Abendmahl

für Achim


 

Kurt sah hinaus durch das wunderschöne, farbige Rosettenfenster. Es war Sonntag und es schneite. Seine Predigt war gut gewesen, und er war schon fast am Ende. Jetzt kam noch das Abendmahl, und dann konnte er durch das leise Schneegeriesel nach Hause gehen. Er stieg die Treppe seiner Kanzel hinab und trat vor den Altar. Die Gläubigen kamen in Scharen und gruppierten sich im Halbkreis. Er griff nach dem Kelch und drehte sich zu seiner Gemeinde. In Gedanken war er weit weg, draußen im Schnee. Er liebte den Winter, die Lichter in der Dunkelheit und die fallenden Flocken. Langsam brach er das Brot und verteilte den Wein. Einer um den anderen kniete nieder und erhielt den Segen. Bald konnte er gehen - hinaus in die klare, kalte Winterluft!

 

Und da geschah sein persönliches Adventswunder: Auf dem harten Steinboden kniete sie vor ihm. Das blonde Haar war verhüllt von einem langen, zartblauen Chiffonschal. Ihre blauen Augen sahen zu ihm auf und seine Hand konnte sie nicht segnen. Sie streichelte ihr weiches Haar. - Er konnte doch nicht stehen bleiben, die anderen Gläubigen erwarteten ihn. Nur ganz kurz fragte er sich, ob der Segen, den er nurmehr mechanisch sprach, den Menschen zum Heil gereichen würde, aber er wusste, Gott würde sie nicht entgelten lassen, was er - sein unvollkommener Diener - fehlte!

 

Marion! Seine Marion!

 

Er beendete die Messe und ging nach vorne zum Portal um sich zu verabschieden. Er würde sie sehen und dann ... Einer nach dem anderen verließen seine Schäfchen die Kirche. Es war schon dunkel und die Menschen strebten nach Hause - in die Wärme. Der Menschenstrom wurde spärlicher und dann kamen nur noch einzelne Gläubige. Sie war nicht dabei gewesen. Wo war sie geblieben? Hatte er sich getäuscht? War sie es gar nicht gewesen? Er wusste es nicht. Sah er etwas, das gar nicht da war? Manchmal sehnte er sich nach ihr - aber heute hatte er gar nicht an sie gedacht! Und er sehnte sich auch gar nicht nach ihr - nur nach dem, was vielleicht hätte sein können ...

 

Langsam ging er zurück in die Kirche. Er begab sich in die Sakristei und zog sich um. Jetzt konnte er gehen - aber er ging nicht! Er setzte sich an seinen Schreibtisch und öffnete die unterste Schublade. Dort unten verwahrte er Dinge, die niemand sehen sollte. Die Dinge, an denen sein Herz hing - aus irgendeinem Grund. Er suchte das alte Foto. Es war schon ziemlich verknittert und er zog es heraus und schaltete seine Schreibtischlampe ein, hielt es ins Licht. Marion! - Marion und ihr Bruder!

 

Sie war die erste Frau gewesen, die er geliebt hatte. Die erste mit der er ... Es war so eine zauberhafte Romanze gewesen - so kurz und für ihn so intensiv, so unvergesslich! Das Gefühl, das er empfunden hatte - es war immer noch in seinem Herzen. Er liebte sie heute immer noch. Wahre Liebe war eben doch unvergänglich. Und er hatte sie geliebt. Nur leider hatte sie ihr Herz einem anderen geschenkt. Und als er ihn sah, verstand er sie sogar. Er war ein Junge gewesen, der andere war ein Mann. Aber es tat so weh! Marion hatte das gewusst, und es brach ihr fast das Herz, denn sie wollte ihm nicht wehtun, aber sie war genauso machtlos wie er. Und so hatten sie sich getrennt, aber vergessen hatte er sie nie!

 

Kurt saß in seinem alten Sessel und dachte nach. Als er sie kennenlernte, hatte er gerade angefangen zu studieren. Ein Freund hatte sie ihm vorgestellt, und sie gefiel ihm sofort. Seinem Freund gefiel sie auch und auch dem dritten in ihrem Bund. Das war ein bisschen viel auf einmal, aber Marion hatte kein Interesse an ihnen - weder an ihm, noch an den anderen! Wenn er zurückdachte, musste er schmunzeln. Wahrscheinlich war es schon komisch gewesen, wie sie alle drei um sie herum gebalzt waren. Marion jedoch machte kein Hehl daraus, dass sie nur ihre Freundschaft wollte. Sie hatten so viel Spaß zusammen!

