Freie Arztwahl

 

Donnerwetter! Was für ein Mann. Er betritt das Sprechzimmer und ist - da! Aber er sieht mich nicht. Hat nur Augen für meine Mutter, die ich zu ihm bringe. „Wie geht es Ihnen?“ Eine Spur Ungeduld schwingt in seiner Stimme. Das kann ich verstehen. Diese unterwürfige Art - weil er ja der Herr Doktor ist!

 

Mann, oh Mann! Sogar die Stimme passt. Tief und sonor. Ganz mein Geschmack. Ich hatte den anderen erwartet. Den, der immer da ist, wenn ich mit ihr komme. Und nun? Sie sitzt auf dem Stuhl und ich nebenan auf der Liege. Die Helferin hat ihr Blut abgenommen und er ist eigentlich gar nicht nötig - aber wenn er schon mal da ist: „Herr Doktor, es geht mir gar nicht gut. Ich habe seit über einer Woche Durchfall. Ich war schon am Montag bei Ihnen!“ Stimmt nicht. Sie war nicht bei ihm. Sie war bei dem anderen. Sehr nett, sehr kompetent. Groß, blond, blauäugig. Nett!

 

Aber dieser hier! Hoppla! Nur etwas größer als ich. Dunkel mit silbernen Fäden im Haar. Kantiges Gesicht, Adlernase, randlose Brille - rechteckig. Präsent! Und dann sieht er mich an - sieht mir mitten ins Gesicht. Große, blaugraue Augen - und er lacht. Umwerfend, der Junge! Ein ansteckendes Lachen. Und diese Hände erst. Ich geb’s ja zu: Ich stehe auf Hände. Schöne Männerhände machen mich schwach. Und bei ihm passt einfach alles. Er hat ihren Puls gefühlt und nun drückt er auf die Flasche mit dem Desinfektionsmittel und verreibt es zwischen den Handflächen. Ich könnte mir gut vorstellen, diese Hände zu spüren. Ob er nicht mal meinen Puls fühlen könnte?

 

„Ich lasse Ihnen noch zwei Röhrchen geben - für die Stuhlproben!“, sagt er zu meiner Mutter und lächelt. „Warten Sie hier! - Ich muss nur inzwischen weiterarbeiten. Das stört Sie doch nicht?“, fragt er rhetorisch und greift zum nächsten Röntgenbild. Mütterchen muss sich natürlich schon wieder entschuldigen. „Wenn WIR SIE nicht stören!“ Er schmunzelt. Ich auch. „Und WENN wir Sie stören - ist uns das auch egal!“, sage ich und mein Schmunzeln wird zum Feixen. Seine Augen blitzen mich an. Wenn ich nicht mit meiner Mutter in einer Arztpraxis wäre, würde ich sagen, es hat gefunkt. Aber so? War wohl nix! Trotzdem bin ich beflügelt, als ich die Praxis verlasse. Manche Menschen haben es einfach.

 

Nachmittags um drei Uhr läutet mein Telefon. Eine freundliche Stimme. „Hier ist die Gemeinschaftspraxis Dr. Knapp, Dr. Frost. Ich wollte Ihnen den Termin bestätigen, um den Sie heute morgen gebeten hatten. Sie können heute Abend noch kommen - um 18:30 Uhr.“ Da bin ich jetzt aber erstaunt. Ich hab...? Hab ich - gebeten? Na ja, schon - nur nicht unbedingt um einen Arzttermin. Oder? Und laut gesagt hab ich es auch nicht. War es so deutlich? –

 

Aber vielleicht hat ja meine Mutter...? Ob es ihr schlecht geht? Schlechter als heute morgen?  Ich rufe sie an. Nein! Sie hat nicht! Und es geht ihr auch gar nicht schlecht. Erfreulich! Das eine, wie das andere! Langsam werde ich neugierig. Es hat gefunkt! Wusste ich es doch! - Oder doch nicht?

 

Oh Mann! Und jetzt? Ich würde ihn so gerne vernaschen, diesen süßen, so männlichen Herrn Doktor! Ich könnte so dringend einen Mann brauchen - heute! Er hat mich wirklich sehr inspiriert. Und nun? Was ziehe ich an? Etwas, das man gut ausziehen kann?

