Wer küsst mich?

Morgenkuss

 

Morgens um zehn-nach-sechs!

„Ein Donut und ein Kaffee, bitte!“

Quietschend kommt ein ICE über uns zum Stehen.

„Wie viel?

Wie bitte?

Ja verstanden.“

Im Grundlärm eines Hauptbahnhofes suche ich Gleis 5.

Meine Zähne genussvoll in diesen süßen, weichen, klebrig-triefenden Kringel schlagend, schlendere ich zur Treppe, steige hoch.

Sehe klassische Pumps an schlanken Füßen. -

Die Beine elegant bestrumpft,

an einem halbwadenlangen Mantel endend.

Ein elegantes Aktenköfferchen steht daneben.

 Nächste Stufe. -

Behandschuhte Hände - wie zu einem Gebet gefaltet.

Längliches Gesicht, halblange dunkle Haare mit Silberanteil.

In ihrer Haltung und ihrem Gesichtsausdruck ist Konzentration.

Der Blick auf einen Punkt fixiert.

Stehe drei Schritte neben ihr - folge ihrem Blick.

 

Ein junges Pärchen - eng beieinander stehend.

Sie ihn mit beiden Armen umschlingend.

Er hält mit beiden Händen ihren Kopf - ihren Nacken fest,

streichelt mit den Daumen zärtlich-sanft die Tränen aus den Augenwinkeln,

saugt mit spitzen Lippen die anderen Tränen von ihren Wangen.

Flüstert ihr ins Ohr.

Es muss was Schönes sein,

denn sie beginnt zu strahlen.

Sie küsst ihrerseits seine Tränen weg.

Ein schönes Wechselspiel von Verliebtheit -

Mehr noch -

echte Vertrautheit -

tiefe Liebe.

Am Parallelgleis wird der ICE nach dem Süden angekündigt:

„Zurücktreten von der Bahnsteigkante!“

Er löst sich von ihr,

knöpft in schneller Hast ihren Mantel auf,

schiebt ihr den Pullover hoch,

zieht ihr das Leibchen aus dem Bund

 und…

drei schnelle Küsse auf ihren schönen…

gewölbten…

runden Bauch.

 Sie hält zärtlich seinen Kopf, in sich lauschend…

ob ES - das auch genießt.

Schnelle Schritte.

Er bringt seine Beiden zum wartenden Zug.

Zwei Kusshände fliegen.

Den Rucksack über die Schulter,

den Kopf in den Nacken werfend,

stürmt er die Treppe runter und verschwindet im Tunnel.

 

Sie steht am Fenster

mit dunkel-fragenden Augen…

zum nächsten Bahnsteig blickend.

Zuerst eine Hand -

dann ein langer Arm -

der Kopf mit dem langen Kerl dran

kommt die Treppe hochgeflogen -

winkt und verschwindet in den ICE gen Osten.

Die Augen strahlen –

Und das Lächeln verzeiht alles.

Leise rollt er an - der ICE

gen Süden.

 

*****

 

Vor Rührung wird es mir eng.

„Und wer küsst mich?“

brummelt es in mir, merke wie es mich berührt –

meine Augen laufen über.

Sehe SIE neben mir stehen…

dem ICE nachblicken.

Sie dreht sich zu mir… mit laufenden Tränen.

Wir beide lächeln, als wollten wir uns entschuldigen.

Entschuldigen weil unsere Herzen

Teilhaben -

mit empfinden -

empfindlich reagieren -

reagieren weil wir uns sehnen -

sehnen nach der Nähe eines Anderen.

Auf ihrer Stirn leuchtet es genau so rot blinkend:

„Und wer küsst mich?“

 

Ich krame in der Hosentasche –

 finde und reiche ihr mein Taschentuch.

Lächelnd hebt sie mir ihr Gesicht entgegen,

schließt die Augen.

Einer inneren Regung folgend gleiten meine Hände an ihren

Hals - Nacken,

ohne Widerstand ziehe ich ihren Kopf näher

und küsse ihr die Tränen weg,

von den Lidern -

den Augenwinkeln -

den Wangen -

Mundecken -

Mund…

fühle ihre weichen Lippen -

ihre Hände an meinem Kopf.

Ihre Lippen an meinen Wangen -

die spitze Zunge tupft meine Tränen von den Augeninnenseite.

Es kitzelt - erregt.

 

An unserem Gleis wird der ICE nach dem Norden angekündigt:

„Zurücktreten von der Bahnsteigkante!“

 

„Treffen wir uns zum Frühstück?“

Sie schüttelt den Kopf und sieht mir direkt in die Augen.

„Lass uns diese beiden Momente genießen, sie sind so selten!“

Zieht meinen Kopf zu sich -

ein letzter Kuss auf die Stirn.

Sie geht zum Wagen sieben - ich zum Wagen drei.

 

©S’Rüebli

 

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