Elly

 


Elly ist seit Mitternacht 45.

Elly will nicht feiern.

Elly will nach Hause.

Alle prosten mit Elly, trinken auf sie als würde sie verabschiedet.

Sie hat Angst zuviel Alkohol zu trinken.

Angst, dass die Männer wieder Wetten abschließen…

ob sie „Rumzukriegen“ sei.

Dass die Männer sie wieder anmachen…

mit ins Kabuff zu kommen.

Sie mitten auf der Tanzfläche stehen lassend,

theatralisch vom Platz hüpfen…

Den anderen Fuß festhaltend…

sie einen "Trampel" nennend.

 

Jeder weiß, dass sie Geburtstag hat.

Der neue GF hat die Betriebsfeier extra auf diesen Termin gelegt.

Elly kneift sonst immer.

Elly schwitzt, sie weiß es.

Hat extra Wäsche und eine Bluse mitgenommen -

zum Wechseln.

Elly ist verzweifelt.

Der GF hat Anwesenheitspflicht verordnet,

Urlaubssperre verhängt.

 

Der GF ist einer vom ‚Dreckigen Dutzend’!

Die sie vor 26 Jahren im Kabuff bepisst haben.

Der GF will sich rächen für die Anzeige.

Elly hat niemanden, der ihre Not erkennt.

Die Weiber aus dem Betrieb und Vertrieb wollen sie fallen sehen!

Sie, die Unnahbare, die sie für eine Lesbe halten,

eine die sich für „zu gut“ hält.

 

Elly ruft Waltraut an,

die Boutiquebesitzerin oben an der Ecke.

Sie ist die Einzige zu der sie vertrauen hat.

 Waltraut hat die Kerle damals angezeigt!

Ihr nach Hause geholfen,

ihr geholfen den Schock zu überwinden

Waltraut war damals die junge Lehrerin für Deutsch und Steno an der Berufsschule.

 

Elly

- in der Aufregung -

drückt die Taste von Wolf.

 

„Waltraut, hol mich hier raus!

Die haben mit mir was vor!

Hilf mir!“

Hektisch gepresste Stimme,

panisches Kurzatmen fast Hecheln.

„Waltraut bist du noch dran?“

 

„Sie sprechen mit Wolf!

Sind Sie es Elly?“

„Oh Gott!“

Schniefen.

„Sie wollte ich nicht!

Die wollen mich fertig machen!

Muss Waltraut erreichen!“

Piep, piep.

 

Drei schnelle Tasten…

klicken.

„Ja, bitte?“

„Wo sind Sie?

Elly!

Wo? 

Ich komme!“

 

***

 

Elly erinnert an Olivia!

Genau!

An Popeys Olivia!

 

Bei Elly ist alles nicht proportional.

187 lang,

Schuhgröße 46 wenn sie ein bisschen bequem sein sollen.

Kleidergröße 38 ist immer zu kurz.

Elly hat Geschmack,

ein bisschen tantenhaft,

aber immer beste Qualität.

Gepflegt ist Elly immer!

Strümpfe von Wolford - auch die Bodys!

Sie hat noch alle Zähne, wenn auch korrigiert.

Ihre Brüste sind flach,

BH’s trägt sie nur zur optischen Aufstockung.

Lange Finger hat sie und schmale Nägel,

sauber gefeilt und lackiert.

Die Füße…

Es sind schöne Füße - gerade Zehen - keine Hornhaut.

Elly trägt immer Rock!

Hosenröcke wenn sie wandert, spaziert.

Damit keiner die Lücke sieht… das offene Herzchen im Schritt.

Lange Ohrläppchen, markantes Ohr,

wie die Nase.

Elly ist

ein Sitzzwerg,

ein Stehriese.

Es ist, als hätte der liebe Gott sie aus

verschiedenen Modellen zusammengebaut.

 

***

 

Elly verwaltet meine Kosten.

„Sind sie Wolf?“

„Ja!“

„Man hat mir gesagt ich soll sie nur mit Wolf ansprechen!“

„Ja stimmt!“

„Ich bin Elly.

Ich habe ein paar Fragen zu ihren Rechnungen.“

Sie steht in der Tür zum Besprechungszimmer.

„Haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?“

 

Das war vor drei Jahren.

