Freunde




Heute war er 73 Jahre alt, und heute war er glücklich. Er saß auf ihrem Balkon und wartete, dass sie wiederkam. Sie kochte Cappuccino - für ihn. Carola und er waren Freunde, wirkliche, gute Freunde. „Endlich!“, dachte er. Endlich waren sie Freunde. Wie viel Zeit sie vergeudet hatten, wie viel Glück er verschenkt hatte! Er kannte sie schon so lange, und immer - beinahe von Anfang an, hatte sie es gesagt: „Wir beide können Freunde sein!“ Und er hatte es geleugnet - vehement geleugnet.

 

Er saß in der Sonne und genoss die Wärme. Wie hatte er sich angestellt! Schon als sie das erste Mal zu ihm kam, hatte er es gewusst: Sie war in sein Leben geplatzt und hatte sein Herz aus dem Winterschlaf gerissen. Er liebte sie, so plötzlich, dass es weh tat. Er hatte dieses Gefühl noch niemals verspürt. Natürlich liebte er seine Frau, dachte er - aber sie? Bei ihr war alles anders.  Er, der verschlossene, maskuline Einzelgänger - er, der sich niemals preisgab, nicht einmal seiner eigenen Frau. Er hatte ihr niemals gesagt, dass er sie liebte. Er hatte es noch niemandem gesagt. Er hatte noch nie so geliebt - außer...

 

Sascha schloss die Augen und lächelte. Sie wusste es. Sie kannte ihn! Ihr musste er nichts erklären. Es gab keinen Menschen, der ihn so tief kannte, von dem er sich so durchschaut fühlte. Wenn er zurückdachte, dann war sie immer da - egal ob sie sich sahen oder nicht. Sie war in seinem Geist, und sie war in seinem Herzen. Immer!

 

Über zwanzig Jahre war es nun her, dass sie sich kannten, und er hatte sich so sehr gesträubt. Mann und Frau waren immer ein Liebespaar. Das war seine Ansicht gewesen, und er war schließlich verheiratet! Er war nicht interessiert! Hatte er geglaubt. Hatte er verkündet! Hatte er - vorgegeben! Es war seine Überzeugung gewesen, ja, aber er hätte sich auch anderes vorstellen können: Bei ihr - mit ihr... - SIE - seine Geliebte - seine Frau! Das Kribbeln, das ihn immer noch - noch heute – überkam, sagte ihm, wie wenig er sich trauen konnte, denn er wollte sie noch immer - schon immer. Denn sie und er waren eins!

 

Carola! Schon ihr Name machte ihn kribbeln. Fünfzig war er gewesen, als sie das erste Mal zu ihm kam. Sie kam zum Massieren. Eine schöne, große, üppige Frau Mitte Vierzig, blond und so selbstsicher, dass er schon wütend wurde, wenn er daran dachte. Frauen hatten untertan zu sein. SIE war nicht untertan - war es niemals gewesen. Und das Schlimmste war: Sie steckte ihn locker in die Tasche! Sascha hatte es immer gewusst - auch wenn sie es ihn niemals merken ließ.

 

Er schmunzelte, wenn er zurückdachte. Er hatte sie so brüskiert - und nur aus Unsicherheit und weil sie nicht merken durfte, wie begehrenswert er sie fand. Auch seine eigene Frau war so alt wie sie, aber sie waren überhaupt nicht vergleichbar, die beiden Frauen. Tanja war süß, klein, rund und mollig. Sie war brav, keusch und züchtig, und sie war ihm untertan. Er hatte sie aus der alten Heimat mitgebracht: Aus Kasachstan. Sie lebten seit 12 Jahren in Deutschland damals, und sie waren relativ zufrieden. Sie sprachen gut Deutsch, sie hatten beide einen Arbeitsplatz und verdienten recht ordentlich. Warum sollte er unzufrieden sein?

 

Und dann brach da ein Weib ein in sein Leben und stellte alles auf den Kopf, alles, von dem er geglaubt hatte, es sei ehern gefügt - unveränderlich für alle Zeit. Sie lehrte ihn, welche Gefühle die Unsicherheit vermittelte. Sie lehrte ihn, wie verlockend es sein konnte, nicht sicher zu sein - zu schwanken beim Gehen, wie auf einem Schiff im Sturm. Sie prickelte wie Champagner in seinem Blut, in seinem Unterleib - und er hatte sie gehasst dafür, gehasst und geliebt und auch - begehrt!