 

Aber ab und zu gelang es ihm, mit Marion alleine zu sein. Er war der Einzige, dem das gelang. Er sah es als Sonderstellung, als Auszeichnung. Wenn er aber bei ihr war, in ihrem Zimmer, dann wurde er schüchtern. Sie benahm sich immer so, als wäre er ihr Bruder. Er war aber nicht ihr Bruder - und er wollte es auch gar nicht sein! Er wollte sie verführen! Oh jaah! Das wollte er! Davon träumte er - Tag und Nacht! Und dann war er bei ihr und traute sich nicht. Er hätte so gerne ihr Haar gestreichelt - so wie vorhin in seiner Kirche! Aber als sie vor ihm lag, quer über dem Bett um ihm etwas zu zeigen, stand er nur da und wusste nicht weiter. Seine Hand machte sich selbständig und ... schlug ihr auf den Kopf! Sogar die Erinnerung brachte ihn zum Lachen. Was war er für ein Tölpel gewesen!

 

Aber sie hatte ihm geholfen. „Aua!", schrie sie auf und sah zu ihm hinauf. „Sag mal, geht das nicht ein bisschen zärtlicher?" Und das war sein Stichwort. Er hatte sie gestreichelt! Er hatte ihr Haar berührt, sich eingegraben, es verstrubbelt, sich hineingewühlt, es zärtlich wieder geglättet und gekämmt. Stundenlang! Zu mehr war er noch nicht in der Lage, aber das allein war so wunderschön gewesen! So unglaublich schön! Vielleicht hatte es da begonnen eine Romanze zu werden! Er wusste es nicht. Vor seinen Freunden hielt er es geheim, denn für ihn war es ein Geheimnis!

 

Und dann kam der Tag, an dem ihr Bruder verreist war. Er konnte sie nicht stören. Sie waren allein! Wie es geschah, er hätte es nicht sagen können.

 

Er hatte ihr erzählt von seiner „Freundin" die er vor ihr hatte. Marion hatte auch einen Freund gehabt. Und sie litt noch immer unter der Trennung, obwohl sie sie selber herbeigeführt hatte. Einmal hatte sie ihm sogar gesagt, dass er ihm ähnelte - in seinen Bewegungen! Kurt hasste ihn! Er hatte sie verletzt! Und - er hatte mit ihr geschlafen! - Er erzählte ihr von seiner Freundin um nicht so ganz auf verlorenem Posten zu stehen. Doch dann fragte sie ihn! Sie wollte wissen, ob er mit ihr ...! Damit hatte er nicht gerechnet. Was sollte er jetzt tun? Er wollte nicht lügen, aber er wollte auch nicht sagen, dass sich all seine Erfahrung auf Petting beschränkte.

 

Und außerdem war - ehrlich gesagt - was er jetzt erzählen sollte, sein geringstes Problem. Marion lag auf dem Bett. Es war das einzige Möbel auf dem sie zu zweit sitzen konnten - und seine Erregung nahm stetig zu. Er war ja so verliebt in sie. Seinen Hände streichelten ihr Haar, ihren Hals, ihre Arme. Sie hörte zu und ließ ihn gewähren. Also erzählte er es ihr. Seine ganze „Erfahrung". Aber er hörte nicht auf, sie zu streicheln. Als er vorsichtig ihren Busen berührte, spürte er, wie sein Penis zuckte.

 

Großer Gott! Er wollte sie haben! Er wollte ihr zeigen, dass es Männer gab, die sie nicht enttäuschten! Wie es geschah, er konnte sich nicht mehr erinnern! Er wusste nur noch, dass sie ihn in ihre Arme nahm und er sich an sie drängte. Blind vor Gier, vor Angst und Unsicherheit. Es war vorbei, bevor es begonnen hatte. Er war nicht einmal sicher, ob er überhaupt in sie eingedrungen war. Und doch war er glücklich!

