Minou

Erasmus war 47 Jahre alt und eigentlich zu alt um sich neu in seinem Leben einzurichten. Fand er! Offensichtlich wurde er aber nicht gefragt. Er war Jurist, „freischaffend“. Genauer gesagt, war er einer der gefragtesten Strafverteidiger in ganz Frankreich - und das, obwohl er Deutscher war, was allerdings kaum bekannt war. Er hatte als junger Mann in Paris studiert und eine Französin geheiratet. Zusammen mit Mignon, seiner Frau, war er in das Languedoc gezogen. Ihr Heim lag direkt oberhalb der Garonne. Von seiner Terrasse konnte er die Biegung des Flusses überblicken, und an Herbst- und Wintertagen liebte er es, die Nebel aufsteigen zu sehen.

 

Seine Frau hatte dieses Haus gefunden, das heißt, es war eigentlich noch kein Haus - damals. Es war eine verfallene Stallung, die zu einem alten Adelssitz gehörte. Sie hatten es umgebaut und zu dem gemacht, was es heute war. An schönen Tagen konnten sie bis nach Toulouse sehen. Erasmus liebte dieses Haus. Es glich ihm und doch auch seiner Frau. Es verkörperte sie so sehr, dass er schon glaubte sie zu sehen, wenn er nur den Weg betrat, der von der Hauptstraße weg und zu seinem Haus hin führte.

 

Und nun war sie fort! Er war wütend und traurig. Was war er für ein Idiot. Er liebte seine Mignon! Warum zum Teufel, hatte er sich mit dieser Staatsanwältin eingelassen? Und wie um alles in der Welt, hatte Mignon davon erfahren? Erasmus war auf einem juristischen Fachkongress gewesen. In Brüssel - Europäisches Recht! Und da hatte er eine alte Studienfreundin wieder getroffen - aus dem ersten Semester in Deutschland! Damals hatte sie ihn nicht interessiert. Und heute interessierte sie ihn auch nicht! - Warum hatte er mit ihr geschlafen? Er hatte nicht die geringste Ahnung! Er hatte zu viel getrunken, und dann war es vielleicht auch die Tatsache, das er Deutsch mit ihr sprechen konnte. Er hatte an diesem Abend auf einmal Heimweh gehabt. Sonst hatte er nie Heimweh! Mignon begleitete ihn normalerweise immer. Dieses eine Mal nicht - und dieses eine Mal war es passiert!

 

Was war er für ein Idiot! Konnte man ihn nicht ein einziges Wochenende alleine lassen? Er hatte es gewusst: Sie würde ihn verlassen, wenn er ihre Liebe verriet! Sie hatte es ihm gesagt. Am Tag ihrer Hochzeit war so Seltsames geschehen, dass er es verdrängt hatte. Aber jetzt fiel es ihm wieder ein.

Erasmus saß auf seiner Terrasse und trank ein Glas Rotwein. Er hatte einen langen Tag hinter sich und als er nach Hause kam und sich seiner Einsamkeit bewusst wurde, verschlug es ihm den Appetit. Er holte sich nur eine Flasche Wein und ein Glas und setzte sich hinaus, ins Licht der untergehenden Sonne.

 

In seinen Gedanken tauchte sie auf. Mignon! Schön wie eine Königin, bekränzt von einem Haselzweig - und in einem weißen Kleid, das aussah wie aus dem Mittelalter. Es passte zu ihr, wie für sie gemacht. Und doch war es das Brautkleid ihrer Urgroßmutter gewesen. Sie hatte es ihm erzählt. Mignon hatte keine Verwandten, und so war es eine kleine Hochzeit geworden, denn seine Eltern hatte er nicht informiert. Sie heirateten in Frankreich und aus irgendeinem Grund glaubte er nicht, dass seine Eltern mit seiner Wahl einverstanden sein würden, aber er war so glücklich mit Mignon, wie man nur sein konnte. Und dann war etwas passiert, das er vergessen hatte. - Jetzt fiel es ihm ein. Warum erinnerte er sich jetzt daran?

