Abschied

Als sie sein Zimmer betrat, wusste sie es.

Er würde dieses Zimmer nie mehr verlassen - und doch!

Wieso war sie so glücklich?

Leise trat sie näher.

Seine Augen waren so unglaublich blau.

Jedes mal war sie wieder berührt, wenn sie diese Augen sah.

 

„Wie nennst du mich - in deinen Gedanken?“

Seine Stimme war mehr ein heiseres Flüstern.

Sie lächelte.

Jetzt - endlich schien auch er es zu wissen.

„Ich habe in meinem Kopf einen anderen Namen!

- Und doch bist du es! -

Wie kann das sein?“

 

„Du weißt es doch!“ antwortete sie.

Sie war überzeugt davon, dass er es wusste.

„Es ist ein französischer Name - nicht?“

Sie nickte.

„Du weißt, dass ich sterben werde!?“

Es war mehr Feststellung, als Frage.

Wieder nickte sie.

Er war am Ende seines Lebens angekommen.

„Es war für dich die einzige Möglichkeit, mich kommen zu lassen - nicht wahr?“

Das Lächeln in ihren Augen verschwand nicht.

Sie kannte ihn doch so gut.

 

„Kannst du es sagen?“ bat er leise.

„Einmal nur!“

Sanft legte sie ihre Hand auf seinen Mund, hinderte ihn am weiter sprechen.

Zärtlich strichen ihre Finger über seine Haut.

Seine Augen weiteten sich.

Er spitzte seine Lippen, küsste ihre Fingerspitzen.

Eine Träne stand in ihrem Augenwinkel. 

Sie küsste ihre Finger und legte sie zurück auf seine Lippen.

„Ich liebe dich!“ flüsterte sie.

Ihre Tränen begannen zu fließen.

Sie beugte sich über ihn, ließ sie auf sein Gesicht fallen wie Regentropfen.

Mit den Fingern strich sie ihre Tränen in seine Haut.

Lautlos wiederholte sie:

„Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!“

 

„Warum konnten wir das nicht längst tun?“ fragte er.

„Weil wir beide verheiratet sind!“ antwortete sie.

„Und doch muss ich dich haben - jetzt, da ich sterbe! Warum?“

Er schüttelte seinen Kopf - ratlos.

„Warum?“

Sie hielt seine kalte Hand, drückte sie sanft zwischen ihren warmen Fingern.

„Weil ich deine Frau bin!“

Jetzt quollen Tränen aus seinen Augen.

„Ja!“ flüsterte er. „Ja!“

 

Sie versuchte ihren Schmerz zu unterdrücken - für ihn.

„Sag es mir!“ flehte sie unter Tränen.

„Bitte!

Einmal muss ich es hören - um es glauben zu können.

Einmal - bevor ich gehe!“

 

Er griff nach ihren Händen und zog sie zu sich - auf sich.

Sie fiel beinahe über ihn.

Diese Kraft hätte sie ihm gar nicht mehr zugetraut.

„Bitte - komm zu mir - auf mich - über mich - so wie - damals!“

 

Behutsam schmiegte sie sich an ihn, darauf bedacht ihm nicht weh zu tun.

Sie spürte seinen Arm, der sie umschlang, seine Hand, die ihre Haut berührte.

Sie drehte ihr Gesicht zu ihm und sah ihn an,

blickte in diese Augen, die sie schon immer gefangen hatten.

 

„Jaah!“ stöhnte er leise.

„Jaah! Ohh jaahh!

- Ich liebe dich! -

Immer noch - immer wieder aufs Neue - bis zum Ende der  Welt!“

Seine Lippen streiften ihre Haut, hinterließen Brandmale auf Stirn und Wangen.

Und dann fand er ihren Mund.

 

Stöhnend verschmolzen sie miteinander.

Sie konnte nur noch fühlen.

Er war bei ihr - endlich!

Endlich durfte sie ihn wieder halten, berühren, küssen, lieben -

und sei es nur ein einziges Mal in ihrem Leben.

„Versprich es!“ murmelte er, vergraben in ihrem Haar.

„Bitte! - Schwöre!“ atemlos flehte er.

Und das war es auch, was sie wollte.

Ja! Sie wollte sich binden - an ihn - ein weiteres Mal.

Noch ein Leben für ihn.

Für ihn und sie.

Noch eine Chance.

 

„Ich schwöre!“ keuchte sie atemlos.

„Ich will dich! Für heute und in Ewigkeit!

Auch wenn es nur einmal ist - ein einziges Mal.

Mein Herz kann nicht leben - ohne dich!“

 

„Du bist mein! - Noch immer! - Meine einzige Liebe!“

Er lächelte glücklich.

„Ich danke dir, mein Weib!“

Langsam stand sie auf. Sie musste jetzt gehen.

Seine Frau hatte das Recht bei ihm zu sein - und so würde sie ihn verlassen.

Aber in ihrem Herzen würde sie seine Liebe tragen.

Und das war alles, was zählte.

 

© BvS

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