Geist in der Nacht

für A.


Heute war es mal wieder soweit, er hatte ein wenig getrunken.
Heute war eine Nacht, in der er sie vermisste.
So saß er vor seinem PC und streifte ziellos die Weiten des Webs an.

Sollte er ihr eine Email schreiben?
Wie gerne würde er das tun, um ihr in Worte zu fassen,
was sein Herz, all sein Gemüt, für sie empfand.

Er traute sich nicht.
Wollte nicht Geister wecken, von denen er glaubte, dass sie ruhten.

Was er nicht wissen konnte:
An einem anderen Bildschirm, zur selben Zeit gar nicht weit entfernt saß sie - dachte ähnlich.

Eine Träne lief über ihr Gesicht.
Wann würde sie ihn endlich vergessen können?
Den Mann, den sie niemals bekommen würde!

Die Zeit verstrich, aber es trat kaum Besserung ein.
Ob sie ihm schreiben sollte?
Ein kurzer Klick.
Ein Augenblick und die Email wäre da.

Ihr Herz sehnte sich so danach.
Aber er hatte ihre letzten Emails ignoriert.

Hatte alle ihre Bemühungen Kontakt zu halten eiskalt ins Nirwana abgleiten lassen.

Vielleicht anonym?
Sie musste einfach:

"Schläft du schon?"

Waren die einzigen Worte, die sie schrieb.
Sie wartete - starrte auf den Bildschirm.
Aber der flimmerte auf der gleichen Frequenz weiter.
Keine Antwort.
Tja, warum denn auch?
Einer Anonymen?

Auf einmal Herzklopfen – eine Email.
Nur ein Wort:

"Nein!"

Hastig tippte sie:

"Ich auch nicht!"

Erst beim Versenden hätte sie sich am liebsten selber gebissen.
Logisch!
Wenn sie ihm schrieb, konnte sie schließlich nicht schlafen.

Dümmer hätte sie nicht antworten können.
Verdammt!

Nun wieder das unendliche Warten.
Endloses Verstreichen der Zeit.

Würde er überhaupt auf ihre Zeile antworten?
Oh bitte!

"Ich denk an dich!
Immerzu!
Kann dich einfach nicht vergessen!"

War seine Antwort ...

 

-

 
"Ich dich auch nicht!"
die ihre.

Aber sie musste einfach sicher gehen.
Daher fügte sie noch hinzu:

"Du weißt, wer ich bin?"

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Sicher war er nicht, aber er hoffte, er wünschte es sich so sehr.

Sie musste es einfach sein!
Wer sonst?

Oh bitte!

So nahm er einen tiefen Zug von seinem Wein.

Wie ein Verdurstender schmeckte er den roten Saft.
Wie gerne hätte er sie geschmeckt.
Liebkost!
Zart - genießerisch!

Sanft glitten seine Finger über die Tastatur - als ob ...
Kurz schloss er die Augen - atmete tief durch.

"Du bist meine Kleine, die ich glücklich lächeln sehen möchte.
Lächeln voller Liebesglück!
Diejenige, die ich begleiten möchte, wenn sie langsam in ihre Träume entschwindet.
Sanft dich dabei streichelnd, deinen Traum begleitend.
Wo wird er dich hinführen?
Dein Traum?"

Sie wusste es nicht.
Hatte er klare Vorstellungen von seinen eigenen Träumen?
Sie fragte.

Sicherlich hatte er klare Vorstellungen, jede Menge.
Einige davon schreckten sogar ihn.
Aber sein Verlangen nach ihrem Leib, ihrer Figur machten ihn schier wahnsinnig.
Dementsprechend waren seine Träume.
Von sanft bis hart,
wild nehmend
– alles gebend.

Er weinte, denn nichts davon würde wahr werden.

"Kleine, ich muss aufhören.
Gute Nacht!"

Diese Abschlusszeilen brannten noch ein paar Stunden in ihren Augen.
Verschwommen vor ihren Augen - aber klar im Herzen.
Ihre Hand berührte den Monitor.
Diese Zeilen des Abschiedes.

So nah!
Er war so nah – für den Bruchteil eines Augenblickes.
Nun war er wieder weg.

 

Wie ein Geist in der Nacht!

 

 

© Azraela

 
 
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