Lerche - Liebe - Leidenschaft


Teil 3: Sol - La


Ti - Do

Man trägt sein Glück auf den Armen


Patricia

 

Ich will nicht nach Hause. Meine Betreuerin habe ich informiert, dass ich, wenn ich nicht da bin, bei meiner Freundin übernachte! Ich sage es ihm! Und was macht dieser Kerl? Als ob er nichts ernst nehmen kann, grinst er wie ein Faun, packt seinen Schwanz und zieht ihn lang: „Komische Freundin!“ Dieses freche wissende Grinsen, als ob er sich innerlich über den gelungenen Streich amüsiert. Im Nu sind wir wieder „landfein“ - wie er es nennt - und rollen Richtung Stadt.

 

Er hört überhaupt nicht, wenn ich sage, wie er fahren soll! So ein sturer Kerl. Plötzlich stehe ich in der Halle vom „Ersten Hotel“ am Ort. Höre etwas von umgeräumt. Meine Fragen verhallen ungehört in der Halle, prallen gegen Fahrstuhlwände und an die nach vorne geklappten Ohren von Jürgen. Der Kerl hat sich das Behindertenzimmer geben lassen. Einfach so. Ich bin wütend… auf mich… auf ihn… auf alle. Alles hat er sich schon vorher ausgedacht, dieser Scheißer! Dieser Stinker! Mich einfach so zu vereinnahmen. Woher nimmt er sich die Frechheit?

 

Er dreht mit mir übermütige Pirouetten durch das geräumige Zimmer. Singt fürchterlich falsch „Im Frühtau zu Berge …!“ Über mein Sturmgesicht lacht er nur. „Letzte Nacht hast du mich verführt! Die Scheune war wohl von dir geplant - oder? Das hier ist nur die logisch-biologische Fortsetzung der Planung, gutes Fräulein Patricia!“

 

Dieses Zimmer, diese Dusche, das Bett… „King-Size“ meint Jürgen. Zum ersten Mal werde ich von einem Mann, der mich als Frau anfasst, gewaschen. Himmel! Meine Haare… das sind seine Hände, die da wühlen… Wonniger Schauer. Ich fühle sein halbsteifes Horn zwischen meinen Schulterblättern. Jetzt umfasst er meine Brüste - streichelt… zwirbelt sanft - zärtlich die Nippel, erhöht den Druck wird schneller und ich – ich habe das Gefühl, ich könnte fliegen. Ich spüre schon wieder das sehnsüchtige Ziehen in meinem Unterleib... und gleichzeitig wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass er mit dem Streicheln und Zwirbeln nicht aufhört... Ich fühle, wie es sich aus meinem Innern heraus ausbreitet, die Spannung, die Wärme, die Leichtigkeit. Der Sog, das Gefühl, alles in mich aufzusaugen, lässt mich schweben. Wellen, als würde ich auf einer Luftmatratze im Wasser schaukeln, durchlaufen meinen Körper. Ich hechle, keuche… kann mich nur noch in seinen Händen, Armen winden, die mich weiter umschlingen, reizen… Ersehnte Erlösung…

 

Versonnen lächelnd kniet er vor mir, wäscht mir mein Kätzchen, meinen Po, als ob es das Selbstverständlichste der Welt ist. Kitzelt meine Rosette, und als ich protestiere, ist er schon wieder anderswo mit seinen Händen. Jürgen sitzt vor mir auf dem Boden, meine Füße in seinen Schoß gestellt. Er wäscht mir meine Füße, merkt, dass ich kitzelig bin und nutzt es schamlos aus. Immer wieder - mit dem Nagel vom kleinen Finger - kratzt er sanft über die Fußsohle. Amüsiert sich über mein Gequietsche und den Protest. Er merkt, dass das Massieren und Streicheln meiner Beine mich anmacht und bringt mich erneut in einen schönen Schwebezustand. Dabei rauscht ständig das warme Wasser über unsere Körper. Was für ein Luxus!

