Späte Erkenntnis

 

Und wieder war eine Chance vertan.

Die Türe war hinter ihr ins Schloss gefallen und sie war fort.

War das schon ihre Station? -

Und er saß in diesem Zug und fragte sich, warum er es ihr nicht sagen konnte.

Wieder einmal hatte er so getan, als bedeute sie ihm nichts,

als wäre da überhaupt kein Gefühl

- dabei bebte er vor Verlangen.

 

„Liebling, mein Liebling!

Komm zurück! Bitte, komm zurück!“

Stöhnend schlug er die Hände vor sein Gesicht.

Beinahe immer schon hatte er sie geliebt - und er hatte sein ganzes Leben vertan.

Nein, gesagt hatte er es ihr nie.

Warum nicht?

Nun!

Er war feig!

Damals hatte er nichts gesagt, weil es einfach unmöglich war.

Und heute? -

Vielleicht hatte er sich heute einfach daran gewöhnt, seine Gefühle zu verstecken.

 

Seine Hände zitterten vor Sehnsucht.

Sein ganzer Leib verzehrte sich nach ihr, nach dieser einen Frau,

die er niemals besessen, niemals gehalten hatte -

und die er doch niemals vergessen konnte.

„Liebste!“

Er schloss die Augen,

und als er das leise Geräusch der Verbindungstüre hörte, atmete er tief ein.

War sie zurück gekommen?

 

„Ich liebe dich!“, flüsterte er.

„Ich kann nicht ... Liebling! -

Egal, was geschehen wird. Egal, wie es weitergehen wird.“

Erregt presste er seine Lider fest zu.

Er wollte nicht wissen ...

„Ich liebe dich!

Ich ... ich ... werde mich blamieren!

Ich weiß ... mehr noch! -

Ich will ...!

Ich liefere mich aus.

Du, nur du sollst die Macht haben!

Nur du hast Macht über mein Herz - über mich! -

Ich will, dass du es weißt! -

Ich habe dich geliebt - mein ganzes Leben lang.“

 

Er atmete schwer, wagte nicht, sie anzusehen.

Ihre blauen Augen konnten ihn verbrennen, in den Himmel heben,

verrückt machen und auch ... töten.

Sie konnten ihn in die ewige Verdammnis schicken,

aber nur mit ihr, nur durch sie ... wäre auch ... Himmelreich.

Eine Gänsehaut überlief seinen Körper.

Wie sehr er sie begehrte!

 

Einmal nur!

Ein einziges Mal hatte er sie gespürt - in seinen Armen gehalten,

einmal ihren berauschenden Duft begierig in sich aufgesogen.

Einmal hatte er seine Lippen sanft auf ihre Haut gedrückt und gebetet,

dass sie nicht erwachte.

Und dieses eine Mal, war der Traum seines Lebens geworden.

 

„Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich!“

Er flüsterte es besinnungslos vor sich hin.

War sie fort? -

Sie war ausgestiegen,

hatte ihn verlassen und er war vereinsamt zurückgeblieben.

So wie immer! „Wovor hast du solche Angst?“, hatte sie ihn gefragt - damals.

Und er hatte keine Antwort für sie gehabt.

Er hatte immer noch keine Antwort.

 

Es blieb ihm nur die Sehnsucht und sein verdammtes Verlangen,

das Heimweh nach ihr, einer Frau, die er nie wirklich sein eigen genannt hatte.

Er spürte nur zu deutlich sein Unvermögen - und er hasste sich dafür.

„Liebling!“ -

Verzweifelt sank er in sich zusammen.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag:

Aus Angst sich zu blamieren, hatte er seine Chance vertan,

die Chance auf Glück! -

Aus Angst vielleicht leiden zu müssen!

Litt er denn jetzt weniger?

 

War er denn so wichtig?

Was wäre denn gewesen ...?

Hätte sie ihn ausgelacht ...? -

Jetzt - würde er alles tun!

Er würde sich erniedrigen, blamieren, was auch immer.

Jetzt wollte er nur noch ihre Liebe! -

Ihr seine Liebe gestehen.

„Ich liebe dich!“, flüsterte er. 

Jetzt!

Endlich konnte er seine Augen öffnen.

Das Urteil hinnehmen ... aus ihrem Mund.

 

„Geht es dem alten Mann nicht gut?“,

fragte ein kleines, blondbezopftes Mädchen besorgt ihre Mama,

als sie an ihm vorüber gingen, um einen freien Sitzplatz zu suchen.

Ihre blauen Augen blickten mitleidig

- und im Abteil hing der sanfte Duft,

den er geliebt hatte, so lange er denken konnte.

Eine kleine Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel.

Er seufzte tief.

 

Wer konnte einen Duft schon festhalten?

 

 

 

© BvS

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