Nichtraucherin aus Überzeugung

Ich bin Nichtraucherin.

Aus Überzeugung.

 

Nicht mal in der Schule, mit 13, als es alle taten, habe ich getestet. Auch nicht, als Audrey Hepburn und die Zigarettenspitze ihr Revival feierten. Nicht mal, als Camel zum öko-alternativ-Outfit gehörte, oder der Zigarillo zum Yuppie-Dasein. Nolens-volens hat sich meine Einstellung ändern müssen, sind doch die meisten Milongas in verrauchten Hinterhof-Kneipen mit Luftabzügen, die ungefähr so gut funktionieren wie Blinzel-Auffordern mit Kurzsichtigen.

 

Und wieder mal ärgere ich mich, dass ich dort hingehe. Ist doch die reine Gesundheitsgefährdung… Schon allein der Geruch geht mir auf den Wecker, diese säuerlich-kalte Mief, stundenlang abgestanden und dennoch so dampfig, dass er durch die Kleidung bis in die Haut eindringt, und ich mindestens 20 Minuten unter der Dusche – und 3 Portionen Pfirsich-Duschschaum – brauche, bis ich mich wieder wohlfühle. Der Rauch beißt in meinen kontaktlinsengeplagten Augen. Und mit den Glimstengel-Zuzlern kann man eh nicht vernünftig umgehen – während sie eifrig saugen, können die Herrschaften ja nicht reden, von tanzen mal ganz abgesehen. Kurz gesagt: das alles ist nur orale Ersatzbefriedigung. Freud’sche Psychologie. Rauchst du schon, tanzt du gar Tango, oder hast du noch richtigen Sex?

 

Ja, ich ärgere mich. Davor, dazwischen, danach. Aber ich nehme ihn in Kauf, für einen, oder zwei, gute Tänze.

 

Heute sieht es aber nicht danach aus. Nur die altbekannte Seniorengruppe von Parkett-Schunklern, ein paar hüpfende Anfänger, und ein alternativer Haufen von Pseudo-Rockern, die ich noch nie gesehen habe. Einer dieser Typen – nicht allzu groß, Cargo-Pants mit Muscle Shirt, Cap und Chucks – fordert mich mit dominantem Kinnschwenk in Richtung Tanzfläche auf, kaum dass er die Kippe ausgedrückt hat. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Stranges Outfit. Tanzstil fragwürdig. Rauchgeruch vermutlich überall. Und sowieso spielt gerade die falsche Musik.

 

Als sich sein Arm um mich legt, und mich in den ersten Schritt treibt, ist mein Unwillen wie weggeblasen. Dieser unheimlich sichere Gang. Das Wiegen seiner Hüften. Dazwischen enganches, bei denen sich mein Bein um seinen Körper schlingt. Seine Fingerspitzen, die über meinen Rücken flirren, mich bewegen, ohne dass es mir bewusst wird. In den 4-Sekunden-Pausen zwischen den Stücken – 10 waren es mit Sicherheit schon – ruhen seine Augen auf meinen Lippen, oder auf meinen Brüsten, und fragen mich dazwischen zwinkernd um die längst gegebene Einwilligung. Ich will gar nicht mehr aufhören, ich kann es schlichtweg nicht mehr. Selbst sein Geruch – definitiv verraucht, aber auch so aufregend männlich verschwitzt – gehört zu diesen Tangos, in die ich eintauche wie in ein Paralleluniversum, aus dem ich auch nicht aufwache, als er mich von der Tanzfläche zieht.

 

Wie ich mich angezogen habe, und auf die Straße gekommen bin – keine Ahnung. Aber seine Hand um meine Taille war da, immer. Warm, und bestimmt. Sein Schweigen, unterbrochen von graumelierten Rauchwölkchen, hüllt mich in einen Kokon aus wohliger Gleichgültigkeit allem anderen gegenüber, aus dem mich erst seine Augen, brennend intensiv mir gegenüber, aufwecken. Da stehen wir, ich an eine Straßenlaterne gelehnt, er mir gegenüber, Millimeter entfernt.  Seine Hand fasst in meinen Nacken, zieht mein Gesicht an seins. Hungrig öffnet seine Zunge meine Lippen, und… da ist er wieder. Der Rauch-Geschmack. Nein: sein Geschmack. Diese Ahnung von ungezügelter Lust. Kaltgerauchte Lippen auf meinem Hals, Nikotin-Prickeln in meinem Mund, als mich seine Zunge erobert. Orale Lustbefriedigung pur. Oh hör bloß nicht auf. Zungenganchos, gierige Gebiss-Saccadas und Mordidas in meine Unterlippe. Minuten – oder Stunden? – später verabschiede ich mich mit einem letzten gierigen Saugen in die Nacht. Meine Haut duftet so köstlich nach Sex und seinen Händen, dass ich die Dusche ausfallen lasse.

 

Der Morgen bringt die gewohnte geistige Klarheit zurück, genauso wie Blendadent- und Pfirsichschaum-Reinheit, und dennoch… mir fehlt etwas. Lebenslust. Rauchig-schwere, sexschwülstige Intensität. Ein einziger dieser verdammten Glimmstängel aus der Notfall-Packung Gauloises hyper-légères zaubert mir eine Ahnung seines Geschmacks in den Mund – und ein glückliches Lächeln ins Gesicht.

 

 

©Tanguera                                                                                Ihre Meinung?