Gedankenspiele zum Jahreswechsel

 

Sein Name war Simon van Helsing und er war nicht verwandt. Ehrlich gesagt hatte er es satt, immer und immer wieder gefragt zu werden, ob er mit Professor Abraham van Helsing verwandt sei. Er war kein Vampirjäger und er wollte auch keiner sein. Er war ein völlig normaler Mann, Zahnarzt und geschieden. Er war Deutscher und dass er in Rom lebte, war nur seiner Verflossenen zu danken. Sie war Römerin und die schönste Frau gewesen, der er jemals begegnet war. Dass Schönheit alleine nicht ausreichte, hatte er erst nach viereinhalb Jahren Ehe schmerzlich erkennen müssen. Rom gefiel im trotzdem und nachdem seine Praxis inzwischen sehr gut lief, blieb er auch nach der Trennung von Franca.

 

Tre Visi war inzwischen zu seinem Stammlokal geworden. Seit zwei Jahren, seit seiner Trennung von Franca, kam er beinahe jeden Tag zum Essen - und auf einen Schwatz mit Paolo, dem Eigentümer. Und vor einiger Zeit hatte Paolo ihn gefragt, ob er ihm nicht einen großen Gefallen tun könnte. Im Tre Visi würde es eine große Silvester-Gala geben, und sein Klavierspieler hatte ihn versetzt. Paolo wusste, dass Simon leidenschaftlicher Pianist war, und da er sowieso da sein würde an Silvester - und da er alleine war ... Er hatte ihn gebeten, ein paar Stunden zu spielen - von acht bis elf Uhr - und nachdem Simon die leeren, einsamen Stunden fürchtete, sagte er zu. Schließlich wusste er, dass Paolo in dieser Nacht kaum Zeit für ihn haben würde, also war er dankbar für eine Beschäftigung.

 

Um sieben Uhr traf er mit seinem Keyboard bei Paolo ein und sah sich um. Es würde voll werden. Man hatte umgestellt, und in der Mitte des Raumes standen doppelt so viele Tische wie normalerweise. „Wohin soll ich das Instrument stellen?“, fragte er irritiert. Paolo zeigte es ihm. Simon wusste nicht, ob er verärgert sein sollte oder nicht. Er war gezwungen, sich in die Ecke vor der Garderobe zu quetschen - mit dem Rücken zur Wand. Sein Kopf passte so gerade eben noch neben ein Regal. Er saß hier jedem im Weg. Aber ein anderer Platz stand beim besten Willen nicht mehr zur Verfügung, und so baute er sein „Piano“ auf und versuchte sich so klein und unauffällig wie nur möglich zu machen. Er wollte seinen Freunden nicht im Weg sein.

 

Kurz vor acht Uhr legte er seine Hände auf die Tasten und schloss die Augen. Die glatte, kühle Oberfläche schenkte ihm Glück und Ruhe. Immer! Simon lächelte - und dann begann er. Das Lokal war brechend voll, doch auf einmal trat Ruhe ein. Er sah sich um. Man lauschte - ihm! Und dann sah er sie! Genau gegenüber, in der Mitte des Raumes stand ein einzelner kleiner Tisch. Er war an einen anderen größeren Tisch angeschoben worden, an dem zwei Paare saßen. Aber an dem kleinen Tisch saß kein Paar. Da saß eine einzelne Frau - und sie sah ihn an.

 

Beinahe hätte er vergessen, wozu er hier war. Durch die brennenden Lichter eines silbernen Kerzenleuchters sah er in lächelnde, kornblumenblaue Augen. Ihr Haar fiel in rotgoldenen, vollen Wellen bis zum Kinn, umrahmte ein ebenmäßiges Gesicht mit hohen Wangenknochen. Ihre Lippen schimmerten im Kerzenlicht korallenrot, und er sah sie fasziniert an. Sie sang! Sie sang tatsächlich den Text seines Liedes mit. Er konnte es von ihren Lippen ablesen - und er musste lachen. Auf einmal gefiel ihm dieser Platz hier. Dieser Platz und dieser Abend. Als er seinen Song beendete, klatschte sie entzückt und lächelte ihn an.

