Anno Domini 3077

 

Das Vorspiel - Teil 1

 
Metaka saß auf der Bank, die ihre Liegestatt war. Sie hielt sie in der Hand, die Tac 99. Sollte sie sie jetzt nehmen? Normalerweise stellte man diese Frage nicht. Man schluckte die Tablette und tat, was man tun musste. Man sicherte den Fortbestand der Rasse. Metaka hatte gelernt, was zu tun sei. Sie wusste aber auch, dass die Chemie alles übernehmen würde. Sie müsste nichts tun, nichts wissen hinterher ... Aber jetzt, nachdem sie an der Reihe war, wusste sie nicht mehr, ob sie das wollte. Ob sie es SO wollte.

 

Vor etwa 500 Jahren, war es geschehen. Es gab da eine alte Krankheit, eine die man seit einem halben Jahrtausend kannte und gegen die man immer noch kein Heilmittel gefunden hatte. Aber man hatte sich längst daran gewöhnt: AIDS war schon beinahe alltäglich. Aber dann plötzlich passierte, womit niemand gerechnet hatte. Das Virus mutierte und damit war die Menschheit dem Untergang geweiht. Innerhalb eines Jahres starb der Planet.

 

Metaka wusste das alles. Sie wusste auch, dass nur ein Häuflein von 2,37 Millionen Menschen überlebt hatte - verstreut über die  ganze Erde. Sie waren aus irgendwelchen Gründen immun gewesen und so dem Desaster entgangen. Das war der Anfang vom Ende gewesen. Keiner der Überlebenden wollte noch Sex haben. Zu groß war der Schrecken gewesen, zu groß die Angst vor dem Tod. Um die körperlichen Bedürfnisse danach völlig zu unterdrücken, entwickelte man den Vorläufer von Tac 99 - Tac 90. Allerdings übersah man dabei, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre die Menschheit immer weiter abnahm - auf ein Häuflein von 1,98 Millionen.

 

Das Problem aber war, dass es ohne Sex keine Kinder gab, und ohne Kinder gab es keine Zukunft. Sex aber war etwas, das man nicht hatte! Man hatte einen Ausweg gesucht - und ihn in Tac 99 gefunden. Man hatte die Pille entwickelt, um den Fortbestand der Rasse zu sichern, und um gleichzeitig die Menschen vor dem Schrecken des Sex zu bewahren. Denn das war es, was man sie lehrte: Sex war widerlich, schrecklich und geradezu ekelerregend! Aber bedauerlicherweise unverzichtbar. Also nahm man die Pille, und dann tat man es. Hinterher konnte man sich an nichts mehr erinnern - und das war gut so. Zumindest hatte man ihnen das gesagt, und alle Generationen seit über 500 Jahren hatten es geglaubt und die Pille geschluckt.

 

Wieso sie nun hier saß und überlegte, ob sie die Pille nehmen sollte oder nicht, das war ihr selber nicht ganz klar. Wahrscheinlich lag es an Kunja. Sie und er waren in unziemlicher Weise zusammen. Menschen zweierlei Geschlechts hatten nichts miteinander zu tun. Sie hatten völlig unterschiedliche Aufgaben, und sie waren sich von Grund auf fremd. Kunja allerdings war nicht wie die anderen Männer. Er half ihr bei der Programmierarbeit, und er ging neben ihr, wenn sie zur Universität gingen. Und einmal hatte er sie angesprochen - leise. Sie hatte es überhört - damals, aber sie hatte es nicht verraten. Er hatte immer so ein hübsches Leuchten in den Augen, wenn er sie ansah.

 

Seitdem suchten sie die Nähe des anderen, wann immer es möglich war. Und dass man Kunja ihr zugeteilt hatte, um ein Kind zu haben, das war wohl seiner Intervention zu verdanken. Nur ob es ihr gefiel, das wusste sie nicht. Offiziell wusste sie es überhaupt noch nicht. Aber er hatte es ihr gesagt. „Nimm sie nicht, die Pille!“, hatte er geflüstert. „Willst du denn nicht wissen, was du tust?“ Und das war nun auch wieder wahr. Sie wollte es wissen. Es widerstrebte ihr, keine Kontrolle zu haben über ihr Wollen und Tun - nur deshalb überlegte sie jetzt.

