Talisman II

 

Leise sirrt der Wind in der Haube vom Strandkorb. Ihr Mittelfinger bohrt sich zwischen die vom Badeanzug geschürzten Brüste. Sie fühlt die feine Kette. Gedankenverloren starrt Gaby auf ihren Buben: Auf Florian. Ihr Finger gleitet die Kette entlang und fühlt den Widerstand des Anhängers. Es erregt sie immer noch und sie fühlt das Ziehen in der Brust jedes Mal aufs Neue. Mechanisch umfassen ihre Finger den Zwetschgenkern großen Bernstein mit den beiden eingeschlossenen, sich umschlingenden Insekten. Ihren Gedanken nachhängend, schiebt sie den Bernstein in den Mund… Sie fühlt ihre Finger an den Lippen, so, als wären es seine Lippen. Sie legt den Stein unter ihre Zunge, rollt ihn durch den Mund und drückt ihn gegen den Gaumen… spielt mit ihm, als wäre es seine Zunge.

 

Ihr Florian steht in der Sandburg und erzählt den beiden Jungs aus dem linken Korb und der Ina aus den rechten Korb, dass nur nasser Sand formbar ist. Seine Haltung, aufrecht wie ein Gardesoldat. Kopf hoch, leicht schräg gestellt… wie sein Vater. Seine Armbewegung… Raum füllend. Das Zeigen zum Wasser… mit Zeige- und Mittelfinger wie sein Vater. Das Verteilen der Eimerchen, die Umsicht, die Fürsorge und das Kommando, die Führung zum Wasser… wie sein Vater. Wie der Vater, den er nicht kennt und der von seinem Sohn Florian nichts weiß. Tränen der Trauer füllen ihre Augen. Trauer, über die ungenutzten Chancen. Über ihre Ignoranz vor genau sechs Jahren - hier an diesem Ort.  Hier oben im gleichen Hotel, in dem Zimmer nebenan, in dem Zimmer, wo jetzt die Nanni schläft. Florians Nanni. Da, wo auch Florian schläft – mit seiner Nanni, weil seine Mutter hier ab Montag die jährliche Tagung ihres Verbandes organisiert und leitet. Sie hat keine Zeit.

 

Der Papa der beiden Jungs aus dem linken Strandkorb folgt auf Abstand der kleinen Karawane. Die gluckige Mutter von Ina legt sich entspannt zurück. Und

Gaby fühlt den Schmerz in der Brust, tief im Zentrum ihres Bauches. Sie hat spontan das Gefühl dringend urinieren zu müssen. Sie hat Angst, tiefe… tiefste Angst! Angst, was passiert, wenn der „große“ Florian erneut in ihr Leben tritt. Sie weiß es… Er ist seit gestern hier im Ort, für vier Tage - mit den Kanuten, so wie damals.

 

Vor sechs Jahren schwamm sie auf der Welle des Erfolges. Sie hatte einen mächtigen Mentor, war Vorzeigefrau, arbeitete hart an sich, an ihrem Fachwissen - und vergaß Mensch zu sein. Sie funktionierte wie eine Marionette. Männer, Partner im Leben, Freunde waren ihr nur lästig. Sie hatten Ansprüche, waren nicht bereit ihren Flausen und Kapriolen zu folgen… Aber sie konnte/wollte nicht zurück. Ihre Partner verließen - verbannten sie.

 

Der Letzte mitten im Liebesspiel… beim Eindringen in sie… als sie ihn fragte, ob er den Mülleimer schon nach unten gebracht habe. Er war einfach weggerollt, aufgestanden und wollte gehen. Sie, in ihrer Verblendung, verhöhnte seine „Dünnhäutigkeit“. Er spuckte ihr ins Gesicht, warf ihr die leere Weinflasche in den Schoß und höhnte: „Mach es dir selber!“ Damit verschwand er. Seine Sachen ließ er von einem Freund abholen.

 

Dann, kurze Zeit später, als ihre Schwester zum zweiten Mal und ihre Schwägerin zum ersten Mal schwanger waren, fühlte sie bei einer Familienfeier zwischen den beiden sitzend zum ersten Mal, was Frau-, was Muttersein bedeuten könnte. Der Wunsch nach einem Kind wurde fast übermächtig. Sozusagen über Nacht. Er manifestierte sich in ihr und ab diesem Zeitpunkt war ihr Denken nur noch darauf gerichtet: Kind - JA, Mann - NEIN. Die Suche nach dem geeigneten Samenspender, machte sie unfähig einem Mann vorurteilsfrei entgegenzutreten. Ihn als Ganzes zu sehen.

 

Es dauerte fast ein Jahr bis sie merkte, dass ihr Umfeld sie isolierte, dass Männer ihre Nähe mieden. Sie, die Erfolgreiche, hatte nur noch schleimende Drohnen um sich.

