Das Fressen-Saufen-Ficken-Phänomen

Das anonyme Schicksal der Geliebten


 

Verehrte mittelalte Leserin, es ist mir eine besondere Ehre, dass ich heute nur für Sie schreiben darf. Ich weiß um Ihre Sorgen und Nöte, aber ich sehe auch, dass Sie kopfschüttelnd schockiert und irritiert sind. „Fressen“, „Saufen“, „Ficken“ sind Worte, die nicht zu Ihrem kulturell integrierten Sprachschatz gehören. Es ist nicht schwer zu erraten, dass Sie solche Worte niemals in den Mund nehmen würden, denn sie sind schmutzig. Sie sind es nicht, nur die Worte sind es, und darum kann ich Sie beruhigen. Auch ich verwende solche Worte nur in extremen Ausnahmefällen, zum Beispiel, wenn bedürftige Frau in Not ist. Dann bleibt keine Zeit für rigide, gesellschaftliche Normen. Es muss gehandelt werden. Dieser außergewöhnliche Notfall ist heute eingetroffen. Nur für Sie ist dieser Text entstanden.  

 

Falls Sie im Zustand der getrennt lebenden Singlefrau leben, was ich vermute, dann kann es sein, dass Sie sich mit diesen deftigen Worten ernsthaft, sozusagen wissenschaftlich auseinandersetzen müssen. Es geht um Ihr Lebens- und Liebesglück und Ihr weiteres Schicksal. Nur darum und aus keinem anderen Grund sind klare und allgemein verständliche Worte angebracht. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihre Verwirrung zu entwirren, und ich möchte Ihnen die Zusammenhänge, aber auch die Ursachen, Wirkungen und Möglichkeiten des Phänomens präzise darlegen.

 

In den letzten Monaten wurde mir von unzähligen weiblichen Menschen berichtet, dass in der Kommunikation zwischen Frauen in den mittleren Jahren und reiferen Männern eine schleichende Veränderung vorgegangen ist, die in diesem Ausmaß in der Geschichte der Menschheit als einmalig bezeichnet werden kann. Erschütternde Beispiele menschlicher Tragödien zwangen mich, tief in die Materie einzudringen und schonungslose Kernursachenforschung zu betreiben. Das Konzentrat meiner unter Gefahr für Leib, Seele und Leben durchgeführten Forschungsarbeit möchte ich Ihnen heute in konzentrierter Form vorstellen. Es ist die Weiterentwicklung des in wissenschaftlichen Kreisen bekannten

 

Fressen-Saufen-Ficken-Phänomens.

 

Die Ergebnisse, die Auswirkungen auf die menschliche Zivilisation, auf das Fortbestehen unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung, aber auch die Zusammenhänge im sozialen Miteinander möchte ich heute an einem bewegenden Fall, der repräsentativ für Unzählige steht, analysieren und sowohl Lösungs- als auch Trostwege aufzeigen.

 

Meine Patientin, Frau Susanne H. aus C. bei S. (Namen und Ort aus standesrechtlichen Gründen geändert) hat sich bereit erklärt, stellvertretend als Frau Mustermann, ihr bedauernswertes Schicksal offen zu legen.

 

Susanne H. ist eine aktive und attraktive Frau in der Blüte ihrer Jahre. Um es zu präzisieren, Susanne H. ist etwas über vierzig Jahre alt und hat, was wir ihr gönnen, nicht resigniert, sondern Ansprüche an das Leben und die Liebe.

 

Ihre Lebensgeschichte ist schnell erzählt. In jungen Jahren und in einem Anflug blinder Verliebtheit ist sie in eine Ehe geraten, die sich nach kurzer Zeit als Irrtum herausgestellt hat. Als regsame Frau kam sie vor einigen Jahren zu dem Entschluss, ihren etwas nachlässig gewordenen Ehemann in die sprichwörtliche Wüste zu schicken. Er ist dahin gegangen, sie hat ihn verlassen, oder, um es korrekt zu beschreiben, ihn des ehelichen Hauses verwiesen. Die Gründe waren schwerwiegend und darum akzeptabel. Es waren seine unentschuldbaren Marotten, seine ausgeleierten Jogginghosen, seine bekleckerten Hemden und sein rustikales Benehmen. Dazu kam seine körperliche und geistige Nachlässigkeit. Ganz allgemein gesagt: Susanne H. konnte den Mann als Solchen und im Ganzen gesehen nicht mehr ertragen. Das Ding musste weg.

