Teil 1: Do - Re


Lerche - Liebe - Leidenschaft


Mi - Fa

Das Belauschen der Lerche bringt Überraschungen


 

Jürgen

 

Ich zwang meine Gedanken, an alles zu denken, nur nicht an meine Lerche. Pat, ich soll sie Pat nennen - Patricia ist ihr Taufname. Ich hasse Namensverstümmelungen, und ich werde sie Lerche oder Patricia nennen.

 

Schiet! Schon wieder dreht sich alles um dieses Weib. Das letzte Bild… oder war es schon wieder das erste, was ich von ihr in meinem Kopfkino wahrnehme, ist, wie sie im Bus… im Rollstuhl sitzend - lachend und hocherhobenen Hauptes an der Einfahrt vorbei fuhr, in der ich mich versteckte.

 

Sechs Uhr dreißig.

 

Auch Patricia muss jetzt aufstehen, braucht sie doch um einiges länger für die einfachsten und gewöhnlichsten Handgriffe. „Auch, um mir einen zu wichsen!“ Fast schäme ich mich für diesen Gedanken. „So ein trainierter Mund, diese Zunge - Hmm! - Trillern am Bändchen!“, macht sich mein sinnliches Ego breit, während der Rasierer meine Stoppeln vom Kinn säbelt.

 

Duschen? Irgendwie ist sie die ganze Zeit mit anwesend. „Duschen… Hm, Haare waschen! Bei Frauen ein Akt, der nur von Männern mit extrem hohem weiblichen Anteil richtig verstanden wird. Irgendwo zwischen Brust und Bauchnabel verliert sich meine Phantasie und verfängt sich in triviale Fragen. Wie geht das bei ihr… da etwas weiter unten? Auch bei mir bleibt es - gegen alle Gewohnheit unterhalb vom Bauchnabel ruhig. Die Neugierde und das Unvermögen, mir das vorzustellen, die Angst, hier etwas zu wecken, was ich nicht mehr beherrsche, hemmen mich.

 

Klick! Menu - ankommende Gespräche - letztes Gespräch - wählen! „Guten Morgen, mein Lauscher“ Tief Atem holend meldet sie sich. „Na, ist die ‚Noble Lerche’ außer Atem?“ Sie lacht „Ja! Du müsstest mich sehen!" Und kichert weiter. „Mach doch eine Aufnahme und sende sie per MMS!“ - „Du zuerst, so wie du bist!“ Das ist ihre Versicherung. Das zweite Selbstporträt von mir zeigt mich noch soeben jugendfrei - und ein paar Minuten später ihre MMS. Hm, auch noch jugendfrei. Dass sie ein schön gezeichnetes Gesicht hat, ausdruckstarke Augen und einen sinnlichen Mund, verstärkt nur den Eindruck, den ihr schöner apfelförmiger Busen auf einem ausgeformten Brustkorb auf mich macht. Die Höfe - nur mit einer zarten Schattierung sich vom Weißen abhebend. Die Nippel - leicht erregt, vornehm klein. Wie aus einem Gemälde von Willem Drost. Züchtig das Handtuch im Schoß.

 

Eine Patricia… eine Noble.

 

 

Patricia

 

Ich liege wach im Bett. Im Baum vor dem Fenster lärmen die Piepmätze. Noch ein paar Minuten. Er muss jetzt auch aufstehen - duschen. Er ist älter als ich… viel? Ich bin fast im Badezimmer, als mein Handy klingelt. Rolli wenden – zurück! Schnell, bevor… es ist seine Nummer! Das ist total verrückt – ich kenne ihn doch kaum, und trotzdem klopft mein Herz zum Zerspringen. Was ist das nur?? Was macht dieser Typ mit mir?!

 

„Guten Morgen, mein Lauscher!“, begrüße ich ihn. Er nennt mich die Noble Lerche… dieser Schmeichler - und es gefällt mir. Eine MMS soll ich schicken… so wie ich bin? Er soll zuerst!

 

WOW – er hat tatsächlich ein Bild, ein - sein „Selbst-Porträt“ geschickt. Und was für eines! Ich möchte ihn anfassen, berühren, streicheln, riechen schmecken, küssen – und wenn es nach mir ginge… Schon gerate ich ins Träumen! Ja, wenn es nach mir ginge… noch viel, viel mehr!

