Doris

Lesbisch


Melanie dachte zurück an die Zeit, in der sie erwachsen wurde. Damals hatte sie Doris kennen gelernt. Doris war so etwas wie ihr rettender Engel gewesen - und sie wurde ihre beste Freundin.

 

Als sie ins Internat kam, hatte sie zuviel erwartet - viel zu viel. Es wurde nur Enttäuschung, Einsamkeit und Verlassenheit - aber - nicht mehr zu ändern. Irgendwann jedoch war da noch eine andere verlassene Kleine: Doris. Doris wohnte mit in ihrem Zimmer, neben vier anderen Mädchen. Ihre Betten standen nebeneinander und langsam kamen sie sich näher. Nein, Freundschaft war es in diesen Tagen noch nicht. Eher das vorsichtige Beschnuppern zweier junger Welpen. Zwölf war sie gewesen - damals! Irgendwie ergab es sich, dass sie öfter zusammen waren. Trotzdem! Sie waren auch in ihrer Beziehung zueinander immer auf der Hut.

 

Doris war ein hageres, hoch aufgeschossenes Mädchen mit einer dunkelbraunen, krausen Lockenmähne. Verhungert sah sie aus, verängstigt - knabenhaft. Ihre großen, braunen Augen blickten furchtsam und unsicher in die Welt. Ihr breiter, aufgeworfener Mund dagegen kündete von Sinnenfreude und Genussfähigkeit. Er schien erwachsen - und er passte nicht in dieses Gesicht.

 

Sie fühlten sich so einsam, alle beide. Besonders schlimm war es nachts und an den Wochenenden. Die anderen Mädchen fuhren nach Hause. Doris konnte das nicht, aber Melanie wusste nicht warum. Sie selber konnte nicht heim, weil ihre Eltern gerade in Scheidung lebten und ohnehin pausenlos stritten. Also waren sie zu dieser Zeit alleine.

 

Als Doris zum ersten Mal in ihr Bett kam, hatte es gewittert. Doris zitterte vor Angst. Melanie fürchtete sich nicht vor dem Donner. Im Gegenteil. Sie liebte das Wüten der Elemente. Also nahm sie Doris in ihren Arm und flüsterte beruhigend auf sie ein, tröstete sie in ihrer Verlorenheit. Und aneinander geschmiegt schliefen sie dann spät in der Nacht ein.

 

Dieses Erlebnis veränderte ihre Beziehung zueinander. Langsam fassten sie Vertrauen. Doris erzählte ihr in einer dieser Nächte, dass sie nicht mehr nach Hause wollte, weil ihr Vater sie geschlagen hatte. Er war ein sehr jähzorniger Mann. Außerdem war er gehbehindert - und jetzt hatte er sich ins Unrecht gesetzt. Er hatte sich eine Freundin zugelegt und das schlechte Gewissen fraß ihn auf. Irgendwie musste er sich Luft verschaffen. Und so tobte er, wann immer er den geringsten Grund dazu fand. Dann schlug er seine Tochter - mit seinem Stock.

 

Doris war entsetzt, gedemütigt und verletzt. Und ihre Mutter, eine devote, kleine, hilflose Frau, war nicht in der Lage ihr zu helfen. Sie bemühte sich nur so gut wie möglich, selber nicht ins Schussfeld zu geraten. Sie überließ ihm die Tochter - und er nutzte seine Macht weidlich aus. Nein, sie wollte nicht mehr nach Hause. Jetzt erst Recht nicht mehr, wo sie einen Menschen gefunden hatte, dem sie vertraute!

 

Melanie war empört über diesen widerlichen Menschen und beinahe noch mehr über diese Mutter, die ihr Kind nicht in Schutz nahm. Ihre Eltern stritten zwar und waren sich uneins, aber sie wusste sich dennoch geliebt. Zumindest eigentlich! Manchmal musste sie sich aber trotzdem eingestehen, dass man sie in ein Internat gesteckt hatte, aber sie dachte lieber nicht darüber nach. Nein, lieber nicht! - Doris erzählte sie nichts davon. Für sie wollte sie stark sein. Wenigstens ein Mensch sollte ihr Halt sein. Und nach und nach wurden sie Freundinnen.

 

In ihr Bett kam Doris nicht mehr. Jetzt waren sie immer zusammen. Sie tuschelten andauernd, wie Freundinnen eben tun. Doris beriet sie in punkto Aussehen. „Du solltest dein Haar offen tragen!", empfahl sie ihr eines Tages. „Deine blöden Zöpfe sehen so altmodisch aus." Das fand Melanie ja selber, aber ihr Haar war viel zu lang, um nicht ständig zu verheddern. Es war unpraktisch und man musste es ständig waschen und bürsten, sonst sah es scheußlich und ungepflegt aus. „Doch!", bestimmte Doris, als sie es ausprobierte. „Es ist viel besser. Es passt zu deinem Gesicht."

