Nicht aller Tage Abend


„Geht rauf und legt ab.“

Wir ziehen die Bergschuhe aus,

fischen unser Finken aus den Rucksäcken und gehen nach oben.

Klassisches Pritschenlager auf 2470 m.ü.M.

Beat legt seinen Rucksack ans Fenster,

Erwin gegenüber,

Ernst und Peter legen sich links und rechts neben die Tür.

 

Wir, vier Freunde sind heute, lange vor Sonnenaufgang losmarschiert

und waren vor neun Uhr auf den Gipfel.

Mit einer Stunde schönstem Fernsichtgenuss - pur.

Dann der Abstieg.

Rast am kleinen Bergsee.

Auf dem Rücken liegen,

am Himmel den Wolken bei deren Wanderung zugucken,

dem Windgeflüster lauschen

und die akrobatischen Flugkünste der Bergdohlen bewundern.

Und eben jetzt, mitten im Nachmittag, bei der Hütte angekommen.

Erwin, der einzige von ihnen, der noch in der Heimat lebt,

organisiert zweijährig eine einwöchige Hochtour.

Beat geht sich waschen - draußen am Brunnen!

Beim alten Brunnen - 50 m von der Hütte entfernt

- hinter den Felsenvorsprung,

beim alten Pferdeunterstand.

 

Hier ist man ungestört.

Hier hat er das letzte Mal gestanden

- vor… hm... 26 Jahren, als junger Säumeroffizier mit seinen 30 Rossen.

Wehmut überkommt ihn.

Er hat mit seinen Mannen und Rossen in zwei Wochen Zement,

Beschläge, Fenster, Türen und Balken hoch getragen,

zur Erweiterung der Hütte.

Heute Nacht wird er zum ersten Mal in ihr schlafen –

in der Hütte, an der er mitgewirkt hat.

Er stellt sich im Adamstenue neben den Trog

und schöpft sich das klare, kalte Gebirgswasser über den Körper.

 Er fröstelt - Gänsehaut.

In der Ferne sieht Beat kleine Gestalten den Weg hochkommen.

„In einer guten Stunde sind die hier!“,

 durchläuft es seine Gedanken.

 

Eben, beim Abstieg, kamen sie an einer Stelle vorbei, die Beat

- wenn er an seine Dienstzeit denkt –

immer als erstes ins Bewusstsein dringt.

Die immer als erstes präsent ist.

Um vom Tal aus zur Hütte zu kommen

gibt es den Weg für Touristen und Pferde,

 sowie den kürzeren, steileren, schnelleren für Geübte.

Beat nimmt an einem der Tage diese Abkürzung,

 um vor der Kolonne oben zu sein.

 

Auf der Passhöhe, mit dem phantastischen Fernblick, macht er Rast.

Er ist nicht allein.

Eine, für ihn damals ‚ausgereifte Dame’,

etwa so alt wie die ganz kleine Schwester seiner Mutter,

steht unbeweglich am Abbruch und genießt die klare Weite der Sicht.

Beat grüßt, setzt sich, beginnt zu essen.

Sie setzt sich neben ihn.

Sie ist Engländerin.

Sie erzählt, dass sie seit fünf Jahren immer wieder auf diesen Pass komme,

um die Sicht zu genießen.

So schön wie Heute sei es noch nie gewesen,

und sie sei soo glücklich.

Doch etwas fehle - das ganz "grooße Glück" fehle!

Ihr Mann finde ihre Schwärmerei albern und komme nie mit.

Deshalb könne sie das ganz "grooße Glück" nicht erleben.

 

Beat - naiv - fragt warum.

Ja, wenn…

er ein bisschen Zeit hätte…

und ER… SIE nicht hässlich fände…

könnte sie ihm ja zeigen...,

was sie mit dem "grooßen Glück" meint!

Beat grinst an dieser Stelle seiner Erinnerung.

 „Junge, das war der Wink mit dem Eispickel!“

Er merkt auf einmal, wie er genüsslich sein Sporn hätschelt.