 

Ob er ähnliche Gedanken hat?

 

Jetzt bin ich gefordert. Auch ein „Selbst-Porträt“ von mir… Ist schon ein eigenartiges Gefühl für mich – so etwas habe ich noch nie gemacht. Irgendwie schäme ich mich ein bisschen. Abgemacht ist abgemacht! Und als ich mein Handy hoch nehme, fühle ich ein Ziehen im Bauch und meine Brustwarzen springen auf - klick...

 

 

Jürgen

 

Als sie wieder abhebt… ihre Stimme - als würde sie sich über ihren Mut, ihren Leichtsinn schämen. „Bist du es? - Lösch es schnell, lass es niemanden sehen!“ - „Und warum soll ich so etwas Schönes löschen? Etwas, was nicht nur mein Auge, sondern mich den ganzen Tag erfreut?“ - „Schmeichler!“ - „Aber ein lieber Schmeichler!“ kontere ich. Ein ankommendes Gespräch piepst… und unterbricht unser Teleschmusen. Die Jungs von der Nachtschicht wollen, wie jeden Morgen, nur kurz „nichts besonderes vorgefallen“ durchgeben.

 

„Ups… ich muss mich sputen!“, flötet Patricia, als ich sie wieder in der Leitung habe. „Bis später!“ unsere beidseitige Verabschiedung.

 

 

Patricia

 

Wie hat der Fahrdienst das gestern Abend so treffend ausgedrückt: „Toller Typ, nicht wahr Pat?“ Seit er aufgetaucht ist, kann ich an nichts anderes mehr denken – mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Zumal mich auch noch alle „löchern“ - seinetwegen!

 

Wer ist er und wie alt? Was macht er? Warum ist er hier? Das sind da noch die verständlichsten und eher harmlosen Fragen. Natürlich haben sie am Strahlen meiner Augen, wenn ich von ihm spreche, längst gemerkt, dass es mich „richtig“ erwischt hat! Und schon kommen sie wieder, diese „ach, so gut gemeinten“ Ratschläge und Hilfsangebote. „Wir gönnen dir diesen Flirt ja wirklich von Herzen…“ Toll! – „Aber pass auf! Trotz allem! Ob der es ehrlich meint? Gib auf dich acht! Unterschreib ja nichts! Wer weiß schon, wie er das alles sieht!“

 

„Toller Typ wirklich – da könnte ich direkt neidisch werden. Also, wenn ich euch irgendwie unterstützen kann - du brauchst es nur zu sagen!“ Neugieriger Neidhammel - grummelt es in mir.

 

Der Gedanke, ihn in die Kantine einzuladen… und anrufen ist eins. Damit alle sehen können, dass ICH es auch will, und nicht ER mich über den Haufen fährt! Mich juckt auf einmal mein kleines Teufelchen. Hat er nicht gestern Abend was von „einen Knochen in die Meute werfen“ gesagt, um den sie sich balgen. Schöner Vergleich! Dann wollen wir mal den Spekulationen über uns auf die Sprünge helfen.

 

 

Jürgen

 

Das Tagesgeschehen lenkt mich ab, und mitten in einem konzentrierten, für mich unerfreulichen Gespräch, piepst mein Handy. „Gruber“, knurre ich genervt. „Sitzt ein Häschen“ zwitschert meine Lerche gekonnt den Faden aufnehmend.

 

Es ist, als würde ein unangenehmer Nebel–Geruch - wie eine Furzwolke von mir - weggeblasen. „Ich bin unten in der Kantine!“, flüstert sie kurz und unterbricht.

 

„Muss eine tolle Frau sein!“, lacht mein Gegenüber. „Ihre Gesichtsverwandlung hätten Sie sehen sollen!“ Auch seine ehemals verspannten Gesichtszüge sind wieder vorzeigbar. „Machen wir um zwei Uhr weiter?“ Alle nicken… „Guten Appetit!“

 

Sie sitzt mit noch zwei Rollstuhlfahrerinnen an einem eigenen Tisch. Wie nicht anders zu erwarten - strategisch richtig, um mich sofort zu sehen. Eine Hand fliegt hoch: „Lauscher!“ Schallt es durch die kauend-mahlend nuschelnde Geräuschkulisse der Kantine. Die halbe Kantinenbesetzung hebt den Kopf, und ein paar Dutzend Augenpaare mustern mich kurz, um sich dann sofort wieder dem Sättigungsvorgang zuzuwenden. Drei Augenpaare mustern länger. Augenpaare, deren dazugehörende Gesichter ich seit der Probe kenne… eines besonders gut – das des Tenors!

