Ein Interview von Herr Wolf Südbeck-Baur mit Herrn Dr. med. Peter Gehrig über das Thema:


Die Entdeckung der Sinnlichkeit


Männer können lernen, Sex sinnlich zu genießen, statt bloß zu «arbeiten».

Doch meist sind sie beherrscht vom «richtigen» Funktionieren, sagt der Sexualtherapeut Peter Gehrig


Wolf Südbeck-Baur:

Herr Dr. Gehrig, wie kommen Sie zur Gleichung: Männlichkeit = Erektionsfähigkeit?

 

Dr. med. Peter Gehrig: Die Erektionsfähigkeit ist eine Säule männlicher Identität und sexueller Selbstsicherheit. Erektionsstörungen führen oft zu Krisen bis hin zu Depressionen, zum Gefühl, kein richtiger Mann mehr zu sein. Das berühmte Wort von Descartes «Ich denke, also bin ich», heisst für viele Männer: «Steht er, so bin ich.»

 

Wie wirkt sich dies auf das sexuelle Verhalten von Männern aus?

 

Männer orientieren sich mit ihrem Blick- und Berührungsverhalten stark an jenen Körperbereichen der Frau, die sie sexuell erregen, also an den Brüsten, am Po und am Geschlecht. Erst die Gewissheit, eine Erektion zu bekommen, richtig zu funktionieren, erleichtert Männern dann den Einstieg auf der emotionalen Ebene und den Austausch von Zärtlichkeiten.

 

 

Das heißt, Männer funktionieren von den Genitalien ausgehend zum Kopf, sozusagen von «unten» nach «oben»?

 

So kann man es nennen.

 

Und Frauen?

 

Die meisten Frauen funktionieren gerade umgekehrt. Das führt oft zu Missverständnissen, weil Männer ihre eigenen Bedürfnisse auf die Frau übertragen und diese sofort «unten» stimulieren. Frauen wollen jedoch erotisch verführt werden – also eher von «oben» nach «unten». Das wusste bereits Casanova!

 

Kennen Frauen die Sorge nicht auch, ihre Erregung zu verlieren?

 

Frauen sind dieser Frage weniger unterworfen. Dafür erleben sie das Nicht-mehr-begehrt-Werden als bedrohlicher. Ohne Erektion ist für Männer Geschlechtsverkehr nicht möglich. Eine Frau hingegen kann Sexualität auch mit wenig Erregung genießen, allein durch Zärtlichkeit und Nähe, und dadurch ihre Erregung steigern. Viele Männer haben nie gelernt, wechselnde Intensitäten der Erregung zu genießen. Sie funktionieren nur nach dem Prinzip «Alles oder nichts».

 

Welche Probleme führen Männer zu einem Sexualtherapeuten?

 

Ungefähr 30 Prozent der jüngeren Männer sind unfähig, im Geschlechtsverkehr ihre sexuelle Erregung genussvoll zu steuern, und ejakulieren zu früh, was oft zu Konflikten in Beziehungen und zu einem Gefühl des Versagens führt. Bei älteren Männern stehen Erektionsstörungen im Vordergrund. Diese sind meist multifaktoriell bedingt, die frühere Unterteilung in körperliche und psychische Ursachen hat sich als unwissenschaftliches Konstrukt erwiesen. Weitere häufige Anliegen sind mangelndes sexuelles Begehren, Probleme mit Genießen und Befriedigung, Ängste bezüglich der eigenen Genitalien, Unsicherheiten in der sexuellen Orientierung oder spezielle sexuelle Neigungen, die zu Beziehungsproblemen führen.

 

Warum sind Männer anfällig für einen vorzeitigen Samenerguss und für Erektionsstörungen?

 

Oft sind Männer auf einer Gratwanderung zwischen der Angst, zu rasch zu kommen, und der Angst, die Erektion zu verlieren. Die Folge davon sind Versagensängste und Leistungsdruck: Je mehr sich Männer um ihr «Funktionieren» sorgen, desto nüchterner, desto weniger spielerisch, weniger erotisch und sinnlich wird ihre Sexualität. Diese Einengung fördert ihrerseits wieder Erektionsstörungen. Der Teufelskreis beginnt, mit jedem «Versagen» steigt der Druck und die Angst.

 

Wie sieht vor diesem Hintergrund die männliche Sexualität in der Praxis aus?

 

Mehr als die Hälfte der Männer befriedigen sich selbst, indem sie die Erregung durch ein rasches mechanisches Reiben des Penis steigern, dazu gleichzeitig Gesäß, Beckenboden und Bauch anspannen und die Atmung einengen. Häufig geschieht dies im Sitzen vor dem Bildschirm. Diese körperliche Technik konzentriert die ganze Erregung im Penis und fördert eine rasche Entladung.

 

Hat der mechanische Erregungsmodus, den Sie hier schildern, mit dem Konsum von Pornografie zu tun?

