Lerche - Liebe - Leidenschaft


Do - Re

Die Lerche und der Lauscher


Neben einem alten bekannten Dom mit einer berühmten Orgel und auf den Simsen Putten mit echten Instrumenten in ihren gipsernen Händen… neben diesem Dom gibt es eine kleine Kirche oder große Kapelle.

 

 

Jürgen

 

Schon von ferne höre ich Gesang… singende Stimmen - schöne Stimmen… beim Einüben. Sich die Tonleiter hochschraubend, wie eine Lerche in den Himmel… von oben herabstürzend, wie ein Sperber. Fasziniert stehe ich vor der einen Spalt breit geöffneten Tür und höre zu. Es ist eine Stimme dabei – weiblich - die mit einer Leichtigkeit hinauf klettert und oben verharrt. Ich bin kein Sänger und kenne die Fachbegriffe nicht. Für mich schwebt diese Stimme, um plötzlich zu verstummen, dann erneut anzusetzen, einzusetzen. Andere setzen mit ein - Männerstimmen, tragende Stimmen, als würde die helle Stimme auf ihnen schwimmen. Frauenstimmen kommen hinzu - umhüllende Stimmen - als wollten sie diese Stimme schützen, eine weitere Stimmlage setzt ein - wie ein Gefolge sie begleitend.

 

Ein dezentes leises Hüsteln: „Gefällt es Ihnen?“ Eine feine Männerstimme holt mich aus meiner Versunkenheit. „Ja, es ist erholend - jedenfalls für mich“

 

„Dann kommen Sie mit und hören zu. Es ist nur ein Probenabend.“ Ein sanfter Druck am Arm leitet mich in die Mitte der Kapelle. „Hier ist die beste Akustik.“ Ein freundliches Lächeln, ein Nicken, und er gesellt sich zum Chor. Gut zwei Dutzend Augenpaare mustern mich kurz oder länger, vereinzeltes Tuscheln. Er, mein Gastgeber, bittet als Chorleiter um Aufmerksamkeit.

 

Ein Augenpaar blickt knapp über das Taufbecken hinweg zu mir, und als wir Blickkontakt haben - sie merkte, dass ich sie wahrgenommen habe - ein schnelles Wegdrehen des Kopfes, um beim nächsten Takt mit eben dieser Stimme einzusetzen - den Einsatz zu verpatzen! Ein zuckersüßes, entschuldigendes Lächeln in die Runde und einen Wimpernschlag länger zu mir hin.

 

Die nächsten sechzig Minuten sind ein Ohrenschmaus. Ich weiß nicht, was sie singen, wie oft die Einsätze geübt werden, der Taktstock abklopft. Ich höre nur diese Stimme, sehe diese Augen, immer wieder Kontakt suchend, empfinde den Chor als schützende Herde um sie geschart.

 

Stille! Bewegung im Chor - Pause, kurzes Verschnaufen. Ich stehe auf und gehe zum Chorleiter, um mich zu bedanken, ihm einen kleinen Obolus für die Kaffeekasse zu geben. „Ich bin auf dem Weg zum Abendessen“, entschuldige ich mich. Er fragt, ob ich ein Lokal kennen würde? „Am Ende der Straße - die historische Gaststätte! Sehr zu empfehlen!“ Schelmisch lachend stellt er fest: „Und das hier können sie der Gruppe selber ausgeben!“ und drückt mir meinen Obolus wieder in die Hand. „Wir sind nach der Probe auf ein Gläschen auch in dieser Gaststätte!“

 

Die Empfehlung ist gut, und ich lege das Besteck in den Teller, als die ersten vom Chor eintreffen. Kurzes Stühle- und Tischerücken und die lange Tafel ist perfekt.

 

Man erkennt mich und bittet mich mit an den Tisch.

 

„Hallo, genießender Lauscher!“ Lächelnd rollt sie mit ihrem Rollstuhl an meine Seite. „Es war schön zu sehen, wie Sie sich in dieser Stunde entspannt haben.“ Sie setzt den Flirt aus der Kirche mit mir fort… heftig, unverblümt - und einige Chormitglieder beginnen sie abzulenken, mich in Gespräche zu verwickeln, uns gegenseitig abzuschirmen.

