Petit Déjeuner


 

Frisch geduscht

- noch nicht ganz wach –

sitze ich kurz nach Acht in einem Hotel,

in einer Stadt,

wo das Frühstück „Petit Déjeuner“ genannt wird.

Es ist mein dritter Morgen -

 der erste Arbeitstag in der Woche.

Ich sitze drei Stufen über dem "Trottoire"

- wie hier die Bürgersteige heißen -

mit bodentiefen Fenstern und freiem Blick in die "Ruelle"

- bei uns ein Gässchen!

Seit zwei Tagen –

 über das Wochenende im Werk.

Aufpassen, dass die Werktätigen alles richtig machen!

Jetzt, um Neun, muss ich in einer Besprechung,

 den miesepetrichen, Montag-morgen-launigen Hüttenknechten mitteilen:

„Nicht fertig!“

Meine Laune rutscht gegen Null.

Ich schmiere mein zweites Baguette mit Butter und Konfitüre,

als…

„SIE“ um die Ecke biegt.

 

SIE!

Sie schwebt.

Ihr Gesicht strahlt, als klinge in ihr was Schönes…

- oder -

als sei etwas in sie eingedrungen,

das ihre Seele, ihr Innerstes berührt.

 

Es ist Sommer.

Sie trägt nur eine Bluse - ihre Brust stolz zeigend,

einen Rock über den Knien endend.

Wundervoll,

wie sie mit so schönen, ausgewachsenen Beinen

- mit Stümpfen und Stöckelschuhen -

noch elegant gehen kann.

 

Sie lauscht in sich hinein.

Ihr schulterlanges Haar im Gehrhythmus schwingend,

eine Umhängtasche locker über die Schulter.

In der anderen Hand eine männlich wirkende, lederne Aktentasche.

 

Allein ihr Erscheinen bessert meine Laune.

So was Frisches

– Hübsches – Adrettes – Fröhliches – Schönes –

am Morgen…

am frühen Morgen!

Am liebsten würde ich sie bitten,

 mir ein lustiges Lied zu singen.

 

Was macht Sie?

Sie schaut hoch, nein nur nach oben

- geradeaus -

mir in die Augen.

Dem in die Augen,

der sie schon 20 Schritte lang beobachtet.

Sie lächelt mir entgegen,

hält den Blick,

nickt,

wünscht mir, dem Fremden…

wortlos durch die Scheibe einen schönen Morgen.

 

Spontan erhebe ich mich leicht,

deute eine Verbeugung an,

küsse meine Fingerspitzen…

und hauche ihr den Kuss zu.

 Sie hebt den Kopf, wie um ihn einzufangen...

...und entschwindet meinen Blicken.

 

*****

 

Die Ausfahrt von Hotelparkplatz führt durch dieses Gässchen

und schlängelt sich durch die Häuserflucht zur Hauptstraße.

Eine Ahnung?

Keine Ahnung warum!

Ich bremse und schaue in den Knick, den die Gasse macht.

In einem Büro - halbstöckig erhöht:

SIE!

Da steht sie am Fenster,

die Bluse um einen Knopf geöffnet,

 im Busendelta eine Perlenkette verschwindend.

Ihr Haar gelöst – offen.

 

Sie winkt mir zu,

küsst ihre Fingerspitzen…

haucht den Kuss in meine Richtung.

Mein Seitenfenster surrt.

Ich strecke die Hand, den Arm aus dem Fenster.

Ich fange den Kuss und drücke ihn auf meine Lippen,

 fühle nicht, die listig im Kuss versteckten, süßen Giftpfeile der „Cupida“ –

die ich vermeinte in ihrem Haar sitzen zu sehen –

mir eine Nase drehend.

 

 SIE hebt ihre Kaffeetasse zum Abschied.

„Moi“ steht drauf

„Ich!“

 

Das Gift wirkt.

Die Hüttenknechte haben keine Chance.

Wie einst bei Achilles die Schwerthiebe

- alles prallt an mir ab.

Die Welt hat für mich eine neue Farbe.

 „Liebe hat die Farbe Lila“

Für mich der richtige Titel im Moment.

 

Ich werde zur Gefahr für meine Umgebung.

Ich stolpere die Treppe hinauf,

greife neben die Kaffeetasse,

finde nur die falschen Dokumente!

 

„War der gestrige Abend hart?“

Die grinsende,

absolut nicht mitfühlende Frage meiner Gesprächspartner.

„Nein, der heutige Morgen hat mich geknickt!“

Es wird Abend, Nacht bis ich zurück komme,

 um in der Nacht wieder geholt zu werden.

Mittags –

endlich eine Pause

und zurück ins Hotel zum Duschen, Rasieren,

ein frisches Hemd.

Ich laufe in die „Ruelle“,

dahin wo sie abknickt

und sehe das Büro leer und verlassen.

:-(

Schlendere erneut durch die Gasse,

stehe vor ihrem Fenster

- wie ein hungriger Kater, dessen Frauchen seine Milch vergessen hat.

Ich zockle weiter.

Erst am fünften Morgen sitze ich wieder zu christlichen Zeiten beim Frühstück

 - und fiebere den nächsten Minuten entgegen.

Ungeschickt knicke ich die Lasche der Verpackung ab

und verschmiere mir dabei die Hände mit dem Honig.

Schaufle mir zweimal Zucker in den Kaffee

- wo ich ihn doch ohne trinke!

 

Als erstes sehe ich die Umhängtasche.

Ihr Blick ist in den Frühstückraum gerichtet –

 mich suchend!

Zwei Kusshände fliegen hin und her.

 

Die Regentropfen lächeln!

Lächelnde Regentropfen!

Wer lächelnde Regentropfen sieht,

sieht auch, wie die Cupida frech aus ihrer Kapuze lugt.

Sie entschwindet –

Und lässt mich fröhlich zurück.

 

Eine Ahnung?

 Keine Ahnung warum?

Ich gehe nicht zum Parkplatz.

 Ich tigere in die „Ruelle“,

sehe das geöffnet Fenster.

 Sehe…

hm… noch ein paar Schritte…

Sehe zwei Kaffeebecher stehen.

„Moi“

Daneben

„Toi“

Mit Kleberesten vom Preisschildchen unten links!

:-)

SIE betritt den Raum - ihr Büro.

In der einen Hand die Kaffeekanne

in der anderen Hand die Milch.

Sie füllt die Becher - setzt die Kannen ab…

schüchtern lächelnd – strahlend dann.

Sie wirft mir mit einem Kopfnicken einen Kuss zu -

und verlässt den Raum.

Ich stehe vor der Tür –

warte…

nur einen Wimpernschlag.

SIE öffnet

und ich trete ein.

 

SIE greift an meinen Hals… links!

Ich an ihren.

Zärtlich, voller Sanftheit

- um ihnen nicht weh zu tun –

Heben wir die beiden Cupido' von unseren Schultern.

 

Ja,

wir sind dankbar,

Ziel ihrer Laune gewesen zu sein.

Mit keckem Kichern entschwinden die Beiden.

 

Der Tag war für uns zu kurz,

die Nacht ist nicht lang genug.

 

 

©S’Rüebli

 

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