abzuspulen. Demonstriert die Wirkung direkt in seiner eigenen Küche. Er hat Angst vor dieser Frau, Angst sich falsch zu benehmen. Er hat Angst UM sie. Er kann sie nicht einordnen. Ihre körperliche Anwesenheit und ihre mentale Abwesenheit verunsichern ihn tiefer, als er es für möglich gehalten hat.

 

Er hat sich - seit seiner Trennung - nur immer „schnelles Glück“ gegönnt. Sobald eine der Frauen nur eine zarteste Andeutung machte, fielen bei ihm die Schotten. Bei Kerstin ist alles im Chaos - die Frau ist das Chaos. Was ist sie? Eine Edelnutte? Die gekaufte Geliebte von so einem reichen Stenz? Eine SM? Devote, die auf Schmerzen steht? Oder nur eine „naiv Verliebte“, die da reingeschliddert ist, die jetzt versucht, sich zu befreien? Ihre Augen schauen, wenn er spricht, nur nach seinem Gesicht, ihm immer in die Augen - unverwandt. Hängen an seinen Händen, wenn er etwas zeichnet. Thomas wird es unheimlich. Er will nicht mit dieser Frau in der Koje landen, nicht nach diesem „Vorspiel“.

 

Jetzt nach dem Essen, jetzt, wo eine Entspannung spürbar wird, ist Thomas geil… notgeil. Die nachträglichen Gedanken an das „Vorspiel“ stellen ihn dermaßen auf, putschen ihn an die Grenzen, nur mit äußerster Anstrengung ist eine Konversation möglich. Er ärgert sich über sich selbst, weiß, dass er Kerstin mit Nichtigkeiten, mit Banalitäten zulabert, um nur keine Stille aufkommen zu lassen. Irgendwann ist das Bier zu Ende und für ihn langsam Zeit, ins Bett zu gehen, denn um halb sieben stehen die Jungs auf der Matte.

 

„Hier, nimm die Kataloge mit und studiere sie zuhause in aller Ruhe. Die Sachen kannst…“ Aus ihrer Handtasche fiept ein Handy. Kerstin rutscht von der Tasche weg, als rassle darin eine Klapperschlange. Sie kippt einfach ohnmächtig um Einen Augenblick später ist sie wieder da, liegt auf der Bank, Thomas hält ihre Beine hoch. „ER!“ Sie dreht den Kopf zur Handtasche hin. „Er ruft immer zu dieser Zeit an… ich kann nicht, es geht nicht, ich bin am Ende… Ende!“

 

Thomas schnappt das Handy, drückt auf Empfang. Ihn juckt der schwarze Schalk, der derbe Schabernack. „Hier ist das Hospiz der müden Krieger, …Bruder Tiberius am Apparat!“ Thomas legt das ganze, ihm mögliche Schmalz, in die Stimme. Er hört eine herrische Stimme, die mit seiner Frau sprechen will. Sofort – überhaupt - warum er das Telefon seiner Frau benutze. „Sie haben angerufen, und Schwester Kerstin ist im Moment nicht zu sprechen. Sie hat mich gebeten.“ Kerstins Gesicht, ihre Augen beginnen sich zu entspannen. „Er ist nicht mein Mann!“ schreibt sie auf einen Katalogdeckel. Thomas legt das Telefon hin – weg, als der Anrufer droht, fordert, anmaßend und frech wird. In einer Atempause „Sie ist freiwillig in unsere Obhut gekommen!“ Nach einer weiteren Beschimpfungssalve: „Wir schalten das Telefon jetzt ab.“ Thomas schaltet das Telefon aus.

 

Kerstin sitzt einfach nur da. „Bruder Tiberius nimmt mich in seine Obhut!“ Ein schönes Lächeln verzaubert ihr Gesicht. „Nimmt Bruder Tiberius auch Beichten ab?“ Ihr Gesicht ist wieder ernst – traurig. Sie zieht Thomas linke Hand zu sich, hält sie mit beiden Händen fest umklammert. „Ich habe keine Wohnung mehr. Die neue Wohnung ist noch ganz leer, ein paar Kartons. Nicht einmal eine Campingliege, ein Klappstuhl steht drin. Das wollte ich noch kaufen, als mich deine Schwester vorhin aufgabelte.“

 

„So müssen sich Krakenarme anfühlen!“, durchzuckt es seine Gedanken. Er spürt, wie Kerstin von ihm Besitz ergreift.  Thomas kennt sich gut genug. Diese Frau, Mädchen hat seinen Schutz. Nicht, weil sie eine Frau ist, oder er spitz auf sie ist. Nein, weil sie eine geschundene Kreatur ist, eine Kreatur die überleben möchte - und einen Strich unter die Vergangenheit ziehen will.

