WeinNacht – ein Nachruf

 

Der heilige Abend naht, freudig oder bedrohlich präsentiert sie sich, die heilige Nacht: Christus´ Geburt ist weit weg, die Schwiegereltern nur 500 Kilometer, mit dem TGV zwei Stunden.

 

Hoppla, die Begrüßung ist auch schon da: Küsschen Küsschen, bonne Noel.

 

Meine Schwiegereltern und Ich sagen „Sie“ zueinander, in Frankreich ist das in bürgerlichen Familien nichts Besonderes, eine Gewohnheit, die sich aber verliert.

 

Mami, so heißt hier die Oma, kann seit letztem Jahr nicht mehr gut gehen.

Irgendwie läuft sie nicht mehr, sondern schiebt sich durchs Haus, ein lautloses Gleiten.

 

Abends Christmette, der Pfarrer stellt die Frage nach Obdachlosen an diesem Abend, was mich freut, hochaktuell, in den letzten Jahren fehlte das immer.

 

Bescherung ist in Frankreich erst am 25. morgens.

Als ich aufstehe ist das Geschenke-Auspacken schon in vollem Gange.

Papi schmettert mir ein überlautes „Guten Morgen“ auf Deutsch entgegen, zu laut für diese Tageszeit und ich mache fröhliche Miene zum weihnachtlichen Spiel.

 

Meine Frau hat die Geschenke der Kinder gekauft, über ein Talkie Walkie (hier heißen die Dinge manchmal andersrum) der Kinder freue ich mich sehr, als Spion fühlte ich mich immer schon und renne durch den Garten auf der Suche nach anderen Spionen. Mit einem Nachtfernglas können wir auch die Autokennzeichen der geparkten Autos erkennen, die wir vorsichtshalber mal notieren, man kann nie wissen, Agenten sind schließlich überall.

 

Wieder im Haus hat meine Schwiegermama schon alle Papiere aufgesammelt, das Wohnzimmer sieht fast aus wie geleckt. Wie Packman schiebt sie sich auf jeden Papierschnipsel zu und eliminiert ihn.

 

Essenszeit: Champagner, Knabbereien, dann Salat mit geräucherten Maigrets de canard (Entenfilets?). Um den  Champagner kümmere ich mich, gieße ein und mir selbst auch schnell wieder nach, Papi trinkt als Einziger noch ein Gläschen, aber er hält es so ungeschickt gerade, dass sich in seinem Glas  jeweils nur ein Finger hoch der köstlichen Flüssigkeit sammelt.

 

Das Herzstück des Hauptgangs ist ein Gänschen, die ich schon am Vorabend zubereitet hatte (für Feinschmecker: die Farce: ca. 100 g Baguette einweichen, 200 g Schweineleber, 4 Eier, das\den Flomen(?) mit vier Schalotten  anbraten, 5 Zehen Knoblauch gepresst dazugeben + einen Bund glatte Petersilie, das Ganze pürieren, mit Majoran, Salz + Pfeffer würzen, die Masse in die Gans füllen, das Vögelchen goldbraun im vorgeheizten Ofen bei 220 Grad anbraten lassen, nach ca. 40 Minuten die Seite wechseln. Bei 100 Grad  dann noch vier Stunden mit Deckel braten braten braten. Einmal gieße ich etwas Wasser nach.

 

Der Vogel ist ein Gedicht. Als ich das gute Stück klein schneiden will, brauche ich die Schere nicht, weil das Fleisch regelrecht von den Knochen fällt. Auf einer vorgewärmten Platte drapiere ich das Fleisch und die Farce, dazu gibt es frisches Apfelkompott (Boskop) ohne Zucker versteht sich und eine Pfanne mit roh gedünsteten Kartoffeln nur mit Rosmarin gewürzt.

 

Das Essen ist ein voller Erfolg, Mami lobt das Essen sehr und trinkt sogar einen Schluck Rotwein, natürlich vom Feinsten, ein phantastischer 98er St. Emilion. Papi stellt Mami eine belanglose Frage und bekommt keine Antwort: „Ah“, denke ich, „wie meine Frau!“, die das auch gut kann. Es entsteht eine gereizte Stimmung, die ich mit einer Erzählung über meine positiven Leberwerte zu überbrücken versuche. Ich warte eine Pause der Tante ab, die wie ein Perpetuum Mobile quasselt: Familie, Schauspieler, die Königin von England….

