Wünsche

„Kommst du mit?“ Gabriel stand vor ihrer Türe und sah sie an. Naija bekam große Augen. Sie hatte an ihn gedacht - sich zu ihm gewünscht, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass er kommen würde. Er wollte sie zu sehr! - Und das, was sie ihm geben konnte, war zu wenig - für ihn. Obwohl sie der Meinung war, er hätte gebraucht was sie zu geben in der Lage war. Dringend! Aber entweder war er sich dessen nicht bewusst, oder er hatte Angst die Gefühle, die zwischen ihnen waren, nicht begrenzen zu können, und dieser Gedanke war auch ihr ein, zwei Mal gekommen. Wenn sie die Augen schloss und nur noch „an ihn“ dachte, dann sah sie einen Flächenbrand!


Sie hätte ihn aufgeben müssen. Es konnte nicht nur Freundschaft sein! Nicht für ihn und nicht für sie! Nicht, wenn ...! Wenn Sie sich näher kamen, würde es blitzen und donnern und der Himmel würde einstürzen. Sie würde sterben in der elektrischen Entladung, die ...! Wenn er in ihre Augen sah, wenn er sah, was sie in ihrem Inneren verbarg, dann würde ...!


Was, oh Herr im Himmel, war es, das sie so faszinierte? Sie war noch nie eine Eroberin gewesen! Und doch in diesem Fall ...! Sie wollte ihn erobern, haben, behalten für immer und ewig! Er sollte sie lieben, so wie damals ... in ... einem anderen Leben! Als sie seine Frau gewesen war, seine Frau sein durfte! - Sie durfte nicht daran denken - nicht jetzt! Sie musste es vergessen und doch war es eingebrannt in ihre Seele! Sie wusste es in dem Augenblick, als sie ihn wiedersah - zum ersten Mal sah! Es war nicht das erste Mal! Es konnte es nicht sein! Es war so vertraut wie nach Hause kommen. Am liebsten hätte sie sich in seine Arme geschmiegt und gesagt: „Ich danke dir, dass du da bist! Wieder da bist - endlich wieder da bist - bei mir! Ich brauche dich! Ich liebe dich! Oh Gabriel, mein Gabriel! Mein Gabriel!“


Aber er hatte sie mit fremden Augen angesehen, mit Augen, die sie nicht erkannten. Die Erinnerung war fort. Er hatte sein Gedächtnis verloren! Er hatte ihre Liebe vergessen! Ihr Herz zerbrach! Und sie, sie wusste es so sicher, wie auf den Tag der Abend folgt! Er gehörte zu ihr und er brauchte sie, aber er verstand nicht, warum sie ihm helfen wollte. Wusste nicht, dass sie es ihm schuldete. Sie wusste es! Nur hätte sie es ihm niemals erklären können. -


Trotzdem! Je öfter sie sich sahen, desto bewusster wurde ihm, dass sie ...! Ja, was? Sie berührte ihn! Er dachte an sie - öfter, als gut war für ihn! Seine Augen waren blind, aber sein Herz fühlte! Es fühlte die Nähe, die Vertrautheit, die Sehnsucht, die Hingabe, aber sein Geist verstand es nicht! Er wollte es nicht! Er wollte nicht fallen, ohne zu wissen wohin! Gabriel spürte es deutlich, wenn er sich ihr ergab, würde er ein anderer Mensch sein! Ein anderer Mann! Er hatte Angst - und doch sehnte er sich so sehr! Er stieß sie weg - äußerlich!


Und doch war sie in allen seinen Träumen. Naija! Diese Frau, die ihm so vertraut war, so nah, so sehr zu ihm gehörte, wie sein eigenes Fleisch und Blut! Wie hatte er leben können ohne sie? Ohne zu wissen, dass sie da war, bei ihm, in seiner Welt? Aber sie war doch so anders, so ... so sehr viel weiter als er! Sie wollte ihm helfen. Er hasste es, sich helfen zu lassen. Er wollte keine Hilfe brauchen, auch nicht ihre! Erst recht nicht ihre! Er wollte SIE nicht brauchen! Und doch konnte er nicht verzichten - auf sie! In seinem Kopf wirbelten Gedanken, die er nicht verstand, Wünsche, die er ablehnte, Sehnsüchte, die ihm Angst machten! Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle, und er hasste diesen Zustand!


Er hasste Naija! Sie hatte es ausgelöst. Mit ihr hatte es begonnen: Seine Verwirrung! Seine Sehnsucht! - Er liebte Naija! Er sah sie in seinen Armen, an seinem Herzen. Er sah sich bei ihr geborgen wie nie vorher! Sein Herz wollte sie - brauchte sie zum Überleben! Aber er, Gabriel, er wollte nicht! Er wehrte sich dagegen, konnte nicht nachgeben, einem Ereignis, das ihm aufgezwungen wurde! Das er nicht beeinflussen konnte. Es geschah mit ihm! Er war doch ein Macher! Er konnte nicht einfach „mit sich geschehen lassen“ - nicht nachgeben!