 

Zunächst war Ariane nicht so glücklich gewesen mit diesem „Katzentisch“, aber jetzt ... Dieser Pianist gefiel ihr. Sie hatte ihn hier noch nie gesehen, obwohl sie eigentlich oft hier speiste. Ariane hatte geglaubt, sie würde alle Alleinunterhalter von Paolo kennen. Ihn kannte sie nicht. Er wäre ihr im Gedächtnis geblieben, denn er war genau ihr Typ. Gut sah er aus. Wie ein richtiger Römer. Er trug einen schwarzen Anzug und ein dunkelrotes Hemd. Dazu eine Fliege im selben Rot. Sein Haar war silbergrau und dicht und fiel lang in den Nacken. Er hatte einen buschigen Schnurrbart und ansonsten einen sehr sexy Drei-Tage-Bart. Wie alt er wohl sein mochte? Sie schätzte ihn auf Mitte/Ende vierzig. Dieser Mann war genau ihr Fall!

 

Und erst diese Hände! Oh ja, der Platz war richtig. Sie wenigstens, hatte genau die richtige Aussicht. Schöne Männerhände, braun gebrannt und gepflegt. Die Hände eines Künstlers. Oder eines Arztes. Auf jeden Fall hätten sie eher auf einen Frauenkörper gehört, als ... „Ja, Donnerwetter! Was dachte sie denn da?“ So schnell war sie doch sonst nicht mit ihren Wünschen! Aber dieser Mann elektrisierte sie. Und seine Melodien gingen ihr direkt ins Blut. „Man müsste Klavierspielen können, wer Klavier spielt hat Glück bei den Frau’n!“, intonierte er kurz - und sie verstand die Anspielung und musste lachen. Ein geistreicher Mann! Und das zu Silvester! Schade nur, dass sie nicht reden konnten. Trotzdem! Vielleicht würde das den besonderen Reiz dieser Beziehung ausmachen. Eine Augen-Liaison! Sie war nicht länger alleine - und der Abend würde interessant werden.

 

Simon war auf einmal bester Laune. Was blaue Augen so alles anrichten konnten bei ihm! Er grinste in sich hinein. Franca hatte immer gesagt, er sei weltfremd im Bezug auf Frauen. Vielleicht hatte sie ja Recht gehabt. Wenn er sich überlegte, dass nur ein einziger Blick genügt hatte, um sein Lebensgefühl völlig auf den Kopf zu stellen! Hatte er sich verliebt? Nein! Bestimmt nicht, aber ... Aber? Er musterte sie genauer. - So was Dummes. Paolo hatte eine optische Trennwand eingebaut. Er hatte vor den Tisch ein kleines Regal gestellt, das ihm jetzt die Sicht verwehrte. Darauf stand der Kerzenleuchter. Simon fluchte lautlos vor sich hin. „Gut! Konzentrier dich! Schau dir zumindest an, was du sehen kannst!“, befahl er sich.

 

Ihr honigblondes Haar hatte einen charmanten Rotstich, was aber möglicherweise auf die Kerzen zurückzuführen war. Eine üppige Mähne! Dicht und glänzend woben die Strähnen beinahe einen Heiligenschein um ihren Kopf. Er stellte sich vor, wie sie vor ihm auf seidenen Kissen aussehen würde - das Haar wie eine Gloriole um dieses Engelsgesicht.

 

Obwohl! Engelhaft waren ihre Lippen nicht gerade! Eher süß - sündig! Teuflisch! Aufreizend! Ein sinnlich aufgeworfener Mund - wie geschaffen zur Lust. Was sie damit alles tun könnte! Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie diese Lippen ihn ... und griff prompt daneben. Ein schräger Missklang erfüllte den Raum, und er riss erschrocken die Augen wieder auf. Aber niemand reagierte. Simon stieß einen Seufzer aus. Gott sei Dank! - Aber diese Vorstellung war derart plastisch gewesen, dass er ihre roten Lippen zu spüren vermeinte. Er rutschte hin und her, spreizte die Schenkel und versuchte so unauffällig wie nur möglich seiner Männlichkeit Raum zu verschaffen. ER wuchs unaufhörlich! –

