Das Bernsteinherz





Bernadette war schon fast vorüber, als es in ihr Bewusstsein drang. Abrupt blieb sie stehen. Im hintersten Eck des Schaufensters lag es! Ein golden glänzendes, dickes, rundes Bernsteinherz und strahlte sie an. Eigentlich hatte sie den Eindruck, als würde ihr ein Sonnenstrahl direkt in die Augen scheinen. Fasziniert betrachtete sie dieses zauberhafte Stück. Es war alt, das war nicht zu übersehen. Die goldene Fassung war sehr filigran und - ihrer Meinung nach - Jugendstil. Sie musste jetzt dahinein gehen und sich dieses Herz anschauen. Sie wollte es berühren! Es erschien ihr auf einmal sehr wichtig, es in die Hand zu nehmen.

 

Eine melodische Glocke begrüßte sie freundlich in dem dunklen Verkaufsraum und ganz weit hinten im Laden, saß - in einem tiefen Fauteuil - ein alter Mann. „Nehmen Sie doch Platz, meine Liebe!" Er bot ihr den zweiten Sessel an und stellte eine wunderschöne, rotgoldene Glastasse auf den kleinen, runden Tisch. „Sie trinken doch sicher eine Tasse Tee mit mir?!" Eigentlich war das eher eine Feststellung, als eine Frage. Und Bernadette setzte sich gehorsam, aber auch erfreut zu ihm. „Ich freue mich, dass Sie mich endlich gefunden haben. Ich warte schon sehr lange auf Sie!" Die tiefe, raue Stimme des Alten verwirrte sie. Aber ebenso verwirrte sie der Inhalt dessen, was er sagte. Wieso wartete er auf sie? - „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Hannibal zu Angersberg! - Und Sie, meine Liebe? Wie ist Ihr Name?" Seine großen, dunklen Augen fixierten sie. Wieso musterte er sie so liebevoll? Anders konnte sie es beim besten Willen nicht nennen.

 

Er stand auf und trat zu seinem Schaufenster, griff hinein und dann legte er das zauberhafte Bernsteinherz in ihre Hand. „Das ist es doch, weshalb Sie gekommen sind?!" Auch das war eher Gewissheit, als eine wirkliche Frage. Sie sah zu ihm auf, versank beinahe in den Tiefen seiner Augen. Irgendwo, dort drinnen, trafen sie sich. „Mein Name ist Bernadette Dieberitz - und ich freue mich Sie kennenzulernen!" Sie lächelte, als ihr bewusst wurde, dass sie ihn nicht kennenlernte. Sie kannte ihn längst. Sie wusste nur nicht woher. Also fragte sie ihn. „Wir beide kennen uns - oder?" Sie zögerte. „Irgendwie kommen Sie mir so bekannt vor - so vertraut! - Kann das sein?" Er lächelte herzlich. Ihr Verstand sagte ihr, dass es unmöglich war - aber ihr Herz stimmte zu. Sie fühlte sich so unglaublich geborgen - hier, in diesem dunklen Kramladen, der überfüllt war mit Schätzen aus allen Zeiten, die irgendwann einmal, der wertvollste Besitz eines Menschen gewesen waren.

 

Und sie hielt ihren wertvollsten Besitz gerade in Händen. Auf einmal war sie ganz sicher. Dieses Herz gehörte ihr - hatte ihr immer gehört. Ihre Finger glitten zärtlich darüber hin. Hannibal zu Angersberg schenkte ihr Tee ein. Ungefragt bediente er sie. Drei Stück Zucker und viel Sahne - und dann noch ein halber Löffel Erdbeermarmelade. Woher wusste er das? Der Tee war stark und süß. Genauso liebte sie ihn. Aber kein Mensch, außer ihren engsten Familienmitgliedern, wusste davon. Sie kannte Niemanden, der so seinen Tee nahm - nicht hier. - Dieser Nachmittag entwickelte sich zu einem einzigen Rätsel - und doch fühlte sie sich so wohl - keineswegs unsicher oder gar bedroht. „Woher wissen Sie das ...?" Wieder lächelte er sie an - so vertraut, so liebevoll. „Manche Dinge ändern sich niemals!" Allerdings war das nun auch wieder eine Aussage, die nichts erklärte. Sie vergrößerte nur die Verwirrung.