 

Sie war jetzt bald 18 und Kunja war 21 Jahre alt. Man hatte herausgefunden, dass das das beste Alter war, um Kinder zu haben. Der Fortpflanzungszyklus dauerte ein halbes bis ein Jahr, und man traf den berechneten Partner solange, bis das Ziel erreicht war. Die meisten Menschen versuchten, an dieses Jahre in ihrem Leben nicht zu denken, obwohl man es ihnen so angenehm wie nur möglich zu machen versuchte. In diesem Jahr hatten sie nichts anderes zu tun. Sie bewohnten ein großes Rendezvous - eine Raumstation, gleich hinter der Venus, und sie wurden verwöhnt nach Strich und Faden. Trotzdem taten einem die Menschen leid, wenn sie dort hin mussten. Und wenn sie nach der letzten Sitzung zurückkamen, hatte man ihr Gedächtnis mit Tac 100 chemisch gelöscht - um ihnen die schrecklichen Erfahrungen wieder zu nehmen. Kunja hatte ihr aber gesagt, dass Tac 100 nicht wirken würde, wenn sie die erste Pille Tac 99 nicht nahm. Sie würde es wissen! Aber würde sie es wissen wollen? Metaka war ratlos. Und da war niemand, an den sie sich wenden konnte.

 

Nun gut! Jetzt würde sie es abwarten. Sie würde die Pille verstecken in ihrem Nabelkilt. Niemand würde etwas vermuten, denn wer wollte sich so etwas freiwillig antun? Sex haben - und sich daran erinnern! Grauenvolle Vorstellung! Sie wollte aber nun mal keinen weißen Fleck in ihrem Leben haben. Da nahm sie lieber in Kauf zu wissen ... Zumindest hoffte sie das. Außerdem konnte sie ja noch immer - später ... Zuerst würde sie mit Kunja sprechen - und dann würde sie wissen, ob sie die Pille schlucken würde oder nicht. Wieso sie soviel Wert legte auf seine Meinung, das war ihr allerdings nicht klar. Schließlich war er ein Mann!

 

Als sie durch die Schleuse trat, um die Rendezvousbahn zu besteigen, war ihr nicht sehr wohl. Hier waren sie immer noch getrennt nach Geschlechtern. Männer wollten nicht bei den Frauen mitfahren - und umgekehrt. Man mied sich! Es war nicht gut, sich zu nahe zu kommen. Hatte es schließlich schon einmal beinahe zur Vernichtung der Rasse geführt. Das durfte nicht passieren. Das Dumme war nur, dass man sich nicht völlig meiden konnte. Denn auch das führte zum Untergang der Rasse. Es war einfach eine scheußliche Zwickmühle. Der Computer fragte: „Sie haben Tac 99 eingenommen?“, und Metaka senkte den Kopf. Das würde für ein „Ja“ durchgehen. Kein Mensch würde Verdacht schöpfen. Denn wer wäre so verrückt ...

 

Und dann war auf Rendezvous 3 alles ganz anders. Überall saßen Pärchen herum und redeten und lachten. Sie amüsierten sich - gemeinsam! Männer und Frauen. Metaka konnte es nicht fassen.  Was war denn hier bloß los? Sie hielten sich an den Händen und umarmten sich. Manche steckten sogar ihre Köpfe zusammen, und dann berührten sich ihre Münder. Igittigitt! War das widerlich!

