Wenn Paare das Sehen lernen - für den zweiten Frühling

 

"Die meisten Paare haben fürchterliche Angst, ihre Beziehung zu organisieren. Sie haben das Gefühl, es passe einfach nicht zu einer Liebesbeziehung, die so etwas Heiliges ist und sich spontan ergeben sollte. Nur: Alles, was ihnen sonst teuer ist, besprechen sie, dort wägen sie ihre Bedürfnisse ab und verhandeln. Aber bitte nicht die Liebe. Die lassen sie rutschen, bis sie von der schiefen Ebene ins Chaos, ins Puff gleitet."

 

Und weil alles schon tausend Mal gesagt ist und immer noch nichts verstanden, versucht Klaus Heer seiner Klientel das Sprechen und mehr noch das Zuhören, das Verhandeln beizubringen. "Meistens frage ich zuerst den Mann, ob er freiwillig hier sei. In der Regel sagt er: Nein, sie hat uns angemeldet. Dann sage ich: Das muss unangenehm sein für Sie, mitgeschleppt zu werden. Aber wir können ja trotzdem mal schauen, was dabei rauskommt. Oft ist der dann schon ganz froh, dass er nicht gleich eins auf den Deckel bekommt. Das kennt er nämlich schon von seiner Frau."

 

Von seiner Frau?

 

"Die meisten Männer sind, wenn sie hierherkommen, in der Defensive, weil ihre Frauen mit ihnen einfach nie zufrieden sind."

 

Einfach? Nie?

 

"Nein, nie. Ständig nörgeln sie: Du läufst immer weg, du lässt deine Kleider überall hinfallen, du bist nicht zärtlich, ständig auf Abwehr. Und weil die Frauen sie mitgeschleppt haben, erwarten sie, dass der Therapeut als verlängerter Arm der Frauen in die gleiche Kerbe haut."

 

Das Gespräch beim Paartherapeuten soll ein Muster abgeben für die Gespräche zu Hause. Während die zwei sich nacheinander die Meinung sagen, leistet Klaus Heer Übersetzungsarbeit, schält aus den Vorwürfen das heraus, was drinsteckt: pures Elend, Verzweiflung, Hilflosigkeit und eine schmerzende Sehnsucht, die Beziehung zu verbessern, zu retten, ins Lot zu bringen.

 

"Gegen Ende der Sitzung kommen wir dann bereits zu den praktischen Sachen. Wie sie leben, zum Beispiel. In einem ehelichen Schlachtschiff. Ihr Verhältnis besteht aus Reibungen und Ödnis, aber sie wohnen trotzdem, wie es Möbel Pfister vorgesehen hat. Im gleichen Zimmer, in der gleichen Bettumrandung."

 

Das eheliche Schlachtschiff, ein Relikt aus besseren Zeiten, als Anziehung noch Trumpf war und die Aufregung groß, in einem 1,40 Meter breiten Bett den nackten Körper des Liebsten zu spüren, den ruhigen Atem der Liebsten zu hören. Auf Dauer lebt kaum ein Paar gut damit. "Sie können weder eigenständig Licht haben noch fernsehen, geschweige denn schnarchen oder furzen. Die Frau, die keine Lust hat, aber Angst vor der Schärfe des Mannes, die geht einfach später ins Bett und steht früher auf. In der Schweiz setzen wir alles dran, dass die Kinder ihre eigenen Zimmer haben, aber die Eltern, die müssen zusammen sein." Die Wohnverhältnisse zu entflechten, ein eigenes Zimmer zu beziehen, ist meist kein falscher erster Schritt.

 

Ist Sexualität denn so wichtig in einer Ehe?

 

"In unseren Köpfen versorgt uns die Ehe mit Überfluss an Sexualität und Lustbarkeit. Wir glauben, die Ehe sei ein Freudenhaus. Das entspricht aber nicht der Realität. Meiner Erfahrung nach beginnt die Sexualität zu klemmen, sobald Kinder da sind. Das ist doch verblüffend. Es ist also eher so, dass die Sexualität das goldene Tor zu einer Institution darstellt, die der Fortpflanzung dient, und wenn wir einmal drin sind und die Sexualität diese Aufgabe erfüllt hat, dann zieht sie sich mit Vorliebe zurück. Für die Aufzucht der Kinder sind dann andere Qualitäten gefragt, zum Beispiel Solidarität und Schulterschluss zwischen den Eltern, deren Paarintimität vor ausufernden Kinderbedürfnissen geschützt werden muss."

 

Die Biologie ist doch wohl nicht das einzige, was menschliches Handeln bestimmt.

 

"Es ist ein auserlesenes Kunststück, verheiratet zu sein, zusammen zu wohnen, Kinder zu haben und es auch sexuell gut miteinander zu haben. Das weiß ich aus meiner therapeutischen Praxis, wo ich obendrein nur die Elite der Paare zu sehen bekomme, die andern bleiben nämlich zu Hause. Die Sexualität fürchtet nichts mehr als die Nähe. Einander sehen in jeder erdenklichen Alltagssituation, beim Zähneputzen, beim Darmentleeren und beim Fussnägelschneiden, beim Essen und beim Nasebohren: Das ist kein günstiges Klima für Eros und Sex.