 

„Komm!“ Er führt Kerstin durch den Flur nach hinten und öffnet eine Tür. „Das war meine Bubenstube, jetzt ist es das Gästezimmer. Hier drin bin ich groß geworden!“  Er öffnet einen Schrank und gibt ihr Handtücher. Öffnet die nächste Tür zur Toilette und Dusche. „Alles hier, leider männlich herb!“ Sie sieht die großzügige Dusche, das Bidet, Waschtisch, WC. Sie sieht das französische Bett, die Decken, Kissen, die Flugzeugmodelle, geschnitzte Marionettenköpfe, Spiegelwand, Fotos und Literatur im Regal, zwei Meter Karl May. „An meinem zehnten Geburtstag bin ich hier eingezogen, seither wohne ich in diesem Haus. Erst bei Opa und Oma und später allein.“ Thomas schiebt Kerstin zum Fenster, zeigt auf die Lichter zwischen den Obstbäumen. „Da drüben steht mein Elternhaus. Der Garten gehört mir.“

 

„Warte! Ich hole oben Sachen für dich.“ Kerstin trabt einfach hinter Thomas her. Er bleibt am Treppenabsatz stehen und dreht sich zu ihr. „Kerstin, seit meine Ex - hops ist, ist keine Frau mehr nach oben gekommen.“ Sanft zieht er ihren Kopf an seine Brust. Streichelt ihr Haar - ihren Rücken. „Die Frau, die nach oben mitkommt, wird bleiben!“ Er löst sich von ihr: „Warte!“

 

In seinem Schlafzimmer reißt er sich die Hose auf. Es kommt ihm ohne große Einwirkung - er explodiert. Noch kann er ein Hemd aus dem Schrank ziehen, torkelt und fällt auf sein Bett, melkt sich ins Hemd ab. So etwas ist ihm seit seiner Lehrlingszeit nicht mehr passiert. Wieder bei Sinnen sucht er ein langes T-Shirt, Boxershorts, zwei enge Slips findet er auch noch, mehr hat er nicht für sie.

 

Als er unten ankommt steht Kerstin vor der Treppe und versperrt ihm den Weg. „Möchtest du mit mir schlafen… mich vögeln?“ Sie sieht ihm lange ins Gesicht. Thomas schweigt, er ist noch zu benommen von seinem Erguss, und die direkte Frage von Kerstin irritiert ihn erneut. Kerstin sieht seine Augen, seine Haltung, sein Kopfschütteln und riecht den noch an ihm haftenden Geruch von frischem Sperma. „Danke!“ Sie nimmt ihm die Sachen ab und verschwindet im Zimmer.

 

Langsam geht er nach oben, zieht sich aus – stellt sich unter die Dusche, Haare waschen… Körper einseifen, Hornhaut rubbeln, spülen, abtrocknen, T-Shirt und Boxershort anziehen, Zähne putzen, ins Schlafzimmer schlurfen, unter die Decke kriechen. Diese ganze Zeit über läuft in seinem Kopf der Film, wie Kerstin strippt und er sie von der „Schlosserei“ befreit. Seine Sinne sind sensibilisiert, durch alles, was seit dem Karton-Öffnen passierte - und er ist wieder spitz. Er sieht alle seine verflossenen Frauen vor sich, ihre Muschis, Mösen, Titten, Brüste, wie er vögelt, fickt, bumst, bürstet… wie er von ihnen befingert, gelutscht, gerubbelt, geblasen wird und mitten in dem Film:

 

„Scheiße, ihr Auto!“ - Es steht direkt vor der Garage. Morgen früh - die Transporter! Er sieht schon das schräge Grinsen seiner Männer und Elkes vorwurfsvolle Augen. Thomas klopft an Kerstins Tür - keine Antwort. Klopft… ruft… Stille. Er klopft fester, ruft laut. „Nein – Thomas n…eeein!“  tönt es in ihr Wimmern hinein. - „Dein Auto… wir müssen es wegsetzen. Die kommen mit den Transportern nicht raus!“ Er hört tapsende Füße und Kerstin steht unter der Tür, in seinem T- Shirt, barfuß, mit verquollenen Augen, wie vorher, ihn einfach ansehend. Thomas wartet, er fühlt einfach, dass in dieser Frau Lawinen durch den Kopf donnern, dass in rasender Eile Gefühle verschüttet und freigelegt werden. Sie hat keine Orientierung, befindet sich im Sturzflug!