 

Wie Sie richtig erkannt haben, ist Susanne H. eine geschiedene Frau, so wie Millionen andere Frauen auch. Sie lebt allein, wenn man den rotbraun gestreiften Kater, einige stachlige Kakteen und mehrere sich vermehrende Fische nicht mitzählt. Nun weiß ich, dass Frau unter diesen Voraussetzungen ihren Job erfolgreich bewältigen und sich gleichzeitig liebevoll um den rotbraun gestreiften Kater, die Kakteen und die kopulierenden Fische kümmern kann. Aber Sie ahnen es schon, das optimale Glück will sich nicht so recht einstellen. Die Lösung des Problems erscheint einfach. Susanne H. benötigt trotz vehementem Bestreiten einen Mann. Einen gestandenen Mann, der Trost spendet, der weniger, aber dafür klug sprechen und mehr zuhören kann, der da ist, wann man ihn braucht, der die weibliche Gefühlswelt versteht und der auch mal was mit einem unternimmt, bevor Frau mit dem rotbraun gestreiften Kater, den Kakteen und den Fischen eingeht wie ein Oberammergauer Schrumpfblümchen. Es ist mir zwar momentan entfallen, wie und warum Oberammergauer Schrumpfblümchen eingehen, aber nehmen wir als Beispiel einfach mal an, dass Oberammergauer Schrumpfblümchen ohne Liebe eingehen.

 

Fassen wir zusammen: Susanne H. braucht dringend einen intelligenten und erfahrenen Frauenflüsterer. Und in dieser defizitären Stimmung ist die Ursache des Fressen-Saufen-Ficken-Phänomens zu suchen.

 

Susanne H., als Fallbeispiel, stellvertretend für Millionen betroffener Frauen, weiß aus Selbsterhaltungsgründen, dass sie etwas unternehmen muss, und sie sucht sich einen Mann. Das ist einfach gesagt, und nach Überprüfung der Ressourcen, der Zeiten, der Möglichkeiten und des Aktionsradius ist auch das eine oder andere Exemplar dieser seltenen Spezies bereit, das bis dahin verwaiste Bett mit Susanne H. zu teilen, um sich nach geschlechtlicher Verrichtung und einem kurzen, belanglosen Gespräch wieder zu entfernen. Das geht so einige Zeit, und  nach vielen Versuchen, dem einen oder anderen Griff in die Kloschüssel, hat sich ein noch ansehnliches Exemplar der Spezies Mann bereit erklärt, Susanne H. regelmäßig zu frequentieren.

 

Susanne H. ist ob ihres Erfolgs optimistisch gestimmt und legt sich ins Zeug, was das Zeug hält. Sie investiert in sündhaft teure Dessous, bis die Kreditkarte komische Geräusche von sich gibt. Ein Full-Size-Programm bestehend aus Maniküre, Pediküre, Kosmetik und Friseur verschlingt ein Heidengeld. Sie ist auf Abruf, frisch geduscht und liegt gut duftend bereit, zum Beispiel an Tagen, an denen seine Frau ihre Tage hat und er im Sportverein, in der wichtigen Vorstandssitzung, oder im Verein zur Pflege des deutschen Liedguts wichtige Funktionen wahrnimmt, wie er seiner Ehefrau sagt, auch wenn Susanne H. lieber einen gemütlichen Kuschelabend mit dem rotbraun gestreiften Kater auf dem Sofa verbringen würde. Sie hat Verständnis für die Sorgen des Geliebten und kann stundenlang interessiert Themen zuhören, für die sie sich bis dahin noch nie interessiert hat, weil sie kein Interesse daran hatte, was wir ihr nicht weiter übel nehmen. Sie geht nicht mehr aus dem Haus, immer in der Hoffnung, der Geliebte könnte vielleicht anrufen oder spontan vorbeikommen, weil er in seinem Zeitmanagement zwischen Beruf, Hobbys, Kinder und wachsamer Ehefrau ein schnelles Stündchen frei machen konnte.