 

Als er mich - uns -eingehüllt in flauschige Bademäntel aus dem Badezimmer trägt, schlägt’s vom Kirchturm „Sechs“.

 

Jürgen

                       

Was denn? Meine Lerche ist reif! Mehr als reif! Sie baggert mit der großen Schaufel. Hier steht eine Frau in lodernden Flammen. Und ich? Ich habe einfach für das Wochenende das Behindertenzimmer im Hotel gemietet. „Meine Frau kommt zu Besuch!“

 

Dass Patricia die Regie für die Verführung führt - über sich hinaus wächst - war im Ansatz schon absehbar! Die versteckten Anspielungen beim Mittagessen mit ihren „Leidenskameraden“, vor allem den „Kameradinnen“, zeigte, woher sie den Rückhalt bezieht. Wo das Fundament ihrer Stärke, ihres Mutes ankert. Mich über den Haufen zu rennen, dazu bedarf es nicht viel. Eigentlich bin ich reif für eine neue Liebe, diese Sehnsucht nach Geborgenheit. Beherrscht mich doch seit Monaten das Bedürfnis. wieder für jemand DA sein zu können, meinem Leben eine Aufgabe zuzuweisen. Deshalb erstaunt mich diese Entwicklung überhaupt nicht. Nur die Heftigkeit und Geschwindigkeit, mit der ich überrannt werde überrascht – angenehm - wohltuend.

 

Wie die „Trula“ genießen kann! Wie sie sich mental in eine Situation hinein denkt… fühlt! Als sie nach zwei Schüssen ihre Blume hat und nach zwanzig Schüssen den Bären, war sie am Flennen vor Freude. Das Einhorn will sie reiten - mit ihm ins Märchenreich entschwinden. In der Venusmuschel kopulieren wir mental zum ersten Mal. Mit den Lebkuchenherzen nimmt sie mir den letzten Skrupel. Jetzt liege ich neben ihr im „King-Size-Bett“ - nackt - zwischen den frischen Laken, nach Seife und Shampoo duftend. Das Morgenlicht durch die schweren Portieren gedämmt, gibt dem großen geräumigen Zimmer Eleganz und Großzügigkeit. Meine Lerche zwischen den Kissen und Decken eingebettet, kippt erschöpft in einen tiefen Schlaf. Ich folge ihr wohl ein paar Minuten später!

 

Frühstück! Frau Gruber von vorne, Frau Gruber von hinten! Von der einen und von der andern Seite. Lerche spielt mit… Schatz hier, Schatz da! „Schatz, kannst du mal?“ – „Herr Gruber, Ihre Gattin… eine tolle Frau, so mutig, so stark!“

 

„Ein Gespräch für Sie!“ - „Hier Felix, der Chorleiter! Erinnern Sie sich?“ - „Und ob, sicher!“ Bevor ich weiter sprechen kann „Wo ist Patricia? Gerhard macht die ganze Gemeinde rebellisch, wissen Sie, wo sie ist?“

 

Schelmisches Grinsen meiner Lerche. Patricia, die das Gespräch halbwegs mitbekommt, streckt die Hand aus. „Hier Pat! Guten Morgen Felix! Ich bin seit heute Morgen ca. halb eins seine Frau! Wir sind ein Paar!“ Sie wettert das minutenlange Lachen von Felix einfach ab. „Also… wenn du mit uns frühstücken willst, komm einfach ins Hotel. Ach, du stehst davor? Dann bis sofort!“

 

„Wir haben heute Abend ein Konzert im Dom! Ich habe es verdrängt, fast vergessen!“ Lerche wird über und über rot. „Puh! Und was nur Felix weiß… ich habe auch mit dem Gospelchor geübt. Beide Chöre singen abwechselnd und das letzte Lied zusammen.“ Sie zerknüllt in ihrer Nervosität die Serviette. „Ich habe zwei Solopartien zu singen!“

 

Felix kommt durch den Raum gestürmt - geflogen. Man sieht ihm die Erleichterung an, als er uns beide gelöst - entspannt - beim opulenten Frühstück antrifft. Tuscheln, Flüstern, Nicken, Schütteln, Insistieren. Langes Gesicht von Felix, steile Falte zwischen den Augenbrauen bei Patricia.

