Der verbotene Garten



© Tanguera


Seit ich mit dir bin, hat mein Körper aufgehört zu suchen. Es ist ein Warten auf dich, unsere nächste Begegnung, ein Warten in Ruhe.

 

Schon morgens, wenn ich allein erwache, ist mein Körper wohltuend träge. Bewegungslos liege ich unter meinem Laken, spüre die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht und die seidige Kühle der Decke auf meiner nackten Haut – wie ein fernes Streicheln von dir. Meine Hand legt sich auf meinen Bauch, erspürt den regelmäßigen Atem, das Heben und Senken. Ein Finger liegt in der Leiste, so, dass er den Ansatz des streichelzarten Schamhaars fühlt. Endlose Stille, bis ich aufstehe, gedankenschwer und körperleicht.

 

Der Tag vergeht im Wachtraum, Gedankenfetzen erinnern mich an dich, hin und wieder – und ich warte, warte. Auf den Abend, auf die Nacht, wenn mich deine Stimme rufen wird, hinaus. Selbst die Einsamkeit, wenn die Dunkelheit heraufzieht – im Abendwind, ein Glas kühlen Wein neben mir, das fruchtig-herb meine heißen Lippen benetzt – ist zu ertragen, wenn ich nur weiß, dass du mich rufen wirst. Irgendwann. Nicht heute oder morgen, aber irgendwann, an einem Tag, dessen Datum mir so unbekannt ist wie die Art, wie du ihn aussuchen wirst. Und wenn er gekommen ist – unerwartet, wie alles kommt, was man ersehnt – so reicht mir die Zeit kaum, um mich vorzubereiten. Darum habe ich gewartet, nur darum: damit ich dann bereit bin.

 

Und dann kommt der Tag, an dem dein Befehl mich zu dir treibt. Diesmal wird es der Park sein, gleich in meiner Nähe – am großen Stein. Nur eine Stunde gibst du mir, eine Stunde des Zitterns, der Erwartung, die so süß schmeckt wie Lust und Schmerz, gemeinsam. Jeder Schritt ist ein Trudeln zwischen Angst und Erregung, zwischen Ungewissheit und Sicherheit, die mir in ihrer Absolutheit fast unheimlich ist.

 

Mein Körper hebt sich in den Absätzen, wölbt die Hüften zu einem kurvigen Gebirge, unter denen sich mein Bauch herausdrückt, straff und fest. Jeder Schritt ist ein sinnliches Erlebnis: das Reiben des Seidenstoffes über meine Oberschenkel, das Kitzeln der Nachtkühle an meiner Brust, das die Nippel steil aufrichtet. Das Klackern meiner Absätze, der Geschmack der ersten Zigarette seit langem, wie einer deiner Küsse. Rauchig, verrucht, heiser.

 

Endlich bin ich am Ziel. Atemlos betrete ich den Park durch das Tor der Akazien, versinke fast im weichen, taufeuchten Gras. Nur noch durch das Laubwäldchen, dahinter wirst du warten… zum ersten Mal habe ich Angst, Angst vor den Stimmen, der Dunkelheit, der Gefahr. Den anderen. Minutenlang stehe ich, versuche, das Dunkel mit Blicken zu durchdringen, mich zu überwinden für die lächerlichen 500 Meter, die mich von dir trennen. Meine Angst ist stärker, und ich gebe nach. Dein leises Lachen am Telefon flößt mir Mut ein für den Satz, den ich mir nie zu sagen traute: „Ich habe Angst. Beschütz mich. Hol mich ab.“ Ob du ermessen kannst, wie viel von mir darin steckt, in diesen paar Worten? Selbstaufgabe? Das Eingeständnis meiner Schwäche, und der Wunsch, du mögest sie aufnehmen, überwinden?

