Vergangenheit

 

Sie stand in der Galerie und alles war fertig. Sie hatten es rechtzeitig geschafft. Alle Bilder waren gerahmt und gehängt und alles war vorbereitet: Die Gläser, der Sekt, der Imbiss. Die Arbeit war ihr fast über den Kopf gewachsen, soviel war es gewesen. Ihr Mann hatte ihr geholfen und jetzt war sie erleichtert. Es war wunderbar geworden. Die Bilder waren ein Traum! Die Galerie leuchtete. Das farbige Licht strahlte sogar noch auf die winterliche Straße hinaus. Und nun wartete sie auf die Besucher.

 

Die Vernissage sollte beginnen, aber noch stand sie alleine in dem großen, lichtdurchfluteten Raum. Sie sah topp aus. Der weiße, flatternde Hosenanzug stand ihr traumhaft gut. Ihr dunkles, lockiges Haar war nur mit einer silbernen Spange gehalten. Es fiel über ihre Schultern und schimmerte im Licht der vielen Lampen, wie dunkelrot-goldenes Kupfer. Es war alles perfekt - bis auf die Tatsache, dass sie hier alleine war! Sollte es in ganz Paris keinen Menschen geben, den ihre Bilder interessierten?

 

Nein, es gab doch jemanden! Die Glastüre ging auf und ein Mann trat ins Licht und füllte den Raum! Amélie hatte das Gefühl, als bekäme sie plötzlich keine Luft mehr. Seine Präsenz war einfach überwältigend. Eigentlich gab es nur noch diesen Mann! Alles andere war plötzlich nicht mehr vorhanden.

 

Er war groß - unglaublich groß. Amélie selber war auch nicht gerade klein und dadurch, dass sie so schlank war, wirkte sie noch größer. Aber ihre 1.79 cm verschwanden neben ihm. Er musste mindestens 1.95 cm groß sein. Er trug einen bodenlangen, dunkelblauen Mantel und einen großen Schlapphut in derselben Farbe und dann sah sie seine Augen. Sie waren stahlblau und leuchteten mit der Kraft ihrer allerbesten Bilder.

 

Wer war dieser Mann? Sie hatte das Gefühl, er sei nur wegen ihr gekommen! Unverwandt sah er sie an. Durchdringend, hypnotisierend und dennoch liebevoll! Als sei er gekommen, um ihr sein Lob auszusprechen! Nur, um sie zu sehen. Nur, um sie zu ... lieben! Er hob die Hand und winkte sie zu sich - mit nur einem einzigen Finger. - Und doch: Sie musste gehen! Sie musste zu ihm! Sie gehörte zu ihm! Langsam, als müsse sie sich in tiefem Wasser bewegen, ging sie auf ihn zu. War sie in Trance? Sie wusste es nicht. Sie hatte ihren Mantel in der Hand und er hüllte sie darin ein. Ihr Mantel war grau gewesen - jetzt war er blau! Blau wie der, den er trug.

 

Er griff nach ihrer Hand und öffnete die Tür. Sie traten hinaus auf die dunkle Straße. Die kalte Nachtluft traf sie, wie ein schneidendes Schwert. Dann aber fühlte sie seine Gegenwart, roch den Duft, der von ihm ausging. Sie blähte ihre Nüstern. Er roch wie ein feuchter Tannenwald im Herbst! Wundervoll - und die kalte Schneeluft war erfüllt von diesem Duft. Sie hatte das Gefühl diesen unglaublichen Geruch gar nicht tief genug in sich aufsaugen zu können. Amélie atmete tief! Alles an diesem Mann gefiel ihr.

 

Sie hörte entfernte Rufe hinter sich. Man wollte sie zurückhalten. Aber immer noch hatte sie den Eindruck, als wäre alles unwirklich. Die einzige Realität war er! Sie verließ ihren Mann, ihre Familie, ihre Ausstellung. Es gab nur noch eines, das sie wollte: Ihn! Hand in Hand gingen sie die Straße entlang. Es schneite und doch hatte sie immer noch den Duft des Waldes nach einem Regen in der Nase. Sie folgten der Seine - und sie spürte nur die Hand, die ihre hielt. Nach irgendeiner Zeit führte er sie weg - weg vom Fluss hinauf in die Stadt. Sie betraten ein Bistro und setzten sich. Die blauen Mäntel lagen neben ihnen auf dem Stuhl. Seinen Hut behielt er auf und als er den Kopf hob, um sie anzusehen, sah sie seine grünen Augen!