 

„Weiter zum Donnerwetter! Vergiss diese Lippen! Sie hat ja schließlich auch noch Augen!“, befahl er sich und schaute geradewegs in zwei strahlende Sterne. Hatte er jemals solch wundervoll blitzende Diamanten gesehen? Hellblau und von durchdringender Leuchtkraft. Und wie sie ihn ansah! Bewundernd! Oder bildete er sich das nur ein? So umwerfend war er doch schließlich auch wieder nicht, dass ihn eine Frau nur ansehen musste - und schon war sie hin und weg? Diese funkelnden Blicke rührten sicher nur vom Kerzenlicht her - und galten nicht ihm. Oder vielleicht doch? - Ach wie gerne wollte er das glauben.

 

Ob sie Römerin war? Ihre Wangenknochen waren eindeutig slawischer Herkunft - was aber natürlich kein Hinderungsgrund war. Schließlich war Rom einmal die Hauptstadt eines weltumspannenden Reiches gewesen. Außerdem konnte man auch ihn für einen Römer halten. Er wusste es. „Also keine voreiligen Schlüsse!“ Aber war es nicht egal? Wo auch immer sie herkam - er liebte diese hohen Jochbögen! Die Haut über ihren Wangen spannte dadurch besonders, fiel geradezu ein bisschen ein - was seine Gedanken sofort wieder auf Abwege führte. Herrgott! Einfach alles an ihr erregte ihn!

 

Der schlanke Hals, der seinen Blick geradezu zu einem entzückenden Dekolleté zu führen schien, schmale Schultern und einen, in dunkel schimmernde Seide verpackten Busen. „Mindestens D!“, schoss es ihm durch den Kopf, und dann besah er sich die milchweiße Haut ihres Dekolletés. „Ihre Brüste sind bestimmt noch eine Nuance heller“, überlegte er. „Und dann wäre da der unglaubliche Kontrast zu fast dunkelroten Brustwarzen. Matt glänzend - wie ihre Lippen!“ Seine Fantasie ging mit ihm durch. In Gedanken umfasste er aufreizende Brüste. Seine Finger krümmten sich, und er konnte gerade eben noch verhindern, dass er schon wieder daneben griff!

 

Ariane sah seine hungrigen Blicke. Sie wusste nicht, ob sie irritiert oder geschmeichelt sein sollte. Sein Lächeln überzeugte sie in Sekundenschnelle. Sie war bezaubert. Wie reizend er lächeln konnte. Herzerwärmend. Seine dunklen Augen sprühten Lebensfreude - Leidenschaft. Ariane wollte sich darin verlieren, versinken in der zärtlichen Wärme seiner bewundernden Blicke.

 

Wie gut er aussah! Das lange, silberne Haar reichte ihm bis zum Kinn, streichelte die raue Haut seiner Wangen. Männlich sah er aus! Begehrenswert! Sein Kinn hatte ein kleines Grübchen - und sie überlegte, wie es sich anfühlen würde, es zu küssen, seine Tiefe zu ertasten - mit ihrer Zungenspitze. In Gedanken ließ sie Ihre Zunge wandern - über das Kinn hinauf zum Ohr. Sie leckte an seinem Ohrläppchen und knabberte, biss zärtlich hinein. Ob sie ...? In ihrem Kopf durfte sie alles! Also schob sie sich weiter vor, kitzelte seine Ohrmuschel und stieß zu. Eine Gänsehaut rieselte über ihren Rücken, und sie richtete sich steil auf, stöhnte leise. Was hatte dieser Mann an sich, das sie zu solchen Gedanken verführte?

 

„Strangers in the night“ intonierte er, und sie musste lächeln. Er wusste, wie er sich verständlich machen konnte. Das gefiel ihr. Ariane stand auf. Umständlich griff sie zu ihrer Handtasche. Sie hing an der Lehne ihres Stuhles fest und fiel hinab. Schnell trat sie zurück und beugte sich hinunter. Sollte er sie ruhig betrachten.  Ariane würde ihm ihre Schokoladenseite zeigen. Augenblicklich sah er nur Beine! Wie gut, dass sie heute, zur Feier des Tages, Nahtstrümpfe angezogen hatte. Und natürlich die neuen silbernen Sling-Pumps!