 

Für alle sichtbar - dokumentierend - schlingt Patricia ihre Arme um mich, und wir küssen uns links – rechts - links auf die Wangen… ich streichle ihr übers Haar und fasse sie im Nacken wie eine junge Katze. Sie, nicht schüchtern, gibt mir einen Klaps auf den Po!!! Meine Hose beginnt sich zu füllen. Ich werde eingewiesen. Gegenüber kommt Nicki, neben meiner Lerche - Harald. „Du musst in die Ecke!“, schmunzelt sie und zeigt zu ihrer Linken… „Wie der Prinzgemahl!“ neckt sie.

 

Nun sitze ich mit fünf Rollstuhlfahrern an einem Tisch, falle von einem Staunen ins andere. Therese erzählt von den neuesten Streichen ihrer Tochter, eben sieben geworden… Gudrun von ihren beiden Söhnen, 14 und 17. Nicki, 29 Jahre, dass seine Frau gestern den zweiten Ultraschall hatte – alles bestens! Und Harald, seit drei Monaten in seiner neuen Wohnung… berichtet von den tollen Erleichterungen.

 

Ich habe einen Kloß im Hals und kann nicht erzählen - von meinem Leben voller Reisen, Klettern, Radeln, Paddeln, Segeln! Voller Arbeit auf Baustellen, in Werken, auf Gerüsten 80… 100 Meter über Grund. Brummle rum - von wegen langweiliger Job und so. Patricias Hand legt sich auf meine Rechte und Gudruns Hand auf meine Linke. „Erzähl!“ Fünf neugierige, fragend-staunende Augenpaare schauen mich bittend an.

 

„Oh, der Fahrdienst hat schon erzählt, dass Pat einen heftigen Flirt hat!“, lacht Nicki. „Wir haben ihr schon alles aus der Nase gepult.“, ergänzt Harald. „Er baut die neue Anlage im Werk, wo Gert arbeitet!“, petzt meine Lerche. Nicki, als Ingenieur, betet mir einen Fragenkatalog herunter, und Harald, als Chemiker, will auch ein paar Zusammenhänge erklärt haben. Der Kloß ist geschluckt. Die Unterhaltung fliegt hin und her und Patricia strahlt… Ich gehöre IHR.

 

 

Patricia

 

Mein Gott, ist das ein schönes Gefühl - ihn so nah zu spüren! Auch wenn ihn die vielen Fragen anscheinend etwas „nerven.“ Ich genieße es, ihn neben mir zu haben und ihn einfach nur zu hören. Sein Lachen aus der Kehle… aus der Brust. Sein stilles Schmunzeln, wenn die Fragen kommen, sein Temperament, wenn er von seiner Arbeit erzählt… er muss sie lieben.

 

Oh ja, sie haben mir alles, was ich bis jetzt über ihn weiß „aus der Nase gezogen“. Ich konnte meine Freude über unseren Flirt nicht lange verbergen, er ist viel zu schön! Schließlich könnte es eine „handfeste Affäre“ werden.

 

Wie war das gerade? Was hat er gefragt?

 

„Nein! - Uns heute noch einmal sehen, das geht leider nicht!“ Ich sehe sein enttäuschtes Gesicht und versuche zu erklären. „Ich muss zum Reiten, danach bin ich immer sehr müde. Außerdem stinke ich dann immer nach Pferd. Das ist mir etwas peinlich.

 

 

Jürgen

 

Heute Abend geht nicht, sie hat Reiten. „Danach bin ich immer sehr müde, und ich stinke nach Pferd!“ Ich flüstere ihr ins Ohr: „Meine „Entknabung“ hat neben einer Pferdebox stattgefunden - mit einer viel älteren nach Ross „stinkenden“ Frau!“ Ihr Blick… unendlich! „Seither sind „pferdestinkende“ Frauen…!“ Mein Blick bringt sie zum Erröten.