 

Verflixt, was hab ich nur für unbotmäßige Gedanken. Dabei würde ich so was nie tun! - Nie? Na ja! Ich hab’s noch nie getan. Trotzdem! Lust dazu hätte ich! Was er wohl dächte? Von mir? Von dieser Angelegenheit im Allgemeinen? Ob er wohl schon mal...? Ob er öfter solche Angebote bekommt? Obwohl! Ein Angebot hab ich nicht gemacht! Niemals! Ich doch nicht! Nicht offiziell wenigstens!

 

Und immer noch: Was ziehe ich an? Soll ich jetzt duschen? Nein! Ich war vorhin im Pool. Wenn ich jetzt noch dusche, bin ich ein Neutrum. Ich will kein Neutrum sein - nicht bei ihm! Ich bin eine Frau und so möchte ich auch wahrgenommen werden. Nicht duschen! Er soll wissen, ob er mich riechen kann. Aber frischen Wäsche - das ja! Ein Höschen und einen BH - schwarz! Nicht zu neckisch, aber auch nicht zu brav. Keine Spitze, aber Seide und ein paar Glitzersteinchen. Und ein schwarzes Hemdblusenkleid. Durchgeknöpft! Nicht völlig ohne Hintergedanken. Außerdem steht es mir vorzüglich zu meinen blonden Locken.

 

Ob ich ihm wohl zu jung bin? Ich bin 35! Er ist mindestens 50! Also er ist mir nicht zu alt. Bestimmt nicht! Und wenn ich ihm zu jung wäre, hätte er doch nicht... Oder? Aber vielleicht ist es ihm ja egal. Vielleicht will er nur eine schnelle Nummer zwischendurch? Könnte doch sein. - Aber will ich denn mehr? Keine Ahnung. Könnte sein! Wenn er mich umwirft - dann schon. Vielleicht wirft er aber nicht im Mindesten. Vielleicht schläfert er mich ein. Dann will ich nicht. Oder nur einmal! Höchstens!

 

Also gut. Es ist fast halb. Zum Arzt kommt man nicht zu spät. Als ich hinkomme ist die Praxis leer, die Türen offen. Ich trete ein, schaue ins Wartezimmer. Keiner da! Was Wunder! Das Zimmer der Sprechstundenhilfen - leer! Ich gehe weiter. Sein Sprechzimmer steht offen, aber er ist nicht da. Ich lehne mich an die Untersuchungsliege und warte, höre, wie jemand die Türen schließt. Aha!

 

Dann kommt er - füllt den Raum mit seiner Persönlichkeit. Derselbe Eindruck wie heute früh. Noch hat er mich nicht angesehen - obwohl er weiß, dass ich da bin. „Machen Sie sich frei!“, sagte er und seine Stimme klingt noch eine Spur rauer, als heute morgen. Dann hebt er den Kopf und sieht mich an. Grinst! Frech! Und doch ist da noch etwas. In seinen Augen. Eine Spur Unsicherheit.

 

Warte nur du! Was du kannst, kann ich schon lange! Langsam hebe ich die Hände und öffne den obersten Knopf. Ertaste den zweiten und sehe ihm unverwandt in die Augen. Er räuspert sich! Na also! Ich knöpfe. - Unsere Blicke kreuzen sich - die Augen lassen nicht los. Oh nein! Ich gebe nicht nach! Nicht jetzt. - Dritter Knopf. Langsam! Ich fühle, wie mein Blut zu rauschen beginnt - in meinen Ohren. "Du hast Zeit!", tönt es in meinem Kopf. - Vierter Knopf. Beinahe kann ich meinen Herzschlag spüren - an den Fingerspitzen. Mein Herz sprengt die Brust. Als er den schwarzen Büstenhalter sieht, schnappt er nach Luft. Hörbar. –

 

Mache ich nun weiter? - Ich bin doch beim Arzt! Also! Ich gebe mir einen Ruck und knöpfe. Nummer fünf!  Zwei noch! Nackte, braune Haut kommt zum Vorschein - mein Bauchnabel. Und immer noch schaut er. So ein frecher Hund! Sechs! Das Höschen ist knapp - aber nicht zu aufreizend. Atmet er noch? - Ach ja! Das sollte ich auch mal wieder tun. Mann, ist das heiß hier. Aber jetzt will ich nicht zurück. Es ist ja so aufregend. Wie lange habe ich nicht mehr so gezittert? So sehr gewollt? Dabei strippe ich nicht mal. Ich öffne nur den letzten Knopf - beim Arzt, der inzwischen ein Sauerstoffzelt brauchen könnte. Das Kleid fällt auf, gibt mich frei - und ich weiß auf einmal ganz sicher, dass ich schön bin. Ich sehe es in seinen Augen.