 

„Die Autoschlüssel! Ich setze ihn weg!“ Und streckt ihr seine Hand entgegen. Kerstin nimmt wie abwesend die Hand, legt sie um ihren Nacken, schmiegt sich an Thomas. „Festhalten, bitte nur festhalten!“  Er fühlt ihren Körper, ihre Brüste, das Schambein - ihre Schenkel an seinen Beinen. Fühlt, wie es bei ihm nicht steif wird, fühlt ihre Wärme, die Hand im Nacken und die andere im Kreuz, ihr Gesicht ihm zugewandt, immer mit Augenkontakt. Sie stellt sich auf seine Füße, er fühlte ihre kleinen Füße - das Fliegengewicht. „In der Handtasche!“ Kerstin animiert Thomas watschelnd zum Tisch zu gehen.

 

Lachen – befreiend lachend, sagt sie: „Das habe ich seit meinem ersten Freund nicht mehr gemacht.“ Als sie sich lösen, kramt sie in der Handtasche… „Thomas, ich will das Auto nicht mehr. Es gehört auch ihm!“ Sie reicht ihm den Schlüssel. Ihr Blick löst sich nicht von seinem Gesicht… unverwandt! Plötzlich lächelt sie: „Heckt Bruder Tiberius den nächsten Schabernack aus?“ Sie setzt sich auf einen Stuhl. „Du grinst… lachst wie ein griechischer Satyr!“ „Das Auto wäre dann weg… abgeschleppt - im Autohof!“ und Thomas erzählt ihr sein Vorhaben. Unten an der Kurve, im Halteverbot mit der weißen Schraffierung – die städtischen Busse, besonders die Gelenkbusse kommen nicht rum, und alles wird gnadenlos abgeschleppt. Wortlos reicht Kerstin ihm die Wagenpapiere. „Ich komme mit…“, als er schon in der Haustür steht.

 

„Um halb sechs Uhr kommt der erste Bus! Um sechs Uhr ist er weg!“ stellt er fest, als er auf „Verriegeln“ drückt, den Schlüssel ins Handschuhfach wirft und die Tür zuknallt. Thomas greift ihre Hand und dreht sie so, dass Kerstin bei ihm einhakt. Kerstin macht zwei Hüpfer, um sich seinem Schritt anzupassen… Thomas hüpft mit und ausgelassen kichernd, lachend, prustend, albern sie wie Teenies die Straße hoch… stehen vor der Einfahrt… zögern. Thomas kennt sich selbst nicht mehr. Er legt ihr den Arm um die Schulter. „Komm, lass uns noch eine Schleife laufen! Die Nacht ist so schön!“ Er dirigiert Kerstin durch eine verborgene Öffnung in der Hecke ins Feld, über eine kaum wahrnehmbare Spur zum nahen Wäldchen, auf die andere Seite, direkt zu einer versteckten Kuhle, mit einem Baumstamm als Bank. Die Kuhle öffnet sich nach vorne und man hat einen schönen Blick über die unter ihnen liegende Stadt. Beide setzen sich „ein Mensch breit“ nebeneinander, lauschen still in die Nacht.

 

Eine Nachtigall singt, zwei Käuze erzählen sich was. „Wir bekommen gleich Besuch.“ Thomas deutet mit der Hand zu einer breiten Buche. „Familie Kauz!“ Kerstins Blick folgt der Hand und sieht die beiden Käuze auf einem Ast sitzen, sich gegen den Nachthimmel abhebend. „Wenn ich hier bin, kommen die beiden mich immer besuchen. Sie haben wieder ein Gelege.“

 

„Ist das dein Refugium?“, flüsternd kommt ihre Frage. Thomas nickt. „Und du nimmst mich mit – in dein Heiligtum?“ Thomas zuckt die Schulter. „Du brauchst - das Hier - jetzt dringender als ich!“ Beide lassen die Nacht mit den Sternen, die Stille und die Sphäre auf sich wirken. Aus dem Augenwinkel sieht Thomas, wie Kerstins Kopf nach unten sinkt und ihr Körper schwankt. Genau das wollte er erreichen, sie beginnt sich zu entspannen, einzuschlafen.