 

Mein erster Auftrag  mit dieser Firma als Freiberufler.

Nach einer Rechnungsprüfung lud sie mich zum Essen in die Kantine ein.

Sie bedankt sich bei mir,

dass ich mir die Zeit nahm um mit ihr zu essen.

Ihre Verwandlung von

Der Stabheuschrecke

- über ein Neutrum -

zu einer flirtempfänglichen Frau

ist in beide Richtungen fließend.

Ihre von Fakten haspelnde Stimme

- über geschäftsmäßiges Süßholzraspeln -

bis hin zum emotionalen Mezzosopran

kommt immer einen Atemzug nach der Wandlung.

Von dem Tag an ist sie ein Bestandteil meiner Phantasie.

 

Das war sechs Monate später.

 

 

Beim internen Kolloquium ihrer Firma war ich als Vortragender geladen.

Sie hatte das Zimmer neben mir.

Die rüber klingenden Geräusche aus dem Sanitärbereich beflügelte meine Phantasie…

Im Geiste vögelte ich sie zum ersten Mal.

 

***

 

Der zweite Abend ist zur freien Verfügung.

Ich höre von einem Waldlokal.

Parke meinen Wagen unten am Waldrand

und wandere die halbe Stunde durch den Wald.

Wer sitzt auf dem schönsten Platz…

Elly!

Grazile Handbewegung - als Einladung an ihren Tisch.

Die Stille des Waldes überträgt sich auf uns.

Entspannt und gelöst essen wir -

fast wortlos.

Sitzen mit dem Rücken an die sonnenwarme Hausmauer gelehnt,

mit einem Glas Wein in der Hand,

in die Dämmerung blickend,

den ersten Eulenrufen lauschend.

„Wolf, nicht küssen!

Nicht streicheln!

Abgemacht?“

Sie hakt sich bei mir ein –

und am Parkplatz…

„Warten Sie fünf Minuten!

Nicht zusammen ankommen!“

 

Ihr Schlüssel fehlte - meiner jetzt auch.

Und dann: Das Prallen und Aufschneiden an der Bar!

Nein, heute nicht!

Die Eulenrufe hallen noch zart im Ohr

und

Ellys Duftsymphonie rumort noch in der Nase!

Eine schöne Basis für eine phantasievolle Einsamkeit.

 

***

 

Letzter Abend.

Bankett.

Tische zugeteilt.

Meine Tischdame ist:

 Elly.

Sie hat nachgeholfen, gesteht sie mir sofort.

Mein Gott, was kann ein bisschen Aufmerksamkeit alles bewirken –

oder ist es mehr?

Elly ist nicht wieder zu erkennen.

Trägt einen tollen schwarzen Spitzenbody

unter einer durchsichtigen Bluse.

Perlenkette.

Einen schwarzen Pluderhosenrock aus Seide,

goldfarbene Sandaletten,

Fußnägel zu den Sandaletten Ton in Ton lackiert.

Der abtörnende Pferdeschwanz zu einer Aufsteckfrisur verzaubert…

von Perlen geschmückten Nadeln gehalten.

Das Gesicht professionell geschminkt.

Die Fingernägel passend zur Perlenkette.

 

Elly trägt eine goldene Herren - Longines aus den Fünfzigern.

 

Elly ist umwerfend!

- Elly ist Dame! -

Schlägt alle im Saal.

 

Mit dieser Frau sitze ich jetzt offiziell am Tisch.

 

Elly plaudert - sie betreibt Konversation,

liebenswürdig, aufmerksam, umsichtig.

Mein Faden aufnehmend… mit ihrem Faden…

einen Zwirn drehend.

 

Elly erstaunt nicht nur mich!

 

Die Kapelle spielt zum Tanz.

Elly entschuldigt sich, will gehen.

„Nein Elly!

Ich möchte mit Ihnen tanzen!

Bitte!“

„Ein Tanz!“, wie eine Feststellung.

„Ja!“

„Abgemacht!“

Sie lauscht der Musik - ihr Körper ist der reinste Sensor.

Sie nimmt jede unsaubere Passage wahr.

Flüstert mit dem Ober - wartet.

Tusch!

Ansage:

Ein Walzer!

Einer der schönsten, elegantesten und längsten.

