Der Kuss

The Kiss

 




Gustav Klimt


 

Sie saßen schon alle da, als er kam. Natürlich kam er zu spät. Er kam immer zu spät. Und sie! Sie saß - eingerahmt zwischen den Freundinnen und dem Chef. Natürlich! Er hätte es sich denken können. Immerhin warf sie ihm eine Kusshand zu. Jeder wusste, dass sie sich mochten. „So setz’ dich schon zu deiner Frau Ehlers!“, schnappte seine Kollegin. Ja, das hätte er liebend gerne getan, aber wie sollte er das anstellen? - Aber Angelika hatte es gehört. Laut, so dass alle Anderen es auch hören konnten, bestätigte sie die „nette“ Aufforderung der Kollegin: „Ja, Herr Sandner! Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!“ Und dann rückte sie demonstrativ ab von ihrem Nachbarn.

 

Der konnte gar nicht anders, als Platz machen - und er setzte sich zu ihr, legte sanft seine Hand auf ihre. Nur ganz kurz schloss er die Augen. Genoss das Gefühl, das sie in ihm auslöste. Immer! - Immer wieder! Ihre Wärme, ihr Duft, ihr Lächeln, das ihn begrüßte, ihn umarmte - einhüllte in ihre Aura. Ein Schauer überlief ihn. Sie war da! Und sie hatte es gesehen. Immer wusste sie, was er fühlte! Immer! Nur mit großer Mühe konnte er einen Seufzer unterdrücken. Es war so schön - bei ihr zu sein. Endlich wieder bei ihr zu sein.

 

Jedes Mal fiel es ihm schwerer sie zu verlassen - vorzugeben sie bedeute ihm nichts. Nein! Es war nicht die Wahrheit. In all den Jahren hatte er sich gesehnt - nach ihr! Anfangs hatte er es übergangen. Es würde vergehen! Sie war ja so jung. Es konnte nicht sein. Aber die Jahre vergingen - so viele Jahre. Sie wurde eine zauberhafte, erwachsene Frau. Und immer wenn er sie sah - was selten geschah - wusste er es. Sie gehörten zusammen! Er fühlte es! Bei ihr war er zu Hause. Ihr Lächeln zog ihn direkt in ihr Herz.

 

„Frau Ehlers-Sieben....!“ Er brach ab. „Wie soll ich denn bloß sagen? - Dieser Doppelnamen ist so kompliziert!“, klagte er - und sie lächelte. „Wie wäre es mit Angelika?“, fragte sie schmunzelnd. „So weit waren wir doch schon!“ Er nickte und widersprach gleichzeitig. „Was soll denn ihr Mann davon denken?“ -
Angelika lachte hellauf. „Was soll er schon denken?“ - „Vielleicht denkt er ja, ...  wir hätten ... ein Verhältnis gehabt?“, wisperte er. Ihr Lächeln wurde süß - so liebevoll und dann beugte sie sich zu ihm und flüsterte die Worte in sein Ohr, die sein Herz erbeben ließen. „Leider nicht, Herr Sandner! Leider nicht!“ Eine Gänsehaut überzog seinen gesamten Körper und er hatte plötzlich einen ganz trockenen Hals. Er schluckte! Seine Stimme zitterte und er konnte kaum die Worte hervorwürgen: „Ja! - Das finde ich auch!“ Das war Alles, was er dazu sagen konnte.

 

Er hatte das Gefühl, dass alle Anwesenden ihn beobachteten. Unerfüllte Wünsche brodelten in ihm. Es stand auf seiner Stirn geschrieben - bestimmt! Auf seiner und auf ihrer! Nur die Spitze seines Zeigefingers berührte ihre Hand, streichelte sachte. Und doch spürte er sie bis tief in sein Fleisch. „Ich möchte Dich küssen!“, murmelte er leise - doch sie hatte es verstanden. Sie drehte sich, wandte sich ihm zu. Ihre  großen Augen strahlten. „Dann tu’ es doch! - Bitte!“ Auch ihre Stimme „leuchtete“, sie jubilierte. Gott sei Dank hatte es niemand gehört.

 

Angelika stand auf. „Ich glaube, das wird jetzt ein Privatgespräch!“, sagte sie deutlich. „Wir sollten uns mal ein bisschen zurück ziehen.“ Die fragenden Blicke übersah sie einfach und drängte sich durch die besetzten Plätze hinaus. Er folgte ihr - versuchte die Neugier zu ignorieren und dann setzte er sich zu ihr - ein paar Tische weiter und rückte dicht an sie heran. Er kam ihr ganz nahe. Sie steckten die Köpfe zusammen und als er sah, dass sie ihren Kopf neigte, hatte er nur noch einen Wunsch.