 

Zuerst einmal: Pornografie ist ein «Unwort», das die menschliche «Schaulust», das menschliche Interesse an sexuellen und erotischen Darstellungen, entwertet. Diese Schaulust gehört zum Reichtum der menschlichen Phantasie, und sie spiegelt das menschliche Potenzial von der Liebe bis zur Destruktivität – wie die Kunst. Erstaunlicherweise werden die Geschlechtsorgane und ihre Darstellungen immer noch tabuisiert, obwohl sie doch die Basis sind für unsere Identität, für die Erzeugung von Leben und ein Ort der erregenden Begegnung mit anderen. Gleichzeitig gilt aber auch: Je mehr sich ein Mann in seiner Erektionsfähigkeit bedroht sieht, desto mehr vermeidet er die reale Sexualität und sucht immer intensivere Stimuli – zum Beispiel immer extremere Bilder. Der Kampf um das Überleben in der eigenen Identität als Mann kann hier bis zu einem suchtartigem Verhalten führen. Dagegen stabilisiert das sexuelle Lernen auf der körperlichen und emotionalen Ebene die männliche Identität.

 

Was meinen Sie mit sexuellem Lernen?

 

«Mann» kann lernen, die Erregung zu steigern, indem der ganze Körper bewegt wird, insbesondere auch das Becken, im Spiel mit Rhythmen, Stimme und Atmung. Besonders die Bauchatmung ermöglicht es, die Beckenboden- und die Gesäßmuskulatur zu entspannen und dadurch die Erregung zu modulieren und zu verlängern. Über diese Veränderung der Beziehung zum eigenen Körper verändert sich auch die Selbstwahrnehmung: Es geht darum, zu genießen, statt bloss zu «arbeiten», sich im Spiegel anzuschauen, stolz zu sein auf sich selbst als erotischer Mann. Männer können also lernen, von einem mechanischen Druck- oder Reibemodus zu einem Erregungsmodus überzugehen, der den ganzen Körper und die ganze Person einbezieht.

 

Hat dies Auswirkungen auf das Zusammenspiel mit der Frau?

 

Je sinnlicher sich ein Mann erregt, umso reicher werden die Bilder, Phantasien, Gefühle, die seine Erregung nähren, umso intensiver vermag er sich in seiner Sexualität als männlich zu erleben. Die Fähigkeit, sich selbst zu erotisieren, erweitert auch den Blick auf die Frau. Die blosse Suche nach Reibung, um zu ejakulieren, wird damit zum Begehren einer Frau, ihres Körpers, ihrer Bewegungen und ihrer Worte. Der Mann kann ihr nun auch als Person begegnen, mit ihr verschmelzen und sich dabei selbst intensiv wahrnehmen.

 

Kann das jeder Mann lernen?

 

Niemand bezweifelt, dass berufliche und persönliche Fähigkeiten erlernt werden, von der Kommunikation über sportliche Aktivitäten bis zum Tanzen. Nur in Bezug auf Sexualität besteht der irrwitzige Glaube, dass sie sich natürlich und wie von selbst entwickelt oder es sich gar um einen «Trieb» handelt, der uns drängt. Was wir als drängend erleben, sind aber eher unsere emotionalen Bedürfnisse als die Wirkung der Hormone.

 

Mensch sein bedeutet lernen. Selbst Liebe kommt nicht einfach von selbst, auch Beziehungsfähigkeit wird gelernt. Das Gleiche gilt für die Sexualität. Nur denken die meisten Männer, sie kämen als Könner auf die Welt.

 

Wie können solche «Könner» motiviert werden, auf dem sexuellen oder erotischen Feld etwas dazuzulernen?

 

Die Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass die persönliche Art und Weise, Sexualität zu leben, an Grenzen stößt. Das Behandlungsziel orientiert sich am Anliegen des Mannes.

 

Heute sind erektionsfördernde Medikamente der grosse Renner, wie wirken sie sich auf die männliche Sexualität aus?

 

Diese Medikamente sind gut wirksam bei der Behandlung von Erektionsproblemen. Sie beeinflussen aber nur die körperliche Funktion, der Weg zum guten Liebhaber führt über erotisches Lernen.

 

Wie geht dieses erotisch-sexuelle Lernen ganz konkret vor sich?

 

Sexuelles Lernen beginnt mit sinnlichen Erfahrungen. Unsere Haut, unsere Muskulatur sind voller Sinneszellen. Diese lassen sich mit speziellen Übungen entdecken und bewirken sexuelle Erregung. In Verbindung mit Erfahrungen, Gefühlen, Bedürfnissen erweitert sich das sexuelle Erleben über Phantasien hin zu einem Begehren, die eigenen Grenzen in der Begegnung mit einem anderen zu erweitern. Wenn ein Mann sich keine erotische Beziehungsfähigkeit aneignet, wenn er nicht lernt, zu verführen, sich mitzuteilen, in erotischen Spielen und Berührungen die Bedürfnisse der anderen Person einzubeziehen – dann bleibt er bei seinen Träumen oder vor dem Computer.

 

© Dr. med Peter Gehrig (Zürich)

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