 

Aber Freitagabend! Sie hat um zwei Uhr Feierabend, und am Wochenende ist Kirmes!

 

 

Patricia

 

Was flüstert er mir da ins Ohr? Schluck! Seine „Entknabung“ habe durch eine „pferdestinkende“ Frau stattgefunden! Und dieser Blick dabei. War das jetzt ein Geständnis oder eine „witzige Anmache“, um meine Hemmungen abzubauen? Auf jeden Fall hat er eine Art, das Thema Sex zu handhaben - damit umzugehen! Donnerwetter! Ein anmachendes Geständnis war das… oder? Er hat mir doch eben gesagt, dass er mit mir…

 

Mal sehen, vielleicht kommt er mit auf die Kirmes. Gott - wie lange habe ich das nicht mehr erlebt! Er ist ein Macher-Typ! Einer zum Achterbahn fahren, Blumen schießen, Zuckerwatte schlecken. Zum… Dem-anderen-die-klebrigen-Finger-Lecken, Schaschlik essen, Mit-Soße-getränkte-Pommes-Schlabbern, Sich-um-die-letzten-Zwiebel-und-Paprikastücken-Balgen und Die-Soßenreste-aus-dem-Schälchen-Lecken. Und Zum-in-der-Geisterbahn-…

 

Ob seine Küsse so süß wie Zuckerwatte oder eher so feurig wie Schaschlik sind? - Uhuuh, Pat! Kannst du denn an gar nichts anderes mehr denken?

 

 

Jürgen

 

Klar bin ich um halb sieben am Paddock, hatte ich doch in meiner Kindheit und Jugend ständig mit Pferden zu tun. Saß ich doch mit meinem Großvater auf einem Pferd, lange bevor ich laufen konnte. - Nein, Zuschauen geht nicht, ist auch verständlich - ist therapeutisches Reiten. Ich muss warten! Kein Problem.

 

Der Besitzer schirrt einen Zweispänner an. „Ich brauche etwas Ballast, wollen Sie mit?“ Und schwups bin ich mit auf dem Bock. Vor 25 Jahren hatte ich zum letzten Mal Gespannzügel in den Händen.

 

Als wir zum Stall zurückkommen, ist auch meine nach „Pferd stinkende“ Patricia fertig. Da ich auch leicht nach Pferd „stinke“, ist sie zu einem „Ausklang“ im Reiterstübchen zu überreden. Der für Sonntag reservierte Zweispänner bleibt noch mein Geheimnis.

 

Zu viele Augen mustern - hemmen uns. Der Fahrdienst bringt sie im zweiten Schub nach Hause.

 

 

Patricia

 

Und er steht da und wartet schon!

 

Mist, weil er mir beim Reiten nicht zuschauen darf! Der Chef erzählt im Reiterstübchen, wie mein Lauscher in der Zwischenzeit mit ihm und seinen beiden Mädels (er meint seine beiden Stuten) auf Fahrt war.

 

Zu viele Leute sind im Reiterstübchen. Dabei hätte ich mich so gerne in seine Arme gekuschelt! Nur zum Entspannen! Entspannendes Knutschen… Von ihm verführt werden...

 

Die leere dunkle Wohnung. Als würde mir der Himmel auf den Kopf fallen! „Hallo Jürgen ...“ Ob er merkt, dass meine Fröhlichkeit aufgesetzt ist? Das mein Herz Purzelbäume schlägt? Darin ein Trommelwirbel tobt? In meinen Kopf schwirren lauter verrückte Gedanken und Wünsche herum, die alle nur mit ihm zu tun haben.

 

Seine Stimme klingt kehlig, fast kann ich sein Grinsen durchs Telefon sehen. Ob ich es probiere...?