 

„Komm, ich bringe dich ins Bett!“ Sanft zieht er sie hoch und wischt ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie spürt nur seinen Arm  um die Schulter, ihre Schulter gut in seine Achselhöhle eingeschmiegt. Hört seine Stimme, wie er ihr dutzende Faszinationen der Nacht erklärt, zeigt und immer eine schöne Geschichte dazu erzählt. Sie fühlt sich auf einmal geborgen und in ihr beginnt die Sehnsucht nach dem Morgen zu wachsen. Die Sehnsucht nach einer neuen Zeit.

 

Kerstin steht vor ihrem Bett. Thomas zieht ihr die Jacke aus, die Schuhe… er entkleidet sie. Streift ihr das große Shirt mit der Walfischfluke über, stopft die Bettdecke um sie herum fest, wie früher ihre Mutter - zuletzt fühlt sie seine Lippen auf ihrer Stirne.

 

Viertel vor Sechs, Wecker und Handy krawallen gleichzeitig. Thomas fühlt sich irgendwie hundemüde und doch voller Drang, die Dinge anzupacken. Ihm wird bewusst: „Ich habe einen Solitär zwischen meinen Fingern!“ Rasieren, Zähne putzen, Katzenwäsche, frische Wäsche, Hemd. Ein feiner, kaum merkbarer Kaffeeduft zieht ins Zimmer. Erst im Flur dringt es bis zu seinem Gehirn vor. Er hört in der Küche ein geschäftiges Klappern.

 

Wie angewurzelt bleibt Thomas in der Tür stehen: Kerstin steht am Herd und brutzelt Spiegeleier, die Kaffeemaschine blubbert und der Tisch ist liebevoll gedeckt. Sie hat wohl im kleinen Schrank gewühlt, denn seine alte Jogginghose aus Lehrlingszeiten spannt sich über ihren Po und das alte graue T-Shirt aus Istanbul, das er so in Ehren hält, spannt etwas über ihrer Brust. Den Spruch auf der Vorderseite kennt er auswendig. Wie oft hat es getragen, wenn ihm danach war.

 

RAKI is the answer. I don’t remember the Questions! Lachend, dreht sich Kerstin zu ihm hin, beide Arme hoch erhoben, als wollte sie Hands-up machen. Mit einem dicken, roten Edding hat sie das Wort RAKI durchgestrichen und: THOMAS is the answer. I don’t remember the Questions! Steht quer über ihrer Brust. Sie macht zwei Schritte auf ihn zu und legt einen Finger über seinen Mund. „Das habe ich zwei Jahre lang für meinen Vater und meine beiden älteren Brüder gemacht, als meine Mutter krank war.“ Thomas will sie festhalten, in den Arm nehmen. Sie drückt sich ab, entwindet sich seinen Armen, widmet sich den Spiegeleiern, verteilt sie.

 

Still frühstücken sie. Eine große Frage, eine große Unbekannte lastet auf der Stimmung. Kerstin sitzt still mit beiden Händen in Schoß einfach da. Thomas zerkrümelt die zweite Scheibe Brot. „Ich komme nachher zurück. Muss die Mannschaft einweisen!“ Die frische Luft und die Alltagsproblemen lenken ihn ab. Steffen, der Erstjahrlehrling erzählt aufgeregt, dass Polizei und Abschleppdienst unten in der Kurve einen Sportflitzer aufladen. „Den habe ich doch gestern Abend nach dem Kegeln hier auf dem Hof gesehen“ brummt Kurt und auf einmal schauen alle auf Thomas. „Tja und jetzt wird er abgeschleppt!“ Sein Kommentar. Ein Teil der Mannschaft fährt zu „Professors“, die alte Küche abbauen.

 

Die anderen verschwinden in der Werkstatt. Bald surren und brummen die Maschinen. Hier ein paar Fragen und noch eine Anweisung. Als er in die Küche zurück kommt, ist es neun Uhr. Kerstin sitzt noch immer auf ihrem Platz. Sie zeigt ihm ihr Handy, 45 Anrufe in Abwesenheit. 44 Mal seine Nummer und als letztes vor 30 Minuten: „Die ist von meiner Schwester!“ brummelt Thomas und schaltet es wieder aus.