 

Ein Mann war aufgetaucht, ein Fremder mit durchdringend blauen Augen und hatte Mignon zur Seite genommen. Er sprach sehr schnell auf sie ein. Erasmus hatte nicht ein Wort verstanden, obwohl sein Französisch ausgezeichnet war. Irgendwie klang es nach einem uralten Dialekt. Der Mann und Mignon stritten laut. Er trat hinzu, verlangte zu wissen was los sei. Mignon stellte ihn notgedrungen vor. Der Mann musterte ihn schweigend und sehr feindselig. „Das ist  Ansgar. Er ist mein ... - du würdest vielleicht „Pate“ sagen. Er ist der Meinung, ich sollte nicht heiraten - und schon gar keinen Fremden! Ich habe ihm gesagt, ich bin anderer Meinung.“

 

Erasmus sah Ansgar an und wusste auf einmal, dass er gegen diesen Mann keine Chance haben würde. Er war sehr groß, größer als er selber - und auch er war schon über 1.90 Meter. Erasmus versuchte zu schätzen, wie alt der „Pate“ von Mignon wohl sein mochte, aber er konnte ihn nicht einordnen. Er sah nur, dass er gut aussah, sehr maskulin. Ansgar hatte Ähnlichkeit mit einem Raubvogel und er war alt. Nein, er war nicht alt - er war zeitlos! Weise vielleicht! Unangenehm auf jeden Fall. Und dieser Mann sah ihn durchdringend an. Dann sagte er in akzentfreiem, kehlig klingendem Deutsch: „Wenn Sie Mignon verletzen, wird Sie kein Ort auf dieser Welt schützen können! Denn dann werde ich da sein!“ Erasmus überlief eine Gänsehaut. Er zwang sich zu einem etwas verunglückten Lachen und erwiderte: „Ich werde sie immer lieben!“ Ansgar drehte sich um und ließ ihn stehen.

 

Erasmus sah Mignon an und bemerkte, wie blass sie war. Er nahm sie in den Arm und küsste zart ihre Stirn. Als er sich umdrehte, war Ansgar verschwunden. Mignon war entschlossen ihn zu heiraten und so konnte sie diese Drohung nicht einfach im Raum stehen lassen. Sie zog ihn mit sich zu der großen Eiche, die ihre Terrasse überschattete und nahm seine Hand und ging um den dicken Stamm herum. Dann fasste sie seine andere Hand und hielt sie fest. Der Baum ragte zwischen ihnen auf. „Erasmus!  Ich werde zur Stelle sein, wann immer du mich brauchen wirst - sei dessen gewiss! Aber wenn du unsere Liebe verrätst, werde ich gehen - dessen bin ich gewiss!“

 

Er hatte das alles vergessen - vielleicht verdrängt. Jetzt erinnerte er sich. - Auf dem alten Baum über ihm, saß ein riesiger Vogel. Erasmus hatte keine Ahnung, was das für ein Vogel war, aber er sah aus wie ...  Ansgar! Er breitete seine Schwingen aus und machte Anstalten herabzustoßen. Da fauchte plötzlich eine Katze den Vogel an. Woher war sie gekommen? Erasmus hatte sie noch nie gesehen. Er mochte keine Katzen. Aber diese Katze war etwas Besonderes - sie erinnerte ihn an Mignon. Es waren ihre Augen! Sie sprang auf den Tisch und setzte sich aufrecht hin,  sah den Vogel an und ihre grünen Augen blitzten.

 

Erasmus hatte den Eindruck, als fände ein magisches Duell statt zwischen diesen beiden Geschöpfen. Normalerweise neigte er nicht zu solch abgehobener Sicht der Dinge. Er hielt sich lieber an die materielle Welt. Doch in den letzten siebzehn Jahren mit Mignon hatte er so manch seltsame Erfahrung gemacht. Er hatte längst aufgegeben für die eigenartigen Dinge, die in ihrer Gegenwart geschahen, eine Erklärung zu finden. Er nahm sie hin, so wie er ihre Liebe hinnahm und nun hatte er sie verloren! Wie unachtsam war er gewesen mit ihr, der Frau, die er über alles liebte! - Der Vogel breitete seine Schwingen und flog davon.