 

Kurt lächelte, in seine Erinnerung versunken. Der Sex war wohl nicht so toll gewesen, aber sein Herz floss über vor Liebe! Und dann eines Abends nahm er sie mit in sein Studentenheim. Es war natürlich verboten, aber er tat es trotzdem! Sie lagen zusammen auf seinem Bett unter der schrägen Holzwand und hörten Musik: Peer Gynt! Er streichelte sie. Er streichelte sie einfach immer. Er konnte die Hände nicht von ihr lassen! Langsam zog er sie aus, knöpfte ihre Bluse auf und berührte ihre nackte, glatte Haut. Kurt hatte plötzlich das Gefühl unter Strom zu stehen. Jede seiner Zellen vibrierte. Er bekam fast keine Luft mehr. Marion lag in seinem Bett! Sie war nackt und er, er konnte, durfte, würde ... !

 

Auch heute noch, nach 25 Jahren überkam ihn die Erregung. Es war unglaublich gewesen! Wie oft hatte er diese Szene in seinen Gedanken wiederholt? Unzählige Male! Und jedes Mal hatte sie dieselbe Wirkung auf ihn. Er war einfach verzaubert, besessen von der ersten Frau in seinem Leben. Seiner ersten, großen Liebe!

 

Seine Gedanken kehrten zurück zu damals. Er stand auf und zog sich aus. Dann legte er sich zu ihr. Zum erstem Mal spürte er den nackten Körper einer Frau an seiner Haut! Marions Körper! Was sollte er jetzt tun? Er schob sich zwischen ihre Beine und drang in sie ein. Er hatte einfach keine Ahnung, keinerlei Erfahrung und ihre Erfahrung war auch nur sehr begrenzt. Das spürte er jetzt! Die Theorie war ja schon ganz nett, aber hier half sie ihm wirklich nicht weiter. Aber sein Glied war prall und gierig! Er stieß zu. Was konnte er auch anderes tun? Als er ihren abwesenden Blick sah, war ihm als hätte er eine kalte Dusche bekommen. Nein, das wollte er nicht! Er wollte Glück - für sie!

 

Langsam zog er sich ein Stückchen zurück, begann sie genauer zu beobachten. Er kippte sein Becken, veränderte den Winkel indem er in sie eintauchte. Seine Hand kehrte zu ihrer Brust zurück und begann sie zu massieren. Marion schloss die Augen! Seine Lippen suchten ihren Mund. Zärtlich küsste er sie, ließ seine Zunge über ihr Kinn nach unten gleiten zu ihren Hals, zu ihren festen Brüsten. Als er ihre Spitzen zwischen seine Lippen nahm, stöhnte sie leise. Er war auf dem richtigen Weg!

 

Und was war das für ein geiles Gefühl - ihre Brüste zu lecken, an ihren harten Spitzen zu saugen. Er platzte fast vor Kraft. Seine Hand drängte sich zwischen sie. Er spürte ihre weiche Venus an seinen Fingern, fühlte die Feuchtigkeit dazwischen, streichelte, tastete sich vorsichtig immer tiefer. Er sah, wie sich ihr Mund öffnete, ihr Atem schneller ging. Sanfte Seufzer klangen an sein Ohr. Genauso musste er weiter machen! Er wusste es! Als er in ihre Augen sah, war ihr Blick verschleiert. Erst heute wusste er, dass ihre steigende Erregung daran schuld war. Aber er erkannte instinktiv, dass er der richtige Mann war für sie! Sein einziges Bestreben war, sie glücklich zu machen - und dabei wurde er selber beschenkt. Er hatte sich noch niemals so sehr als Mann gefühlt, so stark, so erfolgreich, so gut!

 

Und Marion stöhnte, drängte ihm ihr Becken entgegen, flüsterte in seinen Armen: „Oh jaah, jaa, Kurt, jaah!" Sie spreizte ihre Schenkel noch weiter, bot sich ihm dar. Er zog sich zurück, sah sie an - lächelte. Aber seine Marion konnte schon nicht mehr lächeln. Sie wollte ihn! Sehnsüchtig zog sie die Unterlippe zwischen ihre Zähne, stöhnte verlangend. Stieß ganz sanft auffordernd mit ihrer Scham gegen seinen harten Schwanz. Sie war ja ganz genauso unerfahren wie er!

