Beinahe eine Frau

Ich liebe ihn doch so! Warum sieht er es denn nicht? Es gibt keine andere Frau, die ihn jemals so lieben kann wie ich!

 

Alles würde ich für ihn tun, wirklich alles! Ich opfere mich auf für ihn. Nur er ist wichtig, nur seine Bedürfnisse zählen für mich. Ich leide, denn er will mich nicht. –

 

Nein, er liebt mich schon ... nur auf seine Weise!

 

Ich weiß zwar nicht, was für eine Weise das sein soll, denn er verletzt mich doch immer wieder, aber wenn ich es tapfer ertrage, dann wird er eines Tages merken, dass es keine gibt, die ihn so lieben kann wie ich.

 

Ja, es schmerzt, wenn er meine Freundin anbaggert. Wenn sie ihn lässt, dann vögelt er mit ihr, aber sie lässt ihn ja nicht. Zu mir sagte er: „Kein Vergleich mit dir! Du bist doch meine Königin. Im Vergleich zu dir, ist sie doch nur eine Schlampe - eine Hure.“

 

Ha, er erkennt den Unterschied! 

Aber ... was für ein Unterschied ist eigentlich zwischen uns? Sie ist meine beste Freundin - und sie widersteht ihm, weil sie mich liebt. Sie ist keine Hure! Nicht für ihn! Aber vielleicht bedeute ich ihm ja doch etwas.

 

Er liebt mich doch - auf seine Art!

 

Er wird es merken - eines Tages. Alles tue ich für ihn - alles! Na gut - nicht ganz! Neulich, als wir bei seinem Freund eingeladen waren und der uns mitnahm in das Haus seines Vaters ... Ein schönes Haus - nur - der Vater war nicht da. Aber sein Freund ging mit der Kleinen, die er im Schlepptau hatte, in sein Schlafzimmer. Ich kannte sie nicht. Wir zwei wanderten dann alleine durch das Haus - es war so schön, dieses Haus - und wir fanden auch noch ein Schlafzimmer.

 

Es war schon erregend mit ihm auf dem Bett zu liegen, aber ... Er hat mich geküsst. Seine Hände haben meine Brüste berührt, und ich war so aufgeregt. Noch nie habe ich ... dabei bin ich schon 18, beinahe 19!

 

Nein, genießen konnte ich es nicht. Es war so ... öffentlich. Wenn nun der Vater gekommen wäre? Ich hatte Angst - vor allem. Aber er wollte es doch. Ich hätte es auch getan - beinahe. Wenn ich nicht solche Angst gehabt hätte. Ich hab mich geschämt. In einem fremden Haus. In einem fremden Bett. So auf die Schnelle. Ich hatte gedacht es wäre irgendwie anders! - Wie? Keine Ahnung! - Aber nicht so - kalt. So unromantisch! So lieblos!

 

Aber er liebt mich doch - auf seine Weise!

 

Ich hab ihn immer wieder auf Distanz gehalten. Trotzdem! Seine Küsse waren schon aufregend. Aber seine Begründung, dass es doch die anderen auch tun! - Pffffffff! - Was gehen mich die anderen an? Ich kenne sie doch gar nicht.

Ja, wenn er gesagt hätte, dass er mich liebt ... dann hätte ich vielleicht ... dann wäre ich vielleicht ... Ich weiß es nicht. Seine Hände auf meinem Busen waren toll! So richtig genießen konnte ich es zwar nicht, aber ich wollte ihn ja glücklich machen. Warum hab ich es nicht getan?

 

Wo er mich doch liebt - auf seine Art!

 

Als wir dann nach Hause fuhren, hab ich versucht es ihm zu erklären. Wie verloren ich mich gefühlt habe und wie alleine - in seinen Armen, aber er hat nicht zugehört. Ich glaube, es hat ihn nicht interessiert, doch dann hat er etwas Erstaunliches gesagt! Er hat gesagt, dass er froh sei, dass ich ihn nicht „gelassen“ hätte! Es sei ein Beweis für meinen Charakter. Ich sei eben doch etwas Besseres als meine Freundin, diese kleine Schlampe. Die, auf die er so scharf ist! Es war überraschend - aber irgendwie war ich stolz auf mich. Vielleicht ist mein Gefühl ja nicht so ganz verkehrt, aber ich liebe ihn doch. - Was stimmt denn da bloß nicht? Irgendetwas stimmt nicht! Ich fühle es.