Nur wenn er träumte, dann war sie bei ihm! So vertraut, so eng, so wunderbar, so unverzichtbar! Er wollte schlafen, flüchtete in den Schlaf und zu ihr. In ihren Armen war seine Heimat. In seinen Träumen wusste er es, auch wenn sein Verstand rebellierte. Aber langsam, ganz langsam, lichtete sich der dichte Nebel in seinem Kopf.


Und nun stand er da - störrisch, wütend - auf sich und auf sie! Und doch so bedürftig! „Kommst du mit?“ Naija nickte. „Gib mir fünf Minuten!“ Sie kämmte ihr Haar - es hatte es nicht nötig. Sie zog ihre Lippen nach - sie waren perfekt. Sie sah in den Spiegel - versuchte hinter ihre Augen zu sehen. Ihr Herz klopfte so laut. Er war zu ihr gekommen. Er hielt es doch nicht aus sie in seiner Welt zu wissen und sie nicht an seiner Seite zu haben.


Naija wusste, dass das was zwischen ihnen war, unzerstörbar war. Er konnte es noch so sehr leugnen. Er konnte sie meiden, er konnte sich kasteien, er konnte sie sogar hassen! Nichts würde seine Liebe zu ihr zerstören! Sie war zu alt, zu tief in seiner Seele verwurzelt. Immer wieder würde er sie suchen - und immer wieder würde er sie finden, auch wenn sie nicht in sein Leben passte, auch wenn sie alles durcheinanderbrachte. Sein Herz konnte nicht leben ohne diese Liebe!


Und jetzt mussten sie versuchen ihre Liebe zu ändern, so zu verändern, dass sie sie behalten konnten. Es gab so viele Formen der Liebe! Naija wusste es! Jede war wunderbar und wert gelebt zu werden. Ihrem Gabriel war es noch nicht klar. Er sträubte sich gegen sie, aber auch Naija sehnte sich - nach der Form der Liebe, die sie einst hatten. Sie war seine Frau gewesen - ein wundervolles Leben lang. Sie hatte es nicht vergessen, aber vielleicht war es für ihn leichter. Er erinnerte sich nicht an die Zeit, in der sie in seinen Armen lag! Obwohl er es spürte - in seinem Herzen. Die Sehnsucht war immer noch in ihm. Naija sah die Tränen hinter ihren Lidern.


Sie stieg in sein Auto. Jetzt waren sie alleine. Nie zuvor waren sie längere Zeit alleine gewesen. Naija schloss die Augen. Sie genoss seine Gegenwart. Er war bei ihr! Sie atmete tief. Sein Duft umfing sie, zog sie magisch an. Er hatte es gesagt: „Du kannst nicht „mein Freund“ sein! Frauen sind immer Geliebte! Zwischen Mann und Frau ist immer Sex!“ Naija hatte gelacht. Das stimmte definitiv nicht - nicht immer. Aber in diesem Fall? Sie war „sein Freund“, aber sie wollte auch seine Geliebte sein, sehnte sich so sehr nach ihm. Nach der unglaublichsten, ultimativsten Form der Liebe! Alles in einem! Alles zu sein für ihn! Sein Herz und seine Seele - sie wollte alles. Doch nicht diesmal - sie wusste es ja! Diesmal gehörte er einer anderen! „Du hast ja den Sex bei ... ihr! Also lass’ es uns ohne Sex versuchen!“ Gabriel sah sie an. Dunkelbraune Augen drangen ein  in ihr Herz, suchten in ihren Gedanken nach der Wahrheit. „Du willst es wirklich nicht?“ Seine Stimme zitterte nur ein bisschen. Unmerklich fast! Sie schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf. „Ich will es nicht!“ Gabriel griff nach ihrer Hand, hielt sie fest und zwang sie ihn anzusehen. „Du lügst!“ war alles was er sagte.


Er war so sicher, so sicher, wie nie in seinem Leben. Sie wollte ihn! Sie brannte vor Sehnsucht wie er! Er spürte die Schwingungen der Liebe, die übergroße Zuneigung, die Leidenschaft, all ihre Sehnsucht. Sein Wagen war angefüllt mit dieser Liebe. Er atmete tief, wollte all ihre Liebe verinnerlichen - nie wieder hergeben! Behalten, so wie sie, in seinen Armen, an seinem Leib. Warum musste er jetzt seine Tränen unterdrücken? Er, ein Mann, der niemals weinte?
„Sag mir nur eines! Werden wir das schaffen?“- „Was?“, dachte sie. - Jetzt durfte sie nicht fragen. Sie wusste es! Wenn sie jetzt fragte, würde er ihr zeigen „was“! Naija sah ihn an: „Was?“, fragte sie laut. Warum tat sie das? Sie wusste, dass er sie wollte! Und sie wusste, dass er sie nicht wollte, nicht haben durfte, es sich verbot mit aller Macht. Warum tat sie das? Sie versuchte ihn! Warum?


