Heiße Blondine

 

Eigentlich will ich bloß noch nach Hause. Ich bin sowas von fertig.

HEIM! Es sind nur noch zwei Kilometer, dann habe ich eine heiße Wanne, einen Drink und meinen Mann.
Ach Schatz! Was bin ich glücklich, dass ich dich habe. Ich gebe Gas und brause heimwä ….

Scheiße!
In die Eisen, dass die Reifen quietschen. Gott sei Dank, ich hab es geschafft.
Ich stehe hinter einem LKW. Das hätte schief gehen können.
Himmel, was ist denn da los? Hier gibt es doch nie Stau.
Bloß heute!
Mist!

„Komm, entspann dich, Mädchen! Es hat gar keinen Sinn, dich aufzuregen. Davon kommst du keine Minute eher heim!“
Ich schließe die Augen und lasse die Gedanken schweifen.

Ich erinnere mich – an einen Stau.
Ich muss lächeln.
Es ist so lange her.
Damals …

Gott sei Dank war jener Tag fast zu Ende.
Ich war in der Uni gewesen, hatte eine Klausur geschrieben, meiner Freundin beim Tapezieren geholfen und war jetzt auf dem Weg nach Hause. Ich war müde gewesen – so wie heute. Aber es gab einen Lichtblick. Ich wollte nachher zu meinem Freund fahren: Zu Paul! Genau dafür hatte er mir sogar sein Auto geliehen. Einen Ford Capri in orange-rot! Einen echten Flitzer!

Nur musste ich zuerst noch nach Hause, weil ich ein paar Klamotten brauchte und auch noch verschiedene Kleinigkeiten, z. B. Reizwäsche, um bei Paul übernachten zu können. Ich freute mich auf den Abend.

Ich umkurvte in Erlangen sämtliche Radfahrer und erwischte die Stadtautobahn. Wunderbar! Das schien ja zu klappen. Dann noch in der Fürther Altstadt durch die kleinen Gässchen und justament zwei Straßen vor unserer Wohnung – Sakra!
Ein Stau. Sowas Blödes!
Und ab da ging es eher im Stopp, als im Go.

„Na gut, dann lass mich mal nachdenken, was ich alles zusammensammeln muss.“
Ich war tief in Gedanken, als es an meinem Fenster klopfte und erschrak entsprechend.
Aber … es war mein Bruder, der da klopfte.
Wo kam der denn her?
Fenster auf.

„Hi Bruderherz!“
Er sah mich an wie ein Gespenst.
„Ist was?“
„Was iss’n das für’n Auto?`“, fragte er verdutzt.
„Gehört Paul, warum?“
Er begann zu grinsen. „Schwesterlein, du musst mir jetzt nen Gefallen tun!“
Ich nickte.
„Ich werde dich jetzt küssen! Okay?“
„Hä?“ Ich sah ihn verwundert an. Normalerweise hatte er keine so seltsamen Anwandlungen.
„Also …“, erklärte er lachend, „Uwe und ich sind die ganze Zeit hinter ner heißen Blondine in einem Superschlitten hergefahren, und als der Stau kam, hab ich mit ihm gewettet, dass ich die scharfe Frau da vorne küssen werde!“
„Ja!“ Ich wusste gerade nicht, wovon er sprach. „Und?“
„Die Zuckerschnecke warst du!“, grinste er. „Und du musst mir jetzt helfen, meine Wette zu gewinnen!“
Jetzt hatte ich es kapiert. Ich lachte hell auf und riss ein Blatt aus meinem Collegeblock.
„Meine Nummer brauchst du sicher auch, oder?“
Er nickte begeistert.

Dann beugte er sich zu mir herunter und machte Anstalten mich zu küssen.
„Wehe!“, warnte ich ihn, neigte aber gleichzeitig den Kopf, so dass es von hinten schon so aussehen konnte.
Seine Augen lachten mich an, und ich hob die Hand und legte sie in seinen Nacken – zog ihn näher. Nun verdeckte mein Arm den Blick auf unsere Lippen.
„Prima, Schwesterherz!“, kicherte er.
Ich lächelte. Diese Aktion gefiel mir. Sie passte zu uns.
„Gerne doch! Aber … du schuldest mir was für diesen Kuss!“
„Was’n für’n Kuss?“, grinste er, wedelte mit dem Zettelchen und ging.


Im Rückspiegel sah ich sein Victory-Zeichen!


Diese Geschichte muss ich meinem Mann nachher erzählen. Damals hatte ich mich nicht getraut. Er hätte uns vielleicht für schräg gehalten.

 

Heute kennt Paul seine Frau besser!

 

© Anna