 

„Trinken sie, meine Liebe. Ich bin so glücklich, dass Sie hier sind. So lange habe ich darauf gewartet, Sie zu sehen - und ich hatte schon die leise Befürchtung, dass es mir nicht mehr gelingen würde. - Bernadette, ich bin ein alter Mann, aber ich wollte nicht gehen, ohne Ihnen zu sagen, dass sich nichts geändert hat. Mein Herz gehört Ihnen - auf ewig! Und dieses Bernsteinherz soll Sie daran erinnern." Hannibal stand auf und suchte in einer großen, dunkelroten Samtschatulle. Dann brachte er eine zauberhafte, gedrehte, lange Goldkette zum Vorschein. Er griff nach dem Herz und fädelte die Kette umständlich ein. Dann trat er hinter sie, legte sie ihr vorsichtig um den Hals und ließ es in ihr Dekolleté gleiten. „Das ist mein Herz. Pass’ gut darauf auf, meine Liebste!" murmelte er leise. Dann setzte er sich wieder und nahm sein blau schimmerndes Teeglas in die Hand. „Danke, dass Sie gekommen sind, Bernadette!"

 

Sie tranken sich zu. Bernadette fühlte sich vollkommen zufrieden. Der Tee schmeckte phantastisch. „Können Sie mir das alles erklären?" fragte sie, obwohl sich ihre Neugierde in Grenzen hielt. Es war alles gut - egal ob sie es sich erklären konnte oder nicht. Hannibal erzählte ihr von seinem Leben. Es war ein interessantes Leben gewesen. Doch dann hatte es einen Bruch. Er war vor zehn Jahren aus Russland gekommen - hatte alles verlassen, nur um seinem Herzen zu folgen und - er war schon damals ein alter Mann gewesen. „Aber ich musste kommen. Ich wusste, dass ich dich hier finden würde - und ich konnte nicht gehen, ohne dich zumindest einmal gesehen zu haben." Bernadette sah ihn fragend an. „Hilf mir, das zu verstehen!" bat sie.

 

Wieder stand er auf und kramte in einem alten, geschnitzten Schrank. Er brachte eine bauchige Karaffe zum Vorschein. Hannibal angelte nach einem weißen Geschirrtuch. Sorgfältig wischte er das Glas ab. Bernadette erkannte eine wertvolle, alte, geschliffene Kristallkaraffe. In ihrem Inneren schimmerte - durchsichtig, fast ein wenig bläulich - der Rest einer Flüssigkeit. „Das ist mein Zaubertrank!" lächelte er. „Nein, meine Liebste! Es ist ein besonderer Vogelbeer-Schnaps! Und eigentlich nicht für den Gebrauch von Frauen gedacht. Aber bei dir ist das etwas anderes!" Er holte zwei Gläser, polierte sie lange und sorgfältig, bis sie funkelten. „Lass’ es uns zusammen tun! Diese Reise in die Vergangenheit. - Die Vogelbeeren werden dir helfen, klar zu sehen! - Du brauchst nur einen kleinen Stups! Es fehlt nicht viel!" Hannibal goss die beiden Gläser randvoll und reichte ihr behutsam eines davon. „Du musst es auf einen Zug austrinken. Dann mach’ die Augen zu und lehne dich zurück. Lass’ dich ganz einfach treiben!"

 

Bernadette sah ihn an, dann betrachtete sie das Glas, das sie in ihrer Hand balancierte. Normalerweise war sie ein vorsichtiger Mensch. In ihr war nicht der geringste Funke von Unbehagen oder Misstrauen. Sie wusste ganz sicher, dass sie hier beschützt war. Hannibal zu Angersberg würde niemals zulassen, dass ihr etwas passierte. „Ich bin so glücklich, dass wir das noch tun können - gemeinsam!" Sein Gesicht strahlte, er hob sein Glas und prostete ihr zu. „Auf eine angenehme Reise, Liebste!" Dann setzten sie den magischen Trank an ihre Lippen und tranken ihn bis zur Neige aus.