 

Die sexuelle Liebe hat zwei Enden, das eine ist die Nähe, das andere die Distanz. Die Distanz passt aber nicht in unsere Ideologie. Man muss alles zusammen: Zusammen wohnen, zusammen einkaufen, zusammen im gleichen Bett schlafen, zusammen Mozart und zusammen Tennis. So ein Schwachsinn, das ist doch nur die Hälfte, nur das Einatmen. Die meisten Paare sind asthmatisch, sie können nicht ausatmen, nur einatmen, nahe sein und näher. Die kommen dann und sagen, uns fehlt die Nähe, wir sind so weit voneinander weg, dabei leiden sie an Nähe, die ihren Namen geändert hat und mittlerweile Reibung heißt. Sexualität aber muss fließen. Sie braucht Distanz, dass zwei aufeinander zugehen können, dass sie einander von oben bis unten sehen, ganz, nicht nur die Zähne, die bösen."

 

Sexualität gab es in Klaus Heers Kindheit und Jugend nur im Stall, zwischen den Tieren. 1943 geboren als ältestes von zwölf Kindern einer Kleinbauernfamilie in der schwarzkatholischen Innerschweiz, war er das Gottesopfer und hatte deshalb die einmalige Chance höherer Bildung. "Der mittelalterliche Geist der 50er Jahre hatte viel mit Moral zu tun. In der Kirche hielten wir Exerzitien, drei Tage lang Stillschweigen und Vorträge, dass die Jungen keusch und rein bleiben müssen, auch in Gedanken. Danach konnten wir beichten, was wir alles schon falsch gemacht hatten, obwohl wir ja noch gar nicht damit angefangen hatten. Das ist die eine Seite des Katholischen, aber dann gibt's ja noch das Schöne, die Musik, die Gerüche, das hierarchische Denken, dass man nie das bleiben soll, was man schon ist, dass man sich raufschaffen muss vom Kaplan zum Papst. Ich war selbstverständlich Oberministrant."

 

Erst das Treuegelübde macht aus zwei Individuen ein Paar. Folglich gibt es zwei Reaktionen auf einen Treuebruch: heisere Entrüstung darüber, dass der oder die andere es wagt, auf eigenen Füßen irgendwelche Unternehmungen zu starten, und der Schreck ob der plötzlichen Einsicht, dass der ganze versicherte Haushalt nur ein Versprechen ist. Aus lauter Angst vor der Wahrheit, dass jede und jeder letztlich vor sich selbst wie für die Beziehung verantwortlich ist, verkommt die Ehe dann zum Sanatorium: "Man schont sich gegenseitig und überall, traut und mutet sich und der Partnerin nichts zu. Das gilt selbstredend auch für die Sexualität. Man teilt sich nicht mit, fragt nicht, weil es unerträglich wäre, Ähnliches vom anderen zu hören."

 

Die Sprachlosigkeit, die Wörter einfach nicht benützen zu können, das kennt Klaus Heer aus eigener Erfahrung. Aufgewachsen und geborgen in der Enge einer weitläufigen Verwandtschaft, auf einem Hof, wo die literarische Welt mit dem Kirchengesangbuch anfing und mit "Wie Globi Bauer wurde" bereits zu Ende war, eingeklemmt zwischen den Bergen am Vierwaldstättersee, streng gehalten in den Klosterschuljahren, hat er während seiner ganzen Kindheit und Jugend seine Gefühle für sich behalten. Später dann, während des Studiums in Hamburg und Bern und vor allem während seiner Ausbildung zum Therapeuten, war er in Hunderten von Einzel- und Gruppenstunden gezwungen, mit der eigenen Stummheit zu kämpfen. "Freiwillig hätte ich das nie gemacht. Ich hatte ein abgrundtiefes Misstrauen gegen alles, was darauf abzielte, mich zu öffnen. Diese Angst sehe ich bei vielen meiner Klienten immer wieder. Nein, da beschuldigt einer lieber die Frau, sie dringe ständig ein, als dass er sich mal ansieht und merkt, wie verschlossen er ist."

 

Diese Verstocktheit frontal anzugreifen, sie einem Verblendeten aufs Auge zu drücken, das war früher seine Arbeitsmethode. Heute setzt er weniger auf Konfrontation und versucht auch, die Paare von ihren festgefahrenen Auseinandersetzungen auf die schönen Seiten ihrer Beziehung zu lenken, ihnen statt der Schwächen ihre Stärken zu zeigen. Klar ist Klaus Heer, dass sich zwei Menschen trotz aller Liebe nie wirklich verstehen können. "Wir tun uns schwer mit dieser Einsicht. Wir stellen unsinnige Harmonieansprüche, anstatt zu lernen, unsere Missverständnisse so angenehm wie möglich zu gestalten."

 

Auszug aus einer Reportage von Gabriele Werffeli in: "Das Magazin" der Zeitung "Tagesanzeiger" Zürich, 11/l 995, Seite 20-25

 

© Dr. Klaus Heer