 

 

Patricia

 

Felix' Anruf bringt mich in das Heute zurück. Peinlich! Ich vergaß in der ganzen Verliebtheit, dass wir heute Abend ein Konzert haben und ich zwei Soli singen muss. Felix ist außer sich über das Verhalten von Gerhard. Er will ihn aber nicht ausschließen, obwohl er meine Nervosität und mein Unvermögen, seine vereinnahmenden Anspielungen zu verkraften, kennt. Er verspricht mir, mit Gerhard zu sprechen. Jürgen hört zu, und plötzlich mischt er sich in die Choreographie ein.

 

Felix ist erst irritiert, nickt dann zustimmend, und ich werde nicht gefragt. „Kennt ihr Giora Feidmann?“ „Blöde Frage - wer kennt ihn nicht!“ „Er kommt immer leise spielend aus der Tiefe des Zuschauerraumes.“ „Ist seine Masche - bekannt, und?“ „Er verabschiedet sich oft auf die umgekehrte Art!“ „Ein alter Hut! Haben viele schon vor ihm gemacht!“

 

„Lerche, du singst dein drittes Solo… eröffnest quasi das Konzert, indem ich…“ Jürgen und Felix hecken über meinem Kopf hinweg was aus. Und als ich es höre, bin ich Feuer und Flamme… und voll dabei.

 

Aber mir sausen noch andere Gedanken durch den Kopf. Wenn mein Lauscher mich schiebt, bei mir ist - mein Begleiter ist… kann mir Gerhard nichts antun, mich nicht treffen. Wenn Jürgen mit mir öffentlich beim Konzert auftritt, ist das ein Versprechen… O Gott natürlich auch von mir… Von UNS! Felix denkt in die gleiche Richtung, „Ihr wisst, wie der gemeinsame Auftritt aufgenommen wird?“

 

 

Jürgen

 

Ups, ich muss mir passende Kleidung besorgen. „He, meine Lerche, was trägt eigentlich der Galan der Primadonna - dein „Knappe“?“

 

Kugelrunde Augen mit gemaltem Fragezeichen. „Der männliche Chor trägt schwarze Hose, weißes Hemd mit Krawatte und der weibliche Chor langen schwarzen Rock mit weißer Bluse, kleines Dekolletè.“

 

„Oh, wie aufregend!“ kann ich mir nicht verkneifen.

 

Felix schmunzelt. Seine Augen sprühen vor Freude und Energie. „Bringen Sie Pat dazu, als Solistin auch als Solistin aufzutreten!“ Bei den Konzerten macht sie immer einen auf Kartoffelsack… Aschenputtel. Bei den Proben sieht sie immer peppiger aus!“ Felix telefoniert, grinst, nickt, bedankt sich, unterbricht.

 

„Schatz… diese französischen Hörnchen… so was Leckeres… Kannst du?“ Ich war noch nicht vom Tisch weg, als Lerche mit Felix schimpft, von wegen graue Maus und Aschenputtel!

 

Lerche quetscht das dritte Croissant in sich hinein und tut, als ob der ganze Spuk um Kleider, Haare und Maske sie nicht interessiert, nichts für sie ist. Felix legt mir eine Telefonnummer hin. „Um ein Uhr ist Anprobe im Theater. Beide! Dann bis neunzehn Uhr.“

 

Kaum ist Felix um die Ecke, sprühen Patricias Augen Funken, und dann kommt mit spitzer Stimme: „Ich trage meine schwarze Hose und die weiße Bluse - wie immer. Anmalen lasse ich mich auch nicht, und meine Haare bleiben wie sie sind!“ Trinkt elegant ihren Tee, grinst siegessicher. „Um ein Uhr brauchen wir überhaupt nicht hin zu gehen. Ich habe alles zuhause.“ „Ich auch! Nur, das ist 700 Kilometer von hier entfernt!“ Ihr Blick sucht meinen und hält ihn fest. „Ziehst du die gleichen Kleider an wie ich?“ - „Ja! Nur männlich!“ - „Auch anmalen?“ - „JA!“ - „Auch eine Perücke?“ - „JA!“ Ein liebes, spitzbübisches Lächeln verzaubert ihr Gesicht. Ein glockenhelles Lachen, und übergangslos singt sie ein paar Takte aus einer Arie.