 

Melanie war groß und schon ziemlich weiblich. Ihr Busen brauchte schon beinahe einen Büstenhalter, aber sie wollte es ihrer Mutter nicht sagen und alleine einfach einen kaufen...? So dunkel Doris war, so hell war Melanie. Erst Recht nachdem sie ihr Haar nicht mehr zu dicken „Stricken" flocht. Im Sonnenschein schimmerte es golden, so dass es ihr den Namen „Loreley" einbrachte. Ihre Haut war blass, edel wie Chinaporzellan und ihre Augen so blau wie Himmelslicht. Sie sah aus, wie eine junge Frau, aber in ihrer Seele war sie ein Kind.

 

Doris und Melanie schenkten sich gegenseitig, was sie so schmerzlich vermissten: Liebe und Geborgenheit - ohne Hintergedanken, ohne Körperlichkeit. Diese Idee wäre ihnen nicht einmal gekommen. Das heißt: Einmal streifte Melanie doch dieser Gedanke.

 

Sie waren vielleicht 14 Jahre alt gewesen und Doris kam kurz vor Mitternacht zu ihr in ihr Bett. Sie konnte nicht schlafen und so erzählte sie ihrer Freundin, was sie auf dem Herzen hatte. Melanie konnte sich nicht mehr erinnern, was es war. Woran sie sich allerdings erinnerte war, dass sich eine kühle weiche Mädchenhand unter ihr Nachthemd schob und sanft ihre Brust berührte. Behutsam legte sie sich über ihre Brustwarzen und rührte sich dann nicht mehr.

 

Melanie lag wie angenagelt - stocksteif. Gefühle kochten in ihr. Die Liebe zu ihrer Freundin, aber auch Widerwillen. Ein nagendes Schuldgefühl, dass das vielleicht nicht sein sollte. Am liebsten hätte sie die Hand abgeschüttelt. Doris war weiter in ihrer Entwicklung als sie. Sie interessierte sich längst für Jungs. Und nun? War das ein Annäherungsversuch? Oder war es einfach bloß Nähe? Melanie war ratlos und verwirrt. Als sie sie in dieser Nacht verließ, war Melanie erleichtert. Und lange Zeit stellte sie sich schlafend, wenn Doris in ihr Bett kriechen wollte.

 

Aber das Problem löste sich von ganz alleine. Eines Tages hatten sie dann „echte" Freunde und waren wieder ganz „normale" Freundinnen. - Ja, Doris war ihre beste Freundin und sie hatten eine lange Zeit ihres Lebens gemeinsam verbracht und nun sollte sie sie verlieren! Sie hatten gelernt, gefeiert und gelacht miteinander. Hatten die Mittlere Reife und das Abitur miteinander durchgestanden. Eine hatte der anderen geholfen, wann immer es nötig war. Ja, sie hatten sich sogar einmal einen Mann schwesterlich miteinander geteilt. Sie zogen zusammen, hatten an derselben Uni studiert - allerdings unterschiedliche Fächer. Doris hatte Archäologie gewählt und Melanie Medizin und nun waren sie beinahe fertig. Am Beginn einer hoffentlich großen Karriere.

 

Melanie wurde ganz weh ums Herz, wenn sie daran dachte. Sie wünschte ihrer Freundin wirklich nur das Beste, aber musste das denn in Ägypten sein? Doris hatte eine Stelle an einem großen Kairoer Museum angenommen und sie selber, war an das örtliche Krankenhaus gefesselt. Es wurde ihr schlecht, wenn sie daran dachte, dass der Tag des Abschiedes immer näher rückte.

 

Seit einer Woche feierten sie ihn nun schon, diesen Abschied - von der Uni, von den Kommilitonen, von den Professoren, von der Familie und... Der letzte Abend war ihnen vorbehalten. Sie blieben zuhause. Melanie kochte und sie schwatzten, tranken Rotwein und hörten Musik.

 

Melanie betrachtete Doris. Wie schön sie geworden war. Sie war immer noch beinahe knabenhaft. Schlank, aber ihre schmale Taille fiel nicht eigentlich auf, da ihre Hüften auch nicht viel breiter waren. Sie sah aus, wie der kräftige, biegsame Trieb einer jungen Weide. Ihre Lockenmähne und ihr dunkler Teint gaben ihr etwas Geheimnisvolles. Ihre Augen konnten glühen wie Kohlen und erst dieser rot schimmernde Mund. Jetzt passte er zu ihr! Sinnlich und genussfreudig. Melanie seufzte: „Die Ägypter werden Kopf stehen, wenn sie dich sehen!"

