Heimatliche und sonstige Gefühle


Fürther Kirchweih

 

Einundzwanzig war ich, als ich meine Heimatstadt verließ - einundzwanzig Jahre jung. Ich wollte raus aus der Kleinstadt, wollte die große, weite Welt sehen und - es ist gelungen. Seither lebe ich in Rom: Rom, dem Nabel der Welt - Rom, der ewigen Stadt! Es gibt einfach keine Stadt, die sich mit ihr messen kann. Rom ist das Herz des Lebens. Und doch...

 

Seit drei Wochen bin ich nun schon „zuhause“. Seit ach so vielen Jahren wieder einmal zurück in der Heimat. Zumindest in der alten Heimat. Denn Rom ist längst zur Heimat meines Herzens geworden. Hier ist es wo ich lebe und liebe, und ich möchte nirgends anders auf der Welt sein. Doch heute, heute gönne ich mir etwas, das ich liebe solange ich denken kann: Fränkische Kärwa! Samstag! Beginn der Fürther Kärwa! Der größten Straßen-Kärwa Bayerns. Und ich gönne es mir alleine! Heimlich fast, schleiche ich mich weg. Das will ich ganz allein für mich. Es versteht sowieso keiner. –

 

Keiner, außer meiner Schulfreundin Renate vielleicht. Sie und ich, wir waren zwei Kirchweihgänger vor dem Herrn. Wir genossen es, uns treiben zu lassen - jeden Tag nach der Schule flanierten wir über die Kärwa. Wir schlemmten uns durch. Lachssemmeln, Zuckerwatte, Fruchtspieße und „Drei in an Weckla“. Pizza, Langos und Marzipankartoffeln. Keiner hat das verstanden. Keiner! - Man schüttelte verständnislos den Kopf - über uns. Wie habe ICH es geliebt! Und heute, heute... fühle ich wieder das Kribbeln im Bauch, das Glücksgefühl, das einen überkommt, wenn man etwas lange Entbehrtes, Vermisstes herbeiwünscht. Ein unerwartetes Geschenk des Schicksals.

 

Es ist halb acht und die Dämmerung ist schon sehr bemerkbar. Der Himmel ist von durchdringendem Blau und die Wärme des wundervollen Herbsttages liegt noch in der Luft. Wie im Sommer war es heute und ich habe nur einen ganz leichten, weiten Mantel an. Vom Bahnhof aus schlendere ich zur Freiheit. Wie bekannt das alles ist - obwohl ich es seit 25 Jahren nicht gesehen habe. Es fühlt sich so gut an, so richtig - wie ein Lächeln des Herzens.

 

Meine Gedanken eilen zurück. Einmal war ich auch damals allein auf der Kärwa - offiziell. Dabei traf ich ihn! Florian! Er hätte mich nicht interessieren dürfen, sowenig wie ich ihn! Er war Lehrer - in der Ausbildung - und ich war Schülerin. Als Mann und Frau hatten wir uns nicht zueinander hingezogen zu fühlen, aber wir fühlten uns hingezogen. Und an diesem einen Tag... trafen wir uns auf der Kärwa. Ob es ein Zufall war, oder ob ER dem Zufall nachgeholfen hatte... weiß ich bis heute nicht. Wir schlenderten über die Kärwa, als hätten wir eine Tarnkappe. So, als könne uns keiner sehen! Obwohl ganz klar war: Auf der Kärwa sah jeder jeden!

 

Wir hielten uns an den Händen und ich schwebte im 7. Himmel. Wir fuhren gemeinsam Riesenrad und dann, später, in der Geisterbahn, nahm er mich in seine Arme. Zum Abschied ging es gar nicht mehr anders. Wir versteckten uns zwischen Karussell und Federweißenbude und waren allein auf der Welt. Der Duft von gebrannten Mandel mischte sich mit dem von Zuckerwatte, und sein Mund war von durchdringender Süße. Oh ja! Er hat mich geküsst! WIR haben UNS geküsst. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich begehrt. Wenn ich die Augen schließe, kann ich es immer noch spüren. - Und heute schließe ich oft die Augen!

 

Was ist das bloß für ein Tag! Es wird dunkler und ich sehe den Mond - beinahe noch Vollmond. Groß und rund und schwer steht er über der Stadt, und überall glitzern und blinken bunte Lichter. Da vorne steht der Autoskooter. Gelb und rot leuchtet die Reklame. Stunden habe ich da verbracht - mit meinen Freundinnen. Die Jungs auf der gegenüberliegenden Seite. Sie produzierten sich, wie verliebte Gockel! Ich schmunzle vor mich hin. Nein! So jung möchte ich nicht mehr sein! Als ich den Marktplatz erreiche, sehe ich, was sich verändert hat. Die Kirchweih geht rechts weiter - in die Rudolf-Breitscheid-Straße. Früher war es hier zu Ende! Neugierig gehe ich weiter, erkunde diesen neuen Zweig im Altbekannten.