 

Die Katze saß da und sah ihn an. „Hallo Katze!“ sagte Erasmus. Er betrachtete sie genauer. Sie war kohlschwarz und hatte einen langen buschigen Schwanz. Das Verwirrendste an ihr aber war ihr Blick. Sie sah ihn an - aus menschlichen Augen - Mignons Augen - grün und von unergründlicher Trauer. „Möchtest du eine Schale Milch?“ fragte er und stand auf. Die Katze sprang vom Tisch und folgte ihm in die Küche. Normalerweise beruhte seine Abneigung gegen diese Tiere auf Gegenseitigkeit. Sie mochten ihn auch nicht. Aber in diesem Fall war es anders. Erasmus nahm eine Schale und goss Milch hinein. Er stellte sie hin und sah zu, wie die Katze die Milch genüsslich aufschleckte. „Du bist Minou!“, stellte er fest, und "Minou" drehte sich um und ging hinaus. Vor der Terrassentür legte sie sich nieder und rollte sich zusammen.

 

Von diesem Tag an kam sie täglich - über Wochen. Und sie war sein einziger Trost. Die Leere in seinem Herzen war so groß, dass er sich wunderte, dass es überhaupt noch schlug. Er hatte manchmal das Empfinden nur noch eine Hülle zu sein, funktionierend zwar, aber überflüssig. Zunächst arbeitete er noch weiter, aber mit der Zeit, vergaß er einfach aufzustehen. Er dachte nicht mehr nach, er aß nicht mehr, er vergaß zu leben! Nur wenn Minou kam, stand er auf und gab ihr eine Schüssel Milch. Wenn die Milch ausging, zog er sich an und ging zu seinem Nachbarn. Er lief vier Kilometer, nur um die Milch für Minou zu holen. Sie wurde ihm immer vertrauter. Manchmal sprang sie ihm auf den Schoß und ließ sich die Ohren kraulen.

 

Er saß da und trank Rotwein - sein Weinkeller war gut bestückt und der Bäcker brachte ihm jeden Morgen zwei Stangen Baguettes. Was brauchte er mehr? - Außer Mignon! Mignon war sein Leben und er hatte sein Leben verwirkt! Niemand kam zu ihm heraus. Das Haus stand weitab von der Straße und man kam hier nicht zufällig vorbei. Mignon hatte immer Menschen um sich gehabt. Sie zog sie an. Die Mühseligen und Beladenen und sie half ihnen allen. Erasmus hatte es immer als selbstverständlich hingenommen, eine Frau zu haben, die die „Gabe“ hatte. Jetzt begann er langsam zu ermessen, in welch unglaublichem Ausmaß sie sein Leben bereichert hatte.

 

In Gedanken tat er Abbitte. Er redete mit ihr, als ob sie noch bei ihm wäre, aber er hatte nur Minou als geduldige Zuhörerin. Immer wieder überlegte er sich, warum er sich so vergessen hatte. Diese andere Frau interessierte ihn nicht im Geringsten. Er fand sie nicht einmal attraktiv. Es gab keine Erklärung. Eigentlich war er kein sehr sexueller Mann. Nur mit Mignon war das anders gewesen. Sie hatte er nur ansehen müssen, und schon hatte er das dringende Bedürfnis, sie in die Arme nehmen zu wollen. Wenn er an diese Seite seiner Beziehung zu ihr dachte, glaubte er, die Einsamkeit nicht länger zu ertragen. Ihre Liebe hatte ihn immer getröstet - hatte ihn geheilt von allem Leid, das er täglich um sich sah. Und nun wurde sein Schmerz größer - von Tag zu Tag.

