Geschenkte Lust

 

„Würdest du ihn küssen?“, fragte sie mich. „Wen?“, fragte ich überflüssigerweise zurück. Ich wusste genau wen! Sie sprach von ihrem Mann, Benno. Marietta lächelte - nicht so ganz unschuldig. „Es würde ihm gefallen!“ Benno wurde rot. Ich sah Karsten an. Er war genauso verblüfft wie ich, aber dann zwinkerte er mir zu. Er hatte wohl gesehen, wie unangenehm mich diese Situation berührte. Ich liebte ihn sehr in diesem Moment. Ja, auf Karsten war Verlass, das wusste ich.

 

„Darf ich dafür dann deinen Mann küssen?“ Was war nur in sie gefahren? Wir hatten zusammen richtig gut gespeist, und nun saßen wir auf der Couch und tranken Rotwein. Vor dem Nachtisch wollten wir noch eine kleine Pause einlegen. - Zwei Paare, die seit Jahren eng befreundet waren. „Das musst du schon ihn selber fragen!“, konterte ich und war mir auf einmal klar, dass ich diese Antwort gerne selber gehört hätte. „Darf ich?“, fragte sie leise und wandte sich nun direkt an Karsten.

 

„Wenn Senta ihn küssen muss“, lächelte er und deutete auf mich, „dann werde ich wohl auch ... dich küssen!“ Nur mir war die kleine Pause in diesem Satz aufgefallen. Ich wusste, der Satz ging weiter: „... dann werde ich wohl auch müssen!“ Erleichterung durchströmte mich. Wie konnte sie es wagen, mich an der Liebe und Treue meines Mannes zweifeln zu lassen? Wusste sie nicht, in welche Gefahr sie sich begab?

 

Aber sie spielte weiterhin die Frau Oberlehrerin. „Erst wirst du ihn küssen!“, befand sie. „Ich werde stoppen: Fünf Minuten! Wir beide werden euch zusehen. Und dann werden wir ...“ - „Lass das, bitte!“ Es war peinlich. Benno konnte sie nicht stoppen. „Es würde dir doch gefallen!“, insistierte sie „Ich sehe doch, wie du sie immer anschaust!“ - Aha! Daher wehte der Wind. Marietta war eifersüchtig. Sie wollte ihren Mann blamieren. Er sollte einen Rückzieher machen - mich vielleicht damit brüskieren. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Wie konnte sie sich nur in so eine prekäre Situation begeben? - „Warte es ab, du kleine Hexe! Warte es ab!“, fuhr es mir durch den Kopf.

 

Ich wusste, dass Benno mich sehr gerne hatte. Vielleicht sogar mehr. Und ich würde ihm helfen - in dieser peinlichen Situation das Gesicht zu wahren. Ich lächelte ihn an und zwinkerte. „Komm schon! Wir zeigen es ihr!“, hieß das. Langsam ließ ich den Kopf nach hinten sinken, lehnte mich bequem zurück, öffnete sanft die Lippen.

 

Benno stand auf und kam zu mir, kniete sich neben mich auf die Couch und sah auf mich herab. Ich konnte seine Unsicherheit sehen. „Möchtest du mich küssen?“, flüsterte ich tonlos. Eigentlich bewegte ich nur die Lippen. Seine Augen leuchteten auf einmal, und sein Gesicht kam näher. „Das wollte ich schon immer!“, hauchte er. Langsam legte er seine Lippen auf meinen Mund. Ganz leicht, ganz behutsam, ganz trocken.

 

„Das ist doch kein Kuss!“, monierte Marietta missmutig. - Sein Duft stieg mir in die Nase. Verführerisch. Benno drehte den Kopf, sank über mich und nahm mich in die Arme, hielt jedoch seine Lippen auf meine gepresst und öffnete so meinen Mund. Mein Kopf lag an seiner Schulter. Seine Wärme umfing mich plötzlich, und auf einmal - wollte - ich ihn küssen. Leidenschaft überflutete mich. Meine Zungenspitze kam seiner entgegen und berührte sie zärtlich.

 

In diesem Moment, als ich Benno leise stöhnen hörte, hörte ich auf zu denken. Seine Arme fassten mich fester und zogen mich an ihn, und ich vergaß die unmögliche Situation, vergaß Marietta und mein Wohnzimmer. Ich schloss die Augen, zerfloss nur noch in zärtlicher Sehnsucht nach ihm. Küsste und küsste, schmiegte mich an ihn und hielt ihn fest. Gemeinsam spielten wir ein süßes, lustvolles Spiel - miteinander. Genüsslich!