 

Ganz langsam floss die scharfe Flüssigkeit durch ihre Kehle, wärmte ihren ganzen Körper. Wie er es gesagt hatte, ließ sie ich zurücksinken, lehnte sich in den hohen Sessel und schloss ihre Augen. Eigentlich schlossen sie sich von alleine.

 

Zuerst war da gar nichts. Erwartungsvoll entspannte sie sich. Auf einmal geschah es. Sie befand sich inmitten wirbelnder Farben. Um sie herum waberte eine ungeheure Vielfalt der strahlendsten Farben, die sie jemals gesehen hatte. Wie in einem Kaleidoskop veränderten sich die Bilder. Nach und nach konnte sie Konturen ausmachen. Immer mehr kristallisierten sich Formen.

 

 

Bernadette fand sich in einer anderen Welt. Sie sah diese Welt durch Augen, die die ihren waren - und doch auch wieder nicht. Sie wusste, dass sie es war! Aber es war der Körper einer anderen - oder nicht? Welch ein eigenartiges Gefühl! Einerseits beobachtete sie diese Szene, wie auf einer Bühne, andererseits war sie beteiligt - mitten drin, lebte eines dieser Leben.

 

Es war das Leben einer schönen Frau! Sie war groß und dunkelhäutig. Ihr Gesicht war sehr ausdrucksstark, mit hohen, ausgeprägten Wangenknochen, die durch ihre Magerkeit noch mehr zur Geltung kamen. Ihre Augen glänzten riesig und tiefschwarz. Das lange, blauschwarze Haar wehte um einen außergewöhnlichen Körper und verdeckte fast die Fetzen, die sie stolz „ihre Bluse" nannte und die sie, unter den festen Brüsten, zusammengeknotet hatte. Eher um sie zusammenzuhalten, als um der Form willen. Sie trug einen langen, weiten Rock, der auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. „Mariella!" Sie hörte ihren Namen. Da stand ein Mann. Groß und schlank, beweglich und schnell. Sie sah ihn nur ganz kurz, dann war er in der Menschenmenge verschwunden. Sie befanden sich auf einem Markt - inmitten eines großen Jahrmarktes. Vielleicht im Mittelalter? Es gab Bauern, die ihr Gemüse feilboten, Hühner und Ziegen, aber auch einen Bader, der gerade eine Frau behandelte - und einen Zauberer, der seine Künste zeigte. Es war gerade die richtige Mischung für ihre Absichten. Denn sie und Norman waren hier zu einem ganz bestimmten Zweck. Sie gingen ihrer Arbeit nach. So eine Gelegenheit gab es schließlich nicht oft. Das musste man nutzen, denn Norman und Mariella waren Taschendiebe!

 

 

Bernadette war sich durchaus klar darüber, dass diese Bilder nicht real waren - nicht mehr real waren. Trotzdem wusste sie, dass sie Ausschnitte ihres Lebens sah - eines vergangenen Lebens! Und doch ängstigte es sie nicht, denn auch Hannibal zu Angersberg war in ihrer Vision. Hannibal und Norman waren ein und derselbe Mensch! Sie ließ sich tiefer versinken in die Bilderflut.

 

Die Alte schrie, wie am Spieß. Der Bader kniete auf ihrem Schoß und fuhrwerkte mit einer großen Zange in ihrem Mund herum. Offenbar versuchte er, ihr einen Backenzahn zu ziehen. Die Menschen starrten mit aufgerissenen Augen auf dieses Schauspiel. Mariella jedoch sah ganz andere Dinge. Sie sah Geldbörsen in offenen Rucksäcken, in Jackentaschen, die über Schultern gehängt, hin- und herbaumelten. Blitzschnell griff sie zu und verschwand in der Menge. Hinter einer dicken Frau leerte sie schnell die Beutel und ließ die Münzen unter ihrem Rock verschwinden. Die ausgeräumten Behältnisse ließ sie fallen. Dann trieb sie durch die Menge. Weiter hinten, der Magier gefiel ihr. Sie würde ein wenig zusehen und erst dann ....

