Der Stoff der Begierde

 

In ihrem Kleiderschrank glänzte es matt: Saftiger Lakritz, cremige Sahne, überreife Kirschen, butteriger Karamell. Nur der Geruch war anders als bei Süßigkeiten. Nicht gefällig und lockend, sondern herb und fordernd. Sie drückte ihr Gesicht in ihre Schätze, so tief, bis es um sie herum nur noch diese Farben, diesen Duft gab und diese Reibung, wie sie nur Haut auf Haut erzeugt.

 

Manche Frauen konnten an keinem Schuhladen vorbeigehen, ohne sich durch das gesamte Stiletto-Sortiment probiert zu haben. Andere suchten und fanden zu jedem Kleid die perfekte Handtasche. Ihre Leidenschaft galt einem besonderen Stoff: Leder.

 

Breite Gürtel mit Krokoprägung schmiegten sich um ihre Taille. Sie halfen flüchtigen Begegnungen nach, lenkten Blicke, die allzu schnell abzuschweifen drohten, zur Körpermitte. Rote Handschuhe schmeichelten ihren Fingern und erzählten auch bei Minusgraden: Hier sind zehn geschickte Verführer! Wildleder beruhigte die Zaghaften, schaut her, ich bin wie Samt, wie ein weiches Fell, ein Kätzchen. Ganz anders ihr knöchellanger Mantel: Ein weißer Ritter, der seine Trägerin umschmeichelte und beschützte.

 

Das war die treibende Kraft hinter ihrer Wahl:  Leder erfüllte die Wünsche, die sie an einen Mann hatte. Er war ihr zärtlicher Kavalier. Er hielt sie fest, ohne sie einzuengen. Sie spürte ihn mit allen Sinnen. Leder musste, wenn man denn gewisse Ansprüche hatte, schwer erarbeitet werden: Für ihre erste Lederjacke putzte sie einen Monat lang im Kreiskrankenhaus. Sie war nicht im Budget für die Tochter vorgesehen. Sie war nichts für Mädchen, sondern für die Frau. Mädchen, die Frau sein wollen, schminken sich, sie tragen Dreieck-Bikinis und bauchfreie Tops, und die Eltern lassen sie mehr oder weniger pikiert gewähren. Aber wenn dieselben Mädchen nach Leder verlangen, würden sich die Eltern ernsthaft Sorgen machen: Zu viel Erotik für Teenie-Liebeleien. Oder: eine Erotik für Erwachsene. Für mutige Erwachsene.

 

Kein Wunder, dass ihr die Erotik des Leders zum ersten Mal als Studentin bewusst wurde.

 

Im Wohnheim lud sie ein Mitbewohner dazu ein, gemeinsam ein Hochzeitsvideo aus seiner pakistanischen Heimat zu sehen. Im Zimmer drängte man sich auf dem Sofa. Die bunten Saris waren bald weniger interessant als die Motorradlederhose seines deutschen Kumpels, der neben ihr saß. An den Seiten fest geschnürt, betonte sie ein paar kräftige Männerbeine.

 

Kühl und glatt umschloss das Leder Haut, Muskeln, Sehnen, Adern, und es war ihr, als könne sie diese Männlichkeit, diese Energie durch den Stoff ihrer Jeans spüren.

 

Noch in der Bibliothek am Tag danach musste ich immer an diese Lederhose denken. Der Typ selbst war auch ganz niedlich, er sah gar nicht soo tough aus. Und sie stellte sich vor, wie es wäre, auf seinem lederbekleideten Schoß zu sitzen, oder sogar nur auf einem der Beine, und ihre Liebesperle an diesem dicken, glänzenden Leder zu reiben, und reiben, und reiben, und rrrrr…die Welt war nur noch Haut auf Haut, das Kribbeln setzte sich fort, in Wellen, die immer mächtiger wurden, bis es sie durchfuhr wie ein Peitschenhieb.

 

Das war lange her. Aber sie wusste, sie musste nicht mehr lange warten. Es gab jemanden, der sie verstand. Der es liebte, sie auf seinem Schoß schwach zu machen. Um so mehr, wenn er sie vorher selbst ihres Schutzes beraubt hatte. Das hatte ihr M. unmissverständlich klar gemacht. Wenn er sie anrief, schmeichelte seine Stimme nicht. Sie befahl: „Und zieh deinen Lederrock an!“

 

© Virginia Dark