Modenschau




 

Schließlich war er nur versehentlich da hinein geraten. Er hatte nur Hunger gehabt, und ein Freund hatte ihm das Restaurant empfohlen. Und nun saß er da in einem Weiberhaufen und bestaunte eine Hausmodenschau. Bisher hatte er so was nur im Fernsehen gesehen - und es hatte ihm nicht gefallen! - Diese dünnen Bohnenstangen konnten ihm gestohlen bleiben. - Aber hier war das ganz anders. Nicht so professionell, nicht so teuer und die „Modells“ waren allesamt „Frauen von nebenan!“ Hübsch, erfrischend natürlich und sehr ansprechend.

 

Die erste Dame, die über den Laufsteg schritt, war vielleicht Anfang vierzig, blond und schlank. Reizend! Robert sah sich um. Die Zuschauerinnen waren allesamt älter. Und sie hatten alle ein paar Pfund mehr auf den Rippen, als die Kleine auf dem Catwalk.

 

Eine zweite Lady löste die erste ab. Immer noch Größe 40, aber mindestens zehn Jahre älter. Sehr wohl proportioniert - mit einen wirklich bezaubernden Dekolleté. Sein Essen schmeckte ihm auf einmal viel besser! Dieses Restaurant gefiel ihm.

 

Und dann kam die Dritte! Robert hörte auf zu essen und starrte. Eine keineswegs vollkommene Frau - und doch! „Unsere Lissy trägt ein rotes Kostüm meine Damen, und ich sage Ihnen: Rot macht gute Laune! - Versuchen Sie es. Ziehen Sie einmal morgens ein rotes Kleid an und sehen sie in den Spiegel. Sie werden staunen!“ Robert staunte auch. Und wie! Das Essen war vergessen. Diese Frau faszinierte ihn.

 

Auch Lissy war Ende 30 und mindestens 1,85cm groß. „Sie trägt Größe 42, manchmal auch 44!“, tönte die Moderatorin. „Sie wissen wie das ist, meine Damen! Ich habe auch alle Größen von 38 bis Größe 44 in meinem Kleiderschrank!“ Robert stöhnte. Diese „Größe 44“ hätte er gerne nachgemessen. Lissy war einfach eine Wucht!  Sie war so sexy - und so sehr neben dem Schönheitsideal. - Umwerfend!

 

Ihr Haar war ungekämmt. Es war blond und Frisur war das eigentlich keine. Aber es fiel gefällig um ein reizendes Gesicht. Große blaue Augen und ein zu großer, roter Mund. Aufregend! Sie hatte zuviel Busen und zu breite Hüften. Ihre Oberschenkel waren zu üppig und gerade dadurch fiel die schmale Taille erst so richtig ins Auge. Ihre Schritte waren zu groß, passten aber genau zu ihrer Art sich zu bewegen. Der rote Rock schwang sinnlich um lange und schlanke Beine. Die Schuhe passten farblich überhaupt nicht und der Hut, den man ihr verpasst hatte, war einfach grauenvoll. Aber trotzdem hätte er sie am liebsten...! Er konnte nur noch sitzen und schauen!

 

Wie wundervoll ihr Becken schwang! Wie leichtfüßig sie sich drehte! Und welch aufregende Charakteristika ihm einfielen - für sie! Animalisch, erotisch, genussfreudig, körperlich, lüstern, innig - und er konnte seine Augen nicht von ihr lassen!

 

Diesmal wurde die Dame abgelöst von einem Mann - der ihn überhaupt nicht interessierte. Er erinnerte sich wieder an sein Essen. Es war kalt! - Lissy war heiß! Er schob seinen Teller weg. Jetzt hatte er keinen Hunger mehr - nur noch Appetit.

 

Der Mann verschwand und die erste Dame kam zurück. Er spechtete nur auf die Eine: Lissy! Als sie ihre Kollegin ablöste, stockte ihm der Atem. „Lissy trägt einen weit-schwingenden, braunen Godet-Rock mit einem Sattel und eine weiße Rüschenbluse. Meine Rüschenbluse habe ich gerade von drei Jahren entsorgt - und nun sind sie wieder modern!“ Die Moderatorin traf genau den richtigen Ton - und Lissy traf genau seinen Nerv!

 

Diese Hüften! Dieses gebärfreudige Becken machte ihn schwach! Keine Frau konnte diesen Rock so tragen, wie sie! Keine Frau mit ihren Hüften hätte ihn getragen! Aber sie! Gott, war diese Frau umwerfend! „Über der Rüschchenbluse trägt Lissy eine rosafarbene Strickjacke mit einen großen Schalkragen. Sie wird mit nur einem Knopf geschlossen und Lissy zieht sie kaum noch aus, so weich und anschmiegsam ist dieses Material.“

 

Robert lächelte. Er stellte sich Lissy vor - mit nichts am Leib - außer dieser rosa Ein-Knopf-Strickjacke. Wenn sie so über den Laufsteg schreiten würde, wären die gackernden Hühner hier aber völlig fehl am Platz. Allerdings ihm heizte diese Vorstellung wirklich ein. Er brauchte nichts mehr zu essen. Seine Augen fraßen sie auf! Mit wiegenden Hüften kam sie auf ihn zu. Süß lächelnd! Sie meinte nur ihn! Ganz sicher! Sie konnte nur ihn meinen. Wie bezaubernd sie ihn anstrahlte! - Jetzt aufstehen und hingehen, sie um diese aufregenden Hüften fassen und mit Schwung herunterheben von diesem Laufsteg. Er würde sie mitnehmen - mit in sein Leben!

