Wer küsst mich?

Abendkuss

 

Abends um zehn-vor-sechs.

In wenigen Minuten wird der hoch aus dem Norden kommende ICE

mich zurück nach Südwest bringen.

Der heute Morgen so sinnlich begonnene Tag setzt sich fort.

 

Im Wagen drei gähnte die Businesslangeweile.

Der Vorsatz im Zug die Verhandlungsstrategie zu verfeinern…

tja... blieb Vorsatz.

Der kurze Moment auf dem Bahnsteig verzauberte mich

für die nächsten drei Stunden,

beherrschte mich anschließend in der Verhandlung,

nimmt mich jetzt wieder gefangen.

 

Entweder war ich heute besonders gut

- mein Geist hatte Flügel -

geflügelte Einfälle

auf alle Fangfragen meiner Geschäftspartner,

oder

- es war nicht deren Tag.

Nun steckt der Vertrag in meiner Tasche.

Genau nach meinem Gusto!

Ich fühle mich irgendwie trotzdem nicht befriedigt.

Betrogen, so kampflos einen Sieg errungen zu haben…

nicht erfüllt.

Viel Energie –

aufgespart für diesen Schlagabtausch

und doch nicht eingesetzt,

ein wenig enttäuscht.

 

Meine Gedanken kehren zurück zu heute Morgen.

Meine Sinne übernehmen wieder die Führung.

Ihr Parfüm?

Sie trug ‚Classique’  von Gaultier.

Perlen als Ohrstecker -

echte Perlen!

Ihr Aktenkoffer war zwiegenäht…

und doch fein verarbeitet, elegant.

Zwischen Oberlippe und Naseflügel hatte sie einen sinnlichen Leberfleck -

leicht nach rechts versetzt.

 

Sie ist jetzt auch in dieser Stadt!

Ich konnte sie beim Aussteigen kurz sehen,

als sie treppab verschwand.

Bin traurig, dass es so schnell vorbei sein soll.

Meine Phantasie beginnt zu fliegen –

übernimmt die Führung.

Ach wenn…!

 

Auf dem Nebengleis bremst kreischend der ICE nach dem hohen Norden.

„Du darfst mich zum Abendessen einladen!“

Höre ich das jetzt?

Oder glaube ich nur, es zu hören?

Wünsche ich mir… es zu hören?

Ich dreh mich um und SIE steht dicht vor mir -

kussnah!

 

Ihre Augen blicken offen, neugierig - fragend.

Ihr Gesicht ist entspannt… kleine Lachfältchen um die Augen.

Sie lächelt… Grübchen!

Diese Überraschung ist ihr gelungen.

Jetzt beginnt sie zu Lachen

„Ich bin gegenständlich!“,

kommt als Reaktion auf mein staunend-überraschtes Gesicht.  

Ich ziehe sie einfach an mich - will sie auf die Wange küssen.

Aber sie zieht den Kopf protestierend weg –

dreht mir ihren Mund zu!

Ich höre etwas poltern

- zweimal –

und ihre Arme schlingen sich um meine Schultern.

Wie lange?

 

Der ICE nach dem Süden wird angekündigt:

„Zurücktreten von der Bahnsteigkante!“

Etwas atemlos, tief Luft holend, flüstre ich:

„Im Speisewagen?“

„Gleich?“

„Ja!“

„Gut!“

 

Still sitzen wir uns gegenüber, betrachten uns –

ertasten uns mit den Augen.

„Ich bin Friedrich.“

Sie zögert, setzt zu sprechen an

– zaudert –

schmunzelt:

„Und ich Friederike!“

In das gemeinsame Lachen kommt die Frage:

„Was wünschen die Herrschaften?“

"Was Stärkeres!“

„Ich auch!“

„Cognac?“

 „Calvados!“

 „Je einmal?“

„Ja.“

Nicken.

 

Friederike und Friedrich betrachten sich neugierig,

offen,

fragend.

Friederikes Augen funkeln

und die Lachfältchen um die Augen

geben ihr etwas Liebes,

Sanftes,

Strahlendes.

 

Prost!

„Du schaust… du staunst… du stahlst…,

als hättest du ein Geschenk bekommen!“,

konstatiert sie.