 

„Was singst Du als Eröffnung?“

 

„Aus dem Vogelhändler… Grüß euch Gott, alle miteinander!“, und singt die ersten Takte.

 

Im Frühstückssaal ist es mäuschenstill, und als wir an der Tür sind… „Dreh mich schnell zum Saal hin.“ Sie winkt dem „Publikum“ - „Bis heute Abend im Dom!“

 

Erster Ansatz einer Primadonna!

 

„Ist das nicht ein männlicher Part?“

 

„Doch sicher! Gerhard singt ihn sonst als Solo. Ab sofort ich!“

 

Die Solistin häutet sich!

 

Felix hat an alles gedacht. In der Rezeption stehen zwei Johanniter. „Pat, wir sind heute für dich eingeteilt!“, ist deren Begrüßung. „Mit uns geht es schneller, und wir können überall parken.“, grinst der Fahrer. „Wenn’s kneift, spielen wir auch die Jungs mit Blau!“ Während die Jungs Patricia in den Wagen fahren: „Felix hat uns Karten für das Konzert geschenkt!“

 

 

Patricia

 

Felix hat es abgelehnt, Gerhard für heute Abend auszuschließen. Ich wollte meine Teilnahme schon absagen, als Jürgen den Vorschlag macht, mich als mein Knappe zu begleiten. Mir gefällt es überhaupt nicht, mich herauszuputzen. War noch nie mein Fall, mich in den Mittelpunkt zu stellen. Felix, wie auch Jürgen möchten – wollen - dass ich mich herausstaffiere. Den beiden kann ich nichts abschlagen.

 

Wenn Jürgen meine Hand festhält oder meinen Nacken streichelt oder nur seine Hand auf meine Schulter legt, ist mir, als würde ich auf einem fliegenden Teppich durch den Raum schweben - mit einer Tarnkappe auf, und niemand kann mich sehen.

 

Er muss mir jetzt auch helfen, alles in dieser kurzen Zeit zu bewerkstelligen. Mein Gott, der Kerl bringt mich total aus dem Tritt. Wenn ich seine Hände sehe, fühle ich sie auf meiner Brust, zwischen den Beinen, in den Haaren – und dann muss ich wieder nachdenken, was ich eigentlich wollte. Er holt meine Unterwäsche aus dem Schrank, hält einen BH in der Hand. „Nonnenschwester!“ ist sein einziger Kommentar. Als er grinst, weiß ich sofort, was er gefunden hat. Das Höschen findet er gleich mit dazu und auch das Leibchen.

 

Mein Gesicht muss ihn wohl gewarnt haben. „Nein!“ – „Warum? - Erinnerungen?“ Seine Fragen kommen leise. „Schlechte?“ Ich kann nur nicken. Mit zwei Fingern macht er die Bewegung einer Schere. Ich nicke und deute auf die Schublade. Ritsch, ratsch und die Schnipsel in die Tonne. Er stellt – Gott sei Dank – keine Fragen. Ein Teil weniger von Gerhard.

 

Anprobe

 

Wir hatten schon öfter als Chor Kostüme oder Tracht getragen. Ich fand das immer blöd, und jetzt bin ich die einzige, die als Solistin herausgeputzt wird. Vier Frauen! O Gott, vier Frauen meinetwegen! Was für ein Aufstand.

 

„Haben Sie Wünsche? Welche Epoche bevorzugen Sie?“ Diese Fragen bringen mich durcheinander. Plötzlich fühle ich seine Hand im Nacken, seine Lippen an meinem Ohr. „Vertrauen, Liebling!“, und alle Hektik ist wie verbannt. Höre etwas von Kostümwechsel und wie Jürgen verneint.

