Kuscheltier

 

Und wieder zähle ich die Stufen,

die du zurücklegen musst, bis du bei mir bist.

Nie nimmst du den Lift,

manchmal schleichst du sogar durchs dunkle Treppenhaus.

Nun höre ich dich.

Die leise quietschenden Geräusche deiner Kreppsohlen auf den Marmorstufen,

gerade hast du den letzten Treppenabsatz erreicht.

Bist du eben mit dem Arm an der rauen Wand entlang geschabt? 

Jetzt sehe ich das Lächeln in deinen funkelnden Augen,

höre dein Hallo.

Komme dir einen halben Schritt entgegen,

fasse deine Hand, ziehe dich herein.

Du schiebst die Tür zu.

 

Ein erster kleiner Kuss,

bevor wir uns heute wieder neu entdecken.

Wir sehen uns an,

und meine Augen füllen sich mit Tränen vor lauter Glück,

dich bei mir zu sehen.

Unsere Nasen küssen sich,

wir schauen uns an,

während sich deine und meine Stirn aneinander lehnen.

Schon jetzt fühle ich mich in einen Kokon gehüllt,

einen Kokon aus Nähe, Innigkeit, Ruhe und Zärtlichkeit.

Immer dichter spinnt er sich um uns,

nichts kann ihn durchdringen.

 

Dein Stöhnen so nah an meinem Ohr.

Deine Hände,

die sich an meinen Seiten aufwärts schieben,

bis sie in meinen Achseln geborgen werden. 

Warme Hände,

auf meinem Rücken,

die mich näher ziehen, noch immer näher.

Unsere Münder, Lippen werden eins.

 

Kennst du diese Bilder,

auf denen Grippeviren in eine Körperzelle eindringen?

So haben wir aneinander angedockt,

und bewegen uns langsam,

aber sehr sicher durch den Flur in den Wohnraum.

Einen Millimeter entfernst du dich von meinen Lippen:

"Ich bin so gern bei dir, wäre so gern öfter bei dir."

Ich schaue dich an, deine Augen sind geschlossen,

dein Gesicht sieht so entspannt aus!

Fast unmerklich zucke ich mit den Schultern,

mache die Augen wieder zu.

Nicht den Kokon verlassen, dafür ist es nicht die Zeit.

Viel lieber spüre ich deinen unglaublich weichen 5-Tage-Bart an meinen Wangen,

viel lieber nehme ich deinen unvergleichlichen Duft auf,

viel lieber...

komm, küss mich nochmal.

 

Seitdem ich dich küsse weiß ich,

dass sich Zeit in nichts auflösen kann.

Unsere Küsse sind vollendet,

es kann keine schöneren geben.

Sind sanft wie das linde Rot deiner Lippen,

wild und ungestüm wie die grau tobende See,

und so verschlingend.

Du ziehst einen Stuhl heran, setzt dich

und ziehst mich über dich.

Merkst du wirklich erst jetzt,

dass ich unter deinem Hemd nackt bin?

Erst jetzt, wo ich breitbeinig über dir sitze,

sich das Hemd geöffnet hat, und sich meine Scham an deiner Hose reibt?

Wortlos öffnest du die Knöpfe, küsst die freigelegte Haut.

Meine Brüste schmiegen sich an dich,

deine Arme legen sich fest um mich,

meine Arme bergen deinen Kopf, fühlen dein weiches Haar.

Du drückst so fest, dass ich nur flach atmen kann.

 

Lass los,

lass einfach alles los und flüster mir Villon ins Ohr.

Nicht denken, nicht jetzt.

Gierig verlangen meine Lippen nach deinen,

hastig öffnen meine Finger die Knöpfe deiner Hose.

Ich will dich hart und fest in meinen Händen,

ja, stemm dich hoch und reiß die Jeans herunter.

Lass mich,

ich dränge deine Shorts zur Seite

und greife den steifen Schwanz an der Wurzel,

lasse mich auf dich sinken.

Du fährst wie ein Stromstoß in mich,

durch meinen Körper,

versengst mich.

Zitternd halte ich mich an dir fest.

Jetzt nicht mehr bewegen.

Ruhe während wir eins werden.

Die Erfüllung unserer Lust geschieht

grandios bewegungslos.

 

Nach einer schlaflosen Nacht

gehst du fort.

 

Warte,

das Kuscheltier,

das dein Sohn dir mitgegeben hat,

damit du dich im Hotel nicht so allein fühlst,

ist aus deiner Tasche gefallen.

 

Es mir zu zeigen war nicht nötig,

ich weiß,

dass uns nur diese gemeinsame Nacht gehört.

 

Ein Jahr ist vergangen.

Wir haben uns verloren.

 

Für R.

 

© Martine Roissant