Panta Rhei

 

Ich stehe am Fluss und schaue hinaus. Glatt und spiegelnd liegt er vor mir. Die Nebel verhüllen die Ufer beinahe. Die kahlen Bäume gegenüber wirken wie ein gelungenes Aquarell. - Traurig und schön. Und irgendwie ist so auch meine Stimmung. Eigentlich müsste ich glücklich sein - denn schließlich geht es mir gut! Eigentlich!

 

Aber die Wasserfläche ist von trügerischer Glätte. Wenn man genau hinschaut, kräuselt sich die „Haut“ und winzig kleine Verwirbelungen bringen das kühle Nass zum Leben. Kleine Wellen nur, die sich so schnell auswachsen können zu riesigen Wogen, die einen gnadenlos in die Tiefe reißen - wenn man nicht schwimmen kann.

 

Ich kann schwimmen. Dachte ich zumindest. - Kann ich schwimmen? Kann ich es gut genug? Oder kann ich den Wirbeln in meiner Seele nicht widerstehen? Vielleicht gefällt mir auch die Glätte nicht länger - und ich möchte ein bisschen Karussell fahren? Hinein in einen Wirbel und mein wunderbares Leben durchschütteln? Hals über Kopf.

 

Die Wellen fließen - weiter und weiter. Weg von mir. Hin zu...? Dahin, wohin meine Gedanken ziehen. Ein paar traurige Momente lang folge ich ihnen zurück - in die Ferne. Zu der Welle, die mich wiegte, die mich umschmeichelte, die mich erfrischte, mir Gemüt und Sinne aufpeitschte. Die unvergessen in meiner Seele schwingt.

 

Fließende Hände, die mich betören, die meinen Leib erregen und mich nach mehr verlangen lassen. Die alles - wirklich alles erkunden - tief und endgültig. Dinge entdecken, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt. Aufregend und aufreizend - Neues zu erfahren. Zu kosten von fremden Erfahrungen - Gefühlen, die mein sind - und doch wieder nicht.

 

Ich  möchte am Liebsten die Welt vergessen und mich dem Fluss überantworten. Hineinspringen - nur um zu sehen was geschehen wird. - Nur um zu sehen, was geschehen wird? Ich weiß doch, was geschehen wird. Oder vermute ich es nur? Das Wasser, das mein Element ist seit je, wird mich lieben. Es wird meine Sehnsucht stillen, denn es erwidert meine Gefühle. Aber dann wird es mir seine Kraft zeigen. Es lässt sich nicht beherrschen. Es wird mich fortreißen und hinab ziehen in tiefe, dunkle Unwägbarkeiten.

 

Es wird mich und mein Leben auf den Kopf stellen und mit mir spielen, bis mir die Luft wegbleibt. Solange bis ich um Luft ringend am Grund liege, benommen von der Schönheit der schillernden Wogen über mir. Betäubt von Gefühlen, die mich in Sicherheit wiegen und mich alle Gefahr vergessen lassen. Entflammt von Händen, die mich berühren, Fingern die eindringen in meinen Leib, Zungen die wildes Entzücken in mich senken.

 

Berückt von einer Liebe, die so tief ist wie alle Gewässer dieser Erde und genauso wenig greifbar. Ich kann sie nicht halten, denn sie gehört nicht mir. Sie zerrinnt zwischen meinen Fingern, ist Element, Geschenk des Universums an alle Welten des Lebens - und an mich. Geschenk und Gefahr. Leben und Verderben.

 

Und das will ich wirklich? Ich, die immer nur Sicherheit wollte? Deren Leben so wunderschön dahinplätschert wie ein kristallklarer Gebirgsbach? - Nein, nicht wirklich. Nur für einen Moment hat mich der große, weite Fluss betört - mit all seinen Wellen und Verwirbelungen. Denn schließlich ist er ein Wunder der Natur - zauberhaft schön, aufregend und so verführerisch. Er ist das Leben mit all seinen Verlockungen. Beinahe unwiderstehlich! - Beinahe!

 

Und dann drehe ich mich um und gehe - zurück zu meinem Gebirgsbach mit seinen glitzernden Kaskaden, zu den gischtenden Wasserfällen, in denen sich das Sonnenlicht zu einem Regenbogen bricht. Aber trotz allem werde ich dich nicht vergessen, mein Fluss. Denn deine Macht hat mein Herz berührt.

 

© BvS                                                                                        Ihre Meinung?