 

Und schon war sie wieder verschwunden - und Robert schloss die Augen. Die anderen wollte er nicht sehen. Er wollte nur sie - anschauen - und träumen von ihr! In seinen Gedanken tat er es. Er stand vor ihr und sah zu ihr auf. Dieses hinreißende Becken genau auf Augenhöhe. Seine Hände sanft streichelnd - über die schmale Taille. Wie zerbrechlich sie wirkte! Und dann weit ausholend nach außen - eine perfekte Sinuskurve - ihr Fleisch unter seinen Fingern. Weich und fest - aufregend. Zärtlich glitten sie über diesen Traumkörper hinunter - bis zum Saum dieses unsäglichen Rockes. Er zitterte als er seine Hände um ihre Knöchel legte - und strich langsam an den bestrumpften Beinen höher - unter den Rock - in die Tiefen Elysiums!

 

„Und nun sehen Sie Lissy in braun und blau!“ Robert riss seine Augen auf. Sie stand direkt vor ihm. Sie konnte anziehen was immer sie wollte - sie war ein Traumweib! Jetzt trug sie eine enge Jeans mit brauen, hohen Stulpenstiefeln, ein enges braunes T-Shirt und darüber einen tief ausgeschnittenen blauen Pullover. Das war eine Sanduhr-Figur! So sexy! Um den Hals hatte sie einen dunkelbraunen Schal geschlungen, der ihre Brüste optisch teilte. Lässig sah sie aus! Lässig und nonchalant! Unbefangen schritt sie über den Laufsteg. Sie war kein Mannequin - und doch war sie es so sehr. Abbild aller Weiblichkeit. Keine konnte ihr das Wasser reichen. KEINE! Und ihre Hüften schwangen! Er musste sie kennen lernen. Er musste!

 

Noch einmal kamen alle Modells auf den Laufsteg - drehten sich - lächelten. Sie verabschiedeten sich vom Publikum und verschwanden - in ihrer Umkleide. Robert würde am Ausgang auf sie warten. Er würde sie ansprechen - einladen. Er würde all seinen Charme aufbieten. Er wollte sie haben. Diese Frau musste er einfach haben! Er bezahlte und suchte sich einen passenden Platz, während die anderen Gäste das Restaurant verließen. So unauffällig wie nur möglich stand er da am Eingang - rückte, machte Platz für die Meute. Neben ihm stand ein junger Mann, lächelte gewinnend - und dann kam SIE! Lissy! - „Robert! Liebling!“ Ihm wurde schwarz vor Augen. Ein Wunder geschah. Sie lief direkt auf ihn zu - strahlend - und fiel in die Arme des jungen Mannes neben ihm! „So lieb von dir, dass du mich abholst!“, flötete sie und küsste ihn zärtlich auf beide Wangen.

 

Warum war ihm nur plötzlich schlecht? Er konnte sich doch nicht verliebt haben - in dieser halben Stunde.  Er, der immer die „Liebe-auf-den-ersten-Bilck“ in das Reich der Märchen verwiesen hatte! Aber sie sah doch ihn an - während sie in den Armen des anderen lag. Diese Blicke - waren so - forschend - so lockend! Irgendetwas stimmte hier nicht. So ein kleines Biest! Knutschte einen anderen ab und flirtete was das Zeug hielt - mit ihm!

 

Und nun? Was nun? Wollte er das so haben? Er riss sich zusammen und schüttelte den Kopf. Dann ging er hoch erhobenen Hauptes an ihr vorüber - und verließ das Lokal. Auf dem Parkplatz suchte er sein Auto. Herrgott, tat das weh! Da fand man einmal im Leben eine Traumfrau - und sie war schon vergeben!  Robert verfluchte den Freund, der ihm ausgerechnet dieses Lokal empfohlen hatte. Obwohl der nichts dafür konnte. Besser hätte er gar nichts gegessen. Jetzt war ihm jedenfalls schlecht. Er setzte sich in seine Autotüre und rauchte. Eigentlich wollte er sich das Rauchen abgewöhnen! Frauen mochten das nicht. - Aber nicht heute! Nein, heute nicht! Was für ein Scheißtag!

 

„Haben Sie vielleicht mal Feuer?“, fragte eine dunkle Stimme. Er griff nach seinem Feuerzeug. „Natürlich - gerne!“, brachte er gerade noch heraus - bevor er es fallen ließ. Vor ihm stand Lissy. Ihre großen Augen blickten ein wenig unsicher. „Habe ich mich so getäuscht?“, fragte sie leise. So eine Hexe! „Nein!“, krächzte er. Dann räusperte er sich und sagte überlaut: „Aber ich! - Wo ist ihr Mann?“ Langsam kehrte die Sicherheit in ihren Blick zurück. „Mein - Bruder - musste zum Dienst!“ Als Robert es begriffen hatte, nahm er ihr die Zigarette aus der Hand und zog sie in seine Arme. „Damit kann man nicht küssen!“, erklärte er - bevor er genau dafür den Beweis antrat.

 

 

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