 

„Lauscher… ich... Es tut mir so Leid… Heute Abend… nicht so gut verlaufen.“

 

„Sooo? - Wie wäre er denn verlaufen… wenn?“ Ich höre dieses Grins-Schmunzeln in seiner Stimme. Himmelherrgottnochmal - er macht es mir aber auch kein bisschen leichter! „Ich ... ich war vom Reiten so angespannt!“ Was macht der Kerl? Ein schmatzender Kuss durchs Telefon. „Ich hätte mich - zum Entspannen - am Liebsten ganz tief in deine Arme gekuschelt!“ „Knuscheln, das heißt „Knuscheln“, meine Liebe!“

 

Ich höre sein leises Glucks-Lachen, seine weich gewordene Stimme. „Hmmm! Von wegen Entspannen – dass wäre ein Spannen geworden, straff und stramm wie frisch gestimmte Klaviersaiten! Und Resonanzkörper wären da genug vorhanden.“

 

Seine Worte treffen mich bis ins Innerste, eine Gänsehaut überzieht meinen ganzen Körper, und ich kann nur noch leise und mit zitternder Stimme fragen: „Und dann?“

 

Wieder diese Stimme, dieser Tonfall, das Nachschwingen - zum Verrücktwerden. „Open End! - Aber leider, da gebe ich dir Recht – im Reiterstübchen waren zu viele Zuschauer.“

 

Nanu! Auch eine Hemmschwelle? Wenn das so ist, dann wird er nicht mit mir zur Kirmes gehen. Wie schade – hatte ich mich doch schon so darauf gefreut!

 

„Lauscher ...“ Ich muss mich zwingen, meiner Stimme Klang zu geben. „Am Wochenende ist Kirmes und…“ - „Und kleine Mädchen dürfen nur in Begleitung großer Menschen hin!“, prustet er lachend los!

 

In mir steigt schon eine tiefe Traurigkeit hoch – da sagt er plötzlich: „Zuckerwatte ist nicht gut für die Zähne ... und Achterbahnfahren nicht für den Kreislauf und die Geisterbahn strapaziert das Herz! Huch! Gibt es auch ein paar harmlosere Vergnügungen?“ „Opa!“, faucht mein Ego laut und vernehmlich durch das Telefon… Schock!

 

„Gut gebrüllt, kleine Löwin!“

 

„Soll das heißen...?“ Meine Stimme… Ich muss zweimal schlucken vor Aufregung und Freude. „Du kommst mit?“ - „Natürlich!“ lacht er. „War Jahre nicht mehr auf einer Kirmes.“ Verschwörerisch flüsternd raunt er, „Ausgang bis zum Wecken! Nennt man das beim Barras!“

 

Ich bin perplex, sprachlos. Er: „Kennst du das Lied vom „Bolle“?“

 

Leise im Singsang: „Es fing schon an zu tagen, als er sein Heim erblickt, das Hemd war ohne Kragen, das Nasenbein geknickt!“

 

„Das wird bestimmt aufregend!“, flüstre ich fast mechanisch, nur um meine Anwesenheit zu zeigen. „Mit mir ist es immer aufregend“, blödelt er weiter.

 

„Gute Nacht!“

 

 

Jürgen

 

Die Johanniter bringen sie zum Kirchplatz. Sie kommt mit einem Sportrollstuhl zum Schieben. Bis zum Kirmesplatz sind es nur wenige Minuten. Verschmitztes Lächeln: „Damit kommen wir besser durch die Menge.“

 

Backfisch und ein Schaschlik mit Pommes und Zuckerwatte und Popcorn wünscht sie sich. „Schießt du mir eine Blume?“ Sie genießt es in vollen Zügen. Vor elf Jahren, erzählt sie, war sie zum letzten Mal am Abend und bis in die Nacht hinein auf einer Kirmes.

 

Achterbahn… Ich sehe ihre verlangenden Augen, den resignierenden Zug um die Mundwinkel… Der stumme Seufzer brüllt förmlich in meine Ohren.

 

„Komm mit!“ Leise schüttelt sie den Kopf. „Angst? Bedenken? Medizinisch?“ Sie wird rot, schaut verlegen zu Boden. Ohne mich anzusehen, streckt sie die Hände nach mir aus, zieht meinen Kopf zu sich, flüstert. „Ich habe Angst, es nicht halten zu können, wenn es so schnell runtersaust!“ „Was?“ So unsensibel können nur wir Männer sein. Feuchte Augen. Drucksen, Anlauf nehmen, Finger kneten… „Pippi“ - „Nur das!“ Sie nickt erleichtert. „Viel?“ Sie schüttelt den Kopf. Irgendwie muss ich innerlich lachen, ist es doch in der weiblichen Umgebung ein nicht seltenes Vorkommnis.