Hier hat eine Kennerin gewählt.

„Bitten Sie mich!“, raunt es neben mir.

 

Wir schweben vom ersten Schritt an.

Diese, oft hölzern - wie ein Storch im Salat - stakende Frau, hat Flügeln an den Beinen.

Weich - biegsam liegt sie in meinen Armen.

Mein rechter Oberschenkel

tief in ihrem Schritt -

immer wieder ihr Schambein fühlend…

Ihr Bein an mein Horn stupsend.

Lachende Augen,

entspannte Gesichtszüge.

Kurzer Händedruck,

Richtungswechsel und wir schweben im Linksdrall.

Letzte Akkorde.

Wir stehen allein auf dem Parkett.

 Stille und dann… Applaus.

Wir verbeugen uns.

Schalk in Ellys Gesicht!

Eine schnelle Drehung -

ein Ruf zu Kapelle -

der Griff zu den Instrumenten -

ein Paso Doble klingt an.

 

Elly verführt mich zum Führen.

Unaufdringlich - gekonnt professionell.

 Glaubte ein passabler Tänzer zu sein,

aber was Elly mit mir veranstaltet…

Zu was sie mich verführt!

Mein Denken hat ausgesetzt.

Ich bin im Bann dieser Frau!

 

Die Musiker kramen in den Notenblättern,

spielen die ersten Akkorde.

Elly schüttelt den Kopf.

Stellt sich vor die Kapelle und dirigiert den Takt.

Gibt Anweisung. - Nickt.

Wirbelt mit zwei Pirouetten in meine Arme

und wir fliegen in den Rausch eines Tangos.

Zelebrieren die Verführung!

Erotik, Knistern, Flammen, verbrennen, ersterben…

sterben.

 

„Wolf bring mich zum Aufzug!

Gleich!“

In mein erstauntes Gesicht lächelnd.

„Sie haben drei Tänze bekommen.

Mehr als alle anderen!

Sie haben den Tango bekommen!“

 

„Ist das eine Liebeserklärung? - Elly!“

Sie steht im Aufzug, ihr Blick…

als hätte sie eine Tarnkappe auf.

„Ich… ch… ich muss jetzt schlafen gehen!“,

knarrt ihre Stimme.

Lautlos schließt die Aufzugstür.

Ihre Hand dazwischen, die Tür springt auf.

„Nicht klopfen!

Nicht anrufen!

Abgemacht?“

Sie dreht mir den Rücken zu.

In mir wühlt und brodelt es.

Dieses hässliche Entlein, diese hölzerne ‚Pinocchia’

füllt meinen Kopf, meine Seele, mein Herz.

Es gibt sie zweimal.

Offiziell – offiziös – real

und

imaginär.

 

Ich flüchte in den Park wandere zwischen den Sträuchern.

Sehe das Licht in ihrem Zimmer…

wie sie ans Fenster tritt…

in die Nacht schaut.

Pfeife die Anfangstakte vom Tango,

ahme die Eulenrufe von gestern nach.

Sie stockt beim Zuziehen der Vorhänge, lauscht.

Wiederhole den Ruf der Eulen,

die Anfangstakte.

Elly wirft mit beiden Händen einen

- Kuss -

in die Nacht.

Schließt mit Schwung die Vorhänge.

Ich setze mich und lasse das Geschehene auf mich wirken.

 

***

 

Im Licht der Türöffnung steht eine weibliche Silhouette, zwei Weinpokale in der Hand.

Sie bewegt sich langsam auf mich zu,

stellt sich vor mich,

mit beiden Knien an meinen Knien anlehnend.

 

„Ich denke es ist an der Zeit Ihnen etwas von Elly zu erzählen!“

Reicht mir einen der Pokale,

setzt sich auf den Nachbarstuhl.

„Nicht über sie!“

Sieht mich prüfend an.

„Ich bin Regina!

Ich saß zehn Jahre mit ihr in der Schule -

sieben Jahre als Banknachbarin.

Wir haben zusammen die Lehre gemacht! -

Prost!“

 

„Giraffe“ nannten sie Elly eine zeitlang…

als sie so 16, 17 war.

Als auch Elly gerne eine Jungenhand unter den Pullover fühlen wollte,

wie die anderen Mädchen.