 

An dieser Stelle müssen wir nicht erschüttert innehalten. Für Susanne H. ist der Zustand nicht weiter schlimm, denn sie geht auch sonst nicht mehr aus dem Haus, denn der verheiratete Geliebte kann sich mit ihr nicht in Restaurants, Theatern, Vernissagen, Kinos, Bars oder sonstigen Vergnügungsstätten zeigen. Nach einigen Monaten oder Jahren beginnt Susanne H., zuerst unmerklich, dann immer deutlicher an dem bekannten Tigerkäfigsyndrom zu leiden. Obwohl sie es nicht wahrhaben will, spielt sich ihr Leben nur noch in ihrer Wohnung ab, in der sie suchend und wartend auf und ab geht und eine Unmenge Nervenberuhigendes im Spektrum zwischen Likörchen und Pharmazeutischem zu sich nimmt. Immer mit dem Blick zur Tür oder zum Telefon und auf den Geliebten hoffend, der sich ein bis zwei Mal im Monat zu einem bestimmten Tag für eine halbe, aber höchstens zwei halbe Stunden einfindet. Dann hat sie Lust, wenn sie Lust zu haben hat, und sie hat Verständnis zu haben, wenn der Geliebte nicht so kann wie er ihr sagt, dass er will, wenn er im Beruf und mit seiner Ehefrau nicht so viel Stress hätte. Denn Zeiten, Abläufe und Organisation werden durch den Terminplan des Geliebten bestimmt.

 

Fassen wir an dieser Stelle zusammen: Susanne H. aus C. bei S. ist die leidenschaftliche und preisgünstige Stundengeliebte für ihren Geliebten der verheiratet ist aber nicht mit ihr.

 

Im Gegenzug, sozusagen im Tausch, schwört er Liebe, wo keine ist. Er schwört Treue, wo keine Treue möglich ist. Er schwört, dass er mit seiner Frau schon jahrelang keinen Sex mehr hatte, und die Geliebte glaubt es, obwohl ihm ein bisschen Training, sexuell gesehen, ganz gut tun würde, denkt sie. Und er schwört, dass er sich bald scheiden lässt. Heute nicht mehr, denn es ist schon spät, und er muss gleich weg, aber wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dann ganz bestimmt.

 

Unser Fallbeispiel Susanne H. hört die Versprechungen gern, denn mit rotbraun gestreiftem Kater, Kakteen und Fischen ist das Leben ziemlich öde. Außerdem hat sie als feinfühlige Frau Verständnis, dass er seine Frau mit der er zwei aufwachsende Kinder hat, die sich gerade in einer schwierigen Phase befinden, nicht verletzen will. Denn das wäre unfair, und sie hat ein latent schlechtes Gewissen, weil sie es mit einem Verheirateten treibt. Verehrte Leserin, Sie haben es richtig erkannt. Er ist im Vollbesitz seiner geistigen, körperlichen und monetären Kräfte bedauernswertes Opfer des Fressen-Saufen-Ficken-Phänomens.

 

Da das Fressen-Saufen-Ficken-Phänomen sehr heimtückisch ist, geht es eine gewisse Zeit gut. Die Ehefrau glaubt, dass er im Sportverein ist und ist froh, dass sie mal einen Abend im Monat frei hat. Sie weiß, dass sie die Macht besitzt, die Grundbedürfnisse zuzuteilen oder rigoros zu entziehen. Und auch Susanne H. glaubt und hofft, zusammen mit dem rotbraun gestreiften Kater, den Kakteen und den kopulierenden Fischen. Und so vergeht Jahr um Jahr, und es könnte bis in alle Ewigkeit so weitergehen, wenn, ja wenn die Affäre ihre Funktion als Affäre weiter erfüllen würde, wie es eine Affäre zu tun hat.

 