 

Langsam schiebe ich sie hinter einen Budenwagen in die Dunkelheit.

 

„Meine große Schwester hat das auch! Lass mich machen!“

 

 

Patricia

 

Was macht der Kerl mit mir, zieht ein Päckchen Tempo aus seinem Rucksack, reißt auf einer Seite das Plastik auf. Dann zieht er mich halb aus dem Rollstuhl und mit flinken Händen öffnet er mir meinen Hosenbund, den Reißverschluss und seine große, feste, raue Hand schiebt sich ins Höschen… fährt mir zwischen die Beine, schiebt sie einfach auseinander.

 

Ich fühle die drei Finger… fühle wie er die Spalte findet, kurz antippt, streichelt, fordernd, greifend. Nicht wie die kundige Hand meiner Ärztin, die professionellen Finger der Pflegerin, die schmachtenden Hände meiner Freundin. Eine Besitz ergreifende Hand - eine Männerhand. Und ich – ich möchte so gerne mehr – viel mehr davon...

 

Noch nie hat mich ein Mann so angefasst, so direkt - fordernd. Ich beginne zu fliegen, zu hecheln, und als er die Hand heraus zieht, will ich sie festhalten. Schnell nimmt er das Päckchen und presst es auf mein Pfläumchen, zieht mir das Höschen stramm und kontrolliert den Sitz der Miniwindel… Maxitampon! Er merkt, dass ich abhebe und drückt mich, hält mich fest. Warum macht er denn nicht weiter!?! Hat er denn nicht bemerkt, wie schön – ja, wie erregend seine Berührungen für mich sind!?! Was hat ihn nur abgeschreckt?

 

Meine Hose ist ziemlich eng geschnitten – aber ich will auch einen „sexy Po“ haben - für ihn! Das war es? Verflucht! Wieder – wie immer – meine Behinderung? Dabei habe ich gedacht, er wäre anders – ihm würde das alles nichts ausmachen! Schiet, falsch gedacht? Ich kann es mir nicht vorstellen – will es nicht wahrhaben… So wie er sich bis jetzt gegeben hat. Das ich für ihn eine neue Dimension bin, realisiere ich nicht.

 

Jürgen

 

„War es schön?“ Sie nickt, und nur ganz langsam löst sie die Arme um meinen Nacken. Puh! Das war grenzgängig. Ich fühlte vorher ihre schlanken und verkrampften Beine, sah ihr schmales Becken, die enge Hose. Ich stellte mir da unten alles tot vor.

 

Dann fasse ich in eine feuchte, mächtig pulsierende, durch einen dichten Busch geschützte Muschi. In eine reife, saftige Pflaume und… sie hebt ab… allein durch die Berührung. Vor Schreck - welcher auch immer - ziehe ich meine Hand zurück, drücke schnell das Tempopäckchen auf ihre Vulva.

 

Schließe den Hosenknopf und suche den kleinen Riegel vom Reißverschluss. Ich fummle in der Dunkelheit am heiligsten Ort einer Frau. Sie hält meine Hand fest. „Mach weiter… Bitte!“ Fast unhörbar. Die seelische Achterbahn schlingert.

 

Achterbahn! Ich gehe in die Hocke. Sie umarmt mich. Ich fasse unter ihren Po stemme mich hoch, ihre Beine um meine Hüfte gelegt. Setze sie in den Wagen. Und ab geht die Post.

 

 

Patricia

 

Achterbahn – das fahren meine Gefühle auch!! So, auf seinen Armen, komme ich mir vor wie ein Klammeräffchen! Hat er doch seine Arme unter meinem Po ... und beim Atem holen presst er jedes Mal seinen Bauch gegen mein Pfläumchen! Wie mich das verrückt macht!

 

Ich merke seine Unsicherheit beim Heben, merke, dass er nicht genau weiß, wie er mich anfassen soll.