 

Biedermeier – Rokoko – Jugendstil - Barockkleider hängen da, eines schöner als das andere.

 

Jürgen greift nach dem Jugendstil. Die Theatermeisterin nach dem Biedermeier, und beide schauen zu mir - fragend. Ich kann mich nicht entscheiden, zucke die Schultern, bin überfordert. Jetzt geht alles schnell. „Schwuppdiwupp“ habe ich das eine und Wuppdischwupp das andere an. Kurze Diskussion, und mir wird eröffnet, dass ich zur Eröffnung Biedermeier und nach der Pause Jugendstil zu tragen hätte. Die Schneiderin steckt beide ab, und ein paar Minuten später schnurrte die Nähmaschine.

 

„Ich bin Kerstin!“ Eine junge Frau kommt mit einer großen Tasche in den Raum. Sie betrachtet mich, hört zu… was und wie und warum. Sie öffnet die Tasche und… ich werde kribbelig. Schönste Dessous, feinste Lingerie kommt zum Vorschein.

 

„Bei dem Kerl wird es nicht langweilig!“ Ist das Einzige, was ich noch denken kann, und ab sofort beschließe ich, mich auf meine Soli zu konzentrieren und den Rest meinem „Knappen“ … Herrn Gruber zu überlassen.

 

 

Jürgen

 

Schön zu sehen, dass sie wie eine Frau reagiert. Kokett, wenn man sie fordert. Wie sie ihre Wünsche anmeldet, aber auch auf die Wünsche ihrer Partner eingeht. Typisch fraulich, das Machbare suchend. Eine leise Beklemmung beschleicht mich, als ich ihre Wohnung betrete und sie mich auffordert, ihren Wäscheschrank zu durchwühlen. Die meisten Sachen wirken irgendwie bieder an ihr. Quadratisch, praktisch, gut! Ich necke sie, dass selbst Nonnen schärfere Sache tragen.

 

Plötzlich habe ich ein paar scharfe Teile in den Händen, noch in der Originalverpackung. Höschen, Leibchen und BH. Irgendwie stören diese Teile… ich finde sie, hmm etwas nuttig, nicht zu Patricia passend. Als sie die Teile sieht… Es ist, als hätte ich sie geohrfeigt. Ihr Gesicht, ihre Haltung fällt in sich zusammen. Verbrennen geht nicht- überall hängen Rauchmelder! Ich mache mit den Fingern das Zeichen für Schere. Sie nickt, und die „Beweisstücke“ sind Vergangenheit. Von wo und wie und was… sie wird es mir irgendwann erzählen.

 

Bei der Anprobe ist es, als würde sie das Ganze nichts angehen. Nach dem Motto „Macht mal schön… ich bin es!“ Es ist nicht alltäglich, eine schöne Frau anzuziehen, eigenhändig. Der Reziprokvorgang ist uns Männer geläufiger. Ich finde es genau so aufregend, ihr einen BH anzupassen, ihn einzustellen, die schönen Spitzen über den Brüsten glatt zu streicheln. Das Höschen überzuziehen und im Schritt zu lockern, damit es nicht kneift! Die Strümpfe streift Kerstin über, ich habe Angst, mit meinen rauen Händen dieses Spinnengewebe zu beschädigen.

 

 

Patricia

 

Wie schwer das ist! Auch wenn ich so tue, als ginge mich die Anprobe nichts an. In Wahrheit macht mich das ganze VOR ERREGUNG fast wahnsinnig. Seine Hände – wenn er mir mit dem BH hilft- zum Schluss die Spitzen über meinen Brüsten glatt streicht... Meine Knospen verraten mich. Ich ertappe mich beim Schnurren... bin einfach heiß, und Jürgen, dieser schlaue Kerl, lässt keine Gelegenheit aus, mich auf Touren zu halten.