„Nein! Bitte, bitte, nein! Schaffe es nicht! Liebe mich! Bitte Gabriel, liebe mich!“ Ihr Herz flehte um seine Liebe, doch ihr Mund schwieg. Er sah sie an, blickte tief in ihre Augen, sah all ihre Sehnsucht, all ihre Liebe, all den Schmerz, den sie verbarg. „Liebes!“, flüsterte er. „Mein Liebes! Einzige!“ Er schloss seine Augen und lehnte sich zurück, saugte Luft in seine Lungen, aber seine Hand griff nach ihrer - fasste sie, hielt sie umklammert. Auch Naija hatte die Augen geschlossen. Sie hörte ihn stöhnen in unendlichem Leid. „Dich nicht zu kennen ist besser, als dich zu haben - an meiner Seite, dich zu fühlen, deine Gegenwart, deine Liebe! - Ja, deine Liebe - leugne es wenn du kannst - und dich doch nicht besitzen zu können!“ Er schluchzte trocken. „Du bist doch meine Frau! Ich liebe dich! Ich habe dich immer geliebt!“ Es war ein Anklage, ein Vorwurf gegen das Schicksal!


„Ich gehe jetzt!“, flüsterte er, lenkte sein Auto zurück. „Ich muss jetzt gehen, denn ich kann dich nicht sehen und ...!“ Naija wischte die Träne aus ihrem Augenwinkel. „Nein!“ Sie schrie fast. „Wovor hast Du solche Angst?“ Sie wusste es doch! Trotzdem sprach sie weiter. „Hast du Angst, dass ich dich in mein Bett ziehe? Oder hast du noch mehr Angst, dass du hineinspringst - im Kopfsprung?“ Er hielt an - am Straßenrand in einem kleinen Waldstück.
„Du weißt es doch!“ Er war wütend, so wütend sich nicht entziehen zu können. Er würde es ihr zeigen! Sie konnte ihn nicht beherrschen, aber es war ja genauso, wie sie sagte: Er wollte sie lieben, wollte sich in ihr Bett stürzen, auf sie - auf diesen hinreißenden, weichen Körper, der unter ihm zucken würde vor Leidenschaft, der ihn aufnehmen und verschlingen würde, der sein zu Hause war - für immer und ewig! - und der nichts, absolut gar nichts für ihn sein durfte! - Dieser Leib, den er begehrte - bis zum Wahnsinn begehrte! Gabriel stöhnte laut! Seine Gedanken wirbelten. Gab es denn gar keinen Ausweg?


„Ich will dich!“ Er konnte die Tränen nicht länger beherrschen. Sie quollen aus seinen Augen, verschleierten seine Sicht. Er konnte nicht mehr, er musste sie spüren. Jetzt, musste er sie spüren! Er zog sie in seine Arme. Mit einem Griff hatte er den Sitz umgelegt - fiel auf sie und presste sich an sie. „Hab keine Angst!“, murmelte er in ihr Haar. „Es wird nichts geschehen - nicht wirklich!“ - Sie hatte keine Angst - sie wollte ... alles, was er ihr immer geben konnte, geben wollte!


„Nur in meinen Gedanken - da werde ich dich lieben, da muss ich dich lieben - und du - du wirst verbrennen vor Sehnsucht - nach mir, nach meinem Bett, nach meiner Liebe!“ Seine Hände umfassten ihr Gesicht.Er sah sie an, versank in ihren Augen.

Keuchend flüsterte er weiter, ohne sich Rechenschaft abzulegen, was er tat. „Ich erinnere mich! - Du hast geglaubt, ich weiß es nicht mehr! Ich weiß es - alles! Jeden Kuss, jede Berührung! Ich weiß wie es ist, dich im Arm zu haben, deinen Körper zu spüren - nackt an meinen geschmiegt. Ich weiß wie es ist, wenn au kleine, süße Seufzer der Wollust ausstößt, weil au mich spürst - zwischen deinen Brüsten, zwischen deinen Schenkeln. Ich weiß, wie es sich anfühlt dich zu küssen, an dieser Stelle, die heißer ist - heißer als die Sonne! Die alles überstrahlt, sogar das Licht, die mich anzieht, weil du mich willst - genau dort! Ich weiß, wie es ist, dich zu riechen, zu schmecken, dich zu küssen: Deine Brüste, den Bauch, deinen Venushügel! Meine Finger einzugraben in dein zartes Flaumhaar, deine feuchte Spalte zu berühren, sie zu streicheln, zu ... öffnen ... und meine Zunge hineinzuschieben. - Deine zarte Auster zu lecken, die Perle zu suchen, sie zwischen meine Lippen zu saugen, zu hören, wie du wimmerst nach mehr. - Oh großer Gott! Ich erinnere mich! Ich erinnere mich an jeden Zentimeter deiner Haut! Ich sehne mich so nach dir. Ich will dich so sehr - Oh Gott - so sehr!