 

Donnerwetter! Hier bin ich richtig! Hier kommt die Fischbude! Die, mit den wundervollen Matjessemmeln. Daran komme ich nicht vorbei. Solche Genüsse hatte ich schon lange nicht mehr! Als ich die Semmel in der Hand halte, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ach Renate! Du fehlst mir! Mit dir war so ein Kärwabummel am schönsten. Augen zu und genießen. Wundervoll! Einfach wundervoll in diesen zarten Fisch zu beißen. Der Geschmack nach Zwiebeln und Gurken - genau in der richtigen Mischung mit dem Hering. Mir ist, als drehte sich die Zeit zurück.

 

Wie schön die kleinen „Lokale“ sind, die zwischen den Ständen aufgebaut wurden. Es gibt in Fürth kein Bierzelt. Meines Wissens nach die einzige Kirchweih ohne Bierzelt. Deswegen haben die Buden, die irgendwelche Spezialitäten anbieten, kleine, schmucke Holzhäuschen nebenan. Zauberhaft sehen sie aus. Geschmückt mit Weinlaub und Trauben oder mit Hopfendolden - je nachdem. Zu „meiner Zeit“ gab es das noch nicht. Da standen höchstens ein paar Tische und Hocker.

 

Inzwischen ist es fast acht und jetzt ist Nacht. Mein Blick geht über die Menge hinweg. Schon immer war ich fasziniert von den bunten Lichtern. Ich kann gar nicht anders, als hinsehen. Und da kommt dann auch mein Favorit. Der Stand mit den Gewürzen! Dieser Duft! - Einfach unvergleichlich! Und gleich daneben gab es die Kräuterbonbons, die ich so mochte. Komisch! Es macht mich glücklich, dass der Stand noch immer da ist. An derselben Stelle. Als wenn es darauf ankäme! Trotzdem! Es fühlt sich an, wie eine Reise in die Vergangenheit. Gegenüber ist eine Bude, die ich noch nicht kenne, aber da muss ich auch hin. Marzipan und Türkischer Honig! Wenn ich nicht noch den Fischgeschmack im Mund hätte...! Vielleicht auf dem Rückweg!

 

Da vorne kommt der Leuchtturm - mit dem Backfisch! Mitten in der Straßenkreuzung steht er. Auch das eine der Besonderheiten unserer Kärwa! Die Bundesstraße 8, mitten durch die Stadt, wird gesperrt - wegen der Kärwa! Wenn du etwas zu erledigen hattest während dieser Zeit, mitten in der Stadt, dann hattest du Pech! Das ging nur mehr zu Fuß! Wie oft habe ich darüber geflucht. Aber heute habe ich nichts zu erledigen. Ich "muss" nur genießen!

 

Um die Ecke in der Königstraße kommt „mein“ Schokofruchtstand. Und er ist immer noch da. Nach all diesen Jahren. Irgendwie hat diese Beständigkeit etwas Tröstliches. Fischgeschmack hin oder her. Ich brauche jetzt einen Fruchtspieß in Schokolade! In weißer Schokolade! 2,50 Euro! Damals waren es Mark. Es erschien mir schon damals teuer! Heute ist es mir egal. Ganz vorne steckt einen halbe Pflaume. Eine Zwetschge wäre mir lieber gewesen. Die wäre nicht so sauer. Und jetzt! Ich beiße genüsslich in die Ananas und stelle fest: Sie ist zuckersüß! Glück gehabt!

 

Was es da alles gibt! Riesige Brezen - mit Butter - oder auch mit Käse und Schinken. Einen Stand mit Crèpes und eine Losbude. Oh ja, daran erinnere ich mich. „Jede Nummer gewinnt!“, rief der Verkäufer und ich freute mich. Konnte ich doch gar nicht verlieren! „Jede Nummer gewinnt!“ Also kaufte ich fünf Lose. Und klar! Jede Nummer gewinnt! Bloß stand da keine Nummer! Da stand dick und fett das Wort: NIETE! Jetzt muss ich lachen. Nein, so leichtgläubig wie damals bin ich nicht mehr! –

 

Der Kettenflieger! Wie hab ich den geliebt. Mit meiner Schwester bin ich da gefahren. Wir hielten uns an den Händen und wenn wir weit draußen waren, schubsten wir uns an. Noch höher! Und - wenn wir Glück hatten - wieder fangen. Und noch einmal! Ich bleibe stehen und schaue. Ob ich mal... Dazu bin ich zu alt, oder? Außerdem ist mein Schwesterherz nicht hier.

 

Und dann kommt der Pizzastand. Nino! Er war der erste, der in Fürth Pizza anbot - in einem winzigen, umgebauten Wohnwagen. Und er ist es immer noch. Der Wagen ist größer und schöner. Und auch der Ofen. Aber es ist Nino. Unverkennbar. Das graue Haar steht ihm. Damals war er ein Exote. Heute gehört er fast zu den Honoratioren. Distinguiert sieht er aus. Ob er mich noch erkennen würde? Ich beschließe, es lieber nicht zu riskieren.