Eine sanfte Hand im Nacken,

einen sanften Kuss,

einen begehrenden Kuss.

Sie wollte auch in den Schritt gefasst werden -

eine Hand im Höschen fühlen. -

Träumen-

Schmetterlinge fühlen.

Einem Jungen die Hose öffnen -

Jungenaugen zum Glänzen bringen.

 

Wenn ein Junge auch nur im Ansatz Interesse zeigte,

 wurde er verlacht!

‚Kannst dir nichts Besseres leisten!’

Als „Deltamännchen“ verspottet…

Viele Mädchen waren bereit ihm das Gefühl eines

Alphamännchen zu suggerieren.

 

Beim Sportfest läuft sie die 100 Meter schneller als alle Jungs in der Abschlussklasse.

Als alle Mädels sowieso.

Niemand warf so viele Körbe wie Elly.

Mit 17 ist sie noch immer die Längste von Jahrgang.

Nein, die Regel hat sie noch nicht.

Die kam erst später.

Ihre Mutter ist so alt wie Elly heute, als sie schwanger wird.

Ihr Vater ist Indochinaveteran,

 zwölf Jahre bei der Legion gewesen. -

60 als Elly auf die Welt kommt.

„Hast Du keinen Vater, dass Du immer mit dem Opa kommst?“,

hänselten die Mitschüler schon in der ersten Klasse.

Elly ist immer Klassenbeste und hat sofort eine Lehrstelle.

Heute würde sie Studieren.

Damals macht man eine Lehre!

Als Mädchen sowieso!

 

Ihre Tante arbeitet im Vertrieb.

Elly lernt Buchhaltung.

Sie bedient Schreibmaschine und Rechenmaschine mit beiden Händen gleichschnell, Elly spielt seit zehn Jahren Klavier!

Es ist ein fortschrittlicher Betrieb.

Die Bürolehrlinge, auch die weiblichen,

müssen im zweiten Lehrjahr für vier Wochen in die Lehrwerkstatt.

Feilen, fräsen, schrauben, schweißen, schneiden, kanten, bohren.

Apropos bohren…

Wer in dieser Zeit außer in den Werkstücken-

der Nase- oder den Ohren bohrte

und dabei erwischt wurde,

flog hochkant.

Beide Teile:

Bohrer und Loch.

 

Elly bekommt zum ersten Mal männliche Anerkennung,

wenn auch anders als ersehnt.

Die Jungs aus de Montage wollen sie nicht mehr hergeben.

„Pfunds Kumpel, und

d’Händ sind richtig rum angewachsen!“

Das sie ein Mädchen ist…

Nee, da hat der Herrgott was falsch gemacht.

 

Im dritten Lehrjahr muss sie zur GF in die fünfte Etage -  ins Heiligtum.

Man hat etwas entdeckt…

Und sie war absolut nicht unschuldig daran,

dass sie es entdecken!

Sie wird vereidigt,

eingeschworen,

verschwindet für sechs Monate.

Nein, sie hat keinen dicken Bauch als sie zurückkommt!

Bekommt auch keinen.

Sie bekommt ein Büro, ein eigenes!

Als Lehrling!

Nein… sie ist kein Lehrling mehr.

Elly verwaltete von da ab die sensiblen Konten der Firma!

 

Elly ist der Tresor der Firma

„La Trésorière“

Die Schatzmeisterin!

 

Sie hat viele Neider - mit noch nicht 20.

Sie hat mit ihrer Intelligenz,

behutsamen Vorgehen und Loyalität die Firma vor großem Schaden bewahrt.

„Lehrlinge lossprechen“ ist ein Zeremoniell mit Kapelle und Tanz.

Elly ist stolz.

Sie hat mit Eins bestanden.

Sie ist die Beste aus dem ganzen Regierungsbezirk.

Die obligate Urkunde wird übereicht.

Elly tanzt mit dem Rektor der Schule - Pflichttanz!

Mit dem neuen Chef der Buchhaltung - gequälter Pflichttanz!

Mit dem Lehrlingsvertreter.

Der ist schon fünfachtel betrunken.

Elly schwebt,

ihr Vater hat sie den karibischen Tanzstil gelehrt,

den Oberschenkel des Partners zwischen ihre nehmend.