 

Thomas füllt die Kaffeebecher, kramt in einer Schublade und legt einen Schlüssel vor sich hin, setzt sich, schweigt. Er weiß nicht, wie er beginnen soll, was er machen soll, wie er Kerstin einzuordnen hat. Er weiß nu, was er nicht will… sie bloß stellen, sie verletzten, sie dem Tratsch preisgeben - und das geschieht automatisch, wenn seine Schwestern davon erfahren.

 

Eine Frau mit dieser Vergangenheit… kann die überhaupt noch ein normales Leben, Liebesleben führen? Wenn es „hart auf hart“ kommt? Thomas rotiert innerlich und sieht Kerstin an - ihm gegenüber. Wie sie sich an den Kaffeebecher klammert, sieht ihre Augen, die unstetig hin und her flitzen, ausweichen, versuchen das Unendliche zu fixieren. Mit einem Ruck setzt sich Kerstin aufrecht und beginnt zu sprechen, zu erzählen. Er, Thomas, hätte als Kind als Jugendlicher immer verwundete und halbverhungerte Tiere angeschleppt, mit vier Jahren die erste Amsel. Später eine richtige kleine Ménagerie gehabt. Mit acht Jahren Essen abgezweigt, für einen alten Mann, der in einem Hinterhof wohnt. Dass Thomas ihr aus Erzählungen seiner älteren Schwester vertraut sei. So hätte gestern seine Schwester ihn auch charakterisiert. „Der, der immer die Viecher anschleppte!“ Sie lächelt verlegen, ein kurzer Blick zu ihm hin.

 

Sie erzählt weiter, wie sie als Nachzüglerin mit zwei je 8 und 10 Jahre älteren Brüdern aufwuchs, als Engelchen verhätschelt. Als Mutter erkrankte und sie neben Gymnasium und Abi die drei Männer versorgte, im Betrieb mithalf. Ein Aufblitzen ihrer Augen. „Landmaschinen; ich kann einen Mähdrescher fahren!“ Wie sie in der WG zum ersten Mal mit den anderen Partys feierte und es gar nicht toll fand so „rumzumachen“ und eigentlich nie toll gefunden hat. Kunst – und Kunstgeschichte, Romanistik auf Lehramt. Einen Stubenhocker heiratet, der sie nach fünf Jahren bat, sich scheiden zu lassen, weil er doch lieber allein leben wolle Nach zwei Jahren Schuldienst ihren jetzigen Partner kennen lernte. „Ein Bekannter von deiner kleinen Schwester, auch Jurist wie sie.“

 

Kerstin stockt, schluckt, beginnt zu zittern. „Thomas, ich kann einen Traktor reparieren, ein Brett hobeln, Kindern das Zeichnen, Modellieren und Schnitzen beibringen. Ich kann nicht multificken-, vögeln, meine Löcher voll stopfen lassen… eine geile Schlampe, ein verficktes Luder sein!“ Abrupt schiebt sie den Stuhl nach hinten, steht auf. „Ich muss noch duschen.“ Im Rausgehen wuschelt sie kurz durch seine Haare, entschwindet. Ein Plupp, als Thomas den Hausschlüssel in ihre Kaffeetasse plumpsen lässt und zurück in die Werkstatt geht.

 

Mittagspause. Verzagt kehrt Thomas in die leere Küche zurück, ohne Plan und Ziel, weiter den Flur durch, in sein Gästezimmer gegenüber liegendes Büro mit angebautem Wintergarten. Er sieht Kerstin im Garten mit einem Korb voll Unkraut Richtung Kompost laufen. Unbefangen, mit gelöstem Schritt - aufrecht. Er öffnet die Tür zum Garten, tritt hinaus. Sie sieht ihn beim Zurückkommen, setzt den Korb ab und steht ein paar Schritte später vor ihm. Sie trägt wieder Arbeitshose – und Hemd, die beiden letzten Knöpfe offen. Er sieht das Lederbändchen an ihrem Hals und… grinst wissend. Da baumelt ein bronzener Stinkefinger dran, der bald 20 Jahre am Pinbrett hängt, als 17 Jähriger hat er ihn bei einer Demo gekauft. Kerstin sieht seinen Blick in den Ausschnitt und zieht am Bändchen… zeigt ihm den angehängten Schlüssel. „Ich bin jetzt das Schlüsselkind von Bruder Tiberius!“ Der Schlüssel verschwindet wieder zwischen ihren Brüsten. „Thomas, warum dieses Vertrauen zu mir? Mich hier aufnehmen, mir einen Schlüssel vom Haus geben. Mir… einer Fremden… mit dieser Vergangenheit.!“ Kerstin schaut Thomas direkt in die Augen und er weicht nicht aus. „Nur du kennst diese Vergangenheit, Thomas. Für alle anderen bin ich die ergebene, Intelligenz versprühende, sexy, hippe Frau von IHM, dem großen Zampano.“