 

Sie rutscht näher

 - schnüffelt an ihm – an seiner Uniform

„You are a horsemen! -

Du bist ein Pferdemann!“

Sie ist eine sportlich trainierte Frau - Reiterin.

Sie drückt ihn ins Geröll, übernimmt die Führung.

Beat bekommt eine sinnliche, eine sehr lustvolle Lehrstunde.

Ihr "grooßes Glück" sei auf diesem Steinblock,

der ja wie ein Altar aussieht,

von hinten genommen zu werden und dabei...

diese Sicht vor sich zu haben.

Ob Beat ihr diesen Wunsch erfülle?

Als sie merkt, dass Beat auch für mehr als nur ein Quickie zu begeistern ist,

 vergessen beide die Zeit.

 

Beat wäscht sich, spült besonders seine sensiblen Teile.

Jetzt, am letzten Tag, noch einen Wolf laufen… muss nicht sein.

Dieser Akt auf den Pass

- ein Ritual –

 ist eines der Eckerlebnisse in seinem Leben.

Spätestens dann, wenn wieder eine 08/15 Vögelei im Gange ist…

flüchtet Beat in die Erinnerung am Pass.

Er sieht noch alles vor sich.

Vorhin, als er sich auf den „Altar“ gesetzt hat,

 ist ihm - nach mehr als sechs Tagen -

zum ersten Mal wieder Lust ins Horn geschossen.

Hatte er eine Wallung im Körper.

Sehnsucht nach dieser Frau.

 

 

Sie ist aufgeladen, aufgestellt - hat sich so in diese Idee gesteigert.

Endlich hat sie einen Partner gefunden

- sie schwebt –

ist auf einer anderen Ebene.

Ihr Gesicht wird durchsichtig, ihre Bewegungen schlangenartig.

Es ist die erste Frau, die ihm in die Nippelchen beißt,

ihm diesen süßen Schmerz zufügt –

mit den Zähnen festhalten und mit der Zungenspitze rubbeln.

Es ist das erste Mal für ihn –

in so unwirtlicher, ja lebensfeindlicher Umgebung zu lieben.

Es ist für Beat das erste Mal, dass eine Frau ihn bittet…

Ihn - um einen Minnedienst bittet.

Für sie ist es ein Ritual.

Sie hat es nicht eilig - und Beat beginnt zu genießen.

Sie zelebriert die Opferung ihrer Sehnsucht.

Sie entschleunigt - zwingt beide zur Langsamkeit.

Als er ihr die Bergschuhe auszieht, die Socken, kitzelt er sie.

Sie quiekt, sie albern rum.

Sie wird für Beat zu einem jungen Mädchen.

Er zieht ihr das Höschen aus…

Nein!

Auf halben Weg muss er loslassen

- sein Horn pressen

- knicken

 - Notstopp.

Als sein Sporn wippend aus seinem Slip springt,

geschieht es ihr in der weiblichen Form.

Sie presst ihre Hände in den Schoß.

Kneift die Beine zusammen, geht in die Hocke.

Ihre Vulva nach hinten rausgepresst

- leicht geöffnet, feucht glänzend –

 zieht in magisch an.

 

Er steht hinter ihr, dringt ein – langsam - immer tiefer - beginnt zu genießen.

Der erste, tiefe, volle Stoß bringt sie zum Stöhnen – Wimmern - Seufzen.

Sie entzieht sich, legt sich flach mit den Bauch auf den Stein-Altar.

Es war zuviel, es hat sie übermannt.

 Beat schließt sie in die Arme, wiegt sie.

Der Wind lässt beide frösteln.

Beat nimmt sie erneut…  beide finden sofort den Rhythmus.

Beide steigern mit jedem Stoß die Begierde.

Die Dohlen kurven in höchster Akrobatik um sie herum

- krätzen - schimpfen - fliegen Scheinangriffe.