 

Als Marietta mich an der Schulter packte und zurückzog, erschrak ich. „Die fünf Minuten sind vorbei!“, fauchte sie. „Wirklich?“, fragte Benno enttäuscht. Immer noch hielt er meine Hand. - Mariettas Gesicht war dunkelrot. Sie war wütend. Abrupt stand sie auf und ging zu Karsten. „Wir sind dran!“ Das klang beinahe wie Kasernenhofton. So verlockte man aber keinen Mann. Erst recht nicht meinen. „Wie du meinst!“, kam es deshalb auch völlig gleichgültig zurück.

 

Sie schürzte ihren Rock und hob ihr Knie über seine Schenkel, ließ sich mit gespreizten Beinen auf seinem Schoß nieder. Das war meine Art mich ihm zu nähern. Sie hatte es schon gesehen. „Schlecht! Ganz schlecht!“, dachte ich bei mir. „Es bringt seine Gedanken nur noch näher zu mir.“ Und so als wolle er mir das bestätigen, schaute er mich an. Er lächelte - ein wenig ratlos. Aber da packte Marietta schon seinen Kopf und presste ihre Lippen auf seinen Mund. Aus weit aufgerissenen Augen sah er mich an, so als könne ich ihm helfen. Sein Mund sah verkniffen aus, die Lippen fest geschlossen. - Sie küsste ihn - verbissen! Wütend! - Ich hätte ihm gerne geholfen.

 

Lange würde er das nicht mitmachen - aushalten, das war mir klar. Ich zählte langsam - bis 15, da schob er sie auch schon resolut von sich. „Die Zeit ist um!“ Marietta wusste, dass sie jetzt nicht widersprechen konnte. Sie hatte sich lächerlich genug gemacht. Er wollte sie nicht - nicht einmal geschenkt. Karsten stand auf und setzte sich neben mich.

 

Was für eine Situation! Zwei Männer, die mich wollten - und sie hatte keinen. Nicht einmal mehr ihren eigenen. Sie hatte ihn mir an den Hals geworfen. Wie unglaublich dumm  - wie ungeschickt. „Komm! Wir gehen!“, befahl sie. Aber Benno schüttelte den Kopf. „Ich komme nach!“ Mit hochrotem Gesicht verließ sie uns. Und wir? Betreten sahen wir uns an. Und nun? Wie sollte es jetzt weitergehen? Diese Begebenheit schrie nach ... - die Luft knisterte zwischen uns. Da saß ich nun mit zwei Männern, die darauf brannten dieses Spiel weiter zu spielen ... Oder brannte nur ich?

 

Karsten legte seinen Arm um mich - besitzergreifend. Seine Augen funkelten, als er Benno betrachtete. Machte es ihn an, dass sein Freund mich wollte? So ganz wohl war mir nicht bei dieser Vorstellung. Normalerweise waren die „flotten Dreier“ doch eher andersherum besetzt. Ein Mann ließ sich von zwei Mädchen bedienen. Hier wohl nicht. Ob mir der Gedanke gefiel, dass ich vielleicht zwei Männer zu meiner Verfügung haben würde? Würde ich?

 

Bevor ich zu einem Ergebnis kommen konnte, nahm mich Karsten in seine Arme und küsste mich. „Kein Vergleich!“, flüsterte er und lachte. „Was meinst du, Benno?“ - Benno lächelte spitzbübisch. „Ich weiß nicht. - Ich müsste es schon noch mal probieren, um es richtig beurteilen zu können! - Darf ich?“ Seine Stimme klang auf einmal belegt. Langsam und bedächtig zog er mich an sich. Sah mich an - auf der Hut, jetzt ja keinen Fehler zu begehen. Keine noch so kleine Missstimmung wollte er zwischen sich und mir - nicht jetzt. Aber auch Karsten war sein Freund. Er wollte ihm nicht die Frau stehlen. Trotzdem! Die Situation war verlockend.

 

Als seine Lippen meine berührten, war der Zauber sofort wieder da. Aber auch Karstens Hände waren da, die mich streichelten. Er hatte mich nicht losgelassen. Was sollte ich jetzt bloß tun? Ich liebe meinen Karsten - und doch hat Benno mich in seinen Bann gezogen! Verfluchte Marietta! - „Nur einmal noch!“, bete ich mir vor und dann küsse ich, vergesse alles - außer diesen zuckersüßen Lippen - dieser wunderbaren Wärme und seinem Duft.

 

Aber dann, eine kleine Ewigkeit später, lösen wir uns voneinander. Langsam! Wir wissen es beide: Es geht nicht! Es würde alles kaputtmachen. Seine Augen blicken zärtlich, als er leise sagt: „Ich werde jetzt gehen, Senta!“ Dann schaut er Karsten an und sagt laut: „Deine Frau ist eine Sünde wert! Pass gut auf sie auf, mein Freund!“

 

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