 

Simon beobachtete sie fasziniert. War das jetzt Absicht gewesen - und eine Galavorstellung - oder tatsächlich ein wundervoller, unglaublicher Zufall? Was für ein hinreißend pralles Hinterteil sie hatte! Der anthrazitfarbene, kurze Seidenrock schmiegte sich eng um verlockende Rundungen - und er stellte sich vor, wie dieser Po ohne die süße Verpackung aussehen würde. Wie gerne würde er es auspacken, dieses verlockende „Geschenkpäckchen“! Seine Blicke streichelten ihre Schenkel. Nahtstrümpfe! Ihm wurde heiß. Ob es tatsächlich echte Nylons waren? Oder „nur“ Strumpfhosen mit Naht? Beugte sie sich noch tiefer? - Und wenn ja, tat sie es ... für ihn? - Oh ja! Es waren Strümpfe. Er hatte für einen kurzen Moment den dunkleren Rand gesehen und einen Schimmer heller Haut. Er folgte der Naht von oben nach unten. Wie lang ihre Beine waren! Zauberhaft! Die Absätze waren gefährlich hoch und sexy! Allein ihre Beine konnten ihn vergessen lassen, was er zu tun hatte. Und dann spreizte sie sie - und seine Stimme versagte.

 

Sie hatte ihre Tasche geangelt und richtete sich auf. Simon hatte genug gesehen - für den Moment. Langsam drehte sie sich um und lächelte ihn an - und dann drängte sie sich an ihm vorbei. Sie würde sich wohl „die Nase pudern“. Ihm war heiß geworden. Er wünschte diese dumme Trennwand zum Teufel. Was würde er sehen können - ohne das Regal - aber so! Und das alles nur wegen eines Kerzenständers! Dieses Kostümchen war wirklich aufregend kurz. Und wenn sie es wollte ... Er würde aufregende Aussichten genießen können. Ihm wurde ganz  schwach, wenn er sich nur vorstellte, wie sich ihre Knie öffneten - für ihn.

 

Solange sie nicht da war, konnte er auch ... Er machte Pause und suchte Paolo. „Sag mal, kannst du nicht das Regal wegräumen?“, fragte er. „Da kommt ja kaum ein Mensch vorbei!“ Sein Freund sah ihn an und grinste. Er wusste sofort Bescheid. „Nachher, bevor die Tänzerin kommt!“, versprach er und Simon nickte.

 

Als Ariane zurückkam, hatte sich etwas verändert. Simon hätte nicht sagen können, was es war. Trotzdem fühlte er es! Ihre Hüften schwangen sinnlicher als vorher. Sie bewegte sich aufreizender. Oder bildete er sich das nur ein. Und wenn nicht ... Was hatte sich plötzlich verändert?

 

Lächelnd setzte sie sich zurück an ihren „Katzentisch“. Sie hätte es ihm sagen können! Ihre Bewegungen - ihre erotische Ausstrahlung war eine direkte Folge ihres kleinen „Stripteases“, den sie in der Toilette vollzogen hatte. Sie hatte ihr Höschen ausgezogen, genüsslich daran geschnuppert und es dann in ihrer Handtasche versteckt. Zwischen dem Strapsgürtel und den Strümpfen konnte sie jetzt ihre nackte Haut spüren - und sie konnte sich vorstellen, seine Hände dort zu fühlen. Ariane stöhnte leise. Vielleicht würde er spüren, wie sexy sie sich fühlte. - „Wild thing ...you make my heart sing ...“ - Oh ja! Er hatte es bemerkt! Sie lächelte und ließ ihre Hüften noch ein bisschen aufreizender schwingen.

 

Das würde ihre Nacht werden! Schade nur, dass ein Regal zwischen ihnen stand, sonst hätte das noch viel aufregender werden können - heute Nacht!  Schließlich war sie in dieser Hinsicht recht großzügig - wenn ihr danach war. Sie schmunzelte bei diesem Gedanken zufrieden in sich hinein. Kaum hatte sie diesen Wunsch gehabt, schien er auch schon in Erfüllung zu gehen. Paolo trat zu ihr und entschuldigte sich. Er müsse das Regal jetzt leider entfernen, denn in zehn Minuten käme seine Hauptattraktion - eine sizilianische Tänzerin. „Bitte haben Sie Verständnis, Senora!“, warb er um ihre Zustimmung. Dabei hätte er ihr gar keinen größeren Gefallen tun können.

