Der hungrige Wolf

 

Er wusste nie, was ihm mehr Freude bereitete: die Tatsache, dass sein heiß erfülltes Warten auf sie bald ein Ende haben würde, oder eben ihre - oft zu kurze - Anwesenheit.

 

Nun war sie endlich da! Wie jeden Freitag war sie mit dem Taxi gekommen. Sie lag vor ihm mitten auf dem Tisch. Und präsentierte sich ihm von ihrer besten Seite. Unruhig, fast ein wenig nervös, schlich er um sie herum. Wie ein hungriger Wolf - sie von allen Seiten betrachtend - genüsslich, ja - und gierig.

 

Da lag sie nun vor ihm, wehrlos! In all Ihrer Pracht. Wie perfekt sie ihm doch erschien. – Jedes Mal. Ihre Rundungen mit den leichten Erhöhungen und  Vertiefungen. Dazu dieses verführerische Braun. Er konnte seine Augen nicht von ihr lassen.

 

Sie war einfach zum Anbeißen. Ja, er würde sie verschlingen, das spürte er nur zu deutlich - und sie würde sich verschlingen lassen von ihm. Soviel stand fest.

 

Er setzte sich dicht vor sie hin, zog sie vorsichtig näher zu sich heran. Sie ließ es mit sich geschehen - wie immer. Langsam beugte er sich nun ein wenig nieder, sog  ihren Duft in sich ein. Er liebte diesen Duft. Sie ließ ihn alles um sich herum vergessen. Es war nicht zum ersten Mal, aber irgendwie immer ein wenig anders.

 

Er versuchte sich zu beherrschen, es gelang ihm nur mit Mühe. Er durfte nicht über sie herfallen, noch nicht! Sie war heiß, zum Verbrennen! Am liebsten wäre er sogleich mit seiner Zunge einmal komplett über sie hinweggefahren, aber das gehörte sich schließlich nicht. Er spürte, wie seine Lust auf sie, seine Gier wuchs. Wieder betrachtete er sie, seine Augen gingen erneut auf Wanderschaft, jedes noch so kleines Detail genau betrachtend. Sein Blick streifte über ihre kleinen Berge und Täler, und dann hatte sie auch da noch ein kleines Loch – die Verführung pur!

 

Wie gerne wäre er dort mit seiner Zunge hineingefahren, nur um sie auszuschlecken - von innen her, tief und tiefer, schließlich komplett in sich aufsaugend.

 

Die mahnenden Worte seiner Mutter, dass man "so etwas" nicht mache, dass sich "so etwas" nicht gehöre, drangen in seinem Gedächtnis. Dennoch spürte er eine sich steigernde Lust, genau all dies einfach zu vergessen. Wer sah es denn schon, hier? In seiner eigenen Wohnung? Also?

 

Warum nicht komplett ablecken, schlecken, ausschlürfen, all die Dinge tun, die sich nicht gehören? Sich wie ein Barbar zu benehmen, wie ein Tier, nur einmal? Ganz wild, sich vergessend? Jaaaaaaa!

 

Sie sah einfach zu gut aus, war so heiß. Er spürte es. Ihre Hitze umstreichelte sein Gesicht. Langsam näherte er sich ihr, es wurde heiß und heißer. Sie würde ihn verbrennen, er wusste es. Seine Lippen, seine Zunge.

 

Aber er musste sie haben, jetzt. Er konnte nicht warten, sie gehörte ihm.

 

Als seine Lippen sie berührten, schmeckte sie so gut, leicht salzig, einfach nach mehr. Er konnte nicht mehr, verlor seine Beherrschung, verdrängte alles. Die Worte seiner Mutter, die Vorsicht vor der Hitze, einfach alles. Es gab nur noch eins: sie, ihn und seinen unbändigen Hunger auf mehr.

 

Sie verbrannte ihn, er verschluckte sich fast an ihr, egal. Es war zu spät, er konnte nicht mehr stoppen. Er leckte, schleckte, saugte, es ging nun alles ratz fatz. Dann war es auch schon vorbei.

 

Viel zu schnell, wie er empfand. Okay, Hunger hatte er erst mal keinen mehr, aber seine Lust war gerade mal auf den Geschmack gekommen, stellte er ernüchtert fest. Er war mal wieder zu unbeherrscht gewesen. Sollte er noch einmal? Nur des Geschmackes wegen?

 

Während er sich zufrieden seinen Mund abwischte, überlegte er sich, ob er ernsthaft noch eine zweite Pizza verkraften würde. Die Telefonnummer vom Pizza-Taxi kannte er ja mittlerweile auswendig.

 

© Azraela                                                                                       Ihre Meinung?

 







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