 

Sie ist Mitte vierzig. Trainierte Arme, sportliche Schultern und vorhin: Ein Händedruck, kein lasches Pfötchen. Musternde Augen, grün - freundliche Augen! Leichte Stupsnase, volle Lippen und eine akkurate Aussprache. Dunkelblonde, kurze, kesse, pflegeleichte Wuschelfrisur. Ich verspüre den Drang, ihr durchs Haar zu wuscheln, ihr Gesicht zwischen die Hände zu nehmen, sie auf die Stirne… auf Augen, Nasenspitze, Mund zu küssen. Sie einfach zu „herzen“, wie man so schön sagt! Man spürt die natürliche Herzlichkeit dieser Frau.

 

Als ich die ersten Biere wegbringe, steht einer der Tenöre neben mir und gibt mir mehr als nur sehr eindeutig zu verstehen ‚Finger weg… Keine Hoffnungen wecken!’ Und ich stehe wieder auf dem Boden.

 

Sie merkt sofort den leisen Bruch in der Stimmung, „Hat er dir gesagt ‚Finger weg von mir’?“ flüstert sie. Ich nicke. „Arschloch!“, faucht es neben mir. „Ich meine ihn.“ Sie schaut mich voll an. Ihre Augen bitten mich, ihm nicht zu gehorchen.

 

Die ersten gehen, und der Kreis wird kleiner - die nächsten folgen. Nein, sie will bleiben. „Der Fahrdienst holt mich ab!“

 

Es ist eine gelöste Stimmung, und die Unterhaltung springt von Thema zu Thema. Ob ich nur durchreise? – Ah, länger hier! Und wo schlafen und wo arbeiten und was und wie lange noch und, und, und.

 

Wie ein Federball fliegen die Wörter, die Sätze, necken sich im Tonfall im Doppelsinn, und als die beiden Johanniter rein kommen, werden ihre Augen dunkel.

 

Spontan schreibe ich meine Mobilnummer auf einen Bierdeckel, drücke ihn ihr in die Hand und küsse ihre Fingerspitzen - entschwinde in die Nacht. Diese Frau verunsichert mich. Ihre Stimme in meinem Kopf - in den Ohren. Das Leuchten ihrer Augen - reflektierend auf meinen Lidern, wenn ich sie schließe. Diese Anmut in Gestik und Mimik… die Neugierde auch.

 

Mit geschlossenen Lidern liege ich im Bett. Versuche ihren Duft zurückzuholen, ihre Bewegungen. Sehe ihre Augen, die bitten, nicht zu gehorchen. Höre ihre Stimme ‚Hallo genießender Lauscher…’ als das Telefon rumort.

 

„Hier lauscht der genießende Lauscher!“ Ein paar kurze Kiekser und sie singt. „Abendstille überall - nur am Bach die Nachtigall, singt ihre Weise klagend und leise durch das Tal!“

 

 

Patricia, genannt Pat

 

Ich liebe diese Kirche nicht nur der guten Akustik wegen, die meiner Stimme sehr entgegen kommt und sie zur Geltung bringt, sondern auch, weil ich mich hier besonders geborgen, beschützt fühle… und dieses Gefühl meiner Stimmung entgegen kommt.

 

Heute, seit dem frühen Morgen, habe ich das Bedürfnis - dieses „In-mir-Gefühl" - mich mental auf den Abend einzustimmen. Der Fahrdienst der Johanniter setzt mich etwas früher ab, sodass ich vor der doch recht anstrengenden Chorprobe noch ein paar Minuten für mich allein habe.

 

Ich stehe nun mit meinem Rolli vor dem Altar und beginne mich zu sammeln.

 

Automatisch gehen meine Gedanken dabei in die Vergangenheit. Zu meinem liebevollen Elternhaus, zu meinen Eltern, die meinen Wunsch und meine Neigung zu singen, immer unterstützten und immer noch fördern. Ihre Liebe hat mich die Trennung von Zuhause, die schwere Internatszeit, in der ich meine schulische und berufliche Ausbildung durchlief, wesentlich leichter ertragen lassen.

