Der Priester


Engelswesen

„Steh auf, mein Liebchen!“
Engelin kuschelte sich an Claris, so dass sie ihren Duft atmen konnte, und das Kind schlang ihr die Ärmchen um den Hals und schnurrte.
„Ich hab was Feines zum Morgenmahl!“, lockte sie mit gewohnter Stimme, und Claris öffnete die Augen.
„Oh Mama, wie bist du schön!“, flüsterte die Kleine erstaunt, doch dann kamen ihr elementarere Bedürfnisse in den Sinn. „Hunger!“, forderte sie und glitt von ihrem Lager.

Engelin reichte ihr ein Stück Brot, das sie in ihrer Schürze verborgen hatte und stellte ihr ein Glas Ziegenmilch auf den Tisch. Dann begann sie die Pflaumen aufzubrechen.
Claris, im braunen Leinenhemdchen, griff zu und stopfte sich eine der süßen Früchte in den Mund.
„Nein!“, verbot Engelin. „Die gehören nicht uns, Kleine! Warte noch ein bisschen!“ Sie entfernte die Steine, reichte ihr einen.
„Die darfst du lutschen! Aber nicht schlucken!“

Glücklich schmatzend wechselte das Kind von einem Bissen Brot über den süßen Pflaumenkern zu einem Schluck Milch und zurück. „Fein!“
Ja, Liebling, ja, und es wird noch besser!“ Die alte Zauberin legte die Fruchtstücke in den ehernen Kessel und entzündete das Feuer. Sie gab einen halben Schoppen Quellwasser hinzu und suchte ein Stückchen der Rinde des wertvollen Canehls abzubrechen. Auch zwei Näglein opferte sie, von denen sie wusste, sie würden ihr den Kirchenmann sinnlich unterwerfen, dann hängte sie den Kessel hoch übers Feuer und nahm Claris bei der Hand.

„Komm, mein Schatz, ich zeige dir heut ein Geheimnis, das mir einst eine alte Zeydlerin offenbarte. Nimm bitte dein Brot mit!“
Gemeinsam wanderten sie in den Wald. Engelin zeigte der Kleinen markante Wegpunkte. Claris musste auch allein heimfinden. Sie war noch sehr jung, aber ihr Überleben hing davon ab, wie gelehrig sie war, und Engelin war, was das betraf, sehr zuversichtlich. Als die Sonne schon hoch stand, waren sie angekommen.

Um sie herum brummte und summte es. Einer der summenden, kleinen Flieger setzte sich auf Claris’ Wange, und sie wollte danach greifen, aber Engelin fing ihre Hand: „Pass auf, mein Lieb, das sind kleine Engel, man darf sie nicht berühren! Setz dich her, und schau mir zu. Sie tun auch dir nichts zuleide, wenn du ganz still bist!“
Claris nickte verständig und setzte sich ins Moos.

Langsam und ruhig ging Engelin auf einen alten, hohlen Baum zu – umschwirrt von hunderten der kleinen, fliegenden Engelswesen. Sie verknotete ihr Gewand und stieg hinauf. Zielstrebig griff sie in die Höhlung des Stammes und zog ihre Hand wieder hervor, in der eine goldene Honigwabe glänzte. Als sie zu Claris zurückkam, schlug sie ihre Beute in ein Stück Tuch und gab der Kleinen ihre Finger zu lecken.
„Ohh!“ Solch süße Köstlichkeit hatte das Kind noch nie geschmeckt. Eifrig lutschte sie an den Fingern der Mutter. Dann machten sie sich auf den Heimweg.

Zuhause angekommen sahen sie, dass das Fruchtmus leise vor sich hin brodelte und einen wundervollen Duft verbreitete. Engelin warf 10 Pflaumenkerne in das Mus, hängte den Topf noch höher und ging hinaus.

Sie würde wohl oder übel einen ihrer alten und bewährten Erdöfen opfern müssen. Sie hatte vor Wochen einen Schwan gefunden, den ein Fuchs gerissen hatte. Er war noch immer am Leben gewesen, und so hatte sie das arme Tier erlöst und in dieser Grube gegart. Sein Fleisch war die ganze letzte Zeit über eine großartige Ergänzung zu ihrer Ernährung aus Beeren, Pilzen und Wurzeln gewesen. Diese Feuerstelle würde sie dem Pater zeigen, und die Knochen des Schwans würden ein würdiges Begräbnis bekommen, aber vorher musste sie dafür sorgen, dass Lorencz keine Federn finden würde. Die meisten hatte sie zwar gerupft und behalten und die übrigen waren verbannt, aber ein Risiko konnte sie nicht eingehen. Sie durchwühlte die Erde gründlich, häufte einen hübschen Hügel auf, und klopfte ihn fest.

„Komm, Claris, hilf mir bitte!“ Sie sammelten gemeinsam große Platanenblätter und deckten den Erdhügel damit zu. Nun konnte der Priester kommen.

Mit ihrer kleinen Tochter ging sie zurück zur Hütte und löschte das Feuer. Das Pflaumenmus war fertig. Sie hob den Kessel herab, holte die Wabe und ließ den Honig in das heiße Mus tropfen. Dann nahm sie den hölzernen Löffel und rührte gründlich. Claris sah mit leuchtenden Augen zu.
„Fein, Mama!“

Engelin nickte und reichte ihr den Rührlöffel. „Du bekommst noch etwas ab, mein Schatz, wenn es abgekühlt ist!“, versprach sie. „Aber erst, wenn Pater Lorencz da war. Er ist ein wichtiger Mann, und er ist sehr nett. Wirst du brav sein, Kleines?“
Sich seiner Wichtigkeit sehr bewusst, nickte das Kind ernsthaft.

„Ich weiß, mein Lieb, du bist mein großes, braves Mädchen! Und bis es soweit ist, werden wir zwei schlafen!“
„Schlafen!“, echote Claris und kletterte auf die Bettstatt.
Engelin legte sich zu ihr und zog sie in ihre Arme. Noch während die Kleine an ihrem süßen Löffel nuckelte, war sie eingeschlafen, und auch Engelins nächtliches Abenteuer forderte seinen Tribut.

© Anna


Der Großjägermeister