 

„Räumen Sie das Regal ruhig zur Seite! Ich kann meine Tasche auch an den Stuhl hängen!“, gestattete sie großmütig und schob ihren Stuhl zurück. Er sollte sie sehen! Aufregend langsam setzte sie sich in Positur. Profil! Ihm sollte heiß werden. Ihre Oberweite hatte es nicht nötig betont zu werden, aber sie richtete sich auf, nahm die Schultern zurück, und dann schlug sie ihre Beine übereinander und stellte sie seitlich schräg. Ihr Rock war hoch gerutscht. Ariane lächelte. Sie würde nicht bemerken, dass man jetzt die Ansätze ihrer Strümpfe sehen konnte - mitsamt den Strapsen. Schließlich wusste sie, dass ihre Beine sensationell waren - und nach seinen Blicken zu urteilen, wirkten sie auch so!

 

„Das machen nur die Beine von Dolores!“ Er lächelte sie an - bewundernd. Ob sie dieses Lied kannte? Schließlich war das ein alter deutscher Schlager. Aber die Melodie war ganz spontan in seine Tasten geflossen. Sie hatte aber auch Beine! Da konnte man(n) schon schwach werden. Diese silbernen Riemchen um schlanke Fesseln! Diese Absätze! Wie aufregend sie ihren Fuß zur Geltung brachten. Wie hoch sich ihre Fußrücken bogen! Sexy! Und dann der elegante Schwung von der Ferse zur Wade. Diese Knie! „Ich hab dein Knie gesehn!“ Er lachte und dann beendete er seine Darbietungen, denn jetzt kam die Sizilianerin.

 

Normalerweise hätte sie ihn brennend interessiert. So aber hatte er keinen Blick übrig. Genauer gesagt, er bemerkte sie nicht mal. Seine Augen hingen an der schönen Fremden. Seiner Fremden! An ihren Formen, diesen wundervoll weiblichen Kurven, diesen Schenkeln, die sich so aufregend aneinander rieben. Wenn er sich vorstellte, seine Fingerspitzen daran entlang gleiten zu lassen - dazwischen zu schieben, dann war er heilfroh, momentan nicht spielen zu müssen, denn seine Hände zitterten. „Komm schon, spreiz deine Beine! Lass es mich sehen ...!“ Oh, oh! Seine Fantasie ging mit ihm durch!

 

Auch Ariane sah nichts von den wirbelnden Drehungen und Schwüngen der Tarantella. Sie konzentrierte sich auf ihren Flirt. Er stand neben seinem Instrument und sie betrachtete ihn. Wie gut er aussah. Wenn sie sich vorstellte, wie sie ihm diesen Anzug ausziehen würde! Sein Hemd aufknöpfen und ihre Finger hinein schieben. Sehnsüchtig schloss sie die Augen. Sich an ihn schmiegen, ihre Hände unter seinen Achseln nach hinten schieben - und ihm dann mit ihren Nägeln eine aufreizende Spur über den Rücken ziehen. Wundervoll! Er würde sich an sie pressen - sehnsüchtig nach ihrer Berührung! Gierig! So wie sie! Sie wollte ihn spüren!

 

So, als würde sie den Bewegungen der Tänzerin folgen, drehte sie sich zur Seite. Ein Bein ließ sie wie versehentlich stehen, öffnete so ihre Knie, bis der ohnehin kurze Rock hochgeschoben zwischen ihren Oberschenkeln spannte. Wenn er jetzt nicht an die Wand gelehnt stünde ... er hätte einen sehr aufregenden Blick zwischen ihre Schenkel genießen können. Sie lächelte und betrachtete angelegentlich die Tänzerin. - So entging ihr, dass er blitzartig ein Notenblatt von seinem Instrument gegriffen hatte - und es fallen ließ. Als sie ihn erneut ansah, kauerte er am Boden und betrachtete genüsslich, was sie ihm so bereitwillig bot. Das Blut schoss ihr in Gesicht und Unterleib - und sie schloss die Schenkel. Wie gut, dass sich gerade eben der Rosenverkäufer mit einem großen Strauß roter Rosen zwischen sie schob. Lange würde sie hier nicht mehr bleiben können! Wenn sie hier sitzen blieb, würde ihr silbernglänzender Rock feuchte Flecke bekommen!