Ich will Sex mit dir, nur mit dir! Du sagst, du willst es nicht - du lügst! Du willst es sosehr, dass du glühst vor Lust. Ich beweise es dir! Du bist so feucht zwischen den Beinen, an dieser Stelle, die ich so liebe! - Sieh nach, wenn du mir nicht glaubst! Aber du glaubst mir ja - du spürst es ja! Du spürst die Begierde! Wenn ich dir jetzt sage, was ich mit dir tun möchte, dann wirst du reagieren. Du reagierst immer auf mich - immer! Du willst mich! Und ich will es - will, dass du kommst in meinen Armen - nur mit mir! Hörst du? Nur mit mir! - Warum gehörst du einem anderen? Du und ich - wir beide sind eins! Er gehört nicht dazu!“ Gabriel schluchzte. Seine Tränen fielen auf ihr Gesicht. „Ich kann nicht dein Freund sein - ich bin dein Mann!“


Naija lag da und konnte nichts anderes tun, als ihn fühlen. Sie spürte ihn, bis tief in ihre Seele. Er hatte recht! Sie wollte ihn mit Haut und Haar, wollte, dass er sie liebte! Und doch brannte ihr Herz in Mitgefühl für ihn, für seinen Schmerz. Seine Tränen überschwemmten ihre Augen. Sie öffnete ihre Lippen und dann flüsterte sie: „Bitte, küss mich!“


Gabriel holte rasselnd Atem, und dann ließ er sich auf sie sinken. Seine Lippen berührten sie, glitten tastend darüberhin, drängten sich dazwischen, und dann drückte er sie saugend auf diesen Mund, der ihm himmlische Erfüllung schenkte. Verschmolzen ineinander lagen sie da, sich gegenseitig haltend, wiegend, tröstend, sich liebend, bis ans Ende der Welt. Einen einzigen Moment waren sie im Paradies - gemeinsam!


„Du hast recht!“, stöhnte sie in seinen Mund. „Du hast so recht! Ich will dich so sehr, dass es schmerzt! Will dich spüren, so wie jetzt - auf mir - auf diesem Leib, der sich so nach dir sehnt! Ich will, dass du mich berührst, dass du mich liebst, mich nimmst, dass deine harte Männlichkeit in mich eindringt - hineinstößt! Tief hinein! - Du weißt es! Ich sehne mich nach dir - und es stimmt auch - ich brauche nur an dich zu denken, brauche nur denken, dass ich meine Schenkel spreize, weit auseinander für dich ... du dich dazwischenschiebst und mich berührst ... dort ... und ... zustößt ... jaaahh! “ Stöhnend sank sie unter ihm zusammen. Sie wand sich, keuchend, versuchte ihren Orgasmus zu unterdrücken und schaffte es nicht ... erst recht nicht, als sie spürte, wie er sich über ihr aufbäumte. „Naija!“ Sein wilder Schrei gab ihr alle Genugtuung der Welt.


Sie konnten nicht nur Freunde sein! Auch ohne miteinander zu schlafen, hatte sie miteinander geschlafen! So konnte es nicht sein, so durfte es nicht sein! Naija versuchte sich zu sammeln. Sie waren verbunden bis an das Ende der Zeit, sie wusste es, aber sie würde ihn nicht wiedersehen! Sie liebte ihn zu sehr! Sie begehrte ihn zu sehr!


„Geh!“, flüsterte sie. „Geh zu ihr! Sie ist deine Frau! Sie ist auch ...!“ Sie trocknete ihre Tränen. „Lass mich allein!“ Naija hatte sich entschieden - an seiner statt. Sie stieg aus. Als sein Wagen verschwand, am Ende der Straße, stöhnte sie: „Lass mich nicht allein - bitte! Gabriel! Ich liebe dich!“ Ob sie sterben würde an diesem Schmerz? Sie wusste es nicht - es war ihr aber auch egal! Sie dachte an ihn, und dann atmete sie tief durch. „Sie ist auch Liebe!“ flüsterte sie. - Das durfte sie niemals vergessen!


© Beatrice von Stein                                                                     Ihre Meinung?