 

 

Die bunte Gestalt erregte Aufsehen, wohin sie auch kam - und seine Stimme war nicht zu überhören. Er hatte eine kleine Bühne aufgebaut und davor gab es sogar ein paar altersschwache Holzbänke. Langsam kam sie näher. Fasziniert beobachtete sie, wie er mit spitzen Dolchen jonglierte. Eine Gänsehaut überlief ihren Körper. Was, wenn sich die Messer in seine Handflächen bohrten? Im Geist sah sie schon das Blut über seine Arme strömen, aber nichts dergleichen geschah. Souverän beendete er seine Darbietung. Dann zauberte er mit farbigen Bändern. Die umstehenden Menschen klatschten begeistert.

 

Plötzlich griffen sehnige Hände nach ihr. Erschrocken setzte sie sich zur Wehr. Aber Mariella erkannte schnell, dass diese Arme zu Norman gehörten, also gab sie willig nach. Er saß eingezwängt am äußersten Ende der hintersten Bank und zog sie auf seinen Schoß. Auch er sah aus, wie ein Bettler - vielleicht auch deshalb, weil er einer war. Seine Hose war zerrissen und viel zu kurz. Seine nackten Beine sahen darunter hervor. Was für schöne Beine er hatte! Stark und wohlgeformt - überzogen von einem blonden Flaum. Auch seine blonde, lange Mähne glänzte in der Sonne. Er hielt sie in seinen Armen, wie in einer Klammer. Sein Bart kitzelte an ihren bloßen Oberarmen. Sie spürte seine zärtlichen Lippen, die ihre Haut streiften. Wieder überliefen Schauer ihren Körper. Mariella fühlte seine Hände. Sie glitten unter ihren langen Rock zu dem verborgenen Beutel, der ihre Beute enthielt, wogen ihn abschätzend. Er lachte zufrieden - sie war erfolgreich gewesen - heute! Dann aber fand er ganz andere, interessante Dinge, die er genüsslich betasten konnte.

 

Mariella trug keine Unterwäsche. So etwas besaß sie gar nicht. Seine Hände glitten über ihre Beine. Norman war ein geübter Taschendieb. Seine Berührung war beinahe nicht wahrnehmbar. Aber eben nur beinahe. Er war ein Genie, was die Dosierung seiner Berührung anging. Mariella fühlte zärtliche Fingerspitzen zwischen ihren nackten Schenkeln. Die Gänsehaut kehrte zurück - und Norman hatte es schon registriert. Er war wirklich sehr geschickt. Den bunten, langen Rock hatte er weit über ihren Schoß gebreitet, so dass auch seine Beine darunter verschwanden. Sie spürte seine warme Haut an ihrem Fleisch, bewegte sich behutsam, rieb sich an ihm und drückte ihren nackten Po gegen seine Härte. Sie lächelte, als sie ihn leise stöhnen hörte.

 

 

Bernadette brach der Schweiß aus. Die Erregung der Mariella, war die ihre - sie spürte es genau. Sie konnte den Pulsschlag zwischen ihren Schenkeln fast hören! Was war das für eine eigenartige Situation? Sie öffnete ihre Augen. Hannibal sah sie an - seine Augen glänzten. Er teilte ihre Erregung! Teilte ihre erotische Phantasie. Seine schwarzen Blicke flehten. Bernadette schloss erneut die Augen.