Elly fühlt zum ersten Mal im Leben schwellende Schwänze…

An ihrem Oberschenkel -

gleich dreimal.

In Elly pochen, rumoren Signale,

Signale von denen sie gehört hat. –

Die sie aber noch nie empfing.

Sie wird unvorsichtig.

Die Büro-Junghengste knobelten wer Elly verführen soll.

Elly ist reif wie eine…

- sonnendurchglühte Pflaume -

 

Das Kabuff!

Ein Holzschuppen gut verdeckt vom Liguster…

steht hinten - hinter dem Biergarten.

Zwei alte Sofas, Diwans, stehen neben den Sonnenschirmen.

Biertischgarnituren und Rasenmäher.

Es ist der „Schlachthof der Jungfernhäutchen“,

der „Tempel der Entknabung“

die Quickie - Lounge.

 

Elly wird ins Kabuff dirigiert.

Elly ist glücklich…

wird als Frau angefasst.

Elly widerspricht nicht!

Elly will endlich eine Frau sein!

Er zieht sie nackt aus, legt sie auf eine Decke am Boden…

Elly wartet.

Er steckt ihr einen Knebel in den Mund.

„Das Erste Mal schmerzt es, damit keiner dein Schreien hört!“

Er fesselt Elly…

 

Tja…

dann pissen zwölf Junghengste auf Elly…

und neun haben noch Zeit ihre Wichse abzuspritzen!

Waltraut hat beobachtet wie Elly „verführt“ wird.

Wie die Jungs, wie auf Kommando den Saal verlassen

mit teilweise eindeutigen Signalen.

Sie kann es nicht mehr verhindern - nur lindern.

Die Vier vom „Dreckigen Dutzend“ die zur Firma gehören,

 werden nicht übernommen.

 

Elly wird zum Tresor.

Elly entwickelt Antennen,

Seismographische Sensibilität.

Elly wird in Vieles eingeweiht,

von allen Seiten.

Sie ist die Verschwiegenheit,

scheu,

unaufdringlich.

Man nimmt sie nicht wahr.

Ist Elly nicht da?

Irgendetwas fehlt!

Man weiß nicht was, aber es fehlt.

 

Regina schüttet den Wein in den Kies.

„Ich schlafe links von Dir!

Jedes Mal wenn ich die Geschichte von der Rudelpisserei erzähle, werde ich spitz!“

Sie schiebt ihre Beine zwischen meine, steht ganz nah an mir.

„Komm bitte!

Nur ein Quickie!“

Zieht meinen Kopf an ihre Brust und küsst meine Stirn.

„Uns wenn es länger wird… umso besser!“

Sie stöckelt davon.

 

Das war vor zwei Jahren.

 

Es ging schneller als erwartet.

Die Verhandlungen verliefen positiv.

Der Nachmittag neigt sich langsam zu Ende.

Der Tag ist zu schön um sich ins Auto zu setzten.

Sitze in der Fußgängerzone und beobachte den Menschenstrom.

„Opa!

Opa… Füße, Bein!“

Ein Dreikäsehoch mit Laufrädchen guckt mich vorwurfsvoll an.

Ziehe meine Beine zurück

und mit einem vergnügten Quietschlaut saust er weiter -

im Slalom um die Kandelaber, Platanen und Abfalleimer.

 

„Haben Sie auch Enkel?“

Ellys Mezzosopran elektrisiert mich.

„Sie lächeln so versonnen!“

Sie steht mit einer Einkaufstasche vor mir, wie ein verschobenes Fragezeichen,

Schalk und Freude in den Augen.

Wir trinken zusammen Kaffee

und sie gestattet sich zum ersten Mal die Freiheit,

etwas von sich zu erzählen.

Nein, nur ein Kater wartet Zuhause auf sie!

Es ist das Haus oben an dieser Seitengasse,

„Das mit dem wilden Wein?“

„Ja, woher kennen Sie das Haus?“

 „Es sieht aus wie ein Feenschloss -

wie die Dornröschenburg ohne Dornen!“

Ihr Gesicht wird traurig, ihre Bewegungen nachdenklich, fahrig.

„Es… - ist meine Burg!

Regina hat es Ihnen ja erzählt!