 

Thomas fühlt, wie Dimitri, sein Kater, ihm um die Beine schleicht. Beide schauen nach unten, sehen seine aufrechte Rute, seinen staksigen Gang - und wie er sich an Thomas Beinen reibt. „Der sitzt schon die ganze Zeit zwei Meter von mir weg, beobachtet alles und lässt sich nicht locken, mit keiner List!“ lacht Kerstin. „Wie der Herr, so’s Gescherr!“, grinst Thomas zurück und einer Regung folgend, zieht er die verblüffte Kerstin in seine Arme und beginnt sie überall zu kitzeln und zu tätscheln. „Pass auf, was er jetzt macht!“ Kerstin quietscht, grient und versucht sich zu entwinden.

 

Wie getreten, flitzt Dimitri einen Satz zur Seite, setzt an, Sprung auf den Stuhl, auf den Tisch, kurzes Sammeln und er landet auf Thomas’ Schultern. Faucht, zischt und drängt sich zwischen Kerstin und ihn. Mit Tatzenhieben versucht er Thomas davon abzuhalten, Kerstin zu kitzeln. „Zieh mich an den Haaren!“ fordert er Kerstin auf und beginnt zu grinsen. Sofort bekommt Kerstin die Tatzenhiebe und wird angefaucht.

 

 Thomas fasst Kerstin in den Nacken und küsst sie einfach auf den Mund. Weich, zärtlich, nicht fordernd, auf die Mundecken, Wangen, Augen, Mund. Kerstin fühlt Thomas Lippen, den Katerkopf wie er sich an sie schmiegt und auf einmal die zärtlich-raue Zunge von Dimitri an der Schläfe und am Ohr. Thomas löst sich von Kerstin genau so schnell, wie er sie sich gekrallt hat. „Das erwartet mich, wenn ich hier bleibe!“, summt es in ihrem Kopf und hört im gleichen Augenblick Thomas’ Stimme: „Das erwartet dich, wenn du hier bleibst!“

 

Sie hält sich noch immer an Thomas fest und fühlt, wie Dimitri ihre Beine umschmeichelt. Sie sieht Thomas spitzbübisch grinsen. „Seinen Segen hast du! - Ich mach uns was zu essen.“ - „Herrlich, die blitzenden Augen von Kerstin!“, zuckt es durch Thomas’ Kopf. „Wehe, wenn die loslegt!“, und automatisch denkt er an den Sperrmüllhaufen.

 

Als Kerstin in die Küche tritt, sieht sie, wie Thomas aus dem Keller kommt und einen Krug mit Most auf den Tisch stellt. Hört die Klingel der Mikrowelle, drei Thomas’sche Handgriffe und eine Kohlroulade steht dampfend vor ihrem Platz. Ihrem Platz? Dem Stuhl, auf dem erwartungsvoll Dimitri nach ihr späht! Hört, wie die Mikrowelle die zweite Portion wärmt, sieht Thomas ohne Eile den Tisch decken, Messer rechts, Gabel links vom Teller, kleiner Löffel oben, mit Stiel nach rechts. Sieht, wie die zweite Portion zum Tisch wandert. Sieht all diese Kleinigkeiten, diese Feinheiten und ist nicht fähig, sich zu bewegen.

 

Vorhin, die spontane Umarmung, die muskulösen starken Armen, die zarten Küsse… mehr ein Hüpfen der Lippen… dieser Kontrast riss ihre Selbstbeherrschung auseinander. Dann dieser Kater! Er thront auf „meinem Stuhl“. Mit diesem Gedanken bemerkt sie die Absurdität. Der Kerl möchte aufgefordert werden, ihr Platz zu machen - sucht ihre Aufmerksamkeit.

