Cooler Abgang

 

von Matthias Kayser 

 

Elise war immer eine lebenslustige Frau gewesen. Sie hatte sich genommen, was sie wollte. Sie tat, wonach ihr gelüstete. Sie entschied aus dem Bauch heraus, egal ob es den Beruf betraf oder die Auswahl ihrer Männer.

 

Aber nun lag sie in ihrem Bett im Altenheim, schwach, von der Krankheit gezeichnet. Doch ihr Geist blieb vom schleichenden Prozess der Zersetzung verschont. Genau wie auch ihre Libido.

 

Selbst jetzt, mit sechsundachtzig Jahren, spürte sie noch oft genug heiße Lust in sich aufwallen, und bisher sah sie sich immer noch in der Lage, diese auch zu stillen.

 

Auch wenn es von Mal zu Mal mühsamer wurde.

 

Die Gelenke.

 

Und auch die Muskeln.

 

Und dann dieses verdammte Zittern. Es machte ihr immer mehr Probleme, den Dildo einzuführen.

 

Da traf sie eine Entscheidung, wieder einmal. Es sollte ihre letzte sein.

 

Elise betätigte die Klingel und wartete darauf, dass jemand vom Pflegepersonal erscheinen würde. Sie hatte Glück, denn schon nach wenigen Augenblicken betrat Tobias, ihr Lieblingspfleger, den Raum.

 

»Hallo Frau Mordusjell, was kann ich für Sie tun?«, fragte er mit seinem jungenhaften Lächeln.

 

»Hallo Tobias«, antwortete Elise mit leiser Stimme, »Kommen Sie bitte näher. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen!«

 

Hatte sie es sich so vorgestellt? Konnte man es sich so vorstellen,  ja gab es denn überhaupt die Möglichkeit einer Vorstellung? Wie auch immer, auf jeden Fall hatte sie gewählt. Und – so wie es den Anschein hatte, war sie mit der Entscheidung zufrieden, wenn man sich nun ihr Gesicht ansah.

 

Ein entspanntes, mildes Lächeln war übrig geblieben, nachdem der siebente, letzte und todbringende Orgasmus seine Wirkung getan hatte.

 

Liebevoll rückte Tobias ihre Kleidung zurecht, spülte den Dildo ab und ließ ihn in seinem Kittel verschwinden. Anschließend ging er mit seinem leichten, jugendlich-federnden Schritt ins Büro der Heimleitung, um die Chefin von Elises Himmelfahrt – ohne die genauen Details natürlich –  in Kenntnis zu setzen.

 

Beim Hinausgehen aus dem Büro fragte Tobias sich, ob er später auch so einen coolen Abgang machen würde?

 

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