 

Doris lachte. „Ha! Von wegen! Sie werden erst Kopf stehen, wenn meine Freundin aufkreuzt. Das Goldengelchen mit den Leuchte-Augen!" Sie kicherten. Ja, sie würden Ägypten aufmischen - gemeinsam. Denn Melanie hatte ihr versprochen ihre Urlaube nur bei ihr zu verbringen. Und Doris war schon ganz heiß auf die ägyptischen Männer. „Bis ich komme, wirst du einen Harem haben. Lass’ mir bloß auch noch was übrig!", flachste Melanie. „Und bitte nicht nur die Krätze!" Doris kugelte sich vor Lachen. „Also gut! Ich werde mir Mühe geben!"

 

Die Zeit verging viel zu schnell! Ehe sie sich versahen war Mitternacht vorbei. „Wenn wir jetzt nicht schlafen, werde ich morgen früh tot sein!", weissagte Doris. „Okay!", gab Melanie zu. „Lass uns schlafen!" Sie trug ohnehin nur noch ein dunkelblaues T-Shirt und einen Slip. „Ich bin zu müde zum Ausziehen", befand sie und öffnete die Schlafzimmertüre.

 

Rechts stand ihr Bett, links das von Doris. Sie schlüpfte so wie sie war in ihr Bett. „Mach das Licht aus!" Doris blies die Kerzen aus und kam ins Schlafzimmer. Der helle Schein des Mondes fiel durchs offene Fenster auf ihren schlanken Körper. Sie stand mitten im Raum und streifte das enge Stretch-Kleid über den Kopf. Melanie lächelte. Die Ägypter würden ausflippen! Ihre Freundin - im roten Spitzenhöschen! - „Darf ich zu dir?", fragte sie leise. Melanie rutschte und Doris kuschelte sich zu ihr unter die Decke. Ihr Kopf lag auf ihrem Arm. „Weißt du, Melanie, ich liebe dich!", flüsterte Doris mit glänzenden Augen und küsste ihre Wange. „Ich dich auch!", antwortete Melanie und dann schliefen sie gemeinsam ein.

 

Sie hatten beschlossen sich am Bahnhof zu verabschieden und so standen sie nun da im hellen Licht der Morgensonne und hatten Tränen in den Augen. Das Gepäck war bereits verstaut und Doris hatte nur noch den Rucksack in der Hand. Sie trug eine enge, schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Die überschnittenen Ärmel ließen die durchtrainierten Muskeln erkennen. Sportlich sah sie aus. Die von der Dusche noch feuchten Locken ringelten sich in ihr Gesicht. Das war etwas, das sie hasste. Mit der Spitze ihres Zeigefingers schob Melanie ihr das Haar hinter die Ohren. „Du wirst mir fehlen!", murmelte sie.

 

„Du mir auch!", raunte Doris und schlang den Arm um sie und zog sie an sich. „Mach’s gut!" Sie drückte ihr die Lippen auf ihre Wange. „Du auch!", schluckte Melanie und zog sie noch näher. Doris sah sie an - mit großen erstaunten Augen, dann ließ sie ihren Rucksack fallen und nahm Melanie in die Arme. Ganz behutsam legte sie ihre Lippen auf den blassen Mund ihrer Freundin. Weich und warm fühlte er sich an. Zärtlich. Vorsichtig begann sie sie zu küssen - und Melanie erwiderte ihren Kuss.

 

Sanft öffneten sich ihre Lippen und sie kostete die Süße der Freundin. Ihre Zungenspitzen berührten sich und spielten ein verführerisches Spiel. Doris stöhnte leise, als sie in Melanies Mund eindrang. Sie war ganz weich und wehrlos in ihren Armen - so verlockend. So hingebungsvoll. Ihr voller Busen drückte sich an sie und Doris spürte feste, kleine Knospen. Wie gerne hätte sie ihr jetzt gezeigt.... -

 

Die Zugsirene schrie und riss sie abrupt in die Wirklichkeit zurück. Doris machte sich los, schnappte sich den Rucksack und sprang auf den langsam anfahrenden Zug. Sie drängte sich an das nächste Fenster und sah hinaus. Draußen stand Melanie, ihre Freundin, ihr Goldengelchen - und sie würden sich sehr lange nicht mehr sehen. Sie konnte die Tränen fühlen - und noch viel mehr. Lautlos flüsterte sie: „Ich bin ganz feucht!" Und am lächelnden Gesicht ihrer Freundin erkannte sie, dass sie es verstanden hatte.



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Kairo im Mai