 

Das kleine Haus, das ihr zugewiesen wurde, war allerdings wunderschön. Mit allem Komfort ausgestattet, hell und sonnendurchflutet. Der Computer begrüßte sie. Und dann bekam sie den Schock ihres Lebens. Die Verhaltensregeln von Rendezvous 3 widersprachen allem, was man sie je gelehrt hatte. Alles was zu Hause strikt verboten war, war hier nicht nur erlaubt, nein! Es war erwünscht! Männer und Frauen wohnten zusammen in einem Haus! SIE LEBTEN ZUSAMMEN!

 

Das hieß ja: Kunja würde hier - mit ihr ... Metaka wurde plötzlich speiübel. Was man da von ihr verlangte! Nur zur Erhaltung der Rasse. Sie hätte die Pille nehmen sollen! Anders hielt man das doch gar nicht aus. Man hatte ihr gesagt, ihr Unterbewusstsein würde wissen, was zu tun sei, und sie brauche sich keine Sorgen machen! Aber wenn sie sich hier umsah, dann erschienen ihr die Menschen völlig klar bei Verstand. Nicht benebelt von Tac 99, wie sie geglaubt hatte. Auf einmal hatte sie Angst. Hätte sie doch nur ...

 

Aber Metaka war von Natur aus eher ein praktisch veranlagter Mensch, eigentlich nicht ängstlich, und so beschloss sie abzuwarten und sich zuerst einmal umzusehen. Also inspizierte sie „ihr“ Haus. Es war einfach wundervoll und sehr komfortabel eingerichtet. Der Roboter XT207 hielt alles sauber und sorgte für die Nahrungsmittel.

 

Im Erdgeschoss befand sich eine große luftige Wohnhalle, von der aus man auf eine hübsche, schattige Terrasse kam. Eine Wendeltreppe führte hinauf in ein wunderschönes Schlafzimmer, in dessen Mitte ein paar Stufen zu einem riesengroßen, aber durchaus filigranen, silbernen Metall-Bett führten. Metaka schloss die Augen. Dieses Bett machte sie nervös. So ging sie schnell weiter.

 

Nebenan war das Bad. Wundervoll! Sie war begeistert. Die Wände waren in hellem Türkis gehalten und bestanden aus einem beinahe durchsichtigen Material, das an Edelstein erinnerte. Die große Badewanne war aus etwas dunklerem, schillerndem Stein, so dass man den Eindruck haben konnte, direkt ins Meer einzutauchen. Es war angenehm kühl hier, und Metaka wunderte sich, dass man sie so lange alleine ließ. Wo blieb ihr Sokyo? Wo blieb Kunja, der Mann, der für sie ausgewählt worden war? Der Mann mit dem sie ... Sex ... ein Kind ... Nein! Der Gedanke gefiel ihr gar nicht! Soviel war sicher! Zuhause war er ihr nett erschienen. Besser als andere Männer! Aber war er das wirklich? Schließlich WAR er ein Mann!

 

Als sie ins Schlafzimmer zurückkam, stand er plötzlich vor ihr. Wie groß er war! Kunja! Bestimmt einen Kopf größer als sie - wenigstens 1,85 m. Sein Haar war dunkelbraun und lockig, und seine Augen beinahe schwarz. Eigentlich gefiel er ihr. Die Nase bog sich in einem eleganten Schwung, beinahe piratenhaft zu diesem Mund, der so bezaubernd lächeln konnte. Weiße, kräftige Zähne lachten ihr entgegen. Er hatte ihr gefallen - so lange sie nicht alleine waren. Aber hier! Hier waren sie alleine - und er konnte tun mit ihr, was auch immer ihm beliebte. Vielleicht wollte er deshalb, dass sie die Pille nicht nahm. Vielleicht wollte er sie quälen. Sie hatte schon von solchen Männern gehört. Aber eigentlich glaubte sie das nicht. Nein! So etwas würde er nicht tun.