 

Das Singen ist neben dem therapeutischen Reiten ein wichtiger und vor allem ein ersehnter Ausgleich zum oft einseitigen Büroalltag. Aber so sehr ich das Singen im Chor auch liebe, ein paar Schwierigkeiten gibt es doch.

 

Die „Beschützerinstinkte“ nämlich der männlichen Chormitglieder - oder ist es schon beginnende Eifersucht?

 

Es dauerte eine ganze Weile, bis ein Teil der Chormitglieder mich mit meiner Behinderung als „vollwertig“ akzeptierten. Nun meinen einige Männer, sie müssten mich vor ‚unliebsamen’ Lebens– und vor allem Liebes-Erfahrungen schützen.

 

Gerhard hat sich in den letzten Jahren zum selbsternannten Aufpasser befördert! Gut, ich weiß, dass er sich anscheinend in mich verliebt hat, aber außerhalb der Chorarbeit ist davon wenig zu sehen. Seine Dominanz, seine Art, mit meinen Gefühlen umzugehen, sich darüber hinweg zusetzen, bringt mich in Rage. Ich werde richtig wütend! Nicht nur meine Stimmung, auch meine Stimme leidet in solchen Momenten.

 

Felix, unser Chorleiter, wäre kein Chorleiter, wenn er es nicht mitbekäme. So ist schon manche Chorprobe unter ziemlich großer Anspannung abgelaufen. „Primadonna- Allüren“ und „zickig“ brummeln meine „Beschützer“ dann. Leider ist mir bis heute noch kein brauchbarer Ausweg aus diesem Dilemma eingefallen. Und so begrüße ich die eintreffenden Chormitglieder mit einem freundlichen „Hallo!“

 

Versuche, mein persönliches Problem für den Rest des Abends zu vergessen.

 

Das ist dieses Mal aber gar nicht so einfach. Nachdem wir mit Gerhard schon einige Zeit Atemtechniken geprobt haben, öffnet sich plötzlich die angelehnte Kirchentür und Felix kommt - zusammen mit einem Besucher - herein.

 

Gott… sieht der Typ gut aus! Natürlich gibt es gleich leichtes Getuschel. Felix setzt ihn mitten in den Raum, für uns alle gut sichtbar. Beim Eintreten sagt der Fremde noch, dass er schon vor der Tür gelauscht habe und wie sehr ihn der Gesang, besonders diese „Hochhinaus- Stimme“, wie er es nennt, ausspannen lässt. Das kann man auch deutlich an seinem sich ständig weiter entspannenden Gesichtsausdruck erkennen.

 

„Das ist ja ein richtiger, genießender Lauscher!“, schießt es mir durch den Kopf, und dann treffen sich unsere Blicke zum ersten Mal. Diese Augen – wow – grau wie das Meer kurz vor einem Sturm und auch genauso unergründlich! Ein richtiger Abenteurer–Typ, ein ungebändigter. Plötzlich habe ich den Geruch der Nordsee in der Nase, als wäre ich am Strand von Texel. Völlig verwirrt über meine Gedanken, drehe ich meinen Kopf wieder dem Geschehen zu - und verpasse prompt den Einsatz!

 

Das wissende, schmunzelnde Lächeln von Felix hilft mir, das missbilligende Schnauben von Gerhard einfach zu überhören. Mit meinem zuckersüßen, entschuldigenden Lächeln in die Runde bitte ich um Vergebung. Ein Blick zu ihm… Hat er es mitbekommen? Das Aufblitzen in seinen Augen macht mich für den Rest des Abends unbesiegbar.

 

Nach 60 Minuten bin ich total kribbelig! Der Kerl flirtet mit mir! Nicht mit Agnes oder Doris, die schon die ganze Zeit versuchen anzukommen… Nein! Mit mir! Der Typ fasziniert mich! Zum ersten Mal seit langer Zeit kann ich mir vorstellen, mit ihm, einem Mann...

 

Pause.

 

Er kommt nach vorne zu Felix. Ich höre nur Wortfetzen - „wollte Abendessen“ - Verabschieden… „In unserem Stammlokal…“ empfiehlt Felix. „Bis Später!“, registriere ich noch.

