Erste Begegnung

 

Er stand einfach da und sah sie an.

Sie wartete auf eine Reaktion - die nicht kam.

Gefiel sie ihm?

Oder doch nicht?

Irgendwann musste sie aussteigen.

Langsam nahm sie ihre Brille ab und legte sie neben sich, öffnete die Türe.

Sie gab sich einen Ruck und stieg aus.

Er kam auf sie zu.

Noch immer fiel kein Wort.

Sie fassten einander bei den Händen und sahen sich in die Augen.

"Ich freue mich!",

sagte er leise und zog sie dicht zu sich heran.

"Ich freue mich so sehr!"

 

Als er sie umarmte, überlief sie eine Gänsehaut.

"Ich mich auch.",

murmelte sie, als sie sich in seine Arme schmiegte.

Sein Gesicht an ihrem.

Seine Lippen streiften ihre Wange, berührten sie zärtlich.

Dann - die andere Wange - ein sanfter Kuss.

Trocken und leicht, ein Abdruck seiner Lippen nur.

 

Was, wenn er sie jetzt küssen würde?

- Jetzt? -

Richtig küssen?

Würde sie ihn zurückweisen - können?

Wollen?

Würde sie ihn - küssen?

Ein innerliches Zittern erfasste sie,

beinahe ein Sehnen.

Beinahe!

Sein Mund berührte den ihren,

weich und behutsam,

so, als wisse er selbst um die Gefahren dieser Berührung.

 

Jetzt nicht die Augen schließen, nicht dem Gefühl nachgeben,

nicht zittern, nicht wollen, nicht sehnen, nicht küssen,

nicht du - mich!

Bloß nicht spüren!

Nicht diesen Duft einatmen!

Deinen Duft!

Nicht - nicht jetzt - nicht - die Lippen öffnen.

Nicht dich - jetzt spüren - nicht!

Wärme, Glätte, sanfte Zärtlichkeit, Feuchtigkeit.

- Nicht!

- Küsse -

atemberaubend - hinreißend - verführerisch.

Nicht!

Bitte nicht!

 

Er wusste um die Verlockung, schloss die Augen - und nahm sich zurück.

Behutsam entließ er sie aus seiner Umarmung,

kam sich verwaist vor - in diesem Moment.

Nur ihre Hand noch in seiner

- konnte sie nicht hergeben -

- nicht loslassen -

nicht jetzt!

Spürte sein eigenes Zittern.

Verlangen - Begehren - Sehnsucht.

Erwidert?

 

Wenn er sie behalten wollte,

musste er jetzt verzichten - musste sie jetzt schützen.

Sie schützen - vor ihm - vor der Versuchung - vor - sich selbst.

Er wollte sie behalten - für immer.

Und darum - nur darum - gab er sie frei.

 

 

© Beatrice von Stein

 

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