Teil 1 - Warten auf den Funken


Funkenflug

 

Sie nimmt meinen auf dem Tisch liegenden Zimmerschlüssel

und drückt ihn mir in die Hand.

„Den brauchen wir nicht mehr!“

 

***

 

Sie,

die Wirtin, hat es aus dem Augenwinkel mitbekommen

und kommt an unseren Tisch.

Schmunzelt wissend.

„Danke!“

 

Verlegen, ob unserer kühnen Aktion, lächeln wir uns schelmisch zu.

Der Funken knistert in unseren Zunderknäueln.

Sanft hauchen wir über die Glimmherde,

ihnen eine kleine Flamme entlockend.

Wie mit trockenem Stroh unterlegt

ist unser Verlangen,

die Gier nach dem Fleisch des anderen,

die leidenschaftliche Sehnsucht, sich zu finden.

Warten, dass die Flamme überspringt,

einem Fidibus gleich auflodert…

uns mitreißt und das Feuer entfacht.

 

Der „Samtrote“, zum Atmen schon entkorkt, glüht dunkel in der Flasche

und die beiden Gläser funkeln kristallen im weichen Licht der Stehlampe.

Ein kleines „Dankeschön“ der Wirtin.

Ich fülle die Gläser!

Rebekka steht an der Balkontür,

die Vorhänge zurückgeschlagen.

 

Ich lösche die Lampe

und trete zu ihr.

Satt klingen die Gläser.

Das Restlicht durch den Schnee verstärkt, erhellt die Dunkelheit.

Die fallenden Flocken,

 jedes Geräusch dämpfend – verschluckend,

 geben uns das Gefühl der Geborgenheit.

Beide fassen wir mit der freien Hand zu.

Greifen in den Nacken des anderen.

Ziehen uns zueinander hin -

und schmecken das zarte Aroma des Weines.

Ich ihre Himbeere, sie meine Brombeere.

Weiche Lippen treffen sich.

Verschließen dicht die Münder, den Zungen die Freiheit gebend

 sich forschend-neugierig vorzutasten,

mutig einzudringen,

jede des anderen Lust erwidernd.

Keiner hat Eile.

Die Gunst der Stille öffnet unsere Bereitschaft, sich ihr zu fügen.

 

Wie war ich doch eben noch rattenspitz auf Rebekka…

beim Essen, beim Erzählen… Flirten.

Wir rieben unsere Knie aneinander…

ihr Fuß in meinem Schritt.

Als sie vor mir die Treppe hoch ging

und mit ihrem ausgewachsenen, runden, sexy Weiberarsch wackelte…

Chrutzitürcke!

Wie musste ich mich zurücknehmen, um ihr nicht wie ein Kastenteufel

unter das Kleid zu greifen.

 

Und jetzt!

 

Sie lehnt sich an meine Brust.

Ich umfange sie mit den Armen.

 Erzähle ihr von meinem Bub-Sein,

von meinem Reich - dem Dachboden auf der Berghütte meines Großvaters.

Wie ich mich im Winter, mit meinem Bettzeug,

 in die Nische der Dachgaube installierte,

um dem Schneezauber nahe zu sein.

Endlich einmal die Schneegeister, die Elben, Gnomen und Huris zu sehen,

von denen mein Großvater mir immer erzählte.

Die Heizung blubbert und irgendwo im Gebälk knackt es.

Rebekka öffnet mir den Krawattenknoten, den Kragen.

Zieht mir das Hemd aus der Hose…

Ihre Hände sind überall und nirgends.

Huschen, fluschen über meinen Körper.

Ich fühle ihre Fingernägel über meinen Rücken kraulen,

fühle ihre Lippen an meiner Brust.

Meine Nase in ihrem Haar, ihren Duft aufnehmend.

 

Wie liebe ich diese langsame, stetige Lustersteigerung.

Diese „große Glut im Zunder“, im Sinnenknäuel,

diese tiefe, umfassende Hitze in mir selbst,

die…

wenn freigegeben,

einem Feuersturm gleich, alles mitreißt!

Und lange wird sie durch den mächtigen Glutherd in meinem Innern genährt.

 

Nein, das wird kein schneller Fick,

wenn auch vielleicht anfänglich so gewollt…

Etwas viel Schöneres bahnt sich an.

Rebekka muss ähnlich fühlen… gefühlt haben.

Ich hebe ihr Gesicht zu mir,

küsse ihre Augenlider,

stubse mit der Zungenspitze dagegen.

Kneife mit den Lippen ihre Wangen,

 Ohrläppchen, Nasenspitze, Lippen.

Pferdeküsschen nenne ich das.

Meine Zunge schlängelt sich in ihre Ohren.

Ein tiefer Knurrseufzer ist die Antwort.

Ich sitze vor der Balkontür im großen Sessel -

sie auf meinen Schoß.

Wir haben die Bettdecke um uns geschlungen

und betrachten das Schneetreiben.

Die Weingläser stehen in Griffnähe.

 

„Bitte erzähle mir eine Geschichte!“

Sie fühlt mein Zögern,

mein Nachdenken.

Wo soll ich eine Geschichte herholen?

„Eine Geschichte von deinem Großvater!

Eine schöne Geschichte, eine liebe Geschichte!“

 

„Es war einmal!“,

beginne ich zu fabulieren,

während ich mit der freien Hand einen verschneiten Wald…

Berge in die Luft male.

Ich erzähle ihr die Geschichte von dem kleinen Bub,

der nur ein kleines ‚Geiseglöggli’ hat.

Die Geschichte vom „Schelleursli“ aus dem Engadin.

 

Während ich erzähle, ist es mir,

 als höre ich ein Schnurren,

ein Spinnen wie bei den Katzen.

Ein leises Seufzen, und als ich einmal länger Atem hole…

„Und? Und weiter?“

Eine Mädchenstimme… wie von weit her.

Es trifft mich wie ein Fausthieb in den Magen.

Ich fühle mich um dreißig Jahre zurück versetzt.

In Großvaters Berghütte…

in die Dachgaube.

Damals, als ich diese Geschichte zum ersten Mal erzählte.

Einer jungen Frau - die sie nicht verstand!

Bei Schneegestöber!

Meine Schneegestöbergeschichte!

 

Rebekka merkt den Belag auf meiner Stimme.

„Bist du der Schelleursli?“

„Nein!“

 „Leo…!“

Zum ersten Mal nennt sie mich beim Namen.

„Als du mir die Stiefel ausgezogen hast,

freute ich mich auf einen schnellen Bums.“

Stille.

„Als ich dir den Schlüssel in die Hand drückte, auf eine heiße Nacht.“

Tiefes Durchatmen.

Stille. 

„Nach dieser Geschichte!

Auf ein langes Verweilen… in deiner Nähe!“

 

©S’Rüebli

 

Ihre Meinung?

 

 




Teil 3: - Funkenregen