 

Simon war der Atem vergangen. Er liebte solch frivole Spiele - und hatte doch noch nie eine passende Partnerin gefunden. Diese aufregende Fremde war einfach für ihn gemacht! Er würde noch eine halbe Stunde zu arbeiten haben - gerade noch bis sie das Dessert verspeist hatte, dann würde er zu ihr gehen und sich vorstellen. Er konnte es kaum erwarten. Wie süß sie errötet war, als sie bemerkt hatte, dass er es wusste!

 

„You must remember this, a kiss is just a kiss!“, spielte er an und ihre Augen wurden noch größer. Ihre Lippen formten lautlos die Worte: "Play it again, Sam!" Und sie griff zu ihrem Glas und prostete ihm unmerklich zu. Lange würde es nicht mehr dauern! Denn lange würde er es auch nicht mehr aushalten. Wie sehr sie ihn animierte! Zwei, drei Songs noch und er war mit seinem Programm durch. Er hatte Paolo geholfen, und dann konnte sein Silvesterprogramm beginnen. In Gedanken saß er schon bei ihr. Rasch packte er seine Noten ein und stellte sein Instrument an die Wand. Jetzt noch ein paar Worte mit Paolo, eine Flasche Champagner und zwei Gläser - dann ...

 

Als er zurückkam, war ihr Platz leer. Wo war sie geblieben? Er kam sich vor, wie bestellt und nicht abgeholt. „Gabriella! Wo ist die Lady von dem kleinen Tisch in der Mitte?“ Die Bedienung würde es wissen. Gabriella zuckte mit den Schultern. „Sie hat gerade bezahlt und ist gegangen. Sie sagte, sie würde noch Besuch erwarten!“ Simon wurde schlecht! Das durfte doch nicht wahr sein! Konnte er sich derart getäuscht haben? Fassungslos sank er auf den Schemel neben sein Keyboard und stellte die Flasche darauf. Als er die Gläser dazu stellen wollte, sah die Karte. *Ariane Del Borello - Via Allessandro Severo 107 - Roma* stand darauf. War es das, was er glaubte? - War ER ihre Verabredung? Dann war die Dame noch mutiger, als er es für möglich gehalten hätte. Egal! Er musste es wissen - es ganz einfach ausprobieren. Denn wenn er es nicht tat ...

 

Als er aufstand, verließ gerade der Rosenverkäufer das Ristorante. Simon schnappte seinen Mantel und eilte ihm nach. 50 Euro kosteten ihn die Restbestände des hochbeglückten Mannes - und ein Taxi bekam er auch noch. Schließlich war noch nicht Mitternacht. Und dann stand er vor einer entzückenden, kleinen Villa in der Via Allessandro Severo - mit einem riesengroßen Rosenstrauß und einer Flasche Champagner in der Hand und wusste nicht so recht, ob das, was er da im Begriff stand zu tun, nicht doch sehr verrückt war. Er schüttelte seinen Kopf. Ja, er war weltfremd - gerade im Bezug auf Frauen. „Traf das auch auf diese zu?“ Er musste es wissen. Also drückte er auf die Klingel. Das Eingangstor schwang auf und da stand sie! Sie hatte das Oberteil des Kostüms abgelegt, trug nur noch eine schwarze Korsage, den engen, kurzen Rock, die Nahtstrümpfe und hohe Pumps. Ihr goldenes Haar, fiel weich in die Stirn und große, kornblumenblaue Augen lachten ihn an. In der Hand hielt sie zwei leere Gläser und im Hintergrund sang Frank Sinatra:

 

                                         „That’s why the Lady is a Tramp“.

 

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