 

Das Baumdunkel spuckt dich aus, Waldduft, mein weißer Wolf. Nur eine Umarmung jetzt, die mein Zittern beruhigt, dein Duft nach Wildheit, und praller Körperlichkeit, und Lust. Fest fasst du mich um die Hüfte, nimmst mich in Besitz und unter deinen Schutz. Mein Schritt passt sich deinem an, unmerklich. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich, und meine Lippen tasten sich an deine Wange, im Gehen, an deinen Mund, in dich. Schritt für Schritt näher.

 

Ob du meine Unruhe spürst, das Fiebern? Wie sich mein Körper dir entgegenstreckt, sich anschmiegt, weich wird unter deinem Blick, in der Nähe deines Körpers. Tastende Lust. Dein Atem dringt ich mich ein, du, als ob mein Körper dich aufsaugte, als ob du das letzte bisschen Ich in mir verdrängtest, um mich ganz zu besitzen. Ausgefüllt. Jede Bewegung steuerst du, wie eine Welle, die mich, dich, uns durchdringt. Die Grenze verwischt… und ich versinke in dir, im Nichts. Ich schmecke den Duft deiner Haut, atme dich ein, gierig, als ob nur die Luft um dich enthielte, was ich brauche.

 

Es ist alles so vertraut, als wir dort sind: der hohe, noch sonnenwarme Stein, jede Höhlung. Das Baumdunkel, das uns schützt. Wie Heimkommen, irgendwie, zu dir, zu mir… Deine Hand greift in meinen Nacken, zwei Finger pressen sich in meine Haut, durchdringen die Schichten des Fleisches, bis sie auf die Wirbel stoßen, und drücken zu. Der Schmerz und das wohlige Bewusstsein deiner Macht strahlt aus in meinem Kopf, infiltriert mein Gehirn, füllt meine Augen mit dankbarem Staunen, kriecht weiter über meine Schultern, meine Brüste, in meinen Unterbauch. Lüsternes Ziehen.

 

Deine Zunge schlingt sich um meine, Bartstoppeln kitzeln an meiner Wange, meine Hand wühlt sich in dein Haar und zieht deinen Kopf zu mir hinunter. Lippenbisse, schmerzhaft-gierige Bekenntnisse meiner Lust. Wie konnte ich nur warten, darauf, wie konnte ich es aushalten, einen Tag, eine Stunde, ohne diese Lust zu sein, die du mir schenkst. Ich will weiter, soviel weiter gehen, jetzt, gleich, in diesem Augenblick, will, dass du mich ausfüllst, aufspaltest. Wie ich es liebe… das hungrige Gurren, deine Hand unter meinem Rücken, die meinen Körper hochzieht, ihn anrichtet wie auf einem Tablett aus Stein, deine Lippen, die zart über meine Haut streichen… und den festen Biss, der folgt. Die Feuchte, die du von meinen Schenkeln leckst, und über dein Gesicht verteilst, damit ich sie ablecken kann, und den Wind, der deine Spuren kühlt.

 

Und als du endlich, endlich meinen Körper in deine Hände nimmst, fest und bezwingend, knetend und neu formend, in aufreißend und beherrschend, vergesse ich. Mich, dich, was wir tun. Die Rauheit des Steins unter mir, die Kraft deiner Hände, die schmerzhafte Intensität deiner Stöße. Mein Körper schreit nach dir, will mehr… dich spüren, in mir… deine Hüften, die sich in seine Weichheit pressen, dein Schwanz, der sich zwischen meine Schenkel wühlt…härter wird und härter, sich in mein Fleisch bohrt, um zu versinken in mir, mich auszufüllen, zu explodieren. Dein Schrei ist laut, animalisch, belebend, und ich spüre deine Lust in mir, als ob sie meine wäre.

 

Erschöpft von der Nacht, ruhe ich ein paar Minuten an deiner Brust, lausche dem regelmäßigen Atmen, fühle deinen Hauch auf meiner Wange. Geteilte Erschöpfung im Morgengrauen, die ersten Vögel zwitschern träge. Ich gleite ab in die geballte Lust einer wunderbaren Nacht.

 

 

© Tanguera, 2007/2008                                                                        Ihre Meinung?