Der Wind sirrt seine Melodie und am Horizont beginnt es dunstig zu werden.

Sie wird heftiger - keucht…

Aus tiefer Kehle dringen Urlaute.

Sie hat den Kopf in den Nacken gelegt.

„My hair.“

Beat greift in ihre Mähne –

sieht sich als Junge auf dem Fuchs von seinem Großvater,

wenn er ihn von der Weide holte,

ungesattelt.

 

Beat ertappt sich, wie er zum Pass hinauf starrt.

Es erstaunt - verblüfft ihn…  diese Reaktion.

Er hört Steine kullern.

Er zieht sich schnell an, tritt aus den Windschatten.

Seine Freunde kommen zum Waschen.

Beat schaut erneut zum Pass hoch.

 

Sie kommt kurz vor ihm - fast gleichzeitig.

Beat schürft sich dabei seine Knie auf. 

Sie hat Kratzer an den Oberschenkeln.

Sein Horn bleibt hart und er nimmt sie noch einmal.

Das Sperma läuft ihr die Schenkel runter.

Er rammelt einfach bis es schmerzt… und sie geht mit

- hat sich auf die Ellenbogen gelegt und streckt ihr Hinterteil in den Himmel.

Beat sinkt hinter ihr auf den Boden.

Er fällt von ihr runter.

Fühlt von fern wie sie sich auf ihn legt… ihn mit ihrem Körper bedeckt.

Sie hält ihn fest…

Zusammen kommen sie zurück - in die Wirklichkeit,

Auf knapp 3000 Meter –

gehören sie wieder der Welt an.

 

Ich habe sie in die Kuhle getragen, auf die Uniform gelegt.

Wir haben geschmust, uns geküsst, gestreichelt.

Wir konnten beide nicht genug bekommen.

Beim zweiten Mal hat sie, als die Erfahrene… Beat geführt.

Ihn zu einem schönen, langen Ritt verführt –

ihn verführt zu führen… zu führen als sie die Führung brauchte.

Für ihn bis heute

„DIE EINNERUNG.“

 

Beat fühlt Sehnsucht in sich aufsteigen.

Seit zehn Jahren ist er geschieden.

Seine Frau hielt sich ihn als Mann!

Zum Vorzeigen!

Zum Gebrauchen!

Als Alibi für ihre schlechte Laune!

 Und er…?

 Tja… beruflich wochenweise weg,

weil er sich das wehleidige Genörgel nicht anhören wollte.

Seine Kinder?

Hm… besser nicht fragen!

 Bezahlen.

Ja!

 

Sein Onkel war damals Hüttenwart.

Christian stellt den Schoppen Veltliner vor Beat.

„Mit de’ Ross“ schon - lange nicht mehr.

„Dr’ Heli“ bringt es vom Tal in einer Viertelstunde.“

Versonnen blickt Beat talwärts.

Bald muss die Gruppe an der Kehre auftauchen.

Beat genießt den Schoppen, die Strahlen der Abendsonne

und beginnt - entgegen seiner Gewohnheit - an die nächste Woche zu denken.

Das ärgert ihn.

 Wehmut erfasst ihn.

Die Zeit nach dieser Woche in der Heimat

ist immer mit Heimweh und Gefühlskram und Wallungen und nassen Augen verbunden.

Jetzt sieht er seine Rosse aufs Plateau kommen,

 hört sie schnauben, scharren, die Eisen gegen die Felsen klirren.

Sieht, wie sie ihre Köpfe an den Schultern der Säumer reiben,

 riecht förmlich den Schweiß, das Leder.

 

Beat schrickt hoch.

 Christian hat das Hüttenbuch von damals  auf den Tisch gelegt,

blättert, dreht es zu ihm hin.

 

Lieutenant Beat Stoller, Tr.Kol. 2. 2. Zug, Aigle.

14.Juni 19xx Heute haben wir die letzten Säcke hoch gebracht.

Morgen geht es zurück in die Kaserne.