 

Mein kleiner Scherz, dass man offenbar um so gesunder bleibt, je mehr Rotwein man trinkt, wird von Papi mit einer Litanei über gesundes Essen und Trinken quittiert. Er doziert gerne und schlimmer noch, auch sehr lang. Ich langweile mich und spreche meiner Flasche zu. „Prosit, noch ein Schlückchen vom Guten?“ – „Nein danke, ich trinke immer nur ein Glas.“

 

Tja, dann stoße ich eben mit mir alleine an. Nach dem üppigen Mahl gibt es noch Käse und zum Abschluss eine feine Eistorte, „buche“ genannt.

 

Kaum ist das letzte Stück Torte verzehrt, räumt Mami schon ab. „Miep miep!“, schiebt sie sich um den Tisch herum, sammelt Teller ein, Besteck… Mir geht das alles zu schnell.

 

Eins meiner Kinder hat etwas Bauchschmerzen von der vielen Schokolade. Zur besseren Verdauung rühre ich in der Küche etwas Leinsamen in Wasser an, vermische das in Joghurt. „Was machen Sie da?“ Ich erkläre, was ich mache. „Ah interessant, ich würde gerne einen Kräutertee trinken, möchte noch jemand einen Kräutertee?“ -  „Kamille?“ – „Gerne!“ Ich setze Wasser auf, gebe ihm selbst geerntete Kamille, einen Siedebeutel und eine Kanne. „Ja, äh, ich kenne nur diese Teebeutel, wie geht das denn hier?“ Ich setze die Kamille selber auf. Neben mir greift eine Hand nach einem Papier, das auf der Anrichte liegt. Mami hatte sich in meinem Rücken heran geschoben und hält mir das unaufgeräumte Papier unter die Nase. Ich erschrecke ein bisschen. „Kann das in den Müll?“ - „Ja, öh, oder auch nicht, öh. Lassen Sie es doch einfach liegen.“ Die Antwort gefällt Mami nicht und sie schiebt sich zu meiner Frau, um ihr die gleiche Frage zu stellen. Schließlich gleitet sie zum Mülleimer.

Irgendwie erinnert sie mich an einen langsamen Roboter.

 

Zum Glück gehen alle schnell schlafen, Nur ich sitze noch im Büro und belohne mich mit einem weiteren Fläschchen dieses hervorragenden Weins, den wir sonst nur zu besonderen Anlässen trinken.

 

Am nächsten Morgen warte ich einen guten Moment zum Aufstehen ab, Mami und Papi sind wie immer schon seit halb sechs auf den Beinen, die Tante schläft länger und ich bin um halb elf der Letzte.

 

Das „Guten Morgen“, das mir mein Schwiegervater entgegen schleudert, kommt mir noch lauter vor als gestern.

 

Hier laufen schon die Vorbereitungen zum Mittagessen.

 

Ich setze mich zum Kaffee und Papi bleibt neben mir stehen, was mir unangenehm ist. „Setzen Sie sich doch.“ – „Och nein, ich stehe ganz gerne.“ Er steht also und beginnt mir Fragen zu stellen. Beruf, Familie, und und und. Er hört nicht mehr auf. Ich habe keine Lust zu antworten, er merkt das und überbrückt die Gesprächspause schnell mit einem Vortrag darüber, wie wichtig Recycling ist. Wahrscheinlich denkt er, dass ich mich als Deutscher darüber besonders freue. Schäl gucke ich ihn von der Seite an und denke, dass mich das alles überhaupt nicht interessiert. Ich würde am liebsten gar nichts hören.

 

Dann bietet er sich an, das Brot zu schneiden. Wie ein Held stellt er sich in die Mitte der Küche und schneidet das Brot, das er zu diesem Zweck auf die Schulter legt. In welchem Film befindet er sich denn nun schon wieder?

 

Die Brotkrümel prasseln nur so auf den Boden. Ich stehe schnell auf, nehme ihm das Messer weg. „Können Sie eigentlich gar nichts richtig machen?“, möchte ich ihn fragen, lasse die Frage aber stecken.

 

Mein Problem ist, dass ich wegen solcher Geschichten ständig mein Selbstbild korrigieren muss. Ich: MC, der Gütige, Meister Zen...

 

Sie schaffen es immer sehr schnell, mir dieses schöne Bild zu nehmen.

Es stimmt auch eh nicht. Aber wenn schon Wahrheit, dann auch richtig.

 

Nächstes Jahr fliege ich über die Feiertage mit Familie nach Madagaskar.

 

© MC                                                                                       Ihre Meinung?