 

Schon war sie wieder bei ihm, spürte seine Finger, die sie liebkosten, sich zärtlich tiefer schoben. Sie brannte in Leidenschaft. Sanft teilte er ihre Scham. Sein Zeigefinger berührte ihren Kitzler, glitt darüber hin und drängte sich tiefer. Die Spitze tauchte ein, in die feuchte Glätte ihrer Erregung - und kehrte zurück. Mariella unterdrückte ihre Seufzer. Die Gefühle, die er in ihr auslöste, waren unglaublich. Sie wollte mehr! Sie wollte alles! Langsam, mit gespreizten Beinen, stand sie auf - nur ein klein wenig - hob ihr Hinterteil an, ließ ihm Raum, sich unter ihr zu bewegen. Und Norman nützte die Chance. Seine gierige Spitze hatte sich schon aus der Enge der Lumpen befreit, rieb sich zwischen ihren Schamlippen. Immer noch kreiste seine Fingerkuppe um ihren Kitzler. Er fühlte, wie sich ihre Hüften in Bewegung setzten. Sie ließ ihr Fleisch um seine harte Männlichkeit schwingen, rieb seine Eichel zwischen den engen, heißen Wänden ihrer Scheide. Stöhnend stieß er zu.

 

Das Volk johlte laut. Der Zauberer warf mit scharfen Messern nach einem Jungen aus dem Publikum. „Natürlich war der eingeweiht", fuhr es Norman durch den Kopf. Aber diese aufregende Nummer kam ihm gerade recht. Er hatte auch gerade eine „aufregende Nummer" auf seinem Schoß. Mariella bewegte hektisch ihr Becken, ritt auf seiner Lanze, dass er meinte, es nicht länger zu ertragen. Sie klatschte begeistert. Für den Magier oder für ihn? Oder war es ein Vorwand für ihre Bewegungen? Sie war eine Zauberin - seine Mariella! Nie war glücklicher gewesen, als mit ihr.

 

 

Hannibal stöhnte. Er drückte sich tiefer in seinen Sessel. Nur jetzt nicht aufhören - nicht zurückkehren. Dass Sie ihm diese Erinnerung zuteil werden ließ! Es war ihre Erinnerung - er hätte jede andere Vision mit ihr genossen - aber diese! Seine Frau kannte ihn, bis tief in seine Seele. Egal, ob sie sich dessen bewusst war oder noch nicht. Sie liebte ihn - mit all ihrem Sein. Sie schenkte sich ihm - und damit das Glück!

 

Norman drückte sie auf seinen Schoß, drängte gleichzeitig seine Schenkel nach außen - öffnete sie so noch weiter. Seine Finger erforschten ihre feuchten Scham, tasteten, fühlten seine Steife, die zwischen ihren prallen Schamlippen verschwand. Und Mariella wippte auf und nieder. Seine Arme verkrampften sich, pressten ihren schmalen Körper an sich und die Fingerspitze massierte den Punkt ihrer Lust immer fester. Stöhnend sank sie auf seinem „Zepter" in sich zusammen. Er spürte ihre Lust, die sie krampfhaft um seinen Penis zusammenzog und ihn zur Ekstase brachte. Seufzend entlud er sich in ihr - drückte seine Lippen auf ihren Nacken. „Meine Liebste!" flüsterte er zärtlich.

 

 

Aneinander geschmiegt saßen sie da und die Lust verebbte langsam. Niemand hatte etwas bemerkt. Und so konnten sie jetzt wieder ihrem Broterwerb nachgehen - nur erwischen lassen durften sie sich nicht. Weder bei der einen, noch bei der anderen Beschäftigung. Mariella stand langsam auf, ließ ihm Zeit, seine zerrissene Hose wieder zu schließen. Dann drehte sie sich um die eigene Achse und war in der Menge verschwunden.

 

 

Schwer atmend saß Bernadette in dem Sessel. Draußen wurde es dunkel. Nur die Kerze, in einer kleinen Messingampel, verbreitete ein flackerndes Licht. Etwas unsicher öffnete sie ihre Augen. Hatte er gesehen, was sie gesehen hatte? Und vor allem: Hatte er gefühlt, was sie empfunden hatte? - War Hannibal zu Angersberg ihr Mann? War sie wirklich die Frau, wegen der er seine Heimat verlassen hatte - um sie vor seinem Tod noch einmal zu sehen? Sie seiner Liebe zu versichern? Hatte er tatsächlich zehn Jahre auf sie gewartet? Ihre Gedanken fuhren Karussell. Und trotz all der wirren Gedankenblitze, die durch ihr Hirn stoben: Sie hatte nicht den leisesten Zweifel! Sie war Mariella, die Frau von Norman, dem Taschendieb! Und sie war ebenfalls die Frau, auf die Hannibal zu Angersberg seit langer Zeit wartete!