Eines Tages, zwischen Likörchen und Tablettchen kommt Susanne H. auf seltsame Gedanken. Sie beginnt sich zu wehren, sie empfindet mehr, sie will mehr und das sofort. Sie will nicht mehr zu genau festgelegten Zeiten, für genau berechnete Zeiten, mit genau festgelegten Abläufen wie ein Nutzgegenstand zur Verfügung stehen. Sie wird ungeduldig, denn die Jahre vergehen wie im Flug, und Susannes Kosmetikerin erwägt, motiviert durch immer neue Restaurationsmaßnahmen an ihrer Stammkundin, die Anschaffung eines Sportwagens aus Zuffenhausen. Aus diesen Gründen stellt Susanne ihren Geliebten zur Rede. Jetzt, genau in dieser Phase zeigt sich das Fressen-Saufen-Ficken-Phänomen in seiner ganzen Brutalität. Der Geliebte spürt intuitiv, wie sich existenzielle Gefahren entwickeln. Er flüchtet sich in Ausreden und zieht sich zurück, zu seiner Ehefrau, mit der er schon seit Jahren keinen Sex mehr hat, die ihn und seine Sorgen nicht versteht, die er nicht mehr versteht und der er die Affäre noch nicht gebeichtet hat, weil er sie nicht verletzen wollte. Zurück bleibt die fassungs- und verständnislose Susanne H. mit ihrem rotbraun gestreiften Kater, ihren Kakteen und ihren Fischen. Stellvertretend für Millionen Frauen mit ähnlichen Schicksalen.

 

Was sind die Ursachen, welche Gründe spielen mit und vor allem, ist das Fressen-Saufen-Ficken-Phänomen ansteckend, oder warum verbreitetet es sich in so beängstigendem Ausmaß?

 

Als der weltbekannte Psychologe und einer der Gründerväter der Humanistischen Psychologie Abraham Maslow vor Jahrzehnten seine bekannte Bedürfnispyramide postulierte, ahnte er sicher nicht, welche Auswirkungen seine Entdeckung auf das Leben von Susanne H. haben würde. Erst heute und durch meine ergänzende Analyse zeigen sich die dramatischen Auswirkungen in ihrer ganzen Brutalität.

 

Nach der Maslowschen Bedürfnispyramide bestimmen drei Grundbedürfnisse das menschliche Verhalten. An erster und zweiter Stelle stehen „Essen“ und „Trinken“, danach kommt die „Sexualität.“ Niemand kann dauerhaft ohne Essen auskommen, und mit dem Trinken sieht es ähnlich aus. Dagegen kann das dritte Grundbedürfnis, die Sexualität, eine bestimmte Zeit unterdrückt werden, muss aber irgendwann und irgendeinmal befriedigt werden. Es ist vergleichbar mit einem Dampfkochtopf, der unter Hitze steht. Mit zunehmender Hitze und Dauer der Perspektivlosigkeit sucht sich der Überdruck einen Ausweg. Werden die ersten beiden Grundbedürfnisse (Essen und Trinken) nicht befriedigt, findet der Mensch nach kurzer Zeit ein biologisches Ende. Wird das dritte Grundbedürfnis nicht befriedigt, wird der Mensch, je nach persönlichen Neigungen schrullig, hysterisch, zum Massenmörder, oder sucht sein Heil in der Religion. Die Ehe erfüllt darum eine wichtige, gesellschaftliche Funktion. Alle drei Grundbedürfnisse sind geregelt und kanalisiert. Essen, Trinken und Sex sind ausreichend verfügbar, auch wenn es mal nicht so schmeckt, zur Zuteilung verkommt oder Rationalisierungsmaßnahmen zum Opfer fällt. Essen und Trinken kosten Geld. Geld muss erarbeitet werden, was in einer Ehe üblich ist, denn der Haushaltungsvorstand trägt die Verantwortung. Nach dem klassischen Rollenverständnis muss er die Kohle heranschaffen, im Tausch kümmert sich die Frau um die gesellschaftspolitisch gewünschte Aufzucht der Brut und die Bedürfnisse des Mannes. Nach Abzug aller Ausgaben bleibt das Restgeld da, wo es rechtlich hingehört - in der Familie.

Geschieht die Bedürfnisbefriedigung nicht ausreichend, oder wird qualitativ nachlässig ausgeführt, was in der Ehe nach kurzer Zeit üblich ist, findet keine Rückgabe des Geldes an den Beschaffer statt, was sozial ungerecht, aber nun mal nicht zu ändern ist. Nur darum ist der bedauernswerte Mann gezwungen, seine Grundbedürfnisbefriedigung woanders zu preisgünstigen Konditionen zu befriedigen, denn die streng bewachte Haushaltskasse darf nicht, was illegal wäre, mit Fremdinvestitionen belastet werden.

