Engelswesen


Der Großjägermeister

 

Als Engelin die Schritte hörte, war sie sofort hellwach. Diesen Schritt kannte sie nur zu gut, denn er hinkte! Er klang bedrohlich und gehörte dem Großjägermeister des Grafen, und der war der widerlichste Hundsfott des gesamten Mannsvolks. Purckhart hatte ihr dereinst Gewalt angetan, aber sie war noch jung und unerfahren gewesen, gerade frisch aus ihrer Heimat, dem äußersten Westen des Frankenreiches angekommen und der Sprache noch nicht mächtig. Heute würde ihr das nicht mehr passieren. Woher wusste dieser Haderlump, dass es hier Frischfleisch zu holen gab?

 

Sie deckte Claris zu, warf ein altes Schafsfell um die Schultern und ging hinaus.

 

„Wohin des Wegs, mein hoher Herr?“, begrüßte sie den alten Haudegen scheinbar ehrerbietig.

 

Purckhart blieb stehen. Seine Blicke zogen sie aus. Er sagte kein Wort, drehte sich um die eigene Achse und zeigte ihr so den langen Spieß und den Sax, ein gefährliches Messer, mit dem sie schon Bekanntschaft hatte machen dürfen, denn er war ein brutaler Genosse. Er nahm sich, was immer er begehrte. Damals hatte er Yrmell begehrt, und heute wollte er sie. 

 

Sie lächelte untertänig. „Es ist ein warmer Tag, mein Herr, wollt ihr vielleicht einen Schluck kühlen Quellwassers?“ Mit keiner Geste gab sie zu erkennen, dass sie ihn kannte.

 

„Wo ist die alte Yrmell?“, bellte er schroff.

 

Wie auf Kommando liefen ihr Tränen über das Gesicht. „Ach ihr kennt sie, meine Muhme? So wisst denn, sie ist nicht mehr. Vor drei Tagen hat sie den letzten Atem getan und nachher kommt der Heilige Mann, um sie zu begraben, wie die Kirche es vorsieht.“

 

Wunderbar, nun wusste er gleich, dass sie nicht allein war.

 

„So, so!“ Purckhart setzte sich auf die Bank vor der Hütte. Einen Moment wusste er nicht so recht, was zu tun. Den Pfaffen konnte er hier nicht brauchen. „Und wer seid ihr, mein schönes Kind?“ Seine Stimme klang noch schmieriger. 

 

Engelin stellte ihm einen Becher Wasser hin, und schon hatte er ihr Handgelenk gepackt und sie auf seinen Schoß gerissen. Sie beherrschte sich gründlich. Jetzt nur nicht wehren! Sie würde ihn auf andere Art bezwingen müssen, also lehnte sie sich an ihn.

 

„Ach wisset, mein Held, gar manches Mal hätte ich gern einen Mann, wie ihr einer seid an der Seite. Das Leben ist schwierig – für ein einsam Weib!“ War das nun allzu dick aufgetragen? Aber nein! Er schluckte die plumpe Schmeichelei nur allzu begierig – und er ließ sie los. Engelin blieb noch einen winzigen Moment sitzen.

 

„Aber ich helfe den Bedürftigen doch gern, holde Maid! Auf mich könnt ihr zählen, wenn …“ Den Rest des Satzes ließ er in der Luft hängen, aber Engelin wusste, auch ohne dass er es aussprach genau, was er damit andeuten wollte. War sie ihm zu Willen, wäre er ihr wohlgesonnen.

 

Sie sprang auf und fasste seine Hand, zog ihn ein Stück. „Ach wollt ihr mir nicht gleich helfen, mit … mit der Toten?“

 

Abrupt blieb er stehen.

 

„Wann ist sie verreckt? Vor drei Tagen? Nein! Nein, ich kann euch nicht helfen … dabei!“ Er schüttelte sich. Obwohl der Großjägermeister täglich mit dem Tod zu tun hatte, empfand er doch ein dumpfes Unbehagen vor einer menschlichen Leiche, erst recht vor einer verwesenden, menschlichen Leiche. Es war seiner unwürdig und doch, die Geschichten über Wiedergänger hörte er mit heimlichem Grauen. Gerade Yrmell wollte er nicht mehr begegnen. Wer konnte es wissen? Vielleicht hätte das ja ein böses Ende genommen.

 

„Mag sich der Pfaffe damit abplagen. Er kommt doch gleich. Ich muss noch anderer Pflicht begegnen!“ Damit drehte er sich um, und rannte fast, als ihm noch etwas einfiel. Er hatte anderes vorgehabt, und nun … Er knurrte ärgerlich.

 

„Kennst die Gesetze, Dirne?“, fragte er drohend und drehte sich um.

 

Engelin nickte schüchtern.

 

„Wir haben da eins, das wir sehr genau nehmen: Das „iusprimennochtes“! Das musst du mir leisten!“

 

Engelin hielt an sich, um nicht laut loszulachen, sah ihn stattdessen erschrocken an. Oh, sie wusste, was er meinte, denn sie kam aus dem Land dieses Rechts. Und das „Jus primae noctis“, das „Recht der ersten Nacht“ stand bestenfalls dem Grundherrn zu, und auch nur dann, wenn die Jungfer einen seiner Untertanen heiratete. Purckhart war aber kein Grundherr, und sie hatte nicht vor zu heiraten.

 

„Das müsst ihr mir genauer erklären, mein Herr!“, flüsterte sie verschämt. „Vielleicht wenn der heilige Mann seine Pflicht erfüllt hat und ich die Trauerarbeit geleistet hab!“ Der Haderlump würde nicht wissen, was das war, und er würde eher eine tote Maus fressen, als das zuzugeben. „Ach hört doch, der Pfaffe kommt! Vielleicht wollt ihr uns doch …“

 

Aber sie sprach nur noch zu den Bäumen, denn Purckhart war schon verschwunden. Aber er würde wiederkommen! Daran gab es keinen Zweifel!

 

© Anna


Grablegung eines Schwans