 

Seine Gedanken kreisten nur noch um sein Problem. Wieso hatte er sich einer anderen Frau geschenkt? Er gehörte doch nur Mignon. Und wenn er sich noch so sehr bemühte, er konnte sich nicht einmal erinnern, wie es gewesen war - mit der Staatsanwältin. “Ach Minou! - Was bin ich für ein tumber Thor!“ In seiner Einsamkeit, sprach er schon mit der Katze. „Ich weiß nicht einmal mehr, wofür ich meine Frau aufgegeben habe! Ich kann mich nicht erinnern! Es ist alles wie blockiert.“  Die Katze stand auf und sprang auf den Tisch, sah ihn an - mit grünen, leuchtenden Augen. „Ja, schau nur!“ flüsterte er resigniert. „Ich kann mich nicht erinnern. Ich sehe nur die dunkelblauen Augen von ....“ Er brach ab. „Wie hieß sie nur?“ –

 

Was war nur los mit ihm? Das war doch nicht normal, mit einer Frau zu schlafen und dann nicht einmal mehr zu wissen, wie es war! - Sich nicht einmal mehr an ihren Namen zu erinnern!  Erasmus saß da, wie in Trance und sah in die Augen seiner Katze. „Ansgar!“ wisperte er. Minou fauchte böse, sprang vom Tisch und lief davon.

 

Drei Tage kam Minou nicht nach Hause und Erasmus kam um vor Sorge. Er durchsuchte die Wälder und redete mit den Bauern der Umgebung. Auf einmal hatte er wieder Kontakt zu seiner Umwelt. Er überwand seine Lethargie, denn er hätte es nicht ertragen, sie auch noch zu verlieren. Am vierten Tag, als er erschöpft von seiner vergeblichen Suche zurückkam, saß Minou auf dem alten Tisch. Vor ihr lagen ein paar Federn von einem Raubvogel. Sie hatte eine Wunde an der rechten Hinterpfote. Erasmus reinigte sie vorsichtig und brachte ihr eine große Schüssel Milch. Er sah zu, wie sie zuerst die Milch schleckte und dann den Riss in ihrem Fell. Erst als Erasmus sah, dass Minou alles hatte, was sie brauchte und sich nur noch ausruhen musste, ging er selber auch ins Bett.

 

Im Halbschlaf spürte er, dass sie zu ihm auf sein Bett sprang und sich neben seinem Kopf zusammenrollte. Zum allerersten Mal war er wieder glücklich. Glücklich, dass er seine Minou wiederhatte. Er schlief ein, schlief tief und traumlos bis kurz nach Mitternacht. Dann schreckte er hoch von einem schrecklichen Kreischen über seinem Haus. Er fuhr aus dem Bett und rannte auf seine Terrasse. Der riesige Raubvogel kreiste um seinen Schornstein und dort oben saß Minou und fauchte böse. Erasmus sah ihre grünen Augen funkeln, als ob sie fluoreszierten. Er griff nach einen Stock und warf ihn nach dem Vogel. „Minou! Komm herunter! Minou, komm zu mir!“ lockte er seine Katze. „Komm, Liebling! Er kann nicht zu uns ins Haus kommen! Er kann dir diesmal nicht wehtun!“ Beruhigend redete er auf seine Minou ein. Sie drehte sich um und fauchte noch einmal wild und drohend. Dann sprang sie herab und landete in seinen Armen.

 

Liebevoll trug er sie ins Schlafzimmer und legte sie auf sein Bett. Gemeinsam kuschelten sie sich in das dicke Federbett. Erasmus war froh, dass er sie wieder hatte, und er schlief zufrieden ein. Diesmal jedoch träumte er. Seine Minou sprang zu ihm auf das Bett und setzte sich auf das Kopfkissen. Ihre grünen Augen glühten. Sie schmiegte sich an ihn und plötzlich hatte er das Gefühl Mignon an seinem Leib zu spüren. Erasmus drückte die Augen zu. Er wollte weiterträumen, wollte ihre Hände spüren, ihre Arme, die sie um seinen Nacken schlang. Sie umarmte ihn, hielt ihn und suchte seine Lippen. Krampfhaft presste er seine Augen zu. Nur nicht aufwachen! Sein Mund berührte ihren. Er träumte doch nicht! Ihre Lippen öffneten sich, ließen seine Zunge eindringen. Erasmus stöhnte auf. Egal, ob Traum oder Halluzination. Er wollte jeden Moment genießen. „Oh jaah!“ flüsterte er, und dann trafen sich ihre Zungenspitzen. Die Gefühle, die ihn überfluteten, hatte er schon fast vergessen. Er küsste sie, so zärtlich er es vermochte. Seine Lippen wanderten über ihren Hals, hinunter zu ihren Brüsten. Er hatte Angst hinzufassen - Angst davor aufzuwachen!