 

„Ich möchte es so sehr!“, flüsterte er. Sie kam noch näher. Ihre Lippen waren nur noch ein, zwei Zentimeter voneinander getrennt. „Dann tu’ es doch!“ Ihre Stimme klang atemlos. Er rückte noch dichter an sie heran - aber er berührte sie nicht. Sie sah das Blitzen seiner blauen Augen. „Schauen sie schon her?“, fragte er leise. Ohne ihren Kopf zu drehen, blickte Angelika um sich. Beinahe hätte sie laut aufgelacht, aber sie beherrschte sich. „Sie sind versteinert!“, erklärte sie schmunzelnd, schob ihr Kinn ein ganz klein wenig vor und berührte seinen Mund zärtlich mit ihrer Unterlippe. Streichelte seine Lippen. Dann zog sie sich zurück. Walter schloss hingebungsvoll die Augen, öffnete die Lippen.

 

Sein leises Stöhnen konnte nur sie vernehmen. „Ich will Dich!“  Oh ja, genau das war es. Danach hatte sie sich gesehnt. Sie sah ihn an, prägte sich sein Bild, sein Wesen in ihr Herz - und dann bot sie ihm ihren Mund. Sie gehörte ihm! Sollte er sie nehmen! Sie würde sein Eigen sein. Sich ihm schenken - mit Leib und Seele. Aber er küsste sie nicht, stupste sie nur ganz sanft mit seiner Nasenspitze an, rieb sie behutsam an ihrem Nasenflügel. Angelika zitterte. „Küss’ mich - bitte!“, flüsterte sie sehnsüchtig. „Küss’ mich!“ Ihre Zunge glitt verführerisch über feuchte Lippen. Weiche, schimmernde Haut verlockte ihn. Sie öffnete ihm ihren Mund - einen winzigen Spalt.

 

Sein warmer Atem streichelte ihre Wangen. Angelika spürte seine Finger. Behutsam tasteten sie nach ihrer Hand. Sie drehte sie um, schmiegte ihre Hand in seine, verschränkten ihre Finger  - ganz fest.  Seine Lippen berührten sie, strichen darüber hin - versuchten sie! - Wenn er es doch endlich täte! Sie zitterte vor Erwartung, seufzte sehnsüchtig. Aber immer noch tastete er, probierte, ob er sich nicht verbrennen würde - entzünden an ihrer Glut.

 

In dem Moment, in dem sie ihre Erregung nicht mehr ertrug, spürte sie seinen Mund. Sanft und kraftvoll drückte er seine Lippen auf sie - und sie empfing ihn wie ein Brandmal tief in ihrem Herzen, öffnete sich ihm, verschmolz mit seinem Wesen. Stöhnend sank sie gegen ihn, empfand seine Leidenschaft, hatte das Gefühl in einer Stichflamme aufzuglühen und zu verbrennen.

 

Und dann umschlang er sie und zog sie an sich - immer enger. Sie schmiegte sich an ihn. Hier war ihr Platz - in seinen Armen, an seiner Brust - hier war sie zu Hause. Dieser männliche Duft, der ihn und sie einhüllte - er raubte ihr den Verstand.

 

Seine Zungenspitze fand die ihre, spielte, liebkoste, streichelte sie tief im Inneren. Ihre Säfte vermischten sich, wurden eins. Seine Hände glitten über ihre Wangen, streiften ihr Haar, umschlossen liebevoll ihr Gesicht und dann sanken sie tiefer. Kurz nur - ganz kurz berührte er ihre Brüste und ihren Schoß. So als wolle er sich vergewissern, dass sie ihm gehörten.

 

„Ich liebe Dich!“, flüsterte er, als sie sich trennten. „Ich weiß es!“, seufzte sie. „Du weißt, dass das alles war, was es jemals für uns geben kann?“, fragte er, am Rand seiner Kraft. Angelika nickte. „Ich weiß! Aber ich werde es niemals mehr vergessen!“ Tränen schimmerten in ihren Augen. „Lass’ uns zurückgehen!“


Als sie aufstanden und an den Tisch zurückkehrten, umgab sie ein zauberhaftes Leuchten. „Was war jetzt das?“, fragte der Chef. Alle Blicke ruhten auf ihnen. Walter griff nach Angelikas Hand, drückte sie sanft und dann sagte er: „Es war - wunderschön!“ Und dann kehrten sie zurück in die Realität - aber in ihren Herzen trugen sie ein Wunder!


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