 

Sascha hatte sie von sich gestoßen und sie - hatte nur gelacht. Seine Brüskierungen trafen sie nicht. Sie war ja so verdammt sicher. Immer wenn er sie berührte, hatte er es gespürt. Er konnte es nicht verhindern, auch wenn er versicherte: „Ich bin Therapeut! Ich bin nur professionell!“ Sie sah ihn an mit ihren blauen, leuchtenden Augen und sagte: „Ja, klar! Sie sind Therapeut und ein Profi - kein Mann!“ Und dann wusste er, dass sie wusste ... und seine Hände glitten zwischen ihre Schenkel und berührten sie so zärtlich, dass sie diese verdammten Augen endlich schließen musste. Dann musste SIE sich beherrschen, musste ihr Stöhnen unterdrücken, und er biss die Zähne zusammen, um nicht über sie herzufallen, und er fühlte sich so gut dabei, so unglaublich stark, so sehr ihr Herr - Herr, über solch eine Frau - dass er einfach nicht verzichten konnte.

 

Wenn sie ihn ansah, ihn anlachte - liebevoll und ein klein bisschen spöttisch - dann fühlte er sich geborgen. Dann wollte er sich am Liebsten in ihre Arme flüchten, sich ankuscheln, wie ein kleiner Junge. War das denn alles logisch? Nein, sicher nicht! Aber so war es. Er beherrschte sie - und doch: Sie hielt sein Herz in ihren Händen. „Mein kasachischer Macho“ nannte sie ihn - und er war stolz darauf.

 

Und dabei sahen sie sich so selten. Sie kam höchstens ein, zwei Mal im Jahr, und dann hatte er sie fünf Wochen lang unter seinen Händen. Zwei Mal pro Woche und das noch nicht mal eine Stunde lang. In dieser Zeit kletterte sein Blutdruck in schwindelnde Höhen und seine Libido erreichte Spitzenwerte. Denn wenn sie sich auszog und im Badeanzug vor ihm auf der Liege lag, dann knirschte er mit den Zähnen, aber immer – immer – immer hatte er es geschafft. Und darauf war er stolz - und dafür hatte er sich verflucht.

 

Einmal nur hatte er sie nackt gesehen, sie hatte geweint vor Schmerz, und er, Sascha, konnte den Anblick ihrer Brüste nicht genießen - ihrer Hüften - ihrer Scham - all dessen, wovon er geträumt hatte, denn sein Herz blutete für sie. Ihr Schmerz zerriss ihn. Er hatte einen Kollegen geholt, hatte gezittert vor Angst ihr wehzutun, hatte sich gequält mit der Vorstellung, sie würde die Bandscheibenoperation nicht überstehen. Es war ihm schlecht gewesen bei dem Gedanken, sie zu verlieren, aber gesagt hatte er nichts. Niemals!

 

Sein Leben hatte er aber immer mehr ausgerichtet - nach ihr. Als er umzog, zog er in ihre Nähe. Als er einen Sportverein suchte, da wurde es der Sportverein, in dem sie ... Und als vor Jahren seine Frau gestorben war, da nahm er zu allerersten Mal eine ihrer dreitausendfünfhundert Einladungen zum Kaffee an. Er kannte ihren Mann und er mochte ihn. Der Respekt, den er für ihn empfand, hielt ihn in Zaum, aber seine Gefühle änderten sich nicht. Und dann war auch sie alleine.

 

Jetzt waren sie täglich zusammen. Er tröstete sie. Er half ihr, ließ sich dabei selber helfen. Zum allerersten Mal in seinem Leben fühlte er sich nicht einsam. Niemals hatte er so viel geredet, hatte er einem anderen Menschen so viel Einblick gegeben in seine Seele, und niemals war er glücklicher gewesen. Carola! Es war drei Jahre her.

 

Jetzt saß er auf ihrem Balkon und dachte darüber nach, wie sein Leben verlaufen wäre - an ihrer Seite, mit ihr als seiner Frau. Er erinnerte sich an seine Hände auf ihrer Haut, er erinnerte sich, wie wenig professionell seine Gefühle dabei gewesen waren. Er erinnerte sich an all seine Sehnsucht nach ihr, all seine Begierde. Wenn er die Augen schloss, konnte er ihren Körper spüren - an seinem. Warum begehrte er sie noch immer?

 

Als Carola mit zwei Tassen Cappuccino in Händen auf den Balkon trat, glaubte sie, er sei eingeschlafen. Sascha saß in der Sonne, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und hielt die Augen geschlossen. Behutsam stellte sie ihre Tassen ab und öffnete den Sonnenschirm, drehte ihn so, dass der Schatten ihn schützte. Sie wusste, ihm wurde es schnell zu heiß. Obwohl! Jetzt war es nicht mehr zu heiß. Es war Herbst geworden. Leise trat sie näher und betrachtete ihn. Sein Gesicht war von einem Gespinst feiner Fältchen überzogen, und sein Haar war inzwischen schlohweiß. Wie entspannt er da saß. - Sollte sie? Langsam hob sie ihre Hand, und dann strich sie ihm zärtlich und ein bisschen schüchtern über das Haar.

 

In diesem Augenblick öffnete Sascha seine Lider und sah sie an. Seine dunklen Augen glänzten. Dann stahl sich ein Lächeln in sein Gesicht. Er griff nach ihrer Hand und sagte deutlich: „Carola, ich liebe dich!“

 

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