 

„Pat, komm wieder in die Realität zurück!“ weist mich die Vernunft zurecht - vergeblich. Die auf später gelegte Rückfahrt mit dem Fahrdienst hat die ‚Frau in mir’ schon geändert. „Er“ wird auch im Stammlokal sein - zum Abendessen. Vielleicht habe ich Glück, und es ergibt sich eine Gelegenheit, ihn näher kennen zu lernen.

 

Und dann ist er da!! „Hallo, genießender Lauscher!“ Ich muss lächeln über seine Verwirrtheit. Ein Typ wie er - verlegen? „Es war schön zu sehen, wie Sie sich in dieser Stunde entspannt haben.“ Mein Gott, ich flirte mit ihm, mache ihn an… Heftig. Und er? Amüsiert sehe ich, wie er sein Bierglas neben den Filz stellt, die Fragen der anderen nicht hört, bekomme das Gefühl, er würde mich gleich in die Arme nehmen wollen.

 

Verdammt! Einige Chormitglieder beginnen, mich abzuschirmen.

 

Natürlich sehe ich Gerhard direkt hinter ihm her stiefeln, als er zur Toilette geht. Bemerke sein Gesicht, seine Augen, als er zurück kommt und ahne, was geschehen ist. Als er an den Tisch kommt, frage ich flüsternd: „Hat er dir gesagt, Finger weg von mir?“ Auf sein Nicken hin entfährt mir wütend ein gefauchtes „Arschloch!“ Seine blitzenden Augen ermutigen mich. „Ich meine ihn.“ Wir tauschen einen einvernehmlichen Blick, und ich wünsche mir von ganzem Herzen - und meine Intuition sagt mir, dass ich Recht habe - dass mein Lauscher sich keineswegs an das „Finger weg“ hält! Dazu ist er nicht der Typ.

 

Als die anderen endlich aufbrechen und mir fragende Blicke zuwerfen, sage ich fröhlich: „Macht’s gut! Der Fahrdienst kann mich nicht früher abholen!“

 

Puh! Erst einmal tief durchatmen! Ich fühle mich zum ersten Mal an diesem Abend richtig wohl und entspannt! Was macht der verrückte Kerl? Dreht meinen Rolli halb vom Tisch weg, zieht seinen Stuhl neben ihn, so dass wir uns vis à vis gegenüber sitzen.

 

Wie beim Federball fliegen nun Wörter und Sätze hin und her, necken sich im Tonfall, im Doppelsinn, und als die beiden Johanniter rein kommen, werden seine Augen dunkel - feucht. Zu meiner Überraschung schreibt er ganz spontan seine Mobilnummer auf einen Bierdeckel, drückt ihn mir in die Hand und küsst meine Fingerspitzen, bevor er in die Nacht entschwindet.

 

„Toller Typ! Was Pat?“, schnuffelt Viktor, einer der Johanniter.

 

Die beiden bringen mich völlig verwirrt nach Hause. Was jetzt? Soll der Bierdeckel heißen: „Mach du denn nächsten Schritt!“ Nun ja! Die Frau in mir hat schon entschieden. Sie lächelt mir im Spiegel entgegen: „Wer nicht wagt – der nicht gewinnt!“ Und ich wähle die Nummer.

 

„Hier lauscht der „genießende Lauscher“!“ meldet sich die vertraute Stimme mit dem kratzigen Unterton fast sofort. „Der hat einen Frosch in Hals!“, jubiliert es in mir. Ihn hat es auch erwischt!

 

Ich lache los - befreit, höre mich kieksen wie die Teenies, mache, was ich am besten, am schönsten kann. Ich singe: „Abendstille überall - nur am Bach die Nachtigall, singt ihre Weise klagend und leise durch das Tal!“

 

Stille

 

Kratzig, in falscher Tonlage - die Lage nicht haltend, beginnt er das Lied erneut zu singen und ich setze ein.

 

Wir bleiben im halben Kanon stecken. Die Stimme versagt ihm.

 

„Es ist Scheißeschön, wenn es einen erwischt hat!“, knurrt es am anderen Ende.

 

„Gute Nacht, mein Lauscher!“

 

„Gute Nacht, meine Lerche!“

 

 

© Geli & S’Rüebli                                                                                        Ihre Meinung?

 




Teil 2: Mi -Fa