 

Falls Sie mir bis dahin intellektuell folgen konnten, kommen wir zum Kern des  Fressen-Saufen-Ficken-Phänomens. Doch bevor wir Ursachenforschung betreiben, müssen wir die Person des männlichen Parts und die mögliche Beziehungskonstellation etwas näher analysieren.

 

Eine Frau in mittleren Jahren, die eine Affäre unterhält, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem Mann ihres Alters nach der Formel + oder - 5 (Jahren) einlassen. Mit Barem erkaufte Wunschträume und Extremfälle (junger Mann und ältere Frau) lassen wir mal als gern von Frauenzeitschriften auf Leserschaft schielende, kolportierte, mediale Aufreißer außen vor.

 

Von Männern im mittleren Alter ist anzunehmen, dass die große Mehrzahl verheiratet ist, also über ausreichend bekömmliche Nahrung und Getränke verfügt, die zu festen Zeiten verabreicht werden. Damit werde zwei von drei Grundbedürfnisse dauerhaft befriedigt. Vorhersehbar ist aber, dass der verheiratete Mann ein Sexdefizit hat oder früher oder später bekommt, weil seine Frau nicht so will, wie er will. Der verheiratete Mann wird nach reiflicher Überlegung und unter Unterdrückung seiner Gewissensqualen ein leichtes Opfer der sich auf der Jagd befindenden Singlefrau. Er wird sich für Ehe, Volk und Vaterland hingeben müssen, damit sein drittes Grundbedürfnis, die Sexualität, befriedigt wird. Er wird aber niemals seine ersten beiden Grundbedürfnisse aufgeben, auch wenn Susanne H. eine gute Köchin wäre, was wir nicht wissen, aber annehmen können, denn sie weiß, dass Liebe durch den Magen geht, und sie hat für den Geliebten kochen und schmücken gelernt. Der verheiratete Geliebte weiß intuitiv, dass es nur in seinem legitimen Basislager eine gesetzlich verbriefte Garantie für ausreichend Nahrung und Getränke gibt, die dauerhaft zur Verfügung stehen, sofern sich der Mann konform verhält. Nicht aber bei Susanne H. zu der keine vertragliche Bindung besteht. Und darin liegt das Kernproblem. Susanne H. ist zwar die bedauernswerte Kollateralgeschädigte, aber geschieden und damit mit dem schweren Makel der Unzuverlässigkeit behaftet.  

 

Nun nehmen wir weiter an, dass die Geliebte, in unserem Fallbeispiel Susanne H. alles, aber auch wirklich alles unternimmt, damit das dritte Grundbedürfnis, also die fehlenden oder mangelhaften Sexkontakte des verheirateten Mannes befriedigt werden. Wir wissen, dass Sex eine starke Kraft ist, die engagiert eingesetzt, für eine kurze Zeit, bedingt durch den starken Reiz des Neuen, die ersten beiden Grundbedürfnisse (Essen und Trinken) überlagern kann. Man kennt dieses Phänomen von Experimenten mit Ratten. Ratten wurden in einem Glasbehälter eingesperrt und konnten eine blaue Taste berühren, dann gab es Futter. Bei der gelben Taste gab es Wasser, und bei Berührung der roten Taste gab es eine heiße Rättin. Fast alle männlichen Ratten verhungerten jämmerlich, oft mitten im Akt. Susanne H. weiß das intuitiv. Nicht dass sie ihren Geliebten durch Sex umbringen will, so weit ist es noch nicht, aber sie engagiert sich über alle Maßen und stöhnt die lustvolle Geliebte vor. Sie experimentiert und erfüllt ihrem Geliebten vollkommen tabulos alle sinnlichen Freuden, die sie sich unter normalen Umständen niemals trauen würde sie auszusprechen.

 

Solange dieser Deal im Gleichgewicht von Geben und Nehmen ist, können alle Beteiligten zufrieden sein, sofern die Ehefrau nichts davon erfährt, was aber leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist.

 

Aber Susanne H. kennt die uralten Geheimnisse der Liebe und der Kriegsführung nicht. Wer den Engpass besetzt halten kann, mit dem ist die Macht. Und wie wir wissen, besitzt die Ehefrau eine thermophylische Schlüsselfunktion, die sie freiwillig nicht abtreten wird.