 

Amélie fiel mitten hinein. Sie versank in diesen Augen, wurde eins mit diesem Mann, der so geheimnisvoll in ihr Leben kam und doch nirgends anders hingehörte. Sie tranken sich zu - wortlos. Woher kam der Wein? Hatten sie ihn bestellt? Er stand einfach vor ihr - vor ihm - in langen, hohen, schlanken Gläsern und sie tranken gemeinsam. Es schmeckte wundervoll. In ihrem Kopf hatte kein anderer Gedanke mehr Platz, als dieser Mann, mit den unglaublich grünen Augen, in denen sie sich verlieren würde - wenn er sie nicht auffing. Aber sie würde nicht verloren gehen, nicht verschwinden. Dieser Mann, ihr Mann, ihr Schicksal - würde das nicht zulassen! Sie wusste es.

 

Seine Hände lagen auf dem Bistrotisch. Er hatte schlanke, kraftvolle, lange Finger.  Große, kräftige Hände mit dunkelblonden, weichen Haaren. Amélie mochte keine haarigen Hände und doch wollte sie nur noch Eines: Diese Hände auf ihrer Haut spüren! Sie stand auf und - wartete. Was sollte das? Was wollte sie?

 

Offensichtlich wusste er, was sie wollte! Er stand auf und nahm ihre Hand. Die Mäntel ließ er liegen. Sie verließen das Bistro. Die kalte Luft streichelte ihre Haut. Es fühlte sich an wie - Sandpapier. Sie hatte noch niemals etwas derartig Erregendes auf ihrer Haut gespürt. Er führte sie durch den Hauseingang in den Hinterhof und dann in das Haus, das sich dort im Schatten zusammenkauerte, als wolle es vermeiden gefunden zu werden. Sie stiegen eine Treppe hinauf und er öffnete die Tür. Amélie sah ein Schild darauf stand: Sander du Plessis.

 

Sie traten ein und dann kamen sie durch einen langen, dunklen Gang in ein riesengroßes, hell erleuchtetes Atelier. Amélie war fassungslos. Ringsumher, an den Wänden, hingen die besten, ihrer Gemälde. Sie hatte nicht bemerkt, dass hier ein Sammler am Werk war, der ihren Werdegang von den Anfängen an verfolgte. Doch am Erstaunlichsten war ein großes, halbfertiges Bild, das auf der Staffelei stand. Es war ein Porträt von ihr! - Abstrakt - kubistisch gehalten und doch war unverkennbar, wer das Modell sein musste. Und es war so umwerfend gut, dass sie instinktiv wusste, es würde ein Meisterwerk. Eine Sternstunde der Kunst! Ihr ganzer Körper erschauerte, ob dieser überwältigenden Malerei.

 

Er hatte die Anerkennung, die grenzenlose Bewunderung in ihren Augen gelesen und lächelte, dann trat er hinter sie und legte seine sensiblen Hände auf ihre Schultern. Gemeinsam versanken sie in dem Bild, das sie verband. Aber sie spürte es. Es war mehr. Sie gehörten zusammen - solange die Erde bestand! Amélie lehnte sich an ihn, und seine Arme umschlangen sie. Sie fühlte sich, als sei sie nach Hause gekommen. Endlich! Sie schloss die Augen und wollte ihn nur noch spüren - diesen unglaublichen Mann, der ihr gesamtes Leben veränderte!

 

Sie wusste nicht, wie es geschehen war, aber er hatte im Nu ihre Bluse geöffnet und nun lagen diese Hände, die sie schon im Bistro so verlangend angesehen hatte, auf ihren nackten Brüsten und lösten Gefühle in ihr aus, die sie noch niemals empfunden hatte. Er brauchte nicht fragen, er wusste, sie war einverstanden. Sein Mund presste sich auf ihre bloße Schulter und die Spitze seiner rauen Zunge glitt an ihrem Hals hinauf. Amélie drehte sich zur Seite, suchte diesen Mund, der sie in das Feuer der Begierde tauchte.