 

Aber sie drängte sich an ihn, schob ihm ihren bloßen Busen förmlich in die Hand. Er drückte zu - sanft! Ganz vorsichtig! Und dann hörte er sie stöhnen! Erasmus riss seine Augen auf und sah in die grün-schillernden Augen seiner Frau. „Mignon!“ flüsterte er tonlos. Er umschlang sie und presste sie an sich. „Liebling! - Verzeih’ mir!“ Dann überschüttete er sie mit kleinen, zärtlichen Küssen. Sie drängte sich an ihn, hielt ihn so fest sie es vermochte.

 

Ohne sich Rechenschaft abzulegen über sein Verhalten fuhren seine Hände über ihren nackten Körper und Mignon reagierte. Sie griff in sein Haar und zog ihn über sich. Sie spreizte ihre Schenkel und bot sich ihm dar. Erasmus keuchte vor Verlangen, und gleichzeitig hatte er Angst sie zu verletzen. Er ließ sich über sie sinken und küsste ihre Brüste, leckte zärtlich ihre steifen Brustwarzen, saugte an ihnen. Seine steife Männlichkeit drückte an ihren Schenkel und doch tat er nichts sie lieben! Erasmus hatte Angst, aber Mignons Hände streichelten ihn - umschmeichelten ihn. Seine Oberschenkel bebten, als er ihre Finger spürte.

„Jaah, oh jaa! Liebling, mein Liebling!“ Er keuchte sehnsüchtig. „Ich liebe dich! Ich habe dich so vermisst! Ich habe dich so schrecklich vermisst! - Sag, dass du mir verzeihst! - Ich kann nicht leben ohne dich!“ Atemlos sah er sie an, sah in ihre grünen Augen und erkannte, dass sie ihn immer noch liebte! Sie verzieh ihm!

 

Die Gewissheit ihrer Liebe drang in sein Hirn, und er vergaß alles andere. Nur noch die hinreißende Frau in seinen Armen war wichtig - nur noch sie war existent. Sie und ihre Lust! Es wurde ihm bewusst, dass sie ihn wollte, dass er zwischen ihren langen, glatten Beinen kniete. Sie sahen sich in die Augen. Langsam begannen sie zu lächeln. Mignon legte sich zurück und nahm Erasmus in ihre Arme. Sein Gesicht lag zwischen ihren Brüsten begraben, und es war wie in alten Zeiten. Die Lust, die sie genossen hatten, kehrte zurück.

 

Ganz vorsichtig drang er ein, in ihren Leib, schob seine pulsierende Männlichkeit in ihre heiße, feuchte Scheide. Mignon stöhnte und schloss hingebungsvoll die Augen. Sie hatten sich wiedergefunden. Sie begann sich unter ihm zu bewegen, zog sich zurück, so dass sein Glied fast ganz zum Vorschein kam, dann fasste sie seine Hüften und drückte ihn wieder hinein - tief in ihren sehnsüchtigen Leib. „Ja, Liebling Komm zu mir!“ stöhnte sie leise. „Nicht denken jetzt! - Schenk mir deine Liebe! - Du gehörst mir - nur mir!“ Beschwörend flüsterte sie auf ihn ein, während ihr Unterleib ihn völlig verrückt machte.

Erasmus stieß wie von Sinnen. Er wollte sie so sehr. Er wollte ihr beweisen, dass nur sie in seinem Träumen war. Sie war die einzige für ihn! Es gab keine andere!