 

Bei der Tagung vor sechs Jahren hatte sie einen Vortrag gehalten, direkt am ersten Tag, zur besten Kernzeit. Nach dem Frühstück stand sie in ihrem Eckzimmer mit Blick auf den benachbarten Klub und Strand. Sie sah verwegene Männer in ihren Kajaks durch die mächtige Brandung surfen. Einer stand mitten in der Brandung und fing die Gekenterten ein. Er gab ihnen Instruktionen, schickte sie wieder und wieder zurück in die Wellen.

 

Gaby sah sich wieder am Rednerpult stehen, vor ihrem PC, „Enter“ drückend. Das erste Bild baute sich auf, im Saal wurde es leise. Doch vor ihrem inneren Auge sah auf einmal sie diesen „Breiten Rücken“ in der Brandung.

 

Das süffisante Lächeln des Diskussionsleiters brachte sie sofort in das Jetzt zurück. Sie spulte den Vortrag professionell und sehr gekonnt herunter. Saß dann neben den anderen Vortragenden und stellte sich den Fragen, um dann, in der Pause, auf die Terrasse zu entschwinden… nach dem „Breiten Rücken“ gucken!

 

Er stand noch immer im Wasser und pflügte durch die Wellen. Unermüdlich setzte er die Gekenterten ins Kajak, schickte sie zurück in die Brandung… üben. Er drehte sich um, um an Land zu stapfen… hob den Arm und winkt. Es war, als winke er ihr zu… hieße sie willkommen. Etwas in ihr ließ ihren Arm hochschießen – heftig zurück winken, nur um festzustellen, dass der Gruß nicht ihr galt. Enttäuscht ließ sie langsam den Arm wieder sinken. Er aber sah sie an. Bis zu den Knien in der schäumenden Gischt stehend, hob er den Hut, machte eine kleine Verbeugung zu ihr hin… einen kleinen Diener. Dankte, wie Schauspieler nach dem Applaus. In fröhlichem Übermut warf er ihr eine Kusshand zu.

 

Diese kleine Geste sprengte in ihr den Panzer - zerbrach die Kruste. Sie fühlte die Enge im Hals, den Druck in der Brust, wie einen Schlag in den Bauch, in die Blase. Ein Tritt in die Knie, und ihre Seele quoll über.

 

In der Mittagspause sah sie die Männer windgeschützt an der Quaimauer sitzend „Mittag machen“. Er mitten drin - mit einem Stock in den Sand zeichnend. Einer bemerkte sie, denn auf einmal schauten alle sie an. Er auch…  Und er erkannte sie und hob die Hand, um sie zu grüßen.

 

Seine Augen lachten… funkelten. Plötzlich erfüllte sie Stolz - ihn zu kennen und auch - von ihm wahrgenommen zu werden. Ständig lugte jetzt einer seiner Männer nach ihr, nur um sofort wieder seinen Ausführungen zu folgen.

 

Der Nachmittag verflog im Nu. In ihr war die ständige Unruhe, der Kampf gegen das latente „Ungenügend“ verschwunden. Von ihrem Zimmer aus sah sie auf der Wiese die Männer vor ihren Zelten kochen. Ein Bild, das sie an archaische Jäger und Krieger erinnerte. Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde ihr flau im Magen, weh ums Herz.

 

Sie sah ihn im Profil. Beobachtete, wie er kochte… im Topf rührte… würzte. Etwas in ihrem Inneren zwang sie einfach zuzusehen, bis die Dämmerung die letzten Konturen verwischte. Auf dem Bett liegend, beide Hände in den Schoß gepresst, überkommt sie das Verlangen nach einer Vereinigung, einer Verschmelzung mit diesem „Breiten Rücken“.

 

Lustlos, sogar mit einem leichten Ekel, holte sie sich von dem fast leer gefegten Buffet ihr Essen. Immer den „Breiten Rücken“ vor Augen - kochend. Sich an das leere Ende eines Tisches setzend signalisierte sie allen: „Lasst mich in Ruhe!“

 

Nach dem Essen ging sie einfach hinaus. Sie ging in den Ort - auf die Pirsch! Sie suchte den Zwölfender… den „Breiten Rücken“. Bei seinen Zelten war alles ruhig. Unten am Hafen sah sie einen der Kanuten aus einer Kneipe kommen und trat einen Augenblick später in die Gaststube. Sie sah ihn sitzen… allein, melancholisch, sinnierend. Bei ihrem Eintreten blickte er auf. Sie nicht erkennend, nahm er einen Schluck aus seinem Glas.

 

Ihr war, als stoße er sie zurück. So, als würde er sich ihr verweigern. Aber über das Glas hinweg musterte er sie. Gaby kannte diesen Blick der Männer, der Jäger… Das Anvisieren der Beute. Ihr Blick stand seinem Blick nicht nach. Beide wussten sie, dass sie sowohl Jäger, als auch Beute waren. Dann sein Erkennen… Er erhob sich und streckte ihr sein Glas entgegen. Sie trank es leer.