 

Ihre Lippen verschmolzen miteinander und wieder hatte sie seinen herben Duft in der Nase. Sie drückte sich eng an ihn und versuchte gleichzeitig ihre Hose abzustreifen. Sie wollte noch niemals in ihrem Leben so dringend von einem Mann genommen werden. Nur noch dieser Gedanke war in ihr. Ihr schöner, nackter Leib bebte vor Sehnsucht.

 

Sander drängte sie weiter in den Raum hinein. Dort stand eine Art Bar mit hohen Hockern. Seine Hände streichelten ihre Taille, hinab zu den zerbrechlichen Hüften. Er hob sie hoch und setzte sie auf einem der Hocker ab. Sie lehnte sich zurück an die ledergepolsterte Bar und spreizte ihre Beine. Ihn nur noch fühlen! Sander zog sie an sich. Amélie schlang ihre Beine um seine Hüften, presste ihn dichter an sich. Wo war seine Kleidung geblieben? Sie fühlte nur noch nackte Haut - warm und verführerisch, so erregend wie nichts anders, das sie kannte. Und immer noch hatte er kein einziges Wort gesprochen. Es war auch nicht nötig. Ihre Körper verstanden sich ohne Worte! Amélie schob ihr Becken weiter nach vorne. Sander trat zurück und betrachtete sie andächtig. Seine Finger streiften über ihre Brust, den Bauch zu ihren Beinen. „Schöner, als ich malen kann!“ flüsterte er.

 

Auch Amélie sah ihn an, konnte gar nicht genug sehen von diesem männlichen, kraftstrotzenden Körper, der ihr gehörte, der in sie eindringen und sie mit Seligkeit erfüllen würde. Sie streckte die Hand aus nach ihm und er trat zu ihr. Sein hoch aufgerichtetes Glied berührte sie zwischen den Schenkeln. Amélie stöhnte und legte sich noch weiter zurück, schob ihm ihren begehrlichen Unterleib entgegen. Seine Finger glitten hinab, spürten die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen. Ein Lächeln blitzte auf in seinen Augen. - Sie waren blau! Blau wie der Sommerhimmel über Paris! Ultramarin-Blau! Langsam drangen seine Fingerspitzen ein, tasteten, streichelten, liebkosten sie und brachten sie zum Wahnsinn. Solch sexuelle Gier nach einem Mann hatte sie noch niemals empfunden. Sie konnte nur noch daran denken, wie es sich anfühlen würde, wenn er ihr seinen prallen Liebesstab in ihre weiche, feuchte Scheide hineinbohrte. Sie presste ihre Muskeln zusammen. Er spürte es an seiner Hand, die sie noch immer liebkoste und wieder überstrahlte ein kurzes Lächeln sein Gesicht.

 

Sander kannte ihre Gedanken, ihre Sehnsüchte, den verzweifelten Wunsch ihn in sich zu zwingen. Er würde sie nicht länger warten lassen. Er konnte sie nicht länger warten lassen, denn auch er verging vor Sehnsucht, sie sich zueigen zu machen.  Als sie seine feste Spitze fühlte, die sie berührte, die sich ganz langsam tiefer schob, schloss sie die Augen. Ließ sich fallen in Gefühl. Nicht denken - jetzt! Sanft bewegte sie ihr Becken. Half ihm noch tiefer vorzustoßen in ihren glühenden Liebesspalt. Als er sie ganz und gar erfüllte, hielt sie still, öffnete die Augen und sah ihn an. Und sie hatte das Gefühl, als würde sich alles wiederholen. Auch seine Augen ergriffen von ihr Besitz, tauchten ein in ihre brauen, tiefen Seen und verschmolzen mit ihr. Ihre Seelen trafen sich tief in ihrem Inneren. Endlich war sie ganz! Sie und er - ein Wesen!

 

Sie hörte ihn stöhnen. Tief in seiner Brust stöhnte er - schmerzerfüllt. Doch dann hatte die Gegenwart wieder die Oberhand gewonnen. Er würde sie glücklich machen - er würde glücklich sein! Einmal in diesem Leben - in ihrem Leben. Er brachte es einfach nicht fertig, sie allein zu lassen! Nicht, wenn er die Möglichkeit hatte, zu ihr zu gelangen. Der Preis war ihm egal. Er würde seine Seele verkaufen - für sie!