 

„Meine Göttin!“ flüsterte er. Sie war die personifizierte Liebe. Sie war seine Freundin, Gefährtin und Mutter, Geliebte und Frau - alles in einem.

„Meine Hexe! - Meine geliebte, kleine Hexe!“ keuchend bewegte er sich rhythmisch über ihr.

Mignon öffnete die Augen und sah ihn an. Ihre Augen fluoreszierten. „Ja!“ wisperte sie. „Ja, mein Liebster! Ich bin dein! - Ich liebe dich! Und ich gehöre dir - so lange du mich willst - solange es dauert!“ Sie stieß gegen seine Härte - wurde immer schneller - immer gieriger, ihn ganz in sich aufzunehmen.

Denn auch Mignon hatte diese Gefühle nur mit ihm. Sie liebte ihn - sie begehrte ihn mehr als alles andere auf der Welt, und das würde auch Ansgar nicht ändern. Sie hörte das raue Kreischen über dem Haus und plötzlich lachte sie laut auf. Sich dem Geliebten zu schenken - mit Leib und Seele war ein machtvoller Zauber! Auch Ansgar kam dagegen nicht an. Er hatte es siebzehn Jahre lang versucht, und er hätte es beinahe geschafft. Aber jetzt hatte sie ihn durchschaut, und er würde sie niemals trennen. Dafür würde sie schon sorgen.

 

Erasmus stöhnte laut in ihren Armen, und seine ungebändigte Lust erfasste auch sie. Wild stießen sie zu, drängten sich ineinander, und als ihre Körper begannen zu zittern, wie Blätter am Haselstrauch, verschmolzen ihre Seelen.

 

Gemeinsam genossen sie die Lust ihrer Körper, gemeinsam wurden sie sich ihrer tiefen Liebe bewusst. Erschöpft lagen sie auf dem Bett, verschlungen in den Körper des Geliebten, erholten sich langsam. Erasmus streichelte den schönen Leib seiner Frau, die Schultern, den Rücken, ihren Po hinunter zu ihren zauberhaften Beinen. Seine Finger berührten eine Narbe an ihrem rechten Oberschenkel. Erstaunt setzte er sich auf, betrachtete sie verwirrt. Die Narbe erinnerte ihn ... woran? Er war ganz sicher, Mignon hatte niemals eine Narbe gehabt. Ihr Körper war makellos!

 

„Ich glaube, ich muss dir etwas erklären!“ Mignons Stimme klang leise und bedeutungsschwer.

Erasmus sah sie an. Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. Er war ein intelligenter Mann. Und heute - zum ersten Mal - brachte er alle Begebenheiten, alle verwirrenden Tatsachen in die richtige Reihenfolge. Wenn etwas nicht sein konnte, logisch nicht möglich war - dann blieb nur das Unmögliche übrig. Erasmus hatte immer die Augen verschlossen vor den Unerklärlichkeiten um seine Frau - hatte nicht sehen wollen. Jetzt würde er es sehen müssen. Sie war verletzt worden, weil er feige war! Tief in seinem Inneren hatte er es längst erkannt, und es änderte nichts an seinen Gefühlen für sie.

 

„Sag mir, Minou! - Sag mir - wie alt bist du eigentlich?“ Sie hatte es ihm niemals sagen wollen, und er hatte es immer für übertriebene weibliche Eitelkeit gehalten, denn sie sah keinen Tag älter als 25 Jahre aus - auch heute nicht, nach siebzehn Ehejahren. Jetzt sah er einen anderen Zusammenhang.

Mignons grüne  Augen blitzten, und sie begann zu lächeln. Er hatte alles verstanden! „Ich bin viel zu alt für dich!“ Und damit schmiegte sie sich in seine Arme und sie bemerkten, dass das laute Kreischen über ihrem Haus verstummt war. Sie waren in Sicherheit - Die Wahrheit war der beste Schutz und nun kannten sie sich wirklich im tiefsten Sinn des Wortes. Und nichts würde ihre Liebe zerstören können!

 

© Beatrice von Stein                                                                     Ihre Meinung?