Muscheln

Rheinische Art


R

in den Monaten mit „R“ ist im Rheinland Muschelzeit.

Knapp über der Halbzeit sind wir,

und echte Genießer genießen immer noch!

 

Vor mir steht sie - auf dem Markt, beim „Visboer*“,

im Mantel… Kragen hochgeschlagen, den Schal als Kopftuch… Schaftstiefel, geflochtener Korb… halber Kopf kleiner.

 

„Drei Pfund im Paket! Kleiner haste nicht?“

Martin verneint.

„Das schaff ich nicht mehr… seit mein Markus tot ist.

Schade, ich esse sooo gerne Muscheln!“

Resigniert zuckt sie mit der Schulter.

„Dann halt ein Stück Lachs!“

 

„Man kann mit den restlichen Muscheln ein tolles Risotto machen!“

Wieder einmal mehr kann ich mich nicht an mir halten.

„Kenn ich nicht!“

Die nicht zu knappe Menge Frau dreht sich zu mir um…

kritische Blicke über die Brillenränder…

steile Falte über der Nasenwurzel.

Mein loses Mundwerk hat mich schon öfters in die Sche… geritten,

aber genau so oft… wenn nicht häufiger

- unvergleichlich schöne Momente provoziert.

 

„Neun Pfund und den Rest morgen Abend als Risotto -

mein Vorschlag!“

Ihr Gesicht beginnt sich zu entspannen…

zu lächeln…

zu strahlen.

Besinnt sich und sieht fragend nach Martin…

der soeben drei Gewürzmischungen auf die drei Pakete legt.

„Halbe-Halbe!“ ist der einzige Protest.

Martin regelt das gekonnt.

 

Zwiebeln, Sellerie, Porree, Rüebli müssen mit in den Sud.

Auf dem Weg zum Gemüsestand stupse ich leicht mit dem Ellbogen,

und wie von selbst schiebt sich eine Hand… ein Arm dazwischen!

Ihren Arm leicht drückend.

„Ich bin der Fred!“

„Ich die Leni!“

Mit ihrem Kopf leicht an meine Schulter tippend.

 

„Halb sieben?“

„Und wo?“

„Siehst du das Haus mit dem Efeu?“

„Bei wem?“

„Es gibt nur eine Klingel!“

Geschäftig eilen wir unseren samstäglichen Besorgungen nach,

mit der sinnlich-rumorenden Erwartung in meinem Bauch

und unter dem Brustbein.

 

 

Leni lehnt an der Arbeitsplatte -

flinke Augen verfolgen alle meine Bewegungen.

Was meine Augen zwischen Sellerie-Rüsten,

Rüebli-Schaben und Zwiebeln-Schneiden von Leni erhaschen…

Schon zweimal habe ich mich beim Porreeschneiden mit dem Messer in den Fingernagel geratscht.

Sie sinnlich „schöntrinken“ braucht man nicht…

Wäre schade um den Alkohol.

Sie ist es!

Sinnlich…

eine schöne, reife Frau…

eine genießende Frau…

wenn ihr Genuss geboten wird.

 

Anmutig hält sie das Weinglas am Fuß…

schwingt es - bevor sie eine Nase voll Duft inhaliert…

ihre Sinne an das Aroma gewöhnt,

um dann den Schluck voll zu genießen!

 


Der Sud köchelt, und wir decken den Tisch…

schmieren die Pumpernickel.

 

Muscheln essen auf „Rheinische Art“ ist…

archaisch…

animalisch…

sinnlich…

sündig...

erotisch…

erregend...

oral...

…orgiastisch!

 

Muscheln essen ist Muschi essen!

60 Stück pro Pfund!

 

Mit einer leeren Schale pick ich eine volle Muschel…

Öffne die Schale, wie die beiden Schamlippen…

Sehe ein kleines Knubbelchen an einem Ende vom Muschelfleisch…

dem Kitzler ähnlich.