 

Er sah sie an - betrachtete sie liebevoll. „Ich kann Dir gar nicht sagen, wie glücklich du mich machst!" Seine Augen strahlten. „Es war alles wert! All das Leid! Jede Schwierigkeit, jeden Vorwurf, den ich hörte! Ich würde es wieder tun - und wenn ich hundert Jahre warten müsste. Du hast mich gefunden! Bernadette! Und nächstes Mal - bitte! Lass’ es und zusammen versuchen. Ich möchte noch ein gemeinsames Leben mit dir erleben! - Mariella! - Ich liebe dich!"

 

Sie schmunzelte. Dieser Nachmittag hatte Gewissheiten in ihr geweckt, die sie niemals für möglich gehalten hätte. Sie liebte einen alten Mann, den sie heute zum ersten Mal gesehen hatte! Wenn sie darüber nachdachte, musste sie lachen. „Ich bin Kriminal-Polizistin, Norman!" sagte sie lächelnd. Hannibal lachte laut. Welch großartiger Streich des Schicksals.

 

Als sie sich verabschiedeten, waren sie beide glücklich. Endlich hatte alles einen Sinn - und sie würden sich wiedersehen! Morgen, gegen drei Uhr nachmittags. Aber leider klappte es nicht so, wie sie sich das vorstellten. Bernadette wurde noch beruflich aufgehalten. Eine Kundin hatte in einem Laden einen toten Mann gefunden - da musste sie noch hin.

 

Als sie den Raum betrat wusste sie alles! Zwischen all seinen Schätzen stand ein Sarg und darin lag Hannibal zu Angersberg. Bernadette musste sich hinsetzen. In dem zweiten Sessel saß eine ältere Dame - die Hauseigentümerin. Sie hatte Hannibal gefunden. „Es tut mir so leid!" seufzte sie. „Er war so ein netter Mann! - Und nun hat er es doch nicht geschafft!" - Bernadette sah sie aufmerksam an: „Was hat er nicht geschafft?" fragte sie. Die reizende Dame holte tief Atem und dann setzte sie an: „Herr zu Angersberg kam vor zehn Jahren hierher und er wollte seine Frau finden! Er hat immer nur auf sie gewartet. Er sagte: Sie kommt noch, Frau Helmreich! Ganz bestimmt! - Wissen Sie, sie war seine ganz große Liebe! Seine Mariella!"

 

Bernadette stiegen Tränen in die Augen. Er hatte sie ja gefunden - seine große Liebe. Im Stillen gelobte sie ihm ein Wiedersehen. Sie hatten es sich versprochen, und sie würde sich daran halten. Und dann verwirrte sie eine alte Dame, denn sie zog ihre Jacke aus und beugte sich über den offenen Sarg. Hannibal sah nicht mehr aus wie gestern. Die Falten waren aus seinem Gesicht verschwunden. Er sah jung aus! Er sah aus wie Norman! Als sie ihn küsste, hielt sie ihr Bernsteinherz fest in der Hand und sie flüsterte leise: „A Dieu, mein liebster Norman!" Und dann überließ sie die Formalitäten einem Kollegen.

 

Frau Helmreich fragte völlig konsterniert: „Das Herz - das Herz, das sie da tragen! Ist das von ihm?" Bernadette nickte. Seine Hausfrau hatte ihn für einen starrsinnigen, alten Mann gehalten, der schon ein bisschen wirr im Kopf war - aber er hatte recht gehabt - mit allem! - Das wurde ihr jetzt klar. Denn schließlich hatte er sie tatsächlich gefunden! Als Bernadette den Laden verließ, lächelte Frau Helmreich plötzlich und rief ihr nach: „Auf Wiedersehen, Mariella!"

 

© BvS                                         

 

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