 

Nachts lag ich in meinem Bett, und da war ich dann erregt. Wieso nicht vorher? Ich träumte ihn zu mir - in mein Bett - zuhause, da, wo ich geborgen bin. Er lag auf meinem Bett und ich kam zu ihm - über ihn - hab ihn ganz zärtlich geküsst. Ich hatte meinen schönen, dunkelblauen Kimono an und seine Hände glitten in die weiten, offenen Ärmel. Sie suchten mich - und sie fanden mich. Behutsam spielten sie mit meinen Brüsten. Massierten sanft, kneteten meine festen Spitzen. Und seine Zunge drang in mich ein. Was für ein Kuss! In meinen Träumen küsst er viel besser. Mir wird so richtig heiß dabei - und dann will ich  - mehr ...

 

Am nächsten Tag haben wir uns wiedergesehen. Auf der Party meiner Freundin. Ob er sie wieder angräbt? Er weiß doch, dass sie es mir erzählt. Sie hat es ihm gesagt. Warum tut er es dann? Idiot.

Schließlich hat er einen Spaziergang mit mir gemacht und nahm er mich mit in sein Auto. Knutschen ist schön! Und er kann es ja auch so gut. Schließlich ist er zehn Jahre älter als ich. Diesmal war ihm Knutschen nicht genug. Er hat "ihn" herausgeholt - seinen ...

Gott, wenn uns jemand sieht? Und ich hab mich nicht mal getraut hinzusehen.

 

Aber er nahm einfach meine Hand - und legte sie um seinen ... Ich hab doch noch nie ... Was soll ich jetzt bloß tun? Ich würde es ja tun, wenn ich bloß wüsste ... Aber hier? Auf dem Parkplatz? - Ich drücke ein wenig. Schließlich will ich wissen, wie sich das anfühlt. Irgendwie eigenartig. Ich reibe noch ein bisschen - und auf einmal stöhnt er laut - und ich habe klebrige Finger. Mensch, das ganze Zeug ist auf meinem dunkelroten Rock! - Igitt! Ein weißer See. Das sieht jeder! Was soll ich denn jetzt bloß tun? Gott sei Dank gibt er mir ein Tempo.

 

Als wir wieder drin sind - auf der Party - fragt sie mich natürlich gleich. „Na, was ist das wohl?“ Geistesgegenwärtig sage ich: „Weißwein!“ Und was tut er? Grinsend sagt er: „Ja, weiß war es schon!“ Und dann lachen sie. Es ist mir so peinlich. Meine Freundin kann das besser. Sie hat ja auch schon mal. Vielleicht ist er deshalb so scharf auf sie?

 

Aber er liebt mich doch - oder?

 

Dann, an Ostern, bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Wir waren verabredet und ich stehe mir die Beine in den Bauch. Wo bleibt er bloß? Eine Stunde ist schon eine Frechheit. Aber zwei - und drei? Nein! Das kann einfach nicht sein. Ihm ist bestimmt etwas passiert! Wenn ich jetzt anrufe, ist seine Mutter dran. Ich hab schon - zweimal! Sie behandelt mich immer wie eine von der Straße. Aber wenn ihm wirklich etwas ... Noch ein bisschen warte ich. Nach vier Stunden ist es sicher. Er ist tot. Meine Tränen fließen. Ich muss es wissen. Die Angst um ihn schüttelt mich. Also Mutter oder nicht, ich rufe da jetzt an. Meine Beine geben beinahe nach, als es läutet.

 

Er ist dran! Ich falle um! Sofort! Auf der Stelle! - Ich kann kaum sprechen. „Wieso ...? Warum ...? Wo ...? Du bist nicht ...? Ich warte doch ...!“ -

„Ach, Kleine! Ich kann doch meine Mutter an Ostern nicht alleine lassen!“ -

Ich bekomme keine Luft mehr. „Wieso hast du dann ...?“ Wieso hat er sich mit mir verabredet? Wieso hat er mich so lange warten lassen? Wieso hat er nicht mal angerufen? Wieso? - Mir laufen dicke Tränen über die Wangen. Ich kann nicht fragen. Ich kann ihn nicht zur Rede stellen, denn ich schluchze nur noch. Ich hatte solche Angst um ihn. Das soll er nicht ... Ich hänge ein. Verzweifelt und vor Tränen blind gehe ich nach Hause.

 

Er liebt mich doch - hat er gesagt.

