Großmarkt

 

Emilia hatte ihn gesehen. Schon die letzten zehn Minuten war er ihr immer wieder über den Weg gelaufen, aber sie hatte angenommen, er habe einfach denselben Weg, brauchte einfach dieselben Dinge, wie sie auch. Möglich war das schon. Seine Blicke passten dann allerdings nicht dazu. Sie suchten nur immer wieder sie - nicht den Zucker oder die Milch.

 

Er lächelte - und sie lächelte zurück. Es war so früh am Morgen - gerade halb Sieben Uhr. Der Großmarkt war noch nicht lange auf - und sie war noch gar nicht richtig munter. Seine Blicke weckten sie auf, hoben ihre Laune. Er gefiel ihr: Groß, stattlich, graumeliert - mit kleinen Lachfältchen um die Augen.

 

Aber sie konnte hier nicht stehen bleiben. Sie musste weiter. Als sie zur Kühlabteilung kam, war er verschwunden. Pech! Sie ließ den Einkaufwagen stehen und ging hinein. Eine Gänsehaut überlief sie. Mann, oh Mann war es hier kalt. Und sie hatte gerade heute nicht so sehr viel an. Schließlich war es der Beginn eines heißen Sommers. -

 

An diesem Morgen hatte sie sich besonders gut gefallen. Sie trug einen engen, weißen Rock, lang - mit einen hohen Schlitz hinten in der Mitte. Dazu einen schwarzen, tief ausgeschnittenen Pullover. Ihre bloßen Füße steckten in schwarzen, hohen Pumps und ihr Gang war in diesen Schuhen besonders sexy. Sie fühlte sich so gut - heute. Vielleicht war es ihre Ausstrahlung gewesen, die seine Blicke gefangen hatte. Und jetzt war er weg.

 

Wie schade! Diese bedauernden Gedanken verschwanden jedoch blitzartig, als sie den Kühlraum betrat. Die eisige Kälte kroch an ihren nackten Beinen hoch - verwandelte sich spätestens als sie die Oberschenkel erreichte - in Erregung. Wow! War das ein Gefühl! Völlig irre! Emilia rieb ihre Schenkel aneinander, spürte die Wärme unter ihrer Haut - und - die Kühle der Eisluft. "Hhhmmmm!" Ganz kurz schloss sie ihre Augen - genoss dieses aufregende Feeling. Dann ging sie weiter.

 

Großer Gott! In dem Augenblick als sie ihre Beine spreizte um den nächsten Schritt zu tun, drang die Kälte ein. Tief! Tiefer! Wie die zärtlichen Finger eines Mannes. Erregend langsam schoben sie sich hinein. Emilia blieb stehen, zog ihr Bein heran, schloss die Schenkel. Wärme! - Derart sexuelle Begierden zu haben - im Kühlhaus des Großmarktes! - Absolut verboten! Emilia musste lachen - über sich selber. Es war so schön, diese aufregenden Empfindungen zu genießen.

 

Als sie aufschaute, traf sie sein Blick. Eisblaue Augen, die ihr mitten in die Seele schauten. Emilia hatte das Gefühl, als könne er ihre geheimen Begierden in ihren Augen sehen. Seine Lachfältchen vertieften sich, ein Schmunzeln überzog sein Gesicht. War dieser Blick Bewunderung? Oder vielleicht Spott? Dieses leise Lächeln streichelte sie. Es war Bewunderung! Vielleicht mehr! - Nein! Sicher - mehr!

 

Irgendwie erriet er ihre Sehnsüchte - das Begehren ihres sensiblen Körpers. Oder nicht? Vielleicht wusste er um dieses erotische Feeling - weil er es teilte? Dieser Gedanke trieb ihr die Schamröte ins Gesicht. - Und seine Augen blitzten. Wirklich! Zwischen ihnen knisterte die eisige Luft des Kühlraumes.

 

Seine Zungenspitze leckte langsam - ganz langsam über sinnliche Lippen. Was für ein schöner Mund! Emilia hätte zumindest ihre Augen senken sollen. Stattdessen stand sie da und sah ihn unverwandt an - starrte beinahe. Wie er wohl küsste? Wie zauberhaft warm würde sein Mund sein, seine Arme, die sie umfangen würden. Emilia stöhnte leise. - Und seine Lippen trafen sie, küssten sie - obwohl er nur die Eisluft... Ihr wurde heiß.

 

Abrupt drehte sie sich um und griff ins Regal und als sie ihn wieder ansah, hielt sie eine Schweinelende in der Hand - und er lachte sie an - herausfordernd. Als ihr zu Bewusstsein kam woran er dachte, musste sie selber lachen. Seine Blicke taten ihr so gut. Und so senkte sie den Blick - aber so blitzartig, dass es wirken musste - wie ein Zwinkern. Dann ging sie an ihm vorbei und ihre Hüften schwangen - und als die große Doppeltüre hinter ihr zufiel, hörte sie seinen leisen, aber bewundernden Pfiff.

 

Jetzt war sie wach - endgültig - und sie fühlte sich wunderbar. Das verdankte sie ihm - seinen streichelnden Blicken auf ihrer Haut, aber sie sah ihn nicht mehr. Fröhlich ging sie weiter und suchte ihre Einkäufe zusammen. Auch an der Kasse - er blieb verschwunden. Ein leises Bedauern erfüllte ihr Herz.

 

Emilia belud ihre riesengroße Tasche und stellte sie in den Kofferraum. Beinahe hatte sie ihn schon vergessen. Schließlich hatte sie so viel im Kopf, soviel zu tun, soviel vor. Doch plötzlich - fühlte sie ihn. Als sie sich umdrehte, stand er da - ganz nah vor ihr - und sah ihr bewundernd in die Augen. "Was für ein Duft!", flüsterte er und sog die Luft ein - dann war er vorbei.

 

Ein paar Autos weiter stieg er ein. Auch sie stieg ein - aber sie suchte seinen Blick. Als sie sein Zwinkern sah, schüttelte sie ihr Haar zurück und lachte, dann warf sie ihm eine Kusshand zu und fuhr nach Hause. Dieser Tag konnte eigentlich nur wunderbar werden.



© Beatrice von Stein                                                                     Ihre Meinung?