 

Vor 18 Stunden hat sie Thomas zu ersten Mal gesehen. Er ist der Einzige, der ihr Geheimnis kennt, der es mit keinem Wort, mit keiner Geste - Handlung ausnutzt. Der sie behandelt, als wäre sie ein Teil dieses Hauses, mehr als nur Gast darin. Vor 24 Stunden konnte sie sich nicht vorstellen, je wieder eine Umarmung von einem Mann zu ertragen, geschweige, freiwillig einen Mann zu umarmen. Was macht sie… einem Kerl das Frühstück… jätet seinen Garten… wuschelt ihm durchs Haar… trägt seinen Hausschlüssel am Hals, als wäre es ein Talisman… Da sitzt so ein blödes Katervieh auf ihrem Stuhl und spielt mit ihr. Immer dieses „Mein“ Stuhl! „Ihr Stuhl“! Was setzt sich hier in ihrem Inneren fest?

 

Und Thomas? Sitzt auf der Bank, zurückgelehnt, die Armen verschränkt und betrachtet sie im Türrahmen. „Wenn es dir hilft, deinen Selbstwert zu finden… Du bist die erste, die von Dimitri akzeptiert wird. Selbst meine Ex, die drei Jahre mit ihm hier wohnte, durfte ihn nicht anfassen.“ - Dann sagt er auch noch das!

 

Er rutscht um die Ecke, deckt um und klopft auf seinen vorherigen Platz: „Komm und schau was passiert.“ Mechanisch setzt Kerstin sich an das Kopfende des Tisches. Keinen Augenblick später liegt Dimitri entspannt zwischen beiden.

 

„Deine Seele klingt schön, dein Herz schlägt gut und du verströmst einen einladenden Duft. Sonst würde Dimitri, der sich nur von mir und Elke anfassen lässt, sich nicht bei dir niederlassen!“ Schweigend essen sie und hängen ihren Gedanken nach, als sein Handy klingelt. Kurzes Fachchinesisch, „Ich muss in die Werkstatt, lass mich bitte durch!“ Sie stehen voreinander, keine zwei Handbreit. Thomas greift heftig, fast unbeherrscht in ihre Mähne, krallt seine Finger in ihr Haar und fühlt ihre Kopfhaut. Seine Augen füllen sich mit Tränen, seine Stimme ist eine grobe Raspel. „Wenn du nach oben kommst, werde ich dich nicht mehr hergeben!“ Unter der Tür dreht er sich noch mal um… „Dimitri hat sich noch nie geirrt!“ Sie hört ihn durch den Flur fegen, die Haustür knallen. Stille.

 

Von Ferne läutet die Haustürklingel und sie sieht Thomas unter der Tür. „Fühle dich nicht bedrängt, du kannst kommen und gehen nach deinem Gusto.“ Im Umdrehen… „Ich wusste es in dem Moment, als du erzähltest, dass Dimitri dir zuschaute und ich sah, wie er dir zum Kompost nachlief!“ - „Und ich seit heute Morgen sechs Uhr, als ich aufwachte und die Stirn, wo du mir den Gutenachtkuss gegeben hast, immer noch brannte.“ Kerstin schreit es heraus, schrill, voller Emotion, trommelt mit beiden Fäusten auf den Tisch. „Verdammt, verdammt ich habe Angst um dich, um uns! Nie, nie mehr wollte ich einen Mann an mich heran lassen! Alles, was an diesen Mann erinnerte, habe ich zerstört, eliminiert. Jetzt sitze ich hier und habe dir eben eine Liebeserklärung gemacht. Ich gehöre in die Klapse!“ Sie legt ihren Kopf auf die Arme… heult und schluchzt los.

 

„Nein, in die Arme von Thomas!“ Elke, Schreinerlehrling, kurz vor der Prüfung, 21 Jahre, Abiturientin, weiblich, Tochter der Leiterin des Frauenhauses, pragmatisch und das Herz am richtigen Fleck, steht plötzlich mitten drin. „Ich wollte nicht stören, aber du bist nicht gekommen!“, zu Thomas gewendet. Sie geht zu Kerstin, setzt sich neben sie auf die Bank und schubst sie einfach durch. „Frau Smeets, erkennen sie mich? Ich bin Elke Peters, damals von der 10b. Ich hatte Kunst bei Ihnen!“ Zu Thomas: „Mit dem Aufmaß stimmt was nicht! Geh mal gucken! Ich bleib solange hier!“ Als sie sieht, wie Thomas zögert, eigentlich nicht gehen will... „Das ist jetzt Frauensache!“ Sie setzt nach: „Die haben mit der Treppe ein echtes Problem.“