 

Plötzlich wünsche ich uns ganz weit weg – an irgendeinen wunderschönen Ort – nur wir zwei. Er und ich und unsere Sehnsüchte! Zum ersten Mal in meinem Leben stelle ich das Singen hinten an. Für mich ist es schon längst Liebe! Ob er das auch so sieht?

 

Wo ist er eigentlich?

 

Kerstin und die Schneiderin ziehen mir das erste Kleid an. Er ist im Fundus, etwas Passendes für sich suchen - werde ich aufgeklärt.

 

Kerstin hat da etwas, um mich in die Gegenwart zurückzuholen. Schließlich habe ich vorhin im Hotel verkündet. „Bis heute Abend im Dom!“, und dazu gehört ein klarer Kopf.

 

„Die Theatermeisterin wäscht ihm den Kopf, dich so durcheinander zu bringen. Du hast noch ein Versprechen einzulösen!“, neckt mich Kerstin. Erzählt, dass sie mir nachher die „Maske“ macht - „Klar, auch Jürgen wird geschminkt!“ - und dann den ganzen Abend zu meiner Verfügung steht. Ihre Augen und die gekräuselte Nase signalisieren die nächsten Überraschungen.

 

Jürgen

 

Dieses Weib bringt mich noch um den Verstand. Die ist so was von erotisch, spitz, reif. Wie unter Zwang fummle ich an ihr herum. Wenn es nach mir ginge… hinter die nächste Kulisse und ein Quickie.

 

„Komm mit, wir müssen noch was zum Anziehen für dich finden.“ Die Theatermeisterin zieht mich aus dem Raum. Im Fundus, zwischen all den Kleidern, Degen, Säbeln, Drachenköpfen, Zittermonden und Glitzersonnen faucht die „Zuchtmeisterin“ wie eine Pumamutter, deren Junges bedroht wird.

 

„Ist dir der Verstand in die Hose gerutscht? Merkst du nicht, dass du sie kirre machst? Lass gefälligst die Kleine in Ruhe! Finger weg! Sie hat heute Nacht noch viel zu tun. Nachher kannst du ihr von mir aus das Gehirn aus dem Körper vögeln - und deines dazu!“ Und dann wirft mir sie ein Armvoll Kleider in die Arme. „Los! Anziehen!“

 

„Danke für den Tipp!“ Zu mehr reichen meine Verlegenheit und die kratzige Stimme nicht.

 

Nur unter Aufsicht von Kerstin und der Theatermeisterin gelingt es uns, vernünftig zu bleiben.

 

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Zu viert stehen wir im kleinen Seitenraum und warten auf den Einsatz der Ouvertüre. Meine Lerche sitzt konzentriert da - lauschend. Im Dom, gespanntes Erwarten. Erste Takte… Auftakt zum Gehen. Leise singt sie schon mit dem Vorspiel… Stille. Begleitend setzt die Musik ein, und meine Lerche stößt mit ihrer Stimme in den Himmel. Breitet die Arme aus, als wolle sie die Welt umarmen. Es ist, als begrüße sie jeden Anwesenden einzeln. Mit dem Schlussakkord stehen wir vor dem Altar, dem Publikum zugewandt. Stille… beängstigend still… und als der Applaus losbricht, fühle ich durch meine Hände auf ihrer Schultern die Veränderung. Alle Zweifel, Unsicherheit begrabend, schafft Patricia den eigenen, inneren Durchbruch. Lerche ist auf einem anderen Level. Es ist, als fülle sich ihr Körper mit Selbstvertrauen.

 


Patricia

 

Mein Lauscher muss - seinem Gesicht nach - kräftig was verdauen, und die Augen der Theatermeisterin blitzen noch immer verdächtig. Auch ich bekomme mein Fett weg. „Kleines, konzentrier dich auf deine Soli, deinen Auftritt!“ Sie ist richtig fuchtig. „Ich bin es gewohnt, dass meine Arbeit würdig fortgesetzt wird. Wir mühen uns nicht für stümperhafte Amateure ab - also benimm dich professionell!“

 

Autsch! Das saß. Jedesmal, wenn einer von uns beiden mit Tändeln anfängt, kommt sofort ein Knurren von der Meisterin oder ein scharfer Schnaufer von Kerstin. Die beiden sind ein klasse Team und bleiben die ganze Zeit bei mir, „beschützen“ mich vor meiner Verliebtheit und Lauschers überwältigender Anwesenheit.