 

Lange, genussreiche, tiefe Stöße - aus der Hüfte heraus. Amélie zitterte vor Lust. „Jaah!“ flüsterte sie. „Oh jaaah!“ Sie kam ihm entgegen, als wäre sie niemals mit einem anderen Mann zusammen gewesen. Nur er! Sie spürte ihn tief in sich. Nicht nur seine Männlichkeit, die sie erfüllte, die immer tiefer stieß, so als wolle er ganz und gar mit ihr verschmelzen, sondern auch sein Herz, seine Liebe, sein Selbst und all sein Genie, all sein Können. Er machte es ihr zu eigen.

 

Und dann fiel er auf sie, umschlang ihren bebenden Körper und presste sich an sie, wie ein Ertrinkender. Sie nahm ihn in die Arme und wiegte ihn - so wie früher! Und als der Höhepunkt sie erfüllte, presste sie ihre Lippen auf seine und spürte sein Zittern bis ins Mark. - „Ich liebe dich!“ keuchte er. „Du darfst es nie vergessen!“ Nur zögernd lösten sie sich voneinander, und Amélie wusste: sie war noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen. Sie sah in seine unglaublichen Augen und sah den Schmerz... den Abschied.

 

***

 

Als sie erwachte, waren ein süßes Gefühl von Erfüllung in ihr und ein sehnsüchtiger Schmerz, den sie sich nicht erklären konnte. Sie blieb einfach liegen und horchte in sich hinein. Ihre Gedanken kehrten zu ihrer Ausstellung zurück. Heute Abend würde die Vernissage sein. und sie würde ein Erfolg werden. Sie wusste es auf einmal ganz sicher. Plötzlich hatte sie eine Vision. Sie stand auf und lief in ihr Atelier. Die neue Leinwand stand bereits auf der Staffelei. Sie hatte sie gestern aufgestellt. Jetzt begann sie zu malen wie besessen!

 

Nach fünf Stunden kam ihre Galeristin, Mme. Martou und drängte sie, sich fertig zu machen. Schließlich gab es noch einiges zu tun. Sie war nervös und leicht hektisch, doch dann fiel ihr Blick auf das halbfertige Bild. Erstaunt starrte sie es an. Dann maß sie Amélie mit seltsamen Blicken. „Warum malen Sie das Bild eines anderen?“, fragte sie verwundert. - Amélie lachte. Sie verstand nicht, was ihre Galeristin ihr damit sagen wollte. „Ich male ein Selbstbildnis! Sehen Sie das denn nicht?“ Diese Frau verstand doch einiges von Malerei - was sollte diese eigenartige Frage?

 

Mme. Martou sah lange und genau hin und dann sagte sie: „Kommen Sie mit! - Sofort!“ Amélie musste sich anziehen, und sie schleppte sie zu sich nach Hause - in ihre Privatwohnung. Als Amélie das Bild sah, das in diesem Schlafzimmer hing, blieb ihr der Mund offen stehen. - Das war ihr Selbstbildnis! „Es wurde gemalt zur Zeit von Ludwig IVX.“ erklärte ihr die Eigentümerin. „Es ist ihr Selbstbildnis! Das sind Sie - und doch kann es nicht sein!“ Fassungslos setzte sich Mme. Martou auf ihr Bett. „So etwas habe ich noch nie erlebt!“ schnaufte sie. Amélie war, als hätte sie eine Ahnung, als könnte sie es erklären - und doch...!

 

Mme. Martou wusste doch mehr. „Diese Frau war wahrscheinlich die große Liebe eines der Marschälle Frankreichs. Eines gewissen Cômte du Plessis-Bellière!“ - „Sander du Plessis!“ Amélies Stimme war kaum mehr verständlich. „Ich habe ihn heute Nacht gesehen!“ flüsterte sie und dann entschloss sie sich, nichts mehr dazu zu sagen. Das war nur ihr Geheimnis! Schließlich war sie seine große Liebe, und er hatte einen Weg gefunden - zu ihr!

Sie trat ganz dicht zu ihrem Bild und hauchte: „Danke!“

 

Ihre Ausstellung wurde ein überwältigender Erfolg - aber das war schließlich kein Wunder!

 

© BvS                                                                                              Ihre Meinung?