 

Das bedeutet, dass die legitime Frau mit emotional unkontrolliertem Verhalten und mit der starken Kraft des Gesetzes im Rücken, die ersten beiden Grundbedürfnisse entziehen, rationieren, oder zuteilen kann. Sie kann die Reserven vernichten und die Lebensperspektiven des Mannes bis ins hohe Alter vernichten. Also dem verheirateten Mann zum Beispiel durch die Androhung der Scheidung die Existenzgrundlage entziehen. Wenn wir nun die ersten Grundbedürfnisse „Essen“ und „Trinken“ mit Haus, Garten, Sparbuch, Bausparvertrag und Altersvorsorge, also mit allen materiellen Gütern die in einer funktionierenden Zweckgemeinschaft erworben werden, gleichsetzen, dann wird verständlich, dass der Verlust derselben sehr schwer wiegen kann, denn die noch bleibende Restlebenszeit spielt beim älteren Mann eine wichtige Rolle. Eine Leben auf fleckigen Matratzen und zwischen Apfelsinenkisten ist nur in jungen Jahren spannend, kann ab einem gewissen Alter sehr unbequem werden.

 

Und damit kommen wir zum Grundproblem der Geliebten Susanne H.. Sie kann als Gegenkraft nur Sex als leicht verderbliche Ware bieten. Außerehelicher Sex ist zwar am Anfang eine Quelle der Freude und erfüllt außerdem eine wichtige soziale Funktion im psychischen und physischen Bereich des gestandenen Mannes. Aber zu oft wird im Torschluss-Liebestaumel vergessen, dass diese starke Kraft nur am Anfang der Affäre wirksam wird. Und zwar dann, wenn die Affäre noch frisch ist. Nur dann, und nur für wenige Wochen überlagert das Sexdefizit die beiden ersten Grundbedürfnisse. In dieser ersten, sehr kurzen Phase, gehen Männer wie Zombies in langen Kolonnen zum Zigarettenholen und verlassen ihre fassungslosen Ehefrauen. Aber mit zunehmendem Gebrauch der Geliebten setzt wieder der Verstand ein, und die ersten zwei Grundbedürfnisse werden wichtiger. Denn das eheliche Sexdefizit ist ja durch die verfügbare Geliebte ausgeglichen, sofern die Geliebte nicht bis zu den tief in der Psyche des verheirateten Mannes versteckten Begierden vordringen kann, wovon auszugehen ist.  

 

Jetzt kommt die dramatische Falle, in die Susanne H. geraten ist. Die auf Sparflamme weichgekochte Geliebte gerät in den Zwang der Gefühle. Sie interpretiert mit zunehmender Dauer die Affäre als Liebe. Sie nimmt die intimen Geständnisse des Geliebten für bare Münze und sieht seine Schwüre als Ehrlichkeit. Sie legt sich wie ein gedoptes Rennpferd auf den letzten fünfhundert Metern noch mal ins stramm sitzende Zaumzeug der Gewohnheiten. So, als ob man ihr, der Halbverhungernden, eine Mohrrübe vor die Nase halten würde, die sie nie erreichen kann. Nicht ahnend, dass die Routinebesuche des Geliebten nur noch einen Zweck haben, sich früher oder später aus der inzwischen langweilig gewordenen Affäre zu schleichen, weil noch keine adäquaten Alternativen verfügbar sind. Auch Susanne H. ist zum bedauernswerten Opfer des Fressen-Saufen-Ficken-Phänomens geworden. In dieser Phase verfällt sie entweder in schwere Depressionen, in eine tiefe Sinnkrise mit lesbischen Gedankenspielen, beginnt skurril-lyrische Ergüsse ins Internet zu stellen, oder sie meuchelt hinterrücks ahnungslose Männer.

 

Damit diese Auswüchse nicht zu oft geschehen, hat die menschliche Natur einen Ausgleich geschaffen.

 

Wie diese Variante des Fressen-Saufen-Ficken-Phänomens aussieht, welche Möglichkeiten sich auftun und wie man den bedauernswerten Frauen helfen kann, erfahren Sie im zweiten und dritten Teil meines erschütternden Reports:

 

„Das Fressen-Saufen-Ficken-Phänomen

- oder wie werde ich als Heiratsschwindler erfolgreich.“

 

„Das Fressen-Saufen-Ficken-Phänomen

- oder wie erziehe ich den verheirateten Mann.“

 

© by Raoul Yannik