 

Schüchtern lächelte sie ihn an. „Hast du ...?“ Er schüttelte den Kopf. „Und du auch nicht! Sonst würdest du nicht fragen!“ Sie war die Richtige! Er hatte es gespürt. „Komm her!“, bat er und setzte sich auf das Bett. „Wir müssen reden!“ Immer noch zögernd trat sie zu ihm und setzte sich. Es war so groß, dass sie beide Platz hatten und sich dennoch nicht berührten. Kunja war jetzt nervös. Würde sie ihm das denn glauben? Er hatte ja selber lange Zeit gebraucht, bis er sich davon überzeugt hatte, dass es die Wahrheit war.

 

„Metaka, ich muss dir etwas sagen!“, begann er. „Du musst es mir einfach glauben, denn es ist wahr. Aber es ist auch so unglaublich, dass ich dir nicht mal böse sein könnte, wenn du es nicht glauben würdest.“ Und dann erzählte er ihr von der großen Lüge - und Metaka glaubte ihm. Sie war fassungslos, aber es war alles logisch - alles was er herausgefunden hatte.

 

Sex war nicht schrecklich und widerlich - im Gegenteil! Aber nachdem die Menschheit beinahe ausgestorben wäre - aufgrund ihrer Dummheit und Gier - hatten die wenigen Überlebenden beschlossen, die Angst der Menschen auszunutzen. Man hatte ihnen erzählt, Sex sei grauenvoll - und man hatte dafür gesorgt, dass sie gegenteilige Erfahrungen sofort wieder vergaßen - Dank Tac 99. Auf den Rendezvous, den „Nestern“ der Welt, da lebte man wie in alter Zeit. Männer und Frauen - als Paare zusammen. Glücklich und zufrieden - und vor allem LÜSTERN! Aber hatte man seine Aufgabe erfüllt, hatte man zum Fortbestand der Rasse beigetragen, dann bekam man die chemische Keule. Man vergaß die Zeit im Rendezvous, man vergaß den Liebespartner und man „funktionierte wieder normal“.

 

Metaka war entsetzt. Jetzt war sie froh, die Pille nicht genommen zu haben. „Und nun?“, fragte sie ratlos. Kunja nahm ihre Hand. „Wir haben noch ein Problem!“ Sie sah ihn an - mit großen Augen. „Tac 99 bewirkt, dass die Menschen es tun wollen. Es ist ein Aphrodisiakum. Sie verlieren die Hemmungen und vergessen - die Schranke. Wir haben es nicht genommen!“ - „Und?“ Metaka verstand ihn nicht. „Von uns wird erwartet, dass wir ...“, er stockte. „Dass wir Sex machen!“, fuhr sie auf. „Himmel, ja!“ Ihr Hals wurde immer trockener. „Ich weiß nicht einmal wie! - Man hat uns doch immer gesagt, es ginge automatisch!“ Kunja nickte. „Ich habe geforscht, Metaka, und ich kann es dir erklären ... aber ich glaube nicht, dass dir gefallen wird, was ich herausgefunden habe! - Aber weißt du, wir haben Zeit, das ist der einzige Vorteil! Wir müssen nur so tun, als wären wir ein Paar vor den Anderen. Zuhause können wir tun, was wir wollen. Wir haben Zeit bis ...“ Metaka nickte. Sie wusste es. Zeit... bis sie ein Kind bekommen würde!

 

„Komm lass uns essen - und dann werden wir weiter sehen!“ Gemeinsam setzten sie sich auf die Terrasse und bestellten sich ihr Abendessen, tranken im Schein einer Kerze venusischen Wein. Aber als sie sich anschließend hinauf begaben in ihr gemeinsames Schlafzimmer, hätten sie nicht mehr sagen können, was sie gegessen hatten. Die Nervosität war ihnen beiden ins Gesicht geschrieben. Schließlich kannten sie sich nicht - nicht gut genug. Und ohne Tac 99 ... „Aber wir haben ja Zeit!“, machten sie sich gegenseitig Mut und dann begann ihr Abenteuer.

 

Fortsetzung folgt ...

 

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Teil 2 - Des Pudels... Schwanz