Gute Heimfahrt!“

Sie entschwindet in der Menge.

 

Das war vor 16 Monaten.

 

„Wolf, wir müssen sie dringend sprechen!“

Ellys Stimme in gepresster Sachlichkeit.

„Heute noch!“

Tiefes Atmen.

Stimmen im Hintergrund - aufgeregtes Getuschel.

„In zwei Stunden? - Einer Stunde!

Fahren Sie bitte sofort los!“

 

„Ist das ihre Unterschrift?“

Der junge Staatsanwalt hält mir ein Blatt vor die Nase.

„Nein!“

Meine erste Reaktion.

„Unterschreiben Sie zum Vergleich!“

Er legt mir einen Blankopapierbogen hin.

„Nein! Warum sollte ich?“

Zwei Hände mit langen, schmalen Finger legen sich auf meine Schulter,

dezent lackierte Nägel.

„Wolf, man versucht Sie und zwei weitere Lieferanten hereinzulegen.

Bestechung.

Ich habe Anzeige erstattet.

Selbstanzeige!“

Schaue hoch in ein glücklich, fast verklärt lächelndes Gesicht.

Fühle ihren flachen, festen Bauch an meinem Hinterkopf.

„Sie schreiben ihre Korrespondenz in Tahoma.

Das machen nur Wenige.“

Sie verlässt den Raum.

 

Das war vor 14 Monaten.

 

In den folgenden Monaten sehe ich Elly öfters

und nach unserer aller Entlastung durch die Staatanwaltschaft

hat die GF uns alle zu einem Essen eingeladen.

Zum Abschied gestattet mir Elly ihre Hand zu küssen.

 

Das war vor sieben Monaten.

 

***

 

Vor drei Monaten -

ein Anruf.

 

„Sind Sie der… Herr… Wolf?“

Männlich klingende Stimme, Mitte Dreißig, überheblich.

„So ist es!“

„Also hören Sie mal… Ihre Rechnung!

So geht das nicht. Ich brauche…“

„Fragen Sie Elly!“

„Sie ist nicht mehr zuständig!

ICH bin jetzt ihr Ansprechpartner!“

Keine Chance an Elly ran zu kommen.

Abgeschirmt.

Kaltgestellt durch den neuen GF.

 

Jetzt dieser Anruf -

dieser Hilfeschrei.

 

Biege auf den Parkplatz ein.

DJ’s aufgepeppte Stimme schallt bis in den Vorraum.

„Wie ich höre, hat unsere Elly heute Geburtstag,

einen Halbrunden…

Auf besonderen Wunsch der GF spiele ich jetzt einen Tango,

den Lieblingstanz von Elly.

Wir alle sind gespannt, wer der bevorzugte Tänzer iiiiiiist!“

Ich spurte los.

Regina steht in der Tür zum Saal,

sieht mich kommen,

schubst den Mann zur Seite.

„Komm!“

Sie zieht mich um die Ecke - vor Elly.

Verbeuge mich.

„Bitte um den Tanz!“

Ellys schreckensweite Augen beginnen zu verstehen.

Sie springt auf - springt mich an.

„Wolf!“

 

Mit Ellys 110 Pfund in den Armen

wirble ich mitten auf die Tanzfläche.

Setze sie ab

und übergangslos

fliegen wir mit dem Rausch der Melodie -

auf eine andere Ebene…

 

Den im Weg stehenden GF nehmen wir nicht mehr wahr.

In Trance schweben wir über das Parkett.

 

Der DJ hebt eine Platte hoch - legt sie auf.

Überlagert mit den ersten Akkorden die letzten ausklingenden.

„Wir haben es gehört und sehen es:

Es ist Wolf, der Elly aufs Parkett entführt!

Ein Applaus dem Paar!“

 

Er dreht den Sound auf -

als starte eine Boeing 747.

Und wie im Sog einer Boeing 747…

entschwinden wir beide aus dem Saal.

 

Epilog:

 

 

Leichten Herzens hat Wolf seinen Alfa Romeo

gegen einen Van eingetauscht.

Elly wiegt 130 Pfund!

Das Bäuchlein wächst täglich.

Es wird ein Märzkind.

Tanzen hält beide fit.

 

© S’Rüebli

 

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