 

„Biest!“, flüstert er und kommt auf mich zu. Seine Hände berühren meine Taille und dann schiebt er sie streichelnd nach hinten.  Wie aufregend sich seine Arme anfühlen! Wie aufregend ich mich in seinen Armen anfühle! Er steht dicht vor mir, die Beine gespreizt, rechts und links von meinen. Immer noch lässt sein Blick nicht los. Wenn er noch näher kommt, kann ich die Schwellung in seiner Hose spüren. „JA!“ Meine Augen sagen ja! Und da nimmt er mich in die Arme - wirklich fest. Lässt mich spüren... Keine Ausrede mehr möglich. Nichts mehr außer Verlangen!

 

Küssen musst du mich jetzt nicht auch noch. Das tun wir nun beide - gemeinsam - mit offenen Augen. Ganz langsam, ganz bewusst - finden wir uns. Seine Lippen und meine berühren sich und auf einmal sehe ich bunte Sternchen. Mann oh Mann, kann der Junge küssen. Oder bin nur ich so begierig? Mein ganzer Körper kribbelt, als würden Luftbläschen aufsteigen - wie in einer durchgeschüttelten Flasche Champagner. Wie wunderbar das kitzelt! Wie aufregend, wenn alle Gefühle wachgerüttelt werden - durch sprühende, schimmernde, sinnliche Lust!

 

Er drückt mich nach hinten auf seine Liege. Jetzt weiß ich, warum er das Luxusmodell hat. Ob er sie öfter dazu benutzt? Ach was! Pfeif drauf! Jetzt ist genießen angesagt. Nur kurz löst er sich von mir, betrachtet meinen Körper  - seine Augen blitzen und dann kommt er zu mir - in meine Arme. Sein Mund auf meinem. Seine Hände auf bloßer Haut. Seine süße Zunge! Vorsichtig erkundet sie das Terrain. Zärtlich leckt er über meine Lippen, verweilt in meinem Mundwinkel. Was er sich da jetzt wohl vorstellt? Dasselbe wie ich? Möglicherweise! Wenn ich darüber nachdenke, weiß ich, warum er so sinnlich stöhnt.

 

Laute gibt dieser Mann von sich, die mich elektrisieren. Ob das an der Frequenz liegt? Aber ich stöhne genauso - und ich weiß woran es liegt. „Küss mich! Küss mich! Küss mich!“ Ich sauge an seiner Zungenspitze. Will ihn verführen noch tiefer einzudringen. Oder vielleicht sollte ich...? - Oh ja! Seine Zähne fühlen sich an wie Perlen. Ebenmäßig und glatt. Wie lange habe ich nicht mehr so geküsst? - Er hat es kapiert. Seine Zunge in meinem Mund. Weich, rau, glatt, aufregend! Wie gut er schmeckt! Champagner und Erdbeeren.

 

Jetzt weiß ich was das ist, was wir hier tun! Knutschen! Wir knutschen, wie die Teenager! Und wie sensationell betörend das war, fällt mir gerade wieder ein. Wieso ist es nur irgendwann verkommen zu einem „Snickers“ auf dem Weg zum Dinner? - Es hat absolut die Qualität eines Hummercocktails! Kann es zumindest haben - wie man sieht! Mindestens Vorspeise „haute cuisine“ oder vielleicht sogar erster Gang! „Oh mach weiter! Ich bin so hungrig. Küss mich! Bitte, bitte küss mich satt!“

 

Und als hätte er gelesen in meinem Kopf, fragt er zwischen zwei „Vorspeisen“: „Gehst du nachher mit mir zum Essen?“ - Kuss - „Ich muss noch einen Hausbesuch machen!“ - Kuss - Ich nicke eifrig. Natürlich gehe ich mit ihm zum Essen und anschließend darf er noch einen Hausbesuch anhängen. Da werden wir dann das Dessert nehmen. Cassis-Sorbet - aus meinem Nabel! Na ja, vielleicht doch woanders!

 

Inzwischen weiß ich auch, dass er mich garantiert nicht einschläfern wird. Also will ich mehr! Auf jeden Fall heute Abend. Und wenn das Dessert so zuckersüß schmeckt wie seine Küsse - ähh, die Vorspeise - dann werde ich in diesem Restaurant wohl noch öfter speisen!

 

©BvS                                                                                             Ihre Meinung?