 

Als er zwei Stunden später in die Küche kommt, liegt ein Zettel auf dem Tisch. Ein lapidarer Satz: „Kerstin braucht ein paar vernünftige Sachen. Elke.“ Irgendwie ist er Elke dankbar. So jung sie ist… mit ihrer weiblicher Intuition, der jugendlichen Unbekümmertheit und ihrem Pragmatismus packt sie die Dinge an und hat Erfolg und wenn nicht… Ihr ständiger Wahlspruch ist: „Anspornendes Zwischenergebnis“ und gleich danach: „Auf zu einem zweiten Versuch“.

 

Thomas wartet - tigert durch die Wohnung, hängt seinen Gedanken nach. Ein Mischmasch aus Vergangenheit, Beruf, seinem Leben und den letzten 20 Stunden. Er kann sich nicht konzentrieren. Er wartet. Irgendwann schreibt er unter Elkes Nachricht: „Ihr findet mich bei Alex“. Nun sitzt Thomas vor dem großen, leer gefutterten Marathonteller mit Gyros, Souflaki, Pommes und bestellt sich den dritten Wein, fühlt sich einsam, verlassen, leer, das „arme Dier“ kriecht ihm in die Seele. Der Wein tut sein Bestes, aber Thomas Gedanken drehen sich im Kreise.

 

Irgendwann später hört er Autoreifen knirschen, ein kurzes Giggeln, leises Schließen der Haustür, aber Thomas träumt weiter wirres Zeug: Wie er Kerstins Kerl verprügelt, ihn mit einem Ochsenziemer nackt über den Marktplatz jagt. Mittelalterliche Szenen steigen in ihm hoch - wie Verbrecher gepfählt werden. Er sieht sich in seiner Werkstatt mit wachsender Begeisterung einen schönen glatten Pfahl schnitzen - und wird von Dimitris Mautzen wach.

 

Im Restlicht der Weckerdioden sieht er, wie sich die Tür ein Spalt breit öffnet und Dimitri in den Raum schleicht, stehen bleibt … zur Türe guckt, wartet. Er hört wie leise Füße sich entfernen und wartet auf das Knarren des ersten Treppentrittes, nimmt Dimitris Entschwinden aus den Augenwinkeln wahr.

 

Thomas ist wie gelähmt, unfähig zu reagieren - zu agieren. Er hört den Kater schnurren, richtig laut spinnen. Sie kann also nicht weit sein. Geräuschvoll schlägt Thomas die Bettdecke zurück, öffnet die Tür und sieht Kerstin mit Dimitri im Arm am Treppenabsatz sitzen:„Kommen musst du schon selber!“ kratzt seine Stimme. Zurück ins Bett. Er rutscht durch, macht Platz. Kerstin steht in der Tür. Dimitri balanciert auf ihrer Hüfte. „Thomas versprich mir, dass du mich nicht drängst – nichts, tust was ich nicht möchte!“ - „Dimitri wird schon dafür sorgen, dass seiner neuen Freundin nichts geschieht!“

 

Ein weißer Schatten - ein Satz auf die Matratze. Ein purzelnder Dimitri und eine sich fest an Thomas pressende Kerstin… das ist ein fließender Ablauf. „Nur festhalten bitte! Leg die Beine um mich und die Arme! Halt mich fest, bis es weh tut! Festhalten!“ Kerstin zittert am ganzen Leib. „Morgen gehe ich zu Gabi ins Frauenhaus, bis alles vorbei ist. Er ist ein so großes Schwein! Mehr noch! Und wenn er erfährt, dass du mich aufgenommen hast, wird er alles dran setzten, um dich zu schädigen - dich kaputt zu machen! - Gabi kennt ihn! Sie kennt auch seine Frauengeschichten! Ich bin anscheinend nicht die erste.“ Langsam beruhigt sie sich. Thomas lockert langsam die Umklammerung und gibt sie frei - rückt von ihr weg. Kerstin setzt sofort nach. „Nein! Zeig mir, dass ich eine normale Frau bin! Komm einfach in mich, komm! Ich fühle ihn schon die ganze Zeit. - Jetzt kann dieser schreckliche Mensch mir nichts mehr antun!“

  

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