Wer küsst mich?


Tagkuss

 


Ting-Ting… Ting

Es schlägt halb Sechs.

Fahl beginnt der Frühlingstag.

Nebel liegt über dem Wasser.

Zwei Enten schnattern.

Ich öffne meine Augen und sehe in Friederikes lächelndes Gesicht.

„Guten Morgen, Friedrich!“ 

„Guten Morgen, Friederike!“

Wir schmiegen, pressen uns an einander.

Friederike schiebt sich unter mich, macht mir Platz,

nimmt meine wachsende Männlichkeit in sich auf.

Ich stütze mich ab… betrachte Friederike,

 während ich mit sanften, langsamen Stößen den Druck erhöhe.

Ihre Brüste, ihr Hals, ihr Gesicht bekommen den Flash… ein warmes Strahlen.

Sie schließt die Augen horcht in sich.

Ein Wechselspiel der Mimik.

Ihre Hände suchen meine Brust - meinen Kopf - die Haare…

streicheln über mein Gesicht.

Sie werden fahrig, verharren, gleiten zur Hüfte –

führen sie und deren Stöße.

 

Sie wird ganz weich,

 öffnet zwischendurch die Augen.

Es ist, als würde sie schweben…

Sie hebt ihre Hände, als wären es Flügel,

streckt sie über ihren Kopf,

knetet ihr Haar,

streckt ihren Körper,

hebt dem Schoß,

kommt meinem Stoß entgegen.   

Klammert,

rollt sich hoch,

presst…!

 

In mir, ganz im Innern breitet sich Wärme aus,

ein Zustand der Schwerelosigkeit.

Wie ein Höhenrausch.

Ihre Hände an meiner Hüfte ziehen mich -

als ob sie mich…

in sich hinein stopft.

Ich sehne es herbei,

reduziere mich zum Sporn.

Sporn in ihr…

in ihrem Schlitz…

Schlitz…

Brandenberger Ache!

Der Stromzug…

 zieht mich in den Schlitz.

Felswände fliegen auf mich zu…

Eine Welle bäumt sich vor mir auf…

Das Donnern der Wassermassen…

Fliege frei im Raum…

Sehe die brodelnde Gischt auf mich zu stürzen…

Sie verschluckt mich…

Ich tauche ein.

 

Der Sog unter Wasser wirbelt mich umher.

Durch einen Wasserschleier sehe ich im blauen Himmel,

das Gesicht von Friederike -

spiegelnd!

.

Die Strömung gibt mich frei,

rolle durch…

finde mich auf dem Rücken wieder.

 

Friederike sitzt weit offen auf mir.

Mein Sporn tief in ihrem Schlitz.

Meine Hände fest in ihrer Hüfte - den Pobacken vergraben.

Friederikes Augen blitzen -

ihr Gesicht ist die reinste Fröhlichkeit.

„War ich jetzt Reiterin eines Hengstes

Oder

du Reiter einer Stute?“

Ich ziehe sie zu mir runter.

„Ich wusste nicht,

dass mein Fötzchen einen Mann so wild machen kann!“

Reibt ihre Nase an der meinige.

„DEN Mann… wenn schon!“ necke ich.

Ganz nah an seinem Ohr.

„Meinen Mann!“

Stille…

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„Ich wusste nicht,

dass mein Hörnchen

das Fötzchen einer Frau so in Fahrt bringt!“

„Einer?“

„Meiner!“

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„Hole Brötchen.“

ich schäle mich aus den Decken, gehe in die Mittelkajüte.

 

„Friedrich…!“

„Ja?“

„Das mit dem Entführen… gestern auf dem Bahnhof…“

„Ja?“

„Das meine ich Ernst!“

 

Ting-Ting…Ting-Ting“

Sechs Uhr.

 

 „Friederike!“

„Ja?“

„Das aus der Spur sein auch!“

„Jaaa!“

 

Ein Blick in die Bugkajüte…!

Friederike liegt schlafend –

eingerollt wie eine Katze in den Decken,

nur Nasenspitze und Mund gucken heraus.

 

*********

 

Der Motor grummelt auf dreiviertel Last, schiebt das Boot bergan.

Ich sitze seit zwei Stunden am Steuer.

Die Landschaft, die Kilometertafeln, die Dörfer

hinter den Deichen und Städten am Ufer ziehen vorbei,

der Nebel beginnt sich zu lichten.

Meine Gedanken sind auf Exkurs.

An Frauen in meinem Leben hat es nie gemangelt.

Auch nicht jetzt, wo ich schon zu den Graubärten zähle!

Im Gegenteil.

Die meisten dieser Frauen haben eine wechselvolle Vita hinter sich…

betonten ihre Eigenständigkeit,
ihr „Es-nicht-nötig-haben“.

Betonen welche Gunst sie vergeben -

mich an sich heran zulassen:

„Ja - du darfst an mir sabbern!“

 

Selten, dass eine sagt:

‚Ich brauche dich…!

Mich als Mensch!

Oder:

‚Ich will mit dir sein!’

Ich – sie!

Sie – mich!

Wir konsumieren uns.

