Selima

Oder die Gabe der Schussligkeit! *


 

Mein Beruf führt mich in den letzten Monaten öfters in ein Land, wo die Kulturen mit einander streiten. Montag mit dem ersten, Freitag mit dem letzten Flieger ist Routine. Manchmal auch Samstag mit dem ersten, oder Sonntag mit dem Letzten.

 

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Vor Wochen sah ich sie zum ersten Mal, wie sie den Gang im Airbus entlang kam. Ihr BMI-Wert liegt bei 32 zuckt es im Gehirn. Eine Tasche mit Regenschirm, seitlich angeschnallt, vor sich her tragend. Ein kleiner prall gefüllter Rucksack, der bei jedem dritten Schritt von der Schulter rutscht, eine Duty Free Tüte schlenkert irgendwo zwischen einer Lederhandtasche und Mantel.

 

Das runde, gleichmäßige, schöne, und wie eine Sonne strahlende Gesicht ist mit einem helmartigen Haarkranz eingerahmt, der massige Rest der Haare in einem Unterarm dicken Zopf gebändigt. Ihre großen haselnuss-braunen Augen fokussieren ihre Umgebung. Ihre Füße mit gepflegten Zehennägeln - blutrot lackiert - in Sandalen mit halbhohen Absätzen marschieren zielstrebig auf Reihe 32/E zu.

 

Beim vorletzten Schritt - getreu Murphy - kommt es, wie es kommen muss… die Duty Free Tüte reißt und ihr Inhalt kullert durch den Gang und unter die Sitze. Sie macht noch die zwei Schritte und setzt Tasche, Rucksack und Mantel auf den Sitz 32/E. Ihre Handtasche rutscht unbemerkt auf den Boden. Ohne Hast, Panik oder Hektik bückt sie sich und sammelt ihre süßen Schätze wie Daim, Mini-Toblerone, Haribo, Nimm 2 u.ä. ein, unbekümmert davon, dass sie den ganzen Boarding Betrieb blockiert.

 

Diskret darauf angesprochen, spendiert sie allen Umgebenden und Betroffenen ein so entwaffnendes liebeswürdiges, um Verzeihung bittendes Lächeln, dass selbst der herablassend blickende Randlosbrillenträger sich erweichen lässt und ihr zwei vor seinen Füßen liegenden Mini-Tobleronen aufhebt.

 

Beflissen schiebt sie sich zwischen ihren Sitz, um die restlichen Passagieren passieren zu lassen und tritt… wie anders möglich, in die Schlaufe ihrer Handtasche, die, als sie sich umdreht, umstülpt und ihren Inhalt verteilt.

 

Nein, kein Schreikrampf, kein roter Kopf… sich schämen. „Oh ist wohl nicht mein Tag!“, und beginnt ihre Habseligkeiten Handy, Portemonnaie, Brieftasche, Pass, Tampons Schlüsselbund, und was sonst noch in einer weiblichen Handtasche Eingang findet… einzusammeln. Alle helfen mit- 32/C, 32/F, 31E, 31C, 33/E und 33/C…ich, halte ihr Schminktäschchen, Lippenstift und fünf Euromünzen in den Händen.

 

Dabei zeigt sie uns, dass sich zwischen ihren weiblichen Pobacken eine prächtig geformte Köstlichkeit versteckt. 32/C hilft ihre Tasche, Schirm und Mantel in den Boxen zu verstauen. Eine Plastiktüte wird durchgereicht, die süßen Verführer neu verpackt und über mir in die Box verstaut.

 

O Gott, ihr Bäuchlein - drei Handbreit von meinen zuckenden Lippen entfernt… chic und elegant in ihrer Hose verpackt - ohne Falten, mit meisterlich angesetzten Abnähern modelliert. Aus meiner Halb- Froschperspektive sehe ich, da ihr Top aus der Hose gerutscht und ihre Brüste es abheben, den unteren Rand des BH’s und den Ansatz der Brüste. Krmmmh!

 

Vorhang gefallen - dunkle Nacht. Wie eine Girlande hat sich ihr Mantelärmel - aus der Box gerutscht - vor meine Augen gelegt! Hastig wird der Ärmel weg gezogen. Die großen Glutaugen funkeln, ihr Gesicht strahlt ihre Lippen formen ein gehauchtes „Entschuldigung“. Ihre Hand… streichelt… mein zersaustes Haar… glatt… zärtlich… sanft… weich, als wäre ich ihr Bebe.

 

Vermaledeit, diese Hundert Prozent Schusseligkeit, Verzeihlichkeit, Natürlichkeit, Weiblichkeit und Fröhlichkeit... regt in mir das Bedürfnis sie zu…? Ich schürze meine Lippen zu einem gehauchten Kuss. Wie im Frühling die Knospen, erblühen ihre  Nippel, und die Lippen kräuseln sich zur Erwiderung.

 

Tapfer kämpft sie mit dem in unzerreißbarer Folie verpacktem Plastikgeschirr - abbrechendem Messer, sich verbiegender Gabel. Angeregte Konversation mit 32/C mit mehrmaligem Blick nach 33/C - zu mir - gepaart mit einem durch und durch gehenden Strahlen.

 

Aussteigegewuschel. Sie öffnet die Box über mir. Tritt ganz nahe an meinen Sitz, stützt sich mit den Knien an meine Lehne, drückt mit ihren Beckenknochen in meine Schulter… streckt sich, ihr Kreuz durchdrückend um ihre Sachen aus der Box zu angeln.

 

Ihr Oberbauch… nackt, einen unvergleichlichen Duft entströmend, keine zwei Handbreit vor meinem Gesicht. Zu viele Augen gucken gierig nach jeder ihrer Bewegungen. Zu schön wäre es gewesen. Einer Regung folgend, hauche ich meinen Atem unter ihren Top. Einer anderen Regung folgend, drückt sie ihr Kreuz weiter durch. Meine Lippen berühren ihren kalten, leicht schweißfeuchten Oberbauch. Meine Zunge nimmt den salzigen Geschmack ihres Körpers wahr. Ihr Körper saugt meine Knurrlaute auf, verstärken sie zu einer Resonanz.

 

Das war vor zehn Monaten.

 

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Ich muss jetzt Schluss machen. Eben hat es in der Küche fürchterlich gescheppert. Gleich wird Selima mit zwei Gläsern voll unvergleichlichem, heißem, starken, zuckersüßen Çay  herein kommen und mir erklären, dass nichts Schlimmes passiert ist. Nur der blöde Deckel vom Wasserkessel, der immer klemmt.

 

 

©S’Rüebli

 

   

* In Anlehnung an Sten Nadolnys „Selim oder die Gabe der Rede“