 

Oft öffnet sich das Fleisch…

oh… ein Schauer den Rücken runter…

Der Blick in den Eingang zur tiefen Lust.

Zart zupf ich erst… in meiner sinnlichen Verzückung…

und fester, als ich den Widerstand verspüre.

Ein Seufzen fast - ist zu vernehmen, als das Fleisch sich löst…

…schmatzend in meinem Schlund verschwindend.

Genüsslich kräuseln sich meine Lippen…

meine Augen glitzern gierig …

 

Noch sind 179 Stück im Topf! 

 

Lenis Augen glänzen…

Die Serviette hat sie sich in den Ausschnitt gesteckt.

Sie pickt die erste Muschel…

reißt das Fleisch von der Schale -

mit kräftigem Ruck.

Schlingt sie gierig –

fast mit kannibalischer Lust.

Die Erste noch schlemmend kauend,

wird die Zweite schon gefasst…

Zwischen den geöffneten Zähnen schlängelt die Zunge.

Lippen legen sich um das gelbe Fleisch…

kurzes Saugen… ein scharfer Schmatz…

ich erschauere -

fühle… als wäre es mein Schwanz.

 

Eine Dicke…

eine Dicke habe ich im Griff…

Langsam…

Langsam führe ich sie zum Mund!

Zum Mund von Leni!

Schnell umschließen ihre Lippen die Muschel…

forderndes Rucken, als ich festhalte…

Anklagender Blick.

Warum lässt du mich so leiden?

Behinderst mich in meiner Gier nach diesem Fleisch?

Das ist Quälerei…

das ist Folter!

 

Suchend rührt sie im Sud…

findet ein Äquivalent.

Freche Augen - genüssliches Grinsen.

Die Spitze der Muschel aus der Schale ragend…

als wäre es der satte Nippel einer Brust -

ein Kitzler!

Groß,

erregt,

prall gefüllt.

 

Langsam kommt ihre Hand vor mein Gesicht,

streckt mir die Sünde entgegen.

Mit spitzer Zunge stupse ich gegen das Fleisch…

- erschauere durch den Kontakt -

…mir ist, als wäre es ihres.

Umkreise – lecke - stupse…

knurre wollüstig.

 

Lenis Augen wandeln sich von frech nach gierig…

Das Gesicht von konzentriert - zu hingebungsvoll

Mit den Ellbogen drückt sie ihre Brust…

Synchron zu meinem öffnet sie ihren Mund…

schlürft mit mir die Sünde –

imaginär.

 

Noch ist über die Hälfte im Topf.

Oh Gott!

Wie sollen wir das überstehen?

Noch 100 Mal!

 

Der Pumpernickel klebt so herrlich an den Zähnen.

Ein paar Löffel Sud spülen sie frei.

Lenis Gesicht glüht…

Rote Bäckchen…

Kleine Tautropfen auf der Nase…

Sinnbild des Genusses.

Wie aus einer Breughel’schen Szene entstiegen.

Auch mein Gesicht glüht

- fühlt sich ähnlich an.

 

Wir essen artig weiter.

Es bleibt beim Gedanken-Versuch.

Nach der hmm’ten Muschel schiebe ich eine durch die Lippen…

Lasse keck die Spitze sehen

und wippend Erregung markieren.

 

Leni mit der Nächsten -

mich nachahmend.

Die Spitze in die Ecke geschoben…

einem lüsternen Fötzchen gleich.

 

Ich springe auf…

zwei Schritte um den Tisch.

Lutsche ich ihr den Kitzler, die Muschel aus dem Mund.

Kehliges gurgelndes „Jaahh“.

Leni kippt, sich an mich klammernd, vom Stuhl.

Wir liegen unter dem Tisch.

Polternd fallen die restlichen Stühle –

beim Platz-Schaffen für...

 

...uns.

 

*        niederländisch, Fischhändler

 

 

©S’Rüebli

 

 

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