 

Das quiekende Lachen der Kinder lässt Gaby hoch schauen. Die vier verbuddeln den Papa aus dem Nachbarkorb. Diese Szene wirft sie endgültig um.

 

Gestern, beim Frühstück, kam die lang erwartete Frage von Florian: „Mama, warum haben wir keinen Papa?“ Sie erzählt ihm, dass er einen Papa hat, der auch Florian heißt. Einen Papa, der nicht hier ist, und dass sein Papa ein Kanufahrer ist - weit draußen in der Welt. Beim Erzählen überkommt sie das gleiche Gefühl wie damals… Sehnsucht, der Wunsch nach Erfüllung - nach einem Gefährten. Damals imaginär, heute nach Florians Vater. Und wenn er sich erfüllte… bekäme Florian Geschwister.

 

Heute Morgen zeigte sie ihm dann am PC wie ein Kanu aussieht. Sie zeigte ihm das Kanu seines Vaters, ohne es ihm zu sagen. - Aufgenommen vor zwei Jahren.

 

Als ER sie vor sechs Jahren um sechs Uhr morgens verließ, kam er noch einmal zu ihr zurück - an ihr Bett. Er griff unter ihren Nacken und hob ihren Kopf… küsste sie, presste seine Lippen auf ihre - und schob ihr mit harter Zunge den Bernstein in den Mund. „Den hat heute Morgen die Brandung angespült!“ Seine schwielige Hand stahl sich unter die Decke zwischen ihre Schenkel und presste sich auf ihre Vulva. „Ich weiß, wer du bist, und ich weiß auch, dass du mich finden könntest. Ich respektiere deine Entscheidung der ‚einen Nacht’. Aber… zeig mir den Bernstein, und ich gehöre dir!“ Sie schwieg. Das Nächste was sie hörte, war das Klicken der Tür.

 

Natürlich kennt sie ihn. Sie verfolgt sein Leben im Internet, weiß sehr viel über ihn, seine Arbeit, seine Leidenschaft. Auch, dass er nicht verheiratet ist, dass er Liebschaften hat. Sie hat auch schon vor seinem Haus gestanden - mit und ohne ihren Florian. Ihren und seinen.

 

Und… Gaby schämt sich. Sie fühlt sich schmutzig – schuldig. Sie hat ihn bewusst hintergangen - ihn reingelegt. Er wollte verhüten. Aber sie wollte sich gar nicht verlieben! Sie wollte nur den Samen… das Kind… und jetzt? Jetzt ist sie zerrissen – gespalten! Ist nicht mehr fähig, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

 

Ihr Handy vibriert, brummt, klingelt. Es ist das Büro. Ein paar zu klärende Fragen. Als sie wieder hoch schaut, sieht sie im Augenwinkel ihren Florian mit ausgestrecktem Arm in Richtung Strand entschwinden. Neben dem Strandkorb stehend, sieht sie eine Gruppe Seekanuten landen… Sieht, wie ihr Florian zum ersten Kanuten hingeht und ihn ohne Verlegenheit oder Scheu anspricht. Der zeigt auf die See hinaus und erklärt Florian etwas. Ihr Blick folgt dem Arm und plötzlich legt sich ein Nebel auf ihre Augen. Sie füllen sich mit Tränen… Schock, Freude, tiefste Angst ergreifen sie… Ein schwindelndes Hochgefühl. Gelähmt, unfähig sich zu bewegen, sackt sie in den Sand und sitzt neben dem Strandkorb. Sie sieht wie durch ein Fernglas den „großen Florian“ landen - aussteigen. „Ihr Florian“ packt den Knebel am Bug, wie er es bei den anderen Knuten gesehen hat… den Toggle, und zieht mit ihm das Kajak auf den Sand. Das Letzte was sie wahrnimmt ist, wie der „Breite Rücken“ in die Knie geht und mit dem Kleinen spricht.

 

„Mama, Mama!“ Florian hüpft auf beiden Beinen - aufgeregt… Der ganze kleine Florian ist in Bewegung. „Ich darf mit ihm ins Kajak! Du musst „Ja!“ sagen… hat er gesagt!“ Hastig zieht sie den Bernstein, ihren Talisman - ihr Faustpfand - über den Kopf und hängt es Florian um den Hals. „Sag ihm, er hat meine Erlaubnis!“

 

Florian fliegt davon. Sie sieht, wie er sich vor den „Breiten Rücken“ hinstellt, ihm gestenreich erzählt. Sieht, wie eine große Hand nach dem Bernstein greift - ihren Florian packt… hochschnellt. Sie sieht die ausgestreckte Hand mit den beiden zeigenden Fingern von Florian – auf sie weisend.

 

Wie von einer Schnur gezogen läuft sie den beiden entgegen.

 

©S’Rüebli                                                                               Ihre Meinung?