 

Oh Gott, er liebte sie in diesem Moment mehr als alles Andere auf dieser Welt! Er würde sie dazu bringen! Konzentriert nahm er Maß, um dann ganz langsam in sie einzudringen. Sie schloss hingebungsvoll die Augen. Seine Finger massierten sie noch immer. Er spürte eine kleine, feste Perle zwischen seinen Fingerspitzen. Sie stöhnte laut! Jetzt nahm seine eigene Erregung überhand. Sein Rhythmus wurde schneller. Aber auch Marion steigerte ihre Geschwindigkeit. Sie begann unter ihm zu keuchen.

 

Er machte sie scharf! Dieses Bewusstsein drang in sein Hirn! Und von da direkt in seinen Schwanz - oh Gott, war er geil! Jetzt konnte er nicht mehr warten. Seine Stöße kamen nicht mehr überlegt. Er fickte sie! Aber sie war genausoweit! Stöhnend drängten sie sich aneinander. Kurt fühlte ihren Körper zucken und zum ersten Mal explodierte er tief in dem warmen Schoß einer Frau: Seiner Marion! Keuchend und um Luft ringend presste er sich an den Leib der Liebsten. Er war noch niemals so glücklich - so prall gefüllt mit Glück gewesen, wie in diesem Augenblick!

 

Als er in ihr Gesicht blickte, sah er Tränen. Zuerst erschrak er, aber er konnte sich nicht so getäuscht haben. Zärtlich streichelte er ihr Gesicht, küsste die Tränen fort. „Was ist los, meine Liebste?" Sie schüttelte den Kopf, brachte kein Wort heraus. Sie schmiegte sich an ihn, versteckte ihr Gesicht in seiner Achselhöhle und irgendwann flüsterte sie: „Ich dachte, ich kann nicht ... ich bin ... ! Es war das erste Mal für mich! ... dieses Gefühl! Es ist ...!"

 

Er hielt sie einfach fest. Lange Zeit! Dann sah sie ihn an und fragte mit großen Augen: „Wie hast du das gemacht?" Kurt dachte nach und dann versuchte er es zu erklären. „Ich habe gemerkt, dass es so nicht geht. Und da dachte ich: „Hör auf zu nehmen und fang an zu geben! Ich wollte, dass du glücklich bist! Und dabei hast du mich glücklich gemacht!"

 

Am anderen Morgen überrollte er die ganze Uni mit seinem Glück. Er strahlte so, dass es einfach jedem Menschen auffiel. Und seine Freundlichkeit kam zu ihm zurück! Der ganze Tag war ein Triumph für ihn! Und er würde sie wiedersehen - abends! So ging das weiter in der nächsten Zeit. Sie war seine Muse! Er arbeitete so viel wie nie vorher und er war so erfolgreich wie nie vorher. Sie war sein Stern! Bis zu dem Tag, an dem sie es ihm sagte!

 

Er hatte gewusst, dass es so kommen musste. Sie hatte ihm nie gesagt, dass sie ihn liebte! Und nun sagte sie ihm, dass sie einen Mann kennengelernt hatte. Sie war ehrlich. „Liebst du ihn?" hatte er gefragt, in einem Anflug von Masochismus. Sie hatte gelächelt und gesagt: „Nein, ich liebe ihn nicht. - Noch nicht!" Das war ihm genug. Er wusste, es war vorbei! Heimlich hatte er es geschafft den anderen zu sehen. Und dann war ihm auch klar, warum sie sagte: „Noch nicht!" Wahrscheinlich würde es nicht mehr lange dauern. Er ließ sie gehen. Sie hatte ihm unendlich viel gegeben.

 

Kurt hatte sie nie wieder gesehen! Er wusste, sie hatte den anderen geheiratet. Das war jetzt schon ein Viertel Jahrhundert her. Sein Leben gefiel ihm auch ganz gut, nur manchmal überfiel ihn die Erinnerung und dann sehnte er sich nach ihr - so wie jetzt! Aber das ging vorbei. Er stand auf und ging hinaus in die Winternacht. Die Glocken seiner Kirche läuteten und er meinte im Hintergrund leise die „Morgenstimmung" zu hören. Er lächelte! Es gab heute eigentlich nur noch Eines, das er gerne gewusst hätte: War sie es gewesen, vorhin - beim Abendmahl? - Seine Marion?

 

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