 

„Jürgen, du musst mich seitlich halten, an den Oberschenkeln und langsam in den Wagen der Achterbahn rutschen lassen“, sekundiere ich. „Du kannst mich ganz normal anfassen - wie jede andere Frau auch...! Ich unterstütze dich, komm!“

 

Meine Sehnsucht nach seinen Händen, seinen Zärtlichkeiten wird immer größer. Ich ziehe kurz vor dem Transfer noch einmal seine Hände direkt auf meinen Po, an meine Oberschenkel. - „So“!“

 

„Biest!“, kommt es gepresst von ihm. „Hör auf – bitte! – Sonst lasse ich dich vielleicht doch noch fallen!“

 

Seine Hände halten mich an den Oberschenkeln fest. Seine Fingerspitzen drücken sich auf den Rand der Weichheit meines Pfläumchens.

 

 

Jürgen

 

„Bitte noch einmal!“ Die Achterbahn im Doppelpack. Beim Autoscooter - eine Zehnerkarte rauscht durch. Auf der Geisterbahn… sie liegt in meinen Armen. Die Riesenschiffschaukel… Sie presst meine Hand in ihren Schoß. „Den Tampon wechseln?“ Sie grinst und schüttelt den Kopf.

 

„Schießt du mir eine Blume?“ Es wurde ein großer Plüschbär. Backfisch: „Nur eine Portion, ich esse bei dir, denn ich möchte auch noch Schaschlik mit Pommes!“ Die Montanabahn - auch gleich zweimal. Patricia genießt in vollen Zügen. Bei jedem Wechsel wird sie schmusiger, weicher, anhänglicher!

 

 

Patricia

 

Keine Rose – dafür ein großer Plüschbär - so richtig zum Kuscheln! Bär und kuscheln gleich Kuschelbär. Das wäre ein neuer „Name“ für meinen Lauscher.

 

Im Spiegelkabinett… Hm, die haben da wirklich einen speziell schmalen Rollstuhl!

 

Meine Güte! Wie ein Mensch sich „verändern“ kann. Von wegen noble Lerche! Und wir kugeln uns vor Lachen über die Ergebnisse dieser schrägen Optik.

 

Felix, der Chorleiter, ist auch hier – „Du hier!“ Ein paar Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte, „Du auch hier?“ Und sie freuen sich mit uns. Eine Lage Feiglinge wird geköpft. Endlich einmal nur Freude und keine Ratschläge oder irgendwelche Kommentare. – Tut unheimlich gut!

 

Die Achterbahn und die Geisterbahn, der Autoscooter und das Spiegelkabinett - und plötzlich sind wir uns ganz nah! Vielleicht, weil das Spiegelkabinett die „Unterschiede“ aufhebt. Vielleicht auch, weil er mich immer mutiger anfasst - ich mich immer dreister an ihn schmiege, seinen Kopf immer fester an meinen Busen - Brüste drücke, mein Becken an seinen Bauch schmiege – presse.

 

 

Jürgen

 

Am unteren Ausgang steht ein schönes, altes, liebevoll restauriertes Karussell mit originaler Drehorgelmusik, wippender Schaukel, steigenden Pferden, taumelnder Kutsche, galoppierenden Einhörnern… Ein Stück aus meiner Kindheit. Es steht da, und der Besitzer sitzt wartend auf einer Stufe.

 

Sie spürt meine Stimmung, mein Verlangen, wortlos schiebt sie ihre Hand in die meine. „Ich möchte mit dem Einhorn galoppieren!“

 

Der Kirmeskrach wird von den gewaltigen Pfeifen, Flöten, Trommeln, Tamburinen der Drehorgel übertönt. Das Einhorn zwinkert mit den Augen, verspricht, zart mit ihr umzugehen und sie ins Wunderland zu entführen. Mein Hengst fliegt an der Stange hoch. Sein Schnauben und Wiehern - das Trommeln der Hufe auf der Prärie ist nur für mich hörbar. Mit tränenverhangenen Augen sehe ich die Rinnsale auf ihren Wangen. Die Musettemelodien wechseln, das Karussell stoppt, und wir setzen uns in die Kutsche. Sie legt sich in meine Arme… und wir knutschen - echtes Knutschen, Knutschen nach aller Kunst - und gegen jede Regel.

 

Neuer Stopp. - Wir wechseln in die Venusmuschel… und der Kerl lässt das Karussell drehen – drehen - drehen. Ich fühle ihre feste Brust in meiner Hand - und ihre Zähne an meinem Nippel.