„Habe ich auch… ich ahne was drin ist…

Nur -

ich habe es noch nicht geöffnet!“

Frederike gluckst,

verschluckt sich am Calvados.

„Schwerenöter!“

„Aber ein lieber!“, schmunzelt Friedrich.

„Was ich noch überprüfen muss!“

Und sie kneift Friedrich neckisch in die Nase.

Sanft fasst er ihre Hand, küsst die Fingerspitzen –

legt sie an seine Wange.

„Na, ihr Fünf… das dürft ihr öfter machen!“

 

Der Kellner bringt die Karte.

 „Ja, Sauerbraten hat die Küche noch.“

Beide nicken.

 

„Wie war…!“

„War dein…!“

 „Dein Tag…?“

Fast synchron stellten beide dieselbe Frage.

Befreiendes Lachen.

„Du zuerst…“

Friedrich erzählt von seinem ‚Wolke sieben - Gefühl’,

seinen Ergebnissen bei der Verhandlung. –

Seiner leichten Enttäuschung und jetzt von seiner

‚Himmel sieben Stimmung’.

Ihr Gesicht wird bei der Erzählung immer weicher,

weiblicher sanfter,

ihre Mimik lebt mit dem Erzählten.

Er endet,

„Tja, möge dieser Zug tausend Stunden Verspätung haben!“

 

Sie protestiert.

„So lange mit dem Überprüfen warten?

Friedrich!“

Ups! - Sie hat Humor!

Ein versteckter Antrag?

 

„Jetzt DU!“

Sie musste an die junge Frau denken…

und an Parallelen zu ihr selber.

An den frechen Kerl, der sie so einfach geküsst hat.

An sie, die blöde Kuh, die auch noch zurück küsste.

Bis sie bemerkte...

dass sie es ja herausgefordert hat.

„Dein Rasierwasser ist ‚Fleur du Male’ von Gaultier!“ 

Danach die Enttäuschung,

dass es so schnell endete.

„Ich habe Dich beim Aussteigen kurz gesehen!

Und warte seit drei ICEs auf dich.“

Sie atmet tief ein.

„Wie nennt man so was?“

„Eine Liebeserklärung!“, grummelt Friedrich.

„Schmeichler!“ -

Sie erzählt weiter.

Beim Vortrag verhaspelt sie sich,

und in der Kaffeepause fragt ihr Chef süffisant,

ob sie verliebt sei.

„Und?“

„Ja… seit zehn-nach-sechs!“

antworte ich ihm.

Der Kerl küsst sie auf die Stirn - vor versammelter Mannschaft!

„Bin leicht eifersüchtig auf ihn!“

Und alle hören mit.

 

Die leichte Röte macht ihr Gesicht noch schöner,

ihre Bewegungen werden fließender.

Die Dunkelheit lässt die Fenster spiegeln.

„Wir sind eigentlich ein schönes Paar - so als Spiegelbild!“ 

Sie spricht von „Paar“.

Hat sie sich entschieden?

Mir läuft der Faden weg.

 

Sie schiebt ihre Beine zwischen die meinen,

ist initiativ.

Sie nimmt meine Hand und führt sie an ihre Wange.

„Friedrich, in zehn Minuten sind wir da!

Bevor wir gehen… jeder seines Weges…

Zieh mir bitte meine Bluse, mein Leibchen aus den Bund…

küss meinen Bauch! -

Friedrich!

Als ich schwanger war, hat es niemand getan!“

 

********

 

Sie hakt sich bei mir unter,

geht die Treppe gerade hinab.

Ich lege ihr den Arm um die Schulter und sie schiebt ihre Hand unter die Jacke,

klinkt sich mit dem Daumen in den Gürtel.

Hier hat es vor 15 Stunden begonnen!

 

Ich bleibe stehen und drehe sie zu mir.

Küsse ihre Stirn…

ihre Augen…

die Lider.

Ich kitzle mit spitzer Zunge,

umschmeichle ihre Ohren -

die Perlen an den Läppchen…

Knabbere am Hals.

Öffne langsam den Mantel,

küsse die beiden vorwitzigen Knospen…

ziehe ihr behutsam Bluse und Leibchen aus den Bund…

Dann küsse ich ihren Oberbauch,

schiebe den Bund nach unten,

und bohre meine Zunge in ihren tiefen, schönen Nabel.

 

©S’Rüebli

 

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