 

Gut, dieses Mal glaube ich ihm noch. Sie hat ihn nicht weggelassen. Es tut ihm ja auch so Leid. Aber vielleicht hätte er ja doch... Also, ich hätte ihn benachrichtigt. Was ist das für eine Mutter? So eine Hexe! Langsam allerdings beschleicht mich der Verdacht, dass sie vielleicht keine Hexe ist. Vielleicht weiß sie ja einfach nichts? Vielleicht ist ja ein anderer der Gauner?

 

Aber er liebt mich doch - er sagt es doch.

 

„Willst du mit mir wegfahren - nach St. Moritz - übers Wochenende?“

Am Telefon sagt er mir so was! „Ich lade dich ein!“ Mir bleibt fast die Luft weg. Darüber muss ich erst nachdenken. Mit ihm ein Wochenende! - Mein Herz jubelt. Aber mein Verstand? Morgen - ja morgen, werde ich ihm die Antwort geben. Das kostet mich eine Nacht. Keine Sekunde kann ich schlafen. Wenn ich mit ihm gehe, dann ... Ja! Wenn ich ein Wochenende mit ihm in einem Hotelzimmer bin, dann wird es passieren. Will ich das?

 

Ja! Eigentlich schon, denn ich liebe ihn ja, und er liebt mich doch auch. Sonst würde er mich doch nicht einladen. Oder? Es wäre bestimmt toll, oder nicht? Ach Gott! Soll ich - oder nicht? Also wenn ich „ja“ sage, dann sage ich praktisch: „Ich gehe mit dir ins Bett!“ - Ich würde ja ...

 

Und dann steht er vor mir und lacht mich an. „Fährst du mit?“

Ich schlucke. Er liebt mich doch - und ich ihn! Also! - Ich nicke und krächze: „Ja, ich fahre mit dir!“

Wieder lacht er. Er freut sich. Freut er sich? -

„Ich fahre nicht!“ -

Hab ich mich jetzt verhört? Mit großen Augen schaue ich ihn an. Ich verstehe es nicht.

„Ich hab keine Zeit, aber ich wollte wissen, ob du mitfahren würdest!“

 

Auf einmal fühle ich mich nackt. Entblößt! Ich schäme mich. Ich liebe ihn und er ... Weiß er, was er mir antut? Bevor meine Tränen fließen, drehe ich mich um und gehe. Meine Schultern zucken, aber ich gehe mit geradem Rücken!

 

Er kann mich nicht lieben! Es ist unmöglich.

 

Ich wollte es nur glauben, denn ich liebe ihn. So wie keine andere es könnte! Wird er es nicht bald merken? Irgendwann? Zuhause werfe ich mich auf mein Bett und weine, schluchze hemmungslos. Ach Gott, ich liebe ihn so! Warum nur? Warum tut er mir das an? Wird er es irgendwann erkennen? Seinen Fehler? Wird er es dann bereuen?

 

Er hat doch gesagt, er liebt mich! War das nur eine Lüge?

 

Ja, aber das Wissen tut so weh! Ich will es nicht wissen. Ich will es wegschieben, aber es geht nicht. Er macht es mir unmöglich. Es gibt Dinge, die darf man nicht mit sich machen lassen. Ich weiß es. Aber, aber, aber ... Tränen, nichts als Tränen! Verzweiflung!

 

Er liebt mich doch!

 

Er ruft mich nicht mehr an. Ich ihn auch nicht. Mir bricht das Herz, aber es ist besser so. Denn "Schluss-Machen" könnte ich nicht. Ich liebe ihn doch. Oder glaube ich das nur, weil ich nicht zugeben will, dass er mich nur benutzt?

 

Als ich zuhause bin, kann ich nur noch weinen. Hier bin ich bei Menschen, die mich lieben, die mich trösten. Hier darf ich Gefühle haben - und zeigen. Als das Telefon schellt, breche ich in Tränen aus. Mein Bruder geht hin. Er ist es! Er will mich sprechen. Denkt er eigentlich, ich bin für alles zu haben? Ich schüttle den Kopf. Ach Bruder, wenn ich dich nicht hätte?

„Wenn Sie nicht aufhören meine Schwester zu belästigen," sagt er lächelnd, „dann werde ich Ihnen das Kreuz brechen! - Klar?“ Damit hängt er auf und ich weiß - es ist zu Ende. Jetzt bin ich erwachsen.

 

Erwachsen sein ist Scheiße.

 

©BvS                                                                                                        Ihre Meinung?