 

 

Patricia

 

Hurra, hurra, hurra - endlich! Endlich – endlich alles so, wie ich es mir erhofft, erträumt und so sehr ersehnt habe!!!! Ich fühle mich wie berauscht – und habe das Gefühl, als müsse ich vor lauter Freude und Glück jeden Moment abheben!

 

Dann das alte Karussell. – Sein sehnsüchtiger Blick und sein Verlangen… beinahe sphärisch spürbar. Wie schön zu sehen: Dieser „Groß-Mann“ steht da wie ein Bub, mich vergessend – hat er nur noch Augen für das Karussell. Dieses Stückchen Freude in ihm macht mich glücklich.

 

Und als ich dann seine tiefe Freude sehe, als „Winnetou“ auf dem Pferd, seine nassen Augen, kann ich nicht mehr anders. Er hebt mich vom Einhorn. Ich drehe sein Gesicht zu mir und presse seine Nase zwischen meine Brüste. Wiege mit der Hüfte, bis seine Fingerspitzen in der Weichheit meines Pfläumchens versinken.

 

In der Kutsche schlängle ich mich tief in seine Arme - Kuscheln und Küssen! „Knuscheln“ nennt er es.

 

Gott - was kommen für wunderschöne Gefühle in mir hoch!!! Ja, ja ooh jaaaa – ich will ihn soo sehr... Will ihn spüren, riechen, schmecken, fühlen – am liebsten am ganzen Körper.

 

Und doch tief in mir - diese Angst! – Wie ein Basaltblock liegt ein Klumpen Angst in meinem Bauch, dass er das aufgrund meiner Behinderung total anders sieht!

 

Dabei möchte ich so sehr, dass es schön ist - für uns beide! Das zu realisieren ist schwer! Das hätte ich nie gedacht. Da helfen auch die guten Tipps und Ratschläge meiner Freunde wenig.

 

Die Kutsche, das Karussell stoppt, und er hebt mich hoch, aus der Kutsche. Seine Hand – nein… mein Pfläumchen in seiner Hand. Die andere Hand zwischen meinen Schulterblättern, presst meine Brüste an sein Gesicht. Er kneift mit den Lippen meine Nippel. Ich werde hingelegt. Auf eine Bank in der Venusmuschel.

 

Die Musik, das Drehen und Wippen der Muschel - alles wie im Traum. Seine Hand fasst meinen Arm - schiebt ihn unter sein Hemd. Die nackte Haut, seine Brustmuskeln angespannt… wie kleine Brüste… seine Warzen… hart, steif. Er schiebt mich hoch - seine Hand in meinem Haar dirigiert meinen Mund.

 

Die andere Hand in meiner Bluse - im BH. Sie schält - schöpft meine Brust heraus. Seine Hand, diese Rauheit, diese Härte, sein fester Griff. Ich bin wie gelähmt, erstarrt - kann nur noch genießen, mich den Gefühlen hingeben… diesen Gefühlen erliegen.

 

Dort, am Wagen mit den Süßigkeiten und Lebkuchenherzen - da habe ich vorhin was hängen sehen. Vielleicht kann ich ihm ja auf spaßige Art beibringen, dass er keine Hemmungen haben muss - weil ich all die Gefühle und Zärtlichkeiten ja ebenso sehr möchte wie er.

 

 

 

Jürgen

 

Nur noch schnell zum Stand mit den Süßigkeiten will sie! Sie dirigiert mich zielstrebig durch das Gewusel. Nein, ich muss weggehen! Sie will das allein kaufen. Mit einem Schalk im Lachen kommt sie angerollert. Zieht ein Lebkuchenherz aus der Tüte und hängt es mir um… „SEI KEIN FROSCH!“ steht da in verschnörkelter Zuckerschrift. Sie drückt mir die zweite Tüte in die Hand und reckt ihren Kopf nach vorne… zum Umhängen: „BIN KEIN FROSCH!“ steht ebenso verschnörkelt.

 

 

Patricia

 

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass er diese stumme „Aufforderung“ auch versteht!?! Denn so langsam kann ich es kaum noch erwarten, endlich mit ihm allein zu sein – ganz allein.

 

 

© Geli & S’Rüebli                                                                                        Ihre Meinung?

 




Teil 3: So - La