 

Erinnern kann ich mich nur an seine Hände auf den Schultern, seinen Kuss aufs Ohr, seine Daumen, die Nackenwirbeln massierend, meine Hände in seinen. Wie tröstlich, dass ich, als er neben mir steht, seinen Oberschenkel umklammern darf, meinen Kopf an seiner Hüfte, und er meine Wange streichelt. Meine Soli müssen gefallen haben - dem Applaus nach!

 

Dann, die dritte Zugabe. Typisch Jürgen… geht zum Orchester und zu Felix. Ich sehe nur ein Nicken, ein Blatt in seinen Händen, ein kurzer Dreher zum Mikrophon. Er fordert das Publikum auf, den Refrain mitzusingen.

 

Sein Gesicht, seine Haltung, sein Gang, als sei das alles normal… alltäglich!

 

Hält mir das Blatt vor mein Gesicht, und mir wird es warm… heiß, muss zweimal schlucken. Eines meiner Lieblingslieder! Woher weiß er dass? Dafür brauche ich kein Blatt. Das Orchester setzt ein, und auf einmal höre ich Lauschers Bariton ganz leise brummelnd mitsingen… den Ton haltend!

 

 

Jürgen

 

Patricia läuft wie ein Uhrwerk. Diese Frau hat eine Disziplin, eine Härte, eine Stehvermögen. Seit drei Stunden immer anwesend, immer konzentriert. Die Meisterin und Kerstin ver- und umsorgen uns. Jetzt, am Schluss gibt jeder der Chöre eine Zugabe - aber das Publikum gibt keine Ruhe. Sie hat mit „Grüß euch Gott, alle miteinander“ angefangen, also kann sie sich auch mit einem Sololied verabschieden!

 

„Ja, kennen wir, hier ist der Text!“, kam es vom Orchester, und Felix feixt, nickt, und der Chor… die Chöre haben fragende Augen!

 


* Gute Nacht, Freunde


Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

 

Für den Tag, für die Nacht unter eurem Dach habt Dank
Für den Platz an Eurem Tisch, für jedes Glas, das ich trank
Für den Teller, den ihr mir zu den euren stellt
Als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt

 

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

 

Habt dank für die Zeit, die ich mit euch verplaudert hab'
Und für eure Geduld, wenn's mehr als eine Meinung gab
Dafür, dass ihr nie fragt, wann ich komme oder geh'
Und für die stets offene Tür, in der ich jetzt steh'

 

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

 

Für die Freiheit, die als steter Gast bei euch wohnt
Habt Dank, dass Ihr nie fragt, was es bringt, ob es lohnt
Vielleicht liegt es daran, dass man von draußen meint
Dass in euren Fenstern das Licht wärmer scheint

 

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

 

Gute Nacht, Freunde
Es wird Zeit für mich zu geh'n
Was ich noch zu sagen hätte
Dauert eine Zigarette
Und ein letztes Glas im Steh'n

 

Inga & Wolf

 

 


Patricia, die Lerche, steigt mit ihrer Stimme in den Himmel - über die Wolken. Als nach dem letzten Akkord die Stimme in der Kuppel verhallt, der Applaus losbricht, hebe ich sie wie eine kleine Feder aus ihrem Rollstuhl, nehme sie auf meine Arme und trage die vor Freude und Rührung Weinende mitten durch das Mittelschiff… am stehenden Publikum vorbei - in den kleinen Raum zurück.

 

Wie damals in Rom, als Ursus seine Lydia aus der Arena trug!

 

                                                    Ende - Ende - Ende

 

© Geli & S’Rüebli                                                                                        Ihre Meinung?