Ein paar Monate-

ein paar Wochen halten diese Beziehungen.

Oft nicht mal eine Nacht.

Ich greift in die Hosentasche…

Zwei Handbewebungen und alle werden hören:

„Der von ihnen gewählte Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar!“

 

 

In mir ist eine Ruhe die ich seit langem - seit Jahren vermisse.

Das Gefühl des „Eins-sein“ mit sich…

Körper, Geist und Seele.

Angekommen!

Angekommen als Ganzes!

Verantwortlich dafür ist:

DAS, was da unten schläft…

für DAS werde ich kämpfen.

Sie hat nicht gefragt:

Was hast du? Was bist du? Was machst du?

Sie fragt:

„Bitte, hast Du ein Kuss für meinen Bauch“

Seit heute –

seit 26 Stunden hat mein Leben einen neuen Horizont.

 

********

 

Noch eine Kehre bis zur Bäckerei –

zu Gundi und ihren Broten und Brötchen.

Nebenan bei Karin - frisch geräucherte Leberwurst.

Heute ist Mittwoch.

Dieter macht sie immer am Dienstag.

Ein EDEKA gibt es auch,

und oben bei Margot ein paar bequeme Sachen zum Anziehen.

 

Die Tür im Niedergang öffnet sich,

 und verwuschelt in Fleecepulli und Hose von mir

kommt Frederike an Deck.

Zwei dampfende Becker Tee in den Händen.

Sie lehnt sich an mich.

Ihre Hand kriecht unter meine Jacke unter mein Shirt,

chräbbelet meinen Rücken.

Seufzt:

 „Möge dein Boot 1000 Stunden Verspätung haben“

„Das wären fünf Tage und der Rest von heute!“

„Nur?“

 

Hier, in diesem Ort,

 habe ich vor vielen Jahren von meiner Exekution vom ersten Leben erfahren!

Es war Weinfest!

Mein Absturz vorprogrammiert!

Gundi, Karin und Margot haben das Programm mit weiblicher List,

fraulichen Waffen und nicht ganz ohne Eigennutz umgeschrieben.

Prachtweiber,

 die mir den Glauben an das Leben zurückgaben.

Heute wird es ein Quartett.

Die Liebe ist jetzt auch an Bord!

Beim Ablegen verrichtet Friederike die ersten Arbeiten als Schiffsjunge.

„Wo geht die Reise hin… Kapitän?“

„Entführte sollten nicht so neugierig sein!“

Sie versorgt uns mit Tee, Kaffee, „Suiker- & Gemberbrod“.

Wir uns gegenseitig mit Zärtlichkeiten!

Kuss auf die Stirn.

Streicheln über die Wangen.

Kraulen im Nacken.

Mit den Lippen die vorwitzige Knospe stupsen…

Protest wegen der Vernachlässigung des Zwillings.

 

So vergingen die Stunden

und die Sonne neigt sich zu dieser Jahreszeit schon gegen den Horizont,

als wir anlegen und das Boot für die Nacht festmachen.

Am gegenüber liegenden Ufer ragt ein Felsen in den Fluss,

drückt das Wasser in die Mitte,

gebiert einen Strudel.

  Die Sonne bestrahlt ihn noch im oberen Drittel.

Ich fülle zwei Gläser mit Wein.

„Prost!

Auf den ersten Tag deiner Entführung!“

Frederike macht ein schaurig-fröhliches, glückliches Gesicht.

Kuschelt sich an mich:

„Friedrich erzähl mir was Schönes!“

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Rezitiere:

 

Die Friederike *

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

dass ich so fröhlich bin;

ein Märchen aus heutigen Zeiten,

dass kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

und ruhig fließt der Rhein;

der Gipfel des Felsen, er funkelt

im Abendsonnenschein.

 

Die schönste Frau, sie sitzet

bei mir in der Plicht - wunderbar,

ihr Perlen-Geschmeide es blitzet,

in  silbern durchsetzetem Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme

und schnurret ein Liedlein dabei;

das hat eine gar liebsame,

gewaltige Melodei.

 

Den Friedrich im kleinen Schiffe

ergreift es mit wildem Weh;

er schaut nicht die Felsenriffe,

er schaut nur sie in Lee.

Ich glaube, die Wellen verschlingen

am Ende Friedrich und Kahn;

und das hat mit ihrer Liebe

die Friederike getan.

 

 

Stille

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„Liebe kann wehtun…!

Weißt du das…?“

„Ja…!

Besonders wenn man sie lange vermisste!“

 

Mit tränennassem Gesicht saust Friederike den Niedergang

runter in die Kajüte,

wuschelt rum und kommt mit strömenden Tränen,

lächelnd zu mir zurück.

Zeitgleich setzt der Gefangenenchor aus Fidelio ein.

Sie drängt sich eng an mich.

Krallt ihre Fingernägel in meinen Rücken… Kopfhaut.

 

„Ich möchte Deine Fidelio sein!“

 

 

©S’Rüebli

 

 

*In Anlehnung an das Gedicht

„Die Loreley“

Heinrich Heine 1797-1856

 

 

 

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