 

Hier stehen alle Namen seiner Kameraden vergangener Tage.

Fast bei jedem Namen kann er bei sich ein Bild abrufen.

„Es nimmt einen schon mit, wenn man so etwas liest!“

 Christian setzt sich über Eck zu ihm.

 „Dann lies mal das!“

Christian blättert ein paar Seiten weiter.

 

In einer zierlichen Handschrift in Englisch:

 

Mein Sehnen hat sich in diesem Sommer erfüllt.

Am Pass habe ich gefühlt, wie Götter leben und lieben.

Nun bin ich hier oben, um am Pass auf

- dem Altar –

zu danken, dass Gott mir einer seiner Helfer schickte,

um meinem Leben das Schönste zu geben,

was eine Frau bekommen kann.

21. September 19xx SJC.

 

„Drei Tage bevor wir hier oben zumachen.“, lacht Christian.

Beat saß wie gelähmt.

Sie kam damals mit ihm zur Hütte.

Seine Mannen waren alle schon da, schief grinsend.

Sie ging weiter zu Tal.

Am nächsten Abend hat er sie noch im Alpenhof gesehen

- mit ihrem Mann.

Drei Tage später, als er wieder im Ort war, waren sie schon abgereist.

„Du hast doch auch eine Achthunderterfünfziger- sechziger Nummer“.

Mein Hausname ist Sterchi - deiner Stoller!“

Christian lacht in sich hinein –

dreht ihm ein neueres Buch zu.

 

Heute habe ich den Göttern meine Tochter gezeigt!

Ich habe sie angefleht mir den Boten zu senden,

 um ihm für die Erfüllung meines Lebens zu danken.

SJC mit B.

 

„Zwei Jahre später. -

Da war das neue Haus ein Jahr fertig!“

Da muss die Kleine so etwa 15 Monate gewesen sein, rechnet Beat.

Christian wurde ernst.

„Sie kommt alle zwei Jahre - mit ihrer Tochter!“

 

Das Einzige, was ich von meinem Soldaten weiß,

ist seine Nummer:

86x.49.375 und die auch nicht ganz!

Und sie rufen ihn Beat…

 

Christian greift an Beats Hals und zieht den Grabstein hoch.

„Trägst du ihn auch immer?“

„Ja! Ist wie ein Talisman!“

Beat kennt die Nummer auswendig - muss nicht nachsehen.

Er hat die Handschrift gesehen und intuitiv weiß er:

Sie ist es.

 Sie kam all die Jahre zurück, und er... ist Vater einer Tochter!

 Einer Tochter, von der er - bis vor einer Minute - nichts ahnte!

Nichts wusste!

„Nichts ist von ungefähr!

Alles hat seine Bestimmung!“

Christian steht auf.

„Dass du heute hier bist… ist Gott gewollt!“

Er geht zur Hütte.

 

Die Gruppe steht auf dem Platz.

Schwätzen – Lachen – Gratulieren - Prusten - Stöhnen.

Das normale Ankunftsgewuschel.

Christian teilt die Schlafplätze ein.

Beat hört Dänisch, Holländisch, deutsches Deutsch

- hanseatisch vornehm –

und... Englisch!

 

Er hört seinen Namen rufen –

sieht beim Aufschauen Christian an den Türpfosten gelehnt

und mit der Hand auf ihn deutend –

aus voller Brust lachend.

Beat nimmt in den Augenwinkeln eine auf in zufliegende Frau wahr

und weiß sofort…

 JA!

Sie schreit seinen Namen.

Springt - fliegt in seine Arme und sackt weg…

mit Beat, dem es schwarz wird vor Augen.

 

Er hört Stimmen um sich herum.

Fühlt eine Frau - seine Frau in den Armen!

Seine Frau, die er festhält - die er wiegt.

Über ihren Kopf hinweg sieht er in das Gesicht einer jungen Frau –

in ihre Augen…- grün-graue Augen!

Seine Augen!

 

©S’Rüebli