 

Und links, mein Gericht! Und das wunderschöne Theater! Bevor ich wieder heimfahre MUSS ich noch ins Theater! Beschlossen und verkündet. Wo ist der Stand mit den Pferdchen? Der ist nicht mehr da. Oder vielleicht auch nur wo anders. Da steht jedenfalls der Gurken-Heini! Ich grinse still vergnügt in mich hinein. Schön ist sie, meine Stadt. Ist das nur wegen der 1000 Jahr Feier, dass alles so glänzt und blinkt? 1000 Jahre ist sie alt, meine Stadt und jung wie eh! Da rechts kommt das Schliemann-Gymnasium und die Feuerwehr und links der Stand mit dem Federweißen. "Zum armen Ulrich"! - Wenn ich mich strecke, sehe ich den beleuchteten Turm des Rathauses. Sieht aus wie in Florenz! Und dann ist mein Weg zu Ende. Denn da steht er! Florian!

 

Ich sehe sein Profil und weiß: Er ist es! Er hat inzwischen silberne Schläfen bekommen, aber seine markante Nase hätte ich unter Tausenden erkannt. Als ob er meinen Blick spüren könnte, dreht er sich langsam zu mir. Da ist keine Überraschung in seinen Augen. Er sieht mich an, als habe er auf mich gewartet. Hat er...? Auf dem Tresen vor ihm stehen zwei gefüllte Gläser. Vielleicht ist er ja nicht allein. „Oh lieber Gott! Bitte, bitte, lass ihn alleine sein!“ Er greift danach und hält mir eines entgegen. „Prost!“ Wir stoßen an und ich weiß, jetzt sollte ich aufpassen, nachdenken, aber im Gegenteil: Ich stelle jede kognitive Fähigkeit ein.

 

Florian! Florian und die Heimat! Kirchweih! Das ist ein Traum. Das kann nur ein Traum sein! Und Träume kann man nur träumen - und genießen! Wie schmeckt dieses Teufelszeug wunderbar! Süß, wie Traubensaft und köstlich, wie Wein. Diese unwiderstehliche Mischung, die einen schmelzen lässt. Die einen die Wirkung vergessen lässt. Noch einen Schluck - und Florian nimmt mir das Glas aus der Hand und mich in seine Arme. Er küsst mich auf beide Wangen und flüstert: „Willkommen, Angela!“ Ist das jetzt er, oder diese Atmosphäre, die mich verzaubert? „Wie schön, dich zu sehen, Florian!“ Dabei war er einer der Gründe, wegen derer ich gegangen bin. Er und die Unmöglichkeit unserer Liebe.

 

Da stehen wir und schweigen uns an. „Da wird ein Platz frei!“ Und schon hat er mich in das weinlaubverbrämte Hüttchen gezogen - ganz hinten in die Ecke. Unter ein Schild „Hippodrom vo Fädd!“ Ich muss lachen. „So was hätten wir früher gebraucht!“, schmunzle ich, und er weiß sofort, was ich meine. Hier ist man zumindest teilweise vor neugierigen Blicken geschützt. „Sollen wir das wagen?“, flüstert er. Ich nicke, bevor sich mein Hirn einschaltet, und schon hat er mich in den Arm genommen und sein Mund liegt auf meinem. Tut mir leid, aber dagegen komme ich nicht an. Eine laue Vollmondnacht und bunte Kirchweih-Lichter - und SEIN Mund, der nach Federweißem schmeckt. So etwas kann man nur genießen! Und überhaupt. Er ist nicht mehr mein Lehrer. Wenn ich es mir recht überlege, er war es nie! Aber so genau hat man das damals nicht unterschieden.

 

Dann gibt es also nichts mehr, was uns hindern könnte - bis auf... „Bist du eigentlich verheiratet?“, bringe ich zwischen zwei Küssen heraus - und Florian lacht. „Bist du noch immer so moralisch?“ Ich nicke. „Geschieden!“, grinst er. „Weißt du, das ist eines der Dinge, die ich schon immer an dir geliebt habe!“, gesteht er, und mir wird warm ums Herz.

 

Da sitzen wir nun dicht beieinander und halten Händchen - so wie damals. Und so wie damals fühle ich mich auch. Außerdem spüre ich das erste Glas Federweißen. Florian holt ein zweites! Wenigstens eine Semmel hab ich schon intus, aber ob das hilft? Gegen Sehnsucht - und Federweißen? Ich habe seine Küsse nie vergessen. Zärtlich und so verführerisch nass! Und nun? Was mache ich denn nun? Er küsst so gut! - Und ich wollte doch schon immer! Als er mich fragt: „Kommst du noch mit zu mir?“, nicke ich voller Überzeugung. Natürlich komme ich mit. Schließlich hat er alle Trümpfe auf seiner Seite: Den Vollmond und die Kärwa, den Federweißen und diese verlockenden Küsse und nicht zuletzt - meine Heimatstadt.